Monatsarchiv für Oktober 2009

 
 

Anna Dreisam

Tausend Meilen geradeaus. Dortnah, wo Rettung harrt. Vorbei an ruckhafter Welt. (Das ferne, aber beständige, dadurch unterschwellig vorhandene Rattern der Spielstände im Wettbüro.) Tulla, tulla, tullalah aufn Lippen: geducktes und gestrecktes Graureiherensemble, skulptural. Anhebendes Verkehrsrauschen. Beeren platzen, Laub, das fällt. Staren zetern in den Schrebern. Rektifiziertes Flutgemurmel. Treppab, treppab, plätscherts, der Rettung entgegen. Freiburg fährt Rad. Zwischen Bundesstraße und Autobahn. Vergreiste Studentenvisagen, baskenbemützt, „obbedruff stehts Zipfele“ (die „Heinrich Böll-Klitoris“ (Bdolf)). Unvermittelt aus betongefaßtem Loch, stadtherwärts: Schwall Maggiwürze. Singen soll. Singen soll total danach riechen. Einer schreit, nah am Wahn: „bin noch mit Rücktritt aufgewachsen! Glotz net so! Am Fahrrad der Rücktritt, du Laus!“ (Könnese des Würschtle bitte grad zsammelege?) Aus blau schillernden Fenstern dringt Punkrock, hocken sie bei Spieleabenden über Sigillenmagie, picheln ordentlich was weg. Obstlermuff. Aus dem Mond schwirren eiernde Lebensräder, über die geflochten unsre Ahnen dunkel käuzchenrufen. Aufs Trottoir hinschlagende Damen („ich hab mein Traumgwicht längscht überschritte, 80 Kilo, un jedes Pfund hett Geld koschtet“). Machen sich nicht verrückt. Das Alter. In den stillgelegten Erdbeerfeldern huscht (?) was (?), bläht (?), pudelführend stöckelt sie einher in Leopardenfellimitat, raucht schlanke Ladyzarette: die Vorgabe für den Satz: „so Typen finsse echt in jeder deutschen Drissstadt, eh, guck dich domma um!“ Gelehrtengrafito: Mein Name sei Unterbrücken. Tauben. (Glossiert: Du wünschst, Du hießest Tauben, wärest gern derer ein Schwarm? Nein! Allein solche Wünsche haben zu wollen, ist bei Dir nichts als linksakademische Verblendung. Dein Penner.) Ausm blau schillernden Flüßchen dringt Psycho-TV. Hallo, Herr Lang, hasch du mal en Moment, dann mach ichs Beutele. Und wenn er den Moment nicht hat, der Herr Lang? Keine Frage: machen sie sich nicht verrückt. Gilts halt, den Momenthaufen wegzuschippen. Es gibt selbst im Alter immer noch so viel Lebensqualität zu genießen. Ausm blau schillernden Mond dringt eine wohlbekannte Melodie. Die Birnen hangen tief über der Grasnarbe. Guak, tunkt Ente ihrn vorlauten Schnabel ins heilignüchterne Wasser. Im Garten hat sich ein Werwolf vergraben, gleich unter der Petunienschaukel.

Asterix am Rhein

Im Rahmen der Berichterstattung zu Asterix` 50. Geburtstag wurde (einmal mehr, wie auch zu seinem 40.) jenes Kuriosum ins Feuilleton gespült, das den berühmten kleinen Gallier als rheinischen Germanen Siggi verortet. Mitte der 60er Jahre nämlich hatte Rolf Kauka (lt. Asterix-Übersetzerin Gudrun Penndorf in der taz ein „stockreaktionärer, deutschnationaler Zeitgenosse“) die deutschen Lizenzen für seinen Verlag erworben und brachte die ersten vier Asterix-Bände in seiner Zeitschrift „Lupo modern“. Dafür wurden Asterix und Obelix zu Siggi und Babarras, und das nur mit der Lupe auffindbare aremoricanische Widerstandsnest zum rheinischen Bonnhalla. Aus dessen Bewohnern wurden, diversen Quellen zufolge, von der Wiedervereinigung träumende Germanen, die restlichen gallischen Stämme wiederum zu westgotischen Kapitalistenstrolchen. Die Römer waren keine Gegner mehr, sondern coole, Kaugummi kauende “Boys“. Das Feindbild übernahmen die doofen Ostgoten und deren in roter Schriftfarbe sächselnder Führer und Genosse Hullberick. In “Siggi und die goldene Sichel” heißt es zur Einführung: “So um die Zeitenwende herum müssen sich die Germanen verzweifelt gegen ungebetene Gäste aus allen Himmelsrichtungen wehren. Bis auf die kleine Fliehburg Bonnhalla am rechten Ufer des Rheins ist ganz Germanien besetzt. Dort hat sich ein Häuflein aufrechter Krieger gegen die erdrückende Übermacht der Feinde eingeigelt…” Der Druide Miraculix hieß Konradin, in Anspielung an Adenauer. Troubadix nannten alle nur Parlamet (wie Parlament) und meinten, er solle besser die Klappe halten. Majestix wurde zu Hein Mark, den die Dörfler mal mit “Cedeuh”, mal mit “Heil Hein Mark” begrüßen. Obelix trug einen Schuldkomplex in Hinkelsteinform mit sich herum und fragte hoffnungsvoll: “Ist endlich wieder Krieg?” Nach knapp einem Jahr wurde 1966 Kaukas Lizenz auf René Goscinnys Veranlassung gekündigt.

