Eine Mission (2)

Das war ein Aspekt, den ich noch nicht bedacht hatte. Aber dafür gab es ja Vorgesetzte. Alle Abteilungen unserer Einrichtung waren von Zeit zu Zeit routinemäßig zu überprüfen.
Raffelhüschen gab mir einen Augenblick Gelegenheit, das Gehörte zu verarbeiten.
„Sie haben sicher schon von älteren Kollegen gehört, dass sie sich noch erinnern können – oder in der Regel sich noch an Kollegen erinnern können, die noch im Gedächtnis hatten, dass wir wenigstens noch gelegentlich Funk- oder Telegraphenkontakt zu unseren Grenzübergangsstellen hatten – die alten Zeiten, wir hier im Bezirkshauptstädtchen die Bürokratie, draußen, an der Landstraße, die Kollegen Frontschweine – “, hier musste er verklärt lächeln, „ab und zu mal vorbeigehen, gucken, ob alles in Ordnung, das Kassenbuch gegenzeichnen, konfiszierte Asservate an die Staatsanwaltschaft überbringen – all so Sachen – ach – Tempi passati –“
Der Abteilungsleiter musste sich schnäuzen. Vielleicht bedurfte er auch eines Augenblicks, um seine innere Bewegung zu bewältigen.
„Aber – heute – wir sind weit im Binnenland, haben keine Ahnung, was unsere Grenzbeamten so treiben, wie sich die Dinge da an der Außengrenze entwickeln – wir sind aber gottverdammt dazu verpflichtet, uns darüber Aufschluss zu verschaffen – !“
Zuletzt war seine Stimme von eisiger Entschlossenheit geprägt.
Er deutete mit seinem ausgestreckten Zeigefinger auf mich: „Und Sie sind unser Mann! Der uns darüber die notwendige Aufschlüsse geben wird!“
Mir wurde schwindelig.
In knappen Worten wurde ich in Kenntnis gesetzt, dass es sich bei meiner Person nunmehr um einen außerordentlichen Sonderinspektor mit weitreichendsten Befugnissen handeln würde, dass ich mit sofortiger Wirkung drei Gehaltsstufen aufgerückt sei und in eigener Verantwortung über ausreichend bemessene Reisespesen verfügen dürfe.
Er gab mir zwei Stunden, um zu packen und einige Vorkehrungen betreffs meiner Unterkunft zu treffen, was keine große Sache war, da ich ja direkt nebenan im Wohnheim für ledige Beamtenanwärter logierte.
Sofort als diese geringfügigen organisatorischen Erledigungen abgehakt waren, nötigte er mich in seinen Dienstwagen.
Wir fuhren zu dem kleinen Behelfsflugplatz unserer Ortschaft.
Er lotste mich in einen Hangar, der mit dem prächtigen Wappen unserer Republik versehen war.
Ich blickte mich um und wurde eines Flugzeugs merkwürdiger Konstruktion gewahr.
„Ja – da staunen Sie – was Schulze – ein Ultraleichtflugzeug allerneuester Konstruktion!“, Raffelhüschen machte eine ausholende Geste, „die gesamte Fahrzeughülle besteht aus Solarzellen – ich darf bemerken, allereffizientesten Zuschnitts, brandneu – das Innere ist praktisch ein einziger gigantischer Akku – sogar die Lenksäule speichert Strom! – und für alle Fälle ist – natürlich super abgeschirmt und gesichert! – im Heck ein thermonuklearer Plutoniumzerfallsstromgenerator – falls mal doch längere Zeit ohne Helligkeit – das Ding braucht längst keine Sonne mehr – Tageslicht reicht, tolle Sache, was Schulze?“
Ich roch den Braten. Ich versuchte halbherzig zu protestieren. Ich scheitere ja schon an der Bedienung eines Segelbootes. Physik überlasse ich dito sowieso den Kanzlerinnen unserer Republik.
Harsch wurde ich belehrt, „für so moderne Dingens bräuchte es gar keine Fachkenntnisse mehr!“ Und ein Flughafenbediensteter werde mir die nötige Einweisung geben.
Tatsächlich befand ich mich keine halbe Stunde später in der Luft, mein weniges Gepäck an Bord verstaut, und mit einem Dienstausweis versehen „der mir vor Ort alle etwa nötige Unterstützung sichern würde!“.
Da man sich noch zu erinnern vermeinte, unser Zollamt sei ehedem für einen Abschnitt an der westlichen Grenze der Republik zuständig gewesen, wurde ich dementsprechend nach Westen geschickt.


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