Eine Mission (3)

Ich flog einige Tage stur Richtung West, irgendwann drohte mich eine Art klaustrophobischer Koller zu überwältigen, ich fasste den Entschluss, mir am Boden etwas die Beine zu vertreten, nebst der Verschaffung einer Portion menschlicher Ansprache.
Die mitgeführte Landkarte war in dem Bereich, in dem ich mich befinden musste, schon sehr vage, deswegen musterte ich Ortschaften im Überfliegen, ob etwa ein Landefeld vorhanden sei. Nach einigen Stunden angestrengten Ausgucks wurde ich tatsächlich fündig.
Unter mir zeichnete sich eine Einrichtung ab, die ungefähr dem Behelfsflugplatz unserer Heimatgemeinde entsprach.
Ich landete und ward freundlich aufgenommen. Meine kindische Angst, ich könne bereits die Grenze überflogen haben, war natürlich vollkommen unbegründet. Der kleine Flugplatz und das dazugehörige Landstädtchen waren so Teil unserer Republik, wie es nur etwas sein konnte.
Halbherzig ersuchte ich um eine Wartung meiner Maschine, ein zuständiger Bediensteter nahm sie in Augenschein und versicherte eilfertigst, ähnlich wie man mir bereits ausgeführt hatte, das Flugzeug sei praktisch wartungsfrei, aber wenn es mich beruhige, könne er selbstredend einige technische Parameter überprüfen, die Ladefähigkeit des Akkumulatorensystems, zum Beispiel, und selbige fiel prompt zu seiner allerhöchsten Zufriedenheit aus, worauf auch ich mich zufrieden gab.
Ich verbrachte dort einige Tage, war etwas wandern und genoss die einfache, aber kernige örtliche Küche.
Dann flog ich weiter nach Westen.
Ich gewöhnte mir eine Art Routine an.
Ich blieb drei, vier Tage, manchmal auch länger in der Luft, dann suchte ich mir einen geeigneten Landeplatz, frischte meine Vorräte auf, vertrat mir die Beine, und setzte meine Reise fort.
Erwartete ich anfangs noch, irgendwann in einer fremden Mundart begrüßt zu werden, so sah ich im Lauf der Zeit ein, dass diese Reise doch langwieriger Natur sein werde, als zunächst angenommen.
Die Jahre zogen ins Land.
Meine Maschine hielt sich hervorragend.
Ich hatte über all die lange Zeit keinerlei Havarien oder Ausfälle.
Im Gegenteil, sie schien immer perfekter zu funktionieren. Was natürlich ein Unsinn ist, denn eine Maschine ist eine Maschine – sie funktioniert oder ist kaputt. Entweder oder –
Eines Tages lernte ich bei einem meiner Zwischenstopps eine bezaubernde junge Frau kennen.
Wir verbrachten eine herrliche Zeit in ihrem kleinen Landstädtchen.
Als es für mich wieder hieß, meiner Pflicht zu folgen, schloss sie sich mir an.
Wahrscheinlich war es bei einer dieser Gelegenheiten, bei denen ich die Vorzüge des perfekten Autopiloten in Anspruch nahm, dass wir unser erstes Kind zeugten.
Unser erstgeborener Sohn blieb mit uns an Bord, die anderen Kinder mussten wir leider unterwegs an Pflegeeltern übergeben, der Platz in der Maschine ist nun einmal nicht unbegrenzt.
Nun bin ich alt, meine Frau blieb bei einem unserer Aufenthalte zurück, ihre kranken Knochen konnten die Enge und Unbequemlichkeiten des Flugzeugs nicht mehr ertragen, aber mein Sohn blieb bei mir, unterdessen ein stattlicher junger Mann und in die Aufgaben eines Zollbeamten umfassend eingewiesen.
Insgeheim spüre ich meine Stunde nahen.
Bald werde ich nicht mehr sein.
Aber mein Sohn wird weiter nach Westen fliegen.
Und seine Söhne …
Und deren Söhne …
Bis zur Grenze!


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