Sélestat – Bibliothèque humaniste (2)

Aus der Eigenauskunft der Bibliothek: “1441 ernannte der Schlettstädter Magistrat den Westfalen Ludwig Dringenberg zum Leiter der städtischen Lateinschule, einen begnadeten Lehrer, der mit viel gesundem Menschenverstand den Unterricht lebendiger und anziehender gestaltete. So entstand am Oberrhein die erste Schule humanistischen Geistes. Unter seinen Nachfolgern Kraft Hofman (1477-1501), Hieronymus Gebwiler (1501-1509) und Hans Sapidus (1510-1525) wuchs das Ansehen der Schule weiter. Gegen 1510 zählte sie 900 Schüler; sozusagen die komplette erste Generation elsässischer Humanisten ging aus ihr hervor. Natürlich brauchte eine solche Schule auch ihre Bibliothek. Die Anschaffung von Büchern war damals jedoch eine äußerst kostspielige Sache: Handschriften waren selten und Wiegendrucke sehr teuer. Da die Schule nicht über zureichend Finanzmittel verfügte, war sie auf Schenkungen angewiesen. 1452 vermachte ihr Stadtpfarrer Johann von Westhuss seine Handschriftensammlung, bestehend aus rund 20 dicken Bänden. 1470 schenkte der Kaplan Johann Fabri zwölf Bände. Kurz vor seinem Tod vermachte Dringenberg seiner Schule alle seine Bücher. Sein Schüler Jakob Wimpfeling schenkte ihr jedesmal kostbare Druckwerke, wenn er seine Heimatstadt besuchte. Stadtpfarrer Martin Ergersheim vermachte ihr seine reiche Privatbibliothek, die aus mehr als 100 prächtigen Bänden bestand. Die Schulbibliothek war in einem Extraraum über dem südlichen Seitenschiff der Pfarrkirche untergebracht, die meisten Bände lagen auf Tischen oder Pulten, an denen sie, um Diebstähle zu verhüten, angekettet waren. Einige Tage vor seinem Tod im Jahre 1547 überließ der berühmte Gelehrte Beatus Rhenanus seiner Vaterstadt sein kostbarstes Erdengut: seine Bibliothek. Öffentliche Büchereien waren damals unbekannt, jeder Gelehrte bedurfte daher zwingend einer Privatbibliothek. Bereits als Schüler in Schlettstadt besaß Beatus Rhenanus ungefähr 60 Werke. Während seines vierjährigen Aufenthalts an der Sorbonne erwarb er 188 Werke. Es folgten Jahre fruchtbarer Tätigkeit in Straßburg, Basel, Schlettstadt. Allmählich füllten sich die Regale seines Studierzimmers. Sein beträchtliches Privatvermögen erlaubte es ihm, alle Werke zu kaufen, die er für seine literarischen und historischen Studien benötigte. Andere wurden ihm von ehemaligen Schülern und befreundeten Humanisten geschenkt. Viele stammen vom Basler Drucker Froben, bei dem er als Korrektor angestellt war. Die komplette (ungefähr 670 ledergebundene Bände), für jene Zeit äußerst ungewöhnliche Sammlung (zumal mancher Band zehn bis 20 unterschiedliche Werke umfaßt), ging also 1547 an Schlettstadt. Ihr Wert wird noch dadurch vergrößert, daß es sich um die einzige Humanistenbibliothek handelt, die beinahe unversehrt die Zeiten überstand. Die reichen Bibliotheken von Erasmus, Reuchlin und Spiegel wurden zerstört. Die Rhenana bleibt einziger Zeuge aus jener für das europäische Denken so maßgeblichen Zeit.”

Meldung

Aus Köln erreicht Rheinsein die Meldung eines im Rhein versinkenden Taxis. Mit den Worten „einfach geradeaus, fahr schneller, ich will nach Hause!” soll in den frühen Morgenstunden ein stark alkoholisierter Fahrgast den Kutscher, der dann auch prompt auf die Tube drückte, zu fahrerischer Großtat angespornt haben. Im Zuge dessen geriet das Vehikel auf die sowohl vom Dunkel, als auch von dichtem Nebel getarnte Langeler Fährrampe, bis es plötzlich mit unverhofften Aggregatzuständen konfrontiert, dh von Flußwasser umschlossen ward. Chauffeur und Kunde gelang es, sich aus der mißlichen Unterwasserlage zu befreien: sie mußten die Scheiben einschlagen und an Land schwimmen. Daraufhin klingelten sie bei Anwohnern, die Polizei und Presse zu Hilfe holten.

