Spin am Rhein (2)

Peeter Müürsepp beschreibt in seiner Schrift „Über die Bildung der Flußbetten. Das Baer-Babinetsche Gesetz“ die Beziehung zwischen Erdrotation, Flußverläufen und Uferbildung. Sowohl Baer, der „Humboldt des Nordens“, als auch Babinet, Mitglied der Pariser Akademie der Wissenschaften, vertieften die Beobachtungen von Gaspard Gustave de Coriolis, der 1835 erstmals die Schein- bzw Trägheitskräfte, die auf jeden Körper wirken, der sich in einem rotierenden Bezugssystem bewegt (so z.B. auf Flüße wie den Rhein), mathematisch herleitete. In den Astrachaner Gouvernements–Nachrichten vom Oktober 1856 verkündete Baer: „Die Erde dreht sich bekanntlich um ihre eigene Achse von West nach Ost. Also muß sich jeder Ort der Erdoberfläche um so schneller drehen, je näher er am Äquator liegt. Jeder Ort am Äquator hat täglich einen Weg von 5400 Meilen zurückzulegen. Ein Ort auf dem 60. Breitengrad dreht sich halb so schnell, und ein Ort in der Nähe des Pols bewegt sich fast gar nicht. Demnach hat jeder Körper auf der Erde dieselbe Geschwindigkeit wie der Ort, an dem er sich befindet. Dies ist eine in der Physik seit langem bekannte Tatsache, die also nicht weiter bewiesen zu werden braucht. Ich weise lediglich darauf hin, daß wir alle an die nächste westliche Wand gedrückt werden müßten wenn wir uns nicht mit der Erde mitdrehten und sie sich allein nach Osten bewegte. (…) Auf unserer nördlichen Hemisphäre (…) muß also (das Wasser) bei allen Flüßen, die nicht parallel zur Erdumdrehung fließen, nach dem rechten Ufer drängen. (…) Es kann kein Zufall sein, daß alle großen Flüße Rußlands, die nach Süden fließen, ein steiles Westufer, und alle, die nach Norden fließen, ein steiles Ostufer haben. (…)“ Vor Baer präzisierte Babinet (in: „Influence du mouvement de rotation de la terre sur le cours des riviéres“), nach Baer präzisierte Einstein (in: „Die Ursache der Mäanderbildung der Flußläufe und des sogenannten Baerschen Gesetzes“) diese Umstände, Müürsepp faßt dankenswerterweise zusammen. Wer nun fleißig den Rhein auf und ab läuft, um obgenannte Thesen zu prüfen, wird, weil der Strom derzeit zu weiten Abschnitten gebändigt und befestigt ist, nur gelegentlich Beweise antreffen – und im Internet, der großen Simulation, die sich letztlich, wie eigentlich alles Bekannte, auch in einem rotierenden Bezugssystem bewegt, wird unterdessen fleißig darüber diskutiert, ob die Corioliskraft nun als reale Scheinkraft oder vielmehr als Ammenmärchen zu verstehen sei.


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