Wo beginnt der Kreis

Jünger als andere schätzt Horst Johannes Tümmers, ehemaliger Leiter der Kölner Stadtbibliothek, fleißiger Rheinwanderer und Verfasser des empfehlenswerten Buchs „Der Rhein. Ein europäischer Fluß und seine Geschichte“ das Alter des Rheins und packt diese Schätzung in einen anschaulichen Vergleich: „Die Erde, versichern Geologen, sei 4,5 bis 4,7 Milliarden Jahre alt. Den Rhein in seiner heutigen Gestalt gibt es erst seit dem Abklingen der letzten Eiszeit, seit etwa 10.000 Jahren. Die Geschichte des Rheins würde in einer Erdgeschichte von 230 Bänden zu je 1000 Seiten, wobei jede Seite 20.000 Jahre beschreibt, im letzten Band nur die letzte halbe Seite füllen.“ Dafür hat sich in diesen letzten rund zehntausend Jahren umso mehr Literatur über den Fluß angesammelt. Und überhaupt: diese Geburtsstundenfestmachungen – mit 200 Millionen Jahren Spielraum. Ein Fluß, solang er fließt, ist im Fluß, dh, es handelt sich um ein zyklisches Ereignis. Wo beginnt der Kreis? „Wie entstand der Rhein? Flußgeschichte gehört in den größeren Zusammenhang der Erdgeschichte. In ihren frühesten Anfängen raste die Erde – eine Art Kugel aus hochverdichteter, glutflüssiger, mit Gasen angereicherter Schmelze von 3000°C – 5000°C im Erdkern – mit hoher Geschwindigkeit um die Sonne. In ungezählten Jahrmillionen erkaltete ihre Außenhaut und bildete jene dünne Kruste von etwa 60 Kilometern Tiefe, die bis heute das glühende Magma des Erdinnern umschließt, im Vergleich nicht dicker als die Schale eines Apfels. Damals entstand auch das Wasser; es schlug sich aus der Atmosphäre als nicht enden wollender Regen auf der erkaltenden Kruste nieder. Diese Kruste ist das Grundgebirge, das aus Kristallin besteht. Der Rhein wird im Kristallin des Gotthardmassivs entspringen, in den ältesten Gesteinen der Erde also.“ Soweit Tümmers. In Kürze wird sich Rheinsein in diese Kristallinlandschaften begeben, um den Beginn des Kreises zu unter/suchen.


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2 Kommentare zu “Wo beginnt der Kreis”

  1. :Ludwig Janssen
    24. Oktober 2009 um 11:43

    “Damals entstand auch das Wasser; es schlug sich aus der Atmosphäre als nicht enden wollender Regen auf der erkaltenden Kruste nieder.” Ja, wenns nur so schön einfach wäre – “damals entstand auch das Wasser” … Wenn der Rhein auf das Vorhandensein von Wasser auf dem Planeten zurückgeführt wird, was ein durchaus sinniger Gedanke ist, so darf man sich auch mit dem durchaus poetischen Gedanken anfreunden, dass sich da Außerirdisches von der Schweiz her am kölner Anundfürsich vorbei dem Meer zu bewegt, dass Wasser wahrscheinlich dem Einschlag von Eis-Kometen entstammt, die beim Auftreffen auf die (übrigens immer noch) erkaltende Erde verpufften und im anschließenden DauerJAHRdauerTAUSENDEdauer-Regen alles Zeugs aus der Atmosphäre wuschen, was Treibhausgas und/oder wenig atembar war. Es geht also präziser als “damals entstand auch das Wasser”, zumindest plausibler.
    “Damals entstand auch das Wasser” hat, und einem Kölner darf mans nicht verübeln, so was von “et is, wie et is” und Genesis 1,1 -2,4 … :)

  2. Stan Lafleur
    24. Oktober 2009 um 13:14

    In der Tat, eine recht unpräzise, um nicht zu sagen: auffallend ins Kreationistische ausschlagende Behauptung inmitten geologischer Basis-Argumentation. Herr Tümmers stellt in diesem Kapitel noch ein paar wenige weitere Sätze an, die (mir als geologischem Laien) untereinander widersprüchlich scheinen oder zumindest Fragen offen lassen. Der Kölner an sisch un dat Wasser (dat ja joot es – un somit es et ooch joot), aus dem er großteils besteht, sind in Köln gewissermaßen per se unhinterfragbare, nah an der Heiligkeit gebaute Axiome. Geradezu schade, daß es auch Außerkölnische gibt, die andere Deduktionsmethoden pflegen. So kommt nichts als Ungewißheit in die Welt. An anderer Stelle hier schrieb ich in etwa, daß zumindest der Hinterrhein zumindest gefühlt aus den kosmischen Weiten des Himmels zu entspringen scheint, oder besser: aus dessen Gasen und von hinter den Bergen her überzufließen. (Wahrscheinlich hat mich dort oben eine katholische Erleuchtung erwischt, die ich als eingetragener Protestant jedoch nur teilweise mitzunehmen verstand, wodurch sie sich ins infantil-animistische löste.) Tümmers würde mir da allenfalls wohl partiell folgen, insgesamt kann ich sein Buch jedoch wärmstens empfehlen. Gleich ob denjenigen, denen Wunder wie “damals entstand auch das Wasser” ihr Weltbild verfestigen zu helfen vermögen oder denjenigen, die darüber lieber lächeln. Tümmers, um das noch zu erklären, betrachtet die größeren Rheinabschnitte jeweils unter größer gefaßten Aspekten (die obersten Abschnitte unter dem geologischen), in denen er selbst nicht unbedingt zuhause ist, häufig verweist er auf fachliche Zuträger und wenn es nur „die Geologen“ sind. Insgesamt, das Buch ist in den frühen Achtzigern entstanden, kommen auffallend häufig Umweltaspekte zur Sprache, wie sie damals auf der Tagesordnung standen. Letztlich bei allem bildungsbürgerlichen Schweißgeruch eines der besseren und durchaus auch freiwillig unterhaltsamen Rheinbücher jedenfalls.

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