Novemberfahrt

Ja, lacht nur, lacht! am Wege da
ihr pelzvermummten Gaffer!
Uns gab ein heißres Blut, hahah,
der Wein- und Weiberschaffer!
Und wenn wir etwas zittrig sind
und etwas rot die Nase,
so meint nur nicht, das sei vom Wind:
das Wetter liegt im Glase!

Wir fahren in die Welt hinein,
wenn Uns es will behagen;
wir fahren in dem Sonnenschein,
den wir im Herzen tragen!
Und wenn die olle Sonne sieht
so junge Dreistewichte,
dann wird sie gleich vor Angst verliebt
und macht ihr schönst Gesichte.

Hurrah, Novembersonnentag,
du Wunderwanderwetter:
derweil am Herd das Zimperpack
sich wärmt den Katterletter!
Hurrah, so stark dein herber Duft,
so würzig seine Schwere!
Hurrrah – ich schlürfe deine Luft,
als ob es Rheinwein wäre!

(Richard Dehmel, heute per Lyrikmail versendet, schreibt Rheinseins höchst seriöse Rechercheausflüge um rund 100 Jahre und zwei Tage, sowie einen Extrapacken Euforie vorweg)

Unterlinden

Während die Schlettstädter Humanistenbibliothek deutlich stärker frequentiert war als erwartet, herrscht im Musée d`Unterlinden, nach dem Louvre angeblich das am häufigsten besuchte Museum Frankreichs, vergleichsweise wenig Rummel. Obwohl ich diesmal aus einer gänzlich anderen, nämlich der Bahnhofsperspektive an Colmar herantrete, erscheint die Stadt, beim letzten Besuch noch ein mittelalterliches Labyrinth, diesmal recht übersichtlich. Im Westen gießt die Sonne ihren Goldschmelz über die Vogesen, dringt in deren Mulden ein, in deren Tiefen wiederum sie sich dem Magma verschwistert; in der Stadt färbt sie, wie eine übereitle Mutter ihrer Tochter den eigenen Stil aufzwängt, das Blattwerk der Pappeln. Zwischen Bahnhof und Musée weist General Rapp heroisch auf die rhythmisierten, von herkunftslosen Slidegitarren unterlegten Wasserspiele der Departementshauptstadt Haut-Rhin samt Präfektur. Im Musée interessiert zunächst der Isenheimer Altar, ein monumentales Flügelgebilde, so monumental, daß es in Originalzusammensetzung garnicht in die Räumlichkeiten paßt, weswegen es nun, veraudioguidet, in vier Reihen umsortiert, großzügig doppelseitig beäugbar, zerzupft zwar, darob jedoch nicht weniger imposant, vor den Kunsttouristen posiert. Ein wenig enttäuschend zunächst, daß die Farben, selbst jene der Auferstehungsszene, deutlich weniger knallen als im Internet. Dargestellt sind Stationen aus den Lebensgeschichten Jesu und des heiligen Antonius. Extrem die Versuchung des letzteren, umstellt von allerlei Monstren (darunter ein knüppelbewehrter Habicht mit menschlichen Oberarmen, Panzerdronte, Zahnkröte, Pestgnom, Schweinepriester, Trolpertinger und Reptilbock). Antonius selbst mit Anzeichen von Brandiger Hautrose (dem durch Mutterkornverzehr ausgelösten „Antoniusfeuer“), Syfilis und Beulenpest, eine ziemlich kräftige Mischung. Aus Mutterkorn synthetisierte unweit Colmars Albert Hofmann in einer ganz anderen Zeit Lysergsäurediäthylamid, dessen Bilder dem jener Versuchungsszene, wie es gern heißt: gleichen. Gleich nebenan knallen (nun wirklich) die Farben Martin Schongauers, der in seinen biblischen Szenen nicht mit umzäunten Gärten, Einhörnern, Folterpunks und Arschgesichtern spart, ein reicher Fundus an oberrheinischer Kunst vom Neolithikum bis zur Humanistenperiode, erweitert um das düstere „Le char de la mort“ von Schuler stehen Ankäufen von weiter her (in der Moderne) gegenüber, und draußen tut Colmar, von seiner anhaltenden Schönheit linde dauerberauscht, als sei nichts geschehen.

