Schon wieder die linksrheinische Strecke

Gelbgepappelter Ufersaum, oktobrische Schraffagen/Frottagen, der Weg zieht sich selbst nach als graubrauner Lippenstift der stets verschandelbaren Landschaft, eine Spur ins Diesseits, Eisentrasse, Lenorluft, die Schiffe auf dem Rhein verschieben sich gegeneinander in unwirkliche Fahrtrichtungen, brechen aus dem Abteilfenster, Bug voran, unter den zeitlupenhaft durch den Himmel berstenden Trümmern der Brücke von Remagen, die Macht des Tanklasters, legolandartige Industrie brettert vorbei, mir vis-à-vis, im adretten braunen Kleidchen, marineblaue Strumpfhose, Rehlederstiefeletten: Loreley mal wieder, mysteriöses, ursprünglich wohl aus den morgenbetauten Gräsern der norddeutschen Tiefebene bei bleichem Vollmond als Traum aufgestiegenes Gesicht, beinahe asiatische Augen allerdings, drunter schnieke Tränensäckchen, Stupsnase, perfekte Lippen, naturblond getöntes Wuschelhaar, professionell natürliche, zuvorkommende Erscheinung, liest regungslos (registriert?) Kunstmagazine, döst, gleicht das mäßige Rheinglitzern alle zehn Flußkilometer mit der Farbmischung ihrer Iriden ab, rümpft, als das Abteil plötzlich in strengen Beschlag aggressiven Odeurs fernöstlicher Basisfischsauce gerät, nur für Fachleute erkennbar die Nase, lächelt huldvoll, beschwichtigt von den eiligen Entschuldigungen einer vietnamesischen Reisenden, die ihren Koffer durch den Gang zieht, ein riesiges Objekt, das inwendig nach Zerscherbtem tönt, aus dessen beachtlichen Schnittwunden zerstampfte fermentierte verflüssigte Sardellenreste triefen. Banalitäten aus dem Bordlautsprecher, Loreley schaut ihrem Felsen entgegen, zwei Gestalten in roten Windundwetterparkas kraxeln da oben rum, ergrautes Ehepaar im Partnerlook, indefinite Zufriedenheit legt sich um Loreleys Augen und Mundwinkel, mittägliche Lichtschimmer schneiden und sägen die verherbsteten Gebirgskuppen in Streifen und Schiefertafeln. Loreley, der Kunstpostillen überdrüssig, zieht das Zeit-Magazin aus ihrem Reisetäschchen, aus den Sonntagszeitungen ringsum steigen bürgerliche Feuilletonsatzketten, ewige Beschwörung fabulöser, herbeigeredeter Schönheit (auch Traurigkeit), wie sie mir gegenübersitzt mit ihrem unsagbar hübschen Gesicht, zitronig-limoniges Laub da draußen, frischt den dunklen germanischen Herbst etwas auf, mit seinen zaubrischen Pilzen, die gewiß dort (und nicht zu knapp) untern Uferbäumen dünsten, würzt die vom flechtenfarbenen Tafelwald in die Irre gezogenen Blicke zusätzlich zur dick im Raum stehenden Fischsauce mit weiterer, ganz offenbar notwendiger Exotik, mit großer Selbstverständlichkeit ergo schält Loreley eine Mandarine vor den urtümlich dahinziehenden Schwarzwaldbuckeln, die als dunkle Einladungen in eine andere Welt wie lahm sich wiegen im mit Blei gesetzten Regen, Kinzig und Elz fließen in gleichsam chemischer Notwendigkeit aus ihren Talöffnungen dem Rhein zu, ihm ihr Silber beizumengen, gegen die Denkrichtung stiefele ich durchs feuchte Ufergras der Dreisam im Abenddämmer, begleitet vom nervenprägenden Sound der Autobahn, den wilden Pflanzen, droben im Wingert energischen Schritts, fetzenhaft gekleidet, Freund Barthel beim Mostholen, in der Dreisam versiegt Loreleys nurmehr unbeteiligter Blick, die Welt darf nun untergehn, in den gestaffelten Stufen der schnellfließenden zischen, verkauften Schatten gleich, Schl-, Schm- und Schn-Fische, steht ein etwas drohgebärdiger Schw-Fisch, die gezackten Rückenflossen ragen ausm Flachwasser: der Schwand. In psychogene Optik versetzt leuchtet wie ein austropfendes Herz in Rot und Gelb, den badischen Farben, das Riesenrad in der Mitte einer in die Ebene gelegten Stadt, deren äußere Koordinaten von Hochhausblöcken markiert werden. Später am Abend treffen sich deren hipste Bewohner im The Great Räng Teng Teng, einer unterirdisch gelegenen Location, zum Gutelaunerocknroll von Muck & The Mires mit Köpfen und Oberkörpern zu wippen und Teile ihres Verstandes zu verlieren, dieweil Torpedo Tom mit den Armen schlenkert, worauf Anna Conda verstrahlten Blicks zu twisten und der Obstler (“aus einem dieser Dörfer dort”) übern Tresen zu kriechen beginnt. Aus dem Räng Teng Teng führen nurmehr schummrige Tunnel, aber immerhin direkt in die erdige Nacht des wilden bezähmten Oberrheins, dessen mosttrunkene Barthel sich um diese Stunde in Parklücken betten, bis die Supermärkte öffnen, an einem neuen, in die scheinbar ewige Zeit geschobenen Tag.


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