Hinterrhein (2)

Wenn man bedenkt, wo der Rhein herkommt, wenn man das beschreiben will, so ist die erste und vorherrschende Erinnerung eine akustische: das weiße Rauschen, erzeugt von all den Wasserstürzen, die wie ohnmächtig, mit überirdisch schöner Wucht ins Tal fallen, um sich dort zu einem Film zu mengen, der der Rhein ist, was an sich „rinnen“ bedeutet, ein unglaublich klarer, endlos wirkender Film, der dort über die Brocken des Gebirges hinweggleitet und -tanzt und -rinnt, der seine Klarheit talab trägt, daß ihm schon Bewußtsein unterstellt werden mag, für das irdische Leben, das er bringt und repräsentiert, wo er doch aus unsicheren Gefilden herniederkommt wie ein Heilsbringer, denn seine genauen Ursprünge sind nicht auszumachen, kein Mensch hat sie je gesehen, geschweige dokumentiert, wie auch sollte man verstehen, wo ein Wasser startet, wo ein Kreislauf beginnt, diese Dinge sind in Bewegung und sie machen Sound. Was von unten im Tal zu sehen ist, sind also zahl- und namenlose Sturzbäche, die über die Berggipfel kommen, wenn sie kommen, einfach so, und man stellt sich vielleicht dieses oder jenes vor, was hinter, was über diesen Gipfeln liegen mag, gewaltige einsame Quellen, während sich ein Gletscher aufbäumt und mit blauem Gleißen sich dem Himmel eint, aus dem der Rhein fällt, tatsächlich, der Rhein fällt aus dem Himmel in dieses göttliche weiße Rauschen, das er produziert, nur hin und wieder hört man erschreckt einen schmelzenden oder brechenden Schnee, einen kleinen zerdrückt wirkenden schwarzen Vogel und natürlich die dunklen Alarmpfiffe der Murmel aus dem fänomenalen Grundrauschen heraus, auch den Dialog des Wassers mit dem Stein, der sich im Bett abspielt, ein silberhelles, sich selbst durchwirkendes, leise scheinendes Liebesgeflüster, ein sehr klares, von der kaltesten Reinheit bestimmtes. Es bilden sich also Lautstrukturen heraus, ganz nah an seinem ursprünglichen Wesen, embryonale Klänge, erfrischende Schauer einer sehr reduzierten, sehr wesentlichen Natur, Gesänge aus Wasser und Fels, gelegentliche Soli für Tierstimmen, und es ist eine zutiefst menschliche Idee, auf solchem Areal Panzer einzuschießen und Berge aufzubrechen, der Fratze unvergleichlicher Schönheit muß das heilige Recht auf Selbstverteidigung sozusagen direkt unter die Nase gerieben werden, sonst ließe sich gleich sterben an diesem Ort, an dem sich vor lauter Reinheit dauerhaft nicht leben läßt – ein schönerer Ort jedenfalls ist nirgends zu finden.


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