Sélestat – Bibliothèque humaniste

Die Humanistische Bibliothek in Sélestat hatte Rheinsein sich „irgendwie anders vorgestellt“: menschenleer, grau in grau, im Grunde wohl wie einen seit Jahrhunderten nicht mehr gefegten, von Papierstapeln überlasteten Speicher. Tatsächlich trifft der willige Bibliotheks-Besucher in einem etwas kuriosen Vorraum ein, der einiges Gerümpel beherbergt, das sich bei näherer Betrachtung als lokalhistorische Ausstellungsgegenstände entpuppt, auf wie grad nicht benötigte Wäscheständer beiseitegeschobenen Klappstellwänden tut die aktuelle Sonderausstellung mit Illustrationen des Genji Monogatari ihr bestes, mit den einheimischen Werken zu korrespondieren, zwischendrin hocken auf kirchenbankartigen Studiervorrichtungen mit Kameras bewehrte Wissenschaftler und filmen die nackten Innereien alter Bücher. Der gemeine Besucher wird auf samttuchbedeckte Vitrinen im Hauptsaal verwiesen. Darin befinden sich die aufgeschlagenen Schmuckstücke der Sammlung, welche großteils dem Lokalhumanisten Beatus Rhenanus zu verdanken ist: Merowingisches Lektionar (7. Jh.), ein liturgisches Werk mit Texten aus dem Alten Testament, der Apostelgeschichte sowie einer apokryfen Schrift, das Kapitularbuch Kaiser Karls des Großen (9. Jh.), Vitruvs de architectura libri X (also der zehnte Band über Baumaschinen, mit Bauzeichnungen, 10. Jh.), das Wunderbuch der heiligen Fides (karolingische Minuskel, 11./12. Jh.), Pergament-Abschriften der Werke Ovids und Horaz mit Leserglossen aus dem Mittelalter, Macrobius In Somnium Scipionis (13. Jh.), eine illustrierte lateinische Bibel (13. Jh.), Otto von Passaus Die minnende Seele, 1430 vom Schlettstädter Schuhmacher Jakob Leistenmacher (!) abgeschrieben und selber illustriert. Dem Heute inadäquat bis konträr: der Schreiber Versenkung in der Aufgabe (Selbstaufgabe), ablesbar an der überwältigenden Ausstrahlung über hunderte und tausende Seiten gestochener, dem Werk gebührender Schönschrift, während Briefe etwa deutlich nachlässiger verfaßt daherkommen. Ab den 1450 Jahren betrieb Mentel dann seine Druckerei in Straßburg: auch diese Inkunabeln zeichnen sich, ganz in der Tradition der Handschriften, durch eine geradezu anmaßende Schönheit des Satzes aus. Darunter: die Constitutiones von Papst Clemens V. (1471). Jakob Wimpfeling, Vertreter des Humanistendramas, Adolescentia (1500). Die Cosmographiae introductio von Matthias Ringmann und Martin Waldseemüller mit der ersten schriftlichen Erwähnung der neuen Welt als „America“ nach Vespucci (1507). Erasmus Lobgedicht auf Schlettstadt „Encomium Selestadii Carmine Elegiaco per Erasmum Roterodamum“ (1515) und desselben Opera Omnia, geschätzte zwanzig Kilo schwer (1540). Sebastian Münsters Kalendarium Hebraicum, aufgeschlagen mit Holzschnitten zu den Fasen der Sonnenfinsternis (1527). Jakob Spiegels Zivillexikon (1538). Johannes de Sacroboscos Allstudien de Sphera, mit Glossen von Beatus Rhenanus. Dessen Rerum germani carum und Kollegheft an der Sorbonne (das von äußerster Disziplin beim und Achtung gegenüber dem Schreibvorgang zeugt). Die unglaubliche Cosmographia Universalis von Münster, ein wahrer Brocken vor dem Herrn (1554). Natürlich enthält die Bibliothek auch die seinerzeit wichtigsten Schriften etwa von Augustinus oder Thomas von Aquin, sowie Meßbücher, Karten und ein Dokument, das die erste schriftliche Erwähnung des Weihnachtsbaums enthält. Eine besonders hübsche Zeichnung des Wald-Sanikels (als Sanickel). Gerahmt das ganze von Heiligenkrust und alten Stadtmodellen, sowie Zellen, in denen ehrfurchtsgebietend dunkel eingebundene Folianten in Regalen schnarchen, hin und wieder geweckt vom schrillen, und wie das Sicherheitspersonal jovial versichert, selbstauslösenden Alarm. Nur vordergründig erstaunlich, daß so viele Menschen sich Bücher hinter Glas anschauen wie in der Humanistischen Bibliothek von Schlettstadt, denn wer diese Bücher einmal gesehen hat, weiß fortab um ihre Attraktivität, und kaum auszudenken, was passieren könnte, falls die Stadt einmal zu einer Größe heranwächst, welche U-Bahn-Baupläne aufs Tablett bringen könnte.

Sélestat

Mindestens zwei Eckpfeiler des modernen Christentums gehen auf Schlettstadt zurück: die Tradition des Weihnachtsbaums und die erste, vom Schlettstädter „Erfinder des Buchdrucks“ Mentel zurechtgeletterte Bibel in deutscher Sprache. Entsprechend gigantisch fällt die (Ganzjahres?)Weihnachtstanne am Ortseingang aus, dessen äußerst chaotische Straßenführung allerdings die Aufmerksamkeit vom Baum auf das surreale Asfaltrhizom mit seinen zur optischen Zierde applizierten Zebrastreifen lenkt – alles in allem ein Gesamtkunstwerk von Ortseingang, das den Fremden nicht nur zum Nachdenken anstiftet, sondern auch zu äußerster Vorsicht bei der Straßenquerung animiert. Sélestat selbst entpuppt sich als hübsches, kleines, leicht verwirrend organisiertes Städtchen, dessen Architekturen erfreulich organisch miteinander verkehren, Fachwerk findet seine Fortsetzung und Multiplikation im Spiegelglas, Sandsteintöne sorgen für die richtigen Schwingungen, der dem Elsaß immanente und hochnotwendige Anschein von Abnutzung bleibt somit auch an jüngsten Gebäuden gewahrt, welche älteren Scharten wiederum den Schrecken nehmen, nichtmal Vaubans Tätigkeiten brechen das Stadtbild, treibende Rockmusik dringt aus Modeboutiquen und offenen Fensterluken der sympathisch-schmuddeligen Gassen, eingeglaste Pot-au-feus, in schwierigen Schraubfiguren gougelnde Houpfs und klobige Fleischpasteten im Brotmantel beherrschen die Schaufenster, verwaiste Storchennestpräparate tun ihr übriges, das Elsaß verwirft sich einmal mehr auf sich selbst in Sélestat und macht das an dieser Stelle ganz, ganz prima. Plus Illidyll: mit künstlichen Hindernissen versehen fungiert ein Abschnitt als fleißig genutzte Wildwassertrainingsstrecke, auf Les Tanzmatten zu rauscht und glupschert das Flüßchen, Perlenschnur der Region, Richtung Vollnatur, schmücken treibende Inseln aus Pappellaub das klare huschende Naß, ob`s Fische sind oder Schatten von Weidenzweigen, mit denen der freundliche Lauf parliert, gen Norden geht’s, in Milde flankiert von champignonbestandnen Wiesen, in größtmöglicher Unschuld dem Rhein zu. Îles flottantes gibt’s auch als Dessert zu den Fleischkrautmittagstischen auf den sonnenbestrahlten Terrassen des tarteflambierten Altstadtpflasters, die Restaurants und Bistrots tragen Traditionsnamen wie „Zur Rippe eines prähistorischen Tiers“ – kein Wunder, daß sich Europas größte Humanisten in diesem Städtchen einst pudelwohl gefühlt haben mußten.

Ins Elsaß

Fahles Licht, als sei`s aus der Gutedel-Rebe gekeltert. Wie ein kleines, der Region vorbehaltenes Weltwunder buckelt der Kaiserstuhl in grüngoldner Beleuchtung. Um ihn rum ziehn flache Bodennebelfelder in bedeutsamer Prozession. Eigentlich existiern solche Landschaften nur in christlich motivierter altmeisterlicher Lasur oder weltflüchtigen Airbrush-Fabelwelten. Fehlte noch, daß hündchengroße Einhörner umhertollten. Übern Rhein, übern Grand Canal ins gleichnamige Elsaß. Neuf-Brisach hat sich zum Herbst hin deutlich tiefer als sonst in die Erde gegraben, mühsam, doch gleichmäßig atmen die Häuser aus ihren knapp über Bodenlevel befindlichen Dachluken, der Überlandbus kreuzt die von Vauban symmetrisch im (benebelten?) Sinne einer Rosenblüte angelegten Straßen, niemand steigt ein und schon gar keiner aus – bis zum Frühjahr, wenn die derzeit so angegriffenen Häuser wieder selbstvergessen aus dem Erdreich lugen, wird es das letzte Linienfahrzeug gewesen sein, das, gleichsam touristisch, in die unnützeste aller Festungsstädte eindrungen ist. Schöner Kontrast: Raben picken das Weiß ausm Mittelstreifen, es geht auf Colmar zu, vorbei an Dörfern mit totalitär klingenden Namen (Wolfgantzen), die von den Namen ihrer Einwohner (Chertzinger) jedoch mindestens wieder neutralisiert werden. Das Farbempfinden des Elsässers sei eben ein anderes, weiß eine Dame aus der hintersten Sitzreihe: strohiger die Felder, brauner die abgeerntete Ackerkrume, goldner die sonnengesättigte Luft als auf der badischen Seite, den perwollgewaschnen Himmel schmücken ausflockende Kondensstreifen, von rostigem Wein und wohlgestalten Burgen bestanden die Vogesen, vermitteln sie „von den blauen Bergen kommen wir“ den Eindruck des Tors zum wilden Westen, „singing yeah, yeah, jippie, jippie yeah“!

Schon wieder die linksrheinische Strecke

Gelbgepappelter Ufersaum, oktobrische Schraffagen/Frottagen, der Weg zieht sich selbst nach als graubrauner Lippenstift der stets verschandelbaren Landschaft, eine Spur ins Diesseits, Eisentrasse, Lenorluft, die Schiffe auf dem Rhein verschieben sich gegeneinander in unwirkliche Fahrtrichtungen, brechen aus dem Abteilfenster, Bug voran, unter den zeitlupenhaft durch den Himmel berstenden Trümmern der Brücke von Remagen, die Macht des Tanklasters, legolandartige Industrie brettert vorbei, mir vis-à-vis, im adretten braunen Kleidchen, marineblaue Strumpfhose, Rehlederstiefeletten: Loreley mal wieder, mysteriöses, ursprünglich wohl aus den morgenbetauten Gräsern der norddeutschen Tiefebene bei bleichem Vollmond als Traum aufgestiegenes Gesicht, beinahe asiatische Augen allerdings, drunter schnieke Tränensäckchen, Stupsnase, perfekte Lippen, naturblond getöntes Wuschelhaar, professionell natürliche, zuvorkommende Erscheinung, liest regungslos (registriert?) Kunstmagazine, döst, gleicht das mäßige Rheinglitzern alle zehn Flußkilometer mit der Farbmischung ihrer Iriden ab, rümpft, als das Abteil plötzlich in strengen Beschlag aggressiven Odeurs fernöstlicher Basisfischsauce gerät, nur für Fachleute erkennbar die Nase, lächelt huldvoll, beschwichtigt von den eiligen Entschuldigungen einer vietnamesischen Reisenden, die ihren Koffer durch den Gang zieht, ein riesiges Objekt, das inwendig nach Zerscherbtem tönt, aus dessen beachtlichen Schnittwunden zerstampfte fermentierte verflüssigte Sardellenreste triefen. Banalitäten aus dem Bordlautsprecher, Loreley schaut ihrem Felsen entgegen, zwei Gestalten in roten Windundwetterparkas kraxeln da oben rum, ergrautes Ehepaar im Partnerlook, indefinite Zufriedenheit legt sich um Loreleys Augen und Mundwinkel, mittägliche Lichtschimmer schneiden und sägen die verherbsteten Gebirgskuppen in Streifen und Schiefertafeln. Loreley, der Kunstpostillen überdrüssig, zieht das Zeit-Magazin aus ihrem Reisetäschchen, aus den Sonntagszeitungen ringsum steigen bürgerliche Feuilletonsatzketten, ewige Beschwörung fabulöser, herbeigeredeter Schönheit (auch Traurigkeit), wie sie mir gegenübersitzt mit ihrem unsagbar hübschen Gesicht, zitronig-limoniges Laub da draußen, frischt den dunklen germanischen Herbst etwas auf, mit seinen zaubrischen Pilzen, die gewiß dort (und nicht zu knapp) untern Uferbäumen dünsten, würzt die vom flechtenfarbenen Tafelwald in die Irre gezogenen Blicke zusätzlich zur dick im Raum stehenden Fischsauce mit weiterer, ganz offenbar notwendiger Exotik, mit großer Selbstverständlichkeit ergo schält Loreley eine Mandarine vor den urtümlich dahinziehenden Schwarzwaldbuckeln, die als dunkle Einladungen in eine andere Welt wie lahm sich wiegen im mit Blei gesetzten Regen, Kinzig und Elz fließen in gleichsam chemischer Notwendigkeit aus ihren Talöffnungen dem Rhein zu, ihm ihr Silber beizumengen, gegen die Denkrichtung stiefele ich durchs feuchte Ufergras der Dreisam im Abenddämmer, begleitet vom nervenprägenden Sound der Autobahn, den wilden Pflanzen, droben im Wingert energischen Schritts, fetzenhaft gekleidet, Freund Barthel beim Mostholen, in der Dreisam versiegt Loreleys nurmehr unbeteiligter Blick, die Welt darf nun untergehn, in den gestaffelten Stufen der schnellfließenden zischen, verkauften Schatten gleich, Schl-, Schm- und Schn-Fische, steht ein etwas drohgebärdiger Schw-Fisch, die gezackten Rückenflossen ragen ausm Flachwasser: der Schwand. In psychogene Optik versetzt leuchtet wie ein austropfendes Herz in Rot und Gelb, den badischen Farben, das Riesenrad in der Mitte einer in die Ebene gelegten Stadt, deren äußere Koordinaten von Hochhausblöcken markiert werden. Später am Abend treffen sich deren hipste Bewohner im The Great Räng Teng Teng, einer unterirdisch gelegenen Location, zum Gutelaunerocknroll von Muck & The Mires mit Köpfen und Oberkörpern zu wippen und Teile ihres Verstandes zu verlieren, dieweil Torpedo Tom mit den Armen schlenkert, worauf Anna Conda verstrahlten Blicks zu twisten und der Obstler (“aus einem dieser Dörfer dort”) übern Tresen zu kriechen beginnt. Aus dem Räng Teng Teng führen nurmehr schummrige Tunnel, aber immerhin direkt in die erdige Nacht des wilden bezähmten Oberrheins, dessen mosttrunkene Barthel sich um diese Stunde in Parklücken betten, bis die Supermärkte öffnen, an einem neuen, in die scheinbar ewige Zeit geschobenen Tag.

Eine Mission (3)

Ich flog einige Tage stur Richtung West, irgendwann drohte mich eine Art klaustrophobischer Koller zu überwältigen, ich fasste den Entschluss, mir am Boden etwas die Beine zu vertreten, nebst der Verschaffung einer Portion menschlicher Ansprache.
Die mitgeführte Landkarte war in dem Bereich, in dem ich mich befinden musste, schon sehr vage, deswegen musterte ich Ortschaften im Überfliegen, ob etwa ein Landefeld vorhanden sei. Nach einigen Stunden angestrengten Ausgucks wurde ich tatsächlich fündig.
Unter mir zeichnete sich eine Einrichtung ab, die ungefähr dem Behelfsflugplatz unserer Heimatgemeinde entsprach.
Ich landete und ward freundlich aufgenommen. Meine kindische Angst, ich könne bereits die Grenze überflogen haben, war natürlich vollkommen unbegründet. Der kleine Flugplatz und das dazugehörige Landstädtchen waren so Teil unserer Republik, wie es nur etwas sein konnte.
Halbherzig ersuchte ich um eine Wartung meiner Maschine, ein zuständiger Bediensteter nahm sie in Augenschein und versicherte eilfertigst, ähnlich wie man mir bereits ausgeführt hatte, das Flugzeug sei praktisch wartungsfrei, aber wenn es mich beruhige, könne er selbstredend einige technische Parameter überprüfen, die Ladefähigkeit des Akkumulatorensystems, zum Beispiel, und selbige fiel prompt zu seiner allerhöchsten Zufriedenheit aus, worauf auch ich mich zufrieden gab.
Ich verbrachte dort einige Tage, war etwas wandern und genoss die einfache, aber kernige örtliche Küche.
Dann flog ich weiter nach Westen.
Ich gewöhnte mir eine Art Routine an.
Ich blieb drei, vier Tage, manchmal auch länger in der Luft, dann suchte ich mir einen geeigneten Landeplatz, frischte meine Vorräte auf, vertrat mir die Beine, und setzte meine Reise fort.
Erwartete ich anfangs noch, irgendwann in einer fremden Mundart begrüßt zu werden, so sah ich im Lauf der Zeit ein, dass diese Reise doch langwieriger Natur sein werde, als zunächst angenommen.
Die Jahre zogen ins Land.
Meine Maschine hielt sich hervorragend.
Ich hatte über all die lange Zeit keinerlei Havarien oder Ausfälle.
Im Gegenteil, sie schien immer perfekter zu funktionieren. Was natürlich ein Unsinn ist, denn eine Maschine ist eine Maschine – sie funktioniert oder ist kaputt. Entweder oder –
Eines Tages lernte ich bei einem meiner Zwischenstopps eine bezaubernde junge Frau kennen.
Wir verbrachten eine herrliche Zeit in ihrem kleinen Landstädtchen.
Als es für mich wieder hieß, meiner Pflicht zu folgen, schloss sie sich mir an.
Wahrscheinlich war es bei einer dieser Gelegenheiten, bei denen ich die Vorzüge des perfekten Autopiloten in Anspruch nahm, dass wir unser erstes Kind zeugten.
Unser erstgeborener Sohn blieb mit uns an Bord, die anderen Kinder mussten wir leider unterwegs an Pflegeeltern übergeben, der Platz in der Maschine ist nun einmal nicht unbegrenzt.
Nun bin ich alt, meine Frau blieb bei einem unserer Aufenthalte zurück, ihre kranken Knochen konnten die Enge und Unbequemlichkeiten des Flugzeugs nicht mehr ertragen, aber mein Sohn blieb bei mir, unterdessen ein stattlicher junger Mann und in die Aufgaben eines Zollbeamten umfassend eingewiesen.
Insgeheim spüre ich meine Stunde nahen.
Bald werde ich nicht mehr sein.
Aber mein Sohn wird weiter nach Westen fliegen.
Und seine Söhne …
Und deren Söhne …
Bis zur Grenze!

Eine Mission (2)

Das war ein Aspekt, den ich noch nicht bedacht hatte. Aber dafür gab es ja Vorgesetzte. Alle Abteilungen unserer Einrichtung waren von Zeit zu Zeit routinemäßig zu überprüfen.
Raffelhüschen gab mir einen Augenblick Gelegenheit, das Gehörte zu verarbeiten.
„Sie haben sicher schon von älteren Kollegen gehört, dass sie sich noch erinnern können – oder in der Regel sich noch an Kollegen erinnern können, die noch im Gedächtnis hatten, dass wir wenigstens noch gelegentlich Funk- oder Telegraphenkontakt zu unseren Grenzübergangsstellen hatten – die alten Zeiten, wir hier im Bezirkshauptstädtchen die Bürokratie, draußen, an der Landstraße, die Kollegen Frontschweine – “, hier musste er verklärt lächeln, „ab und zu mal vorbeigehen, gucken, ob alles in Ordnung, das Kassenbuch gegenzeichnen, konfiszierte Asservate an die Staatsanwaltschaft überbringen – all so Sachen – ach – Tempi passati –“
Der Abteilungsleiter musste sich schnäuzen. Vielleicht bedurfte er auch eines Augenblicks, um seine innere Bewegung zu bewältigen.
„Aber – heute – wir sind weit im Binnenland, haben keine Ahnung, was unsere Grenzbeamten so treiben, wie sich die Dinge da an der Außengrenze entwickeln – wir sind aber gottverdammt dazu verpflichtet, uns darüber Aufschluss zu verschaffen – !“
Zuletzt war seine Stimme von eisiger Entschlossenheit geprägt.
Er deutete mit seinem ausgestreckten Zeigefinger auf mich: „Und Sie sind unser Mann! Der uns darüber die notwendige Aufschlüsse geben wird!“
Mir wurde schwindelig.
In knappen Worten wurde ich in Kenntnis gesetzt, dass es sich bei meiner Person nunmehr um einen außerordentlichen Sonderinspektor mit weitreichendsten Befugnissen handeln würde, dass ich mit sofortiger Wirkung drei Gehaltsstufen aufgerückt sei und in eigener Verantwortung über ausreichend bemessene Reisespesen verfügen dürfe.
Er gab mir zwei Stunden, um zu packen und einige Vorkehrungen betreffs meiner Unterkunft zu treffen, was keine große Sache war, da ich ja direkt nebenan im Wohnheim für ledige Beamtenanwärter logierte.
Sofort als diese geringfügigen organisatorischen Erledigungen abgehakt waren, nötigte er mich in seinen Dienstwagen.
Wir fuhren zu dem kleinen Behelfsflugplatz unserer Ortschaft.
Er lotste mich in einen Hangar, der mit dem prächtigen Wappen unserer Republik versehen war.
Ich blickte mich um und wurde eines Flugzeugs merkwürdiger Konstruktion gewahr.
„Ja – da staunen Sie – was Schulze – ein Ultraleichtflugzeug allerneuester Konstruktion!“, Raffelhüschen machte eine ausholende Geste, „die gesamte Fahrzeughülle besteht aus Solarzellen – ich darf bemerken, allereffizientesten Zuschnitts, brandneu – das Innere ist praktisch ein einziger gigantischer Akku – sogar die Lenksäule speichert Strom! – und für alle Fälle ist – natürlich super abgeschirmt und gesichert! – im Heck ein thermonuklearer Plutoniumzerfallsstromgenerator – falls mal doch längere Zeit ohne Helligkeit – das Ding braucht längst keine Sonne mehr – Tageslicht reicht, tolle Sache, was Schulze?“
Ich roch den Braten. Ich versuchte halbherzig zu protestieren. Ich scheitere ja schon an der Bedienung eines Segelbootes. Physik überlasse ich dito sowieso den Kanzlerinnen unserer Republik.
Harsch wurde ich belehrt, „für so moderne Dingens bräuchte es gar keine Fachkenntnisse mehr!“ Und ein Flughafenbediensteter werde mir die nötige Einweisung geben.
Tatsächlich befand ich mich keine halbe Stunde später in der Luft, mein weniges Gepäck an Bord verstaut, und mit einem Dienstausweis versehen „der mir vor Ort alle etwa nötige Unterstützung sichern würde!“.
Da man sich noch zu erinnern vermeinte, unser Zollamt sei ehedem für einen Abschnitt an der westlichen Grenze der Republik zuständig gewesen, wurde ich dementsprechend nach Westen geschickt.

Eine Mission

Der Rhein in seiner Funktion als Grenze diente zahlreichen und dient bis heute (nicht mehr ganz so zahlreichen) Literaten als Aufhänger und Inspiration zur Reflexion über Identitäten, Verschiedenheiten und Möglichkeiten der anwohnenden Volksstämme. In der folgenden Geschichte von Bdolf (einem der privaten Rheinsein-Förderer und genialen Zuträger zahlloser Anekdoten aus dem Hoch- und Oberrheinraum) wird der deutsche Schicksalsstrom nicht explizit erwähnt und der Andere/Fremde verschwindet einfach hinter den greifenden Maßnahmen eines umfassenden Regelwerks, jedoch dürfen Breisgau und Markgräflerland stillschweigend als Ausgangslage der prekären Mission begriffen werden, der weitere Kurs scheint deutlich gen Elsaß gesetzt, und natürlich regiert der Trash, ein hochmetaforischer zudem, wie stets in Bdolfs heimatverbundenen Geschichten, wie stets auch in echt, sobald die Menschheit oder repräsentative Teilmengen daraus in Aufbruchslaune geraten. Was in Geschichtsbüchern stets dreist heroisiert und verstaatsmännlicht wird, beschreibt Bdolf aus der sympathischen Sicht des kleinen Mannes, der den Job zu erledigen hat. Ein Gastbeitrag in drei Teilen:

Eine Mission (von Bdolf)

Ich war überrascht.
Obwohl ich nicht das kleinste Rädchen in unserer Behörde darstelle, kam ein Auftrag dieser Größenordnung doch vollkommen unerwartet.
Es mochte damit zusammenhängen, dass man davon ausging, ich habe die geringsten persönlichen Bindungen in meiner Rangstufe. Damit sind vor allen Dingen solche familiärer Natur gemeint.
Ich bin kinderlos und habe derzeit keine feste Beziehung.
„Sie sind der Mann! Dafür!“, orakelte Dr. Raffelhüschen, der Abteilungsleