Rheingrundlagen (2)

Johann Georg Kohl beginnt sein über tausend Seiten fassendes Buch “Der Rhein” von 1851 mit grundsätzlichen Überlegungen zum Aufbau der Erde und der politischen Bedeutung der Ströme und des Wassers. Seine Sprache ist griffig und ansatzweise poetisch, sie baut mit an dem Wunder, das sie beschreibt:
“Unter den Elementen und Kräften, welche noch fortwährend an der Umgestaltung der Erdoberfläche arbeiten, nimmt das fließende Wasser den ersten Rang ein. Zwar üben auch die bewegten Lüfte, die Winde, einigen Einfluß auf die festen Theile der Erdrinde und verändern in Etwas ihre Physiognomie. Sie führen in der Wüste, den Sand zusammentreibend, Hügel auf. Sie tragen zur Bildung der Dünenketten an den Küsten der Meere bei. Sie heben den Staub von der Oberfläche vieler Gebirge hinweg und deponiren ihn an entfernten Punkten. Sie erhöhen durch wiederholte und constante Angriffe auf gewisse Punkte der Erdrinde die Zersetzung und Verwitterung derselben und erhöhen oder vermindern auf diese Weise hier und dort die Erhebungen des Festen um ein Weniges. Indirect und in Verbindung mit dem Wasser der Oceane, das sie in Bewegung setzen, ist ihre Einwirkung auf das Festland besonders erfolgreich. Vermittels der Meereswogen, welche sie aufregen, benagen sie die Küsten der Länder hie und da und zerstören sie. Zuweilen aber schlagen sie auch lose Elemente mit Hülfe des Wellenschlags zu einer festen Masse zusammen, und garniren die Küsten mit einem Gürtel von Felsen. Zwar haben wir auch Spuren von der Einwirkung der elektrischen Strömungen und Entladungen auf die Erdrinde. Wir wissen, daß die Blitze im Stande waren, zackige Felsgipfel, denen sie häufig zuströmten, im Laufe der Zeiten abzurunden und mit einer verglasten Kruste zu überziehen. Sie haben zuweilen Felsen gespalten, sie in Trümmer zerschmettert und von ihren hohen Postamenten herabgeworfen. (…) Durch künstliche Eindeichungen hat er (der Mensch, Anm. SL) namentlich an den Küsten des Meeres und an den Mündungen der Flüsse ganze Landstriche, oft große Bezirke dem Wasser abgewonnen, und da sind dann unter seiner schöpferischen Hand, wie z. B. in Holland, kleine Ländergebiete der Erdrinde zugewachsen. Zuweilen haben seine vergänglichen Werke zur Entstehung von Erhebungen, Hügeln, oder andern bleibenden und größern Bodengestaltungen Anlaß gegeben. So z. B. verwandelten die Wogen und Anschlemmungen des Meeres den Damm, den Alexander der Große von der Küste Aegyptens zur Insel Pharos aufwarf, in eine breite Landzunge. So häuften sich Wüstenstaub und Pflanzenerde um die Ruinenhaufen von Thürmen und Palästen, und bildeten Hügel und Berge. So brachen die Gewässer in vernachlässigte Kanäle ein, und verwandelten sie in mächtige und bleibende Ströme, wie dies denn bei der Issel und dem Lech in Holland, bei den beiden Nilarmen von Rosette und Damiette, und vermuthlich noch in mehren andern Flußdelten geschehen ist. Allein die Resultate aller dieser umwandelnden Einwirkungen des Menschen, der Thiere, der Pflanzen, der unterirdischen Feuer, der Atmosphäre, der Winde sind im Ganzen sehr unbedeutend gegen die Resultate der Thätigkeit der fließenden Gewässer. (…) Das Leben des Menschen, des Herrn der Schöpfung, der sich Alles dienstbar macht, und dem die Thiere in und außer dem Wasser, die Pflanzen an den Ufern und auch das Wasser selber gleich nützlich und gleich unentbehrlich sind, ist daher nun noch viel inniger und noch weit mannichfaltiger mit den Fäden der Flüsse verwebt. Der Mensch siedelt sich an den Flüssen und Quellen an, weil das Wasser, das sie ihm liefern, ihm zu seiner Nahrung, als Getränk, in seiner Küche, bei seinen Bädern, bei der Reinigung seiner Gefäße, zur Sättigung seines Viehs, zur Benetzung seiner Gärten und Aecker, ganz unentbehrlich ist, und sich gleichsam beständig durch alle Theile seines Haushalts ergießen muß. Als Fischer baut er seine Hütte hart an den Ufern der Flüsse. Als Jäger wandert er längs den Flüssen hin, wo er der reichsten Beute gewiß ist. Auch die Hirten kommen, ihr Vieh zu tränken und zu baden, zu den Flüssen und finden hier die fetteste Weide. In manchen Erdgegenden können sie nur längs der Flüsse auf Weide hoffen. Der Ackerbauer findet hier die fruchtbarsten Länderstriche, die mit schöner Fruchterde überzogenen Niederungen, die Marschen und Delten, in denen Ceres ihre schönsten Feste feiert, ihre reichsten Ernten spendet. Bei seinen Maschinen und Fabriken benutzt der Mensch das fließende Wasser als treibende Kraft, wo die Anstrengung seines eigenen Arms nicht mehr ausreicht. Und so stellen sich denn die Flüsse als die wahren Lebensadern des ganzen Pflanzen-, Thier-, Menschen- und Völkerlebens dar. Sie treten ganz entscheidend und gebieterisch auf dem Festlande auf; sie reißen alles Leben und Regen in ihren Kanälen mit sich hin, und concentriren so zu sagen alles Mark und alle Kraft der Länder in ihren Adern.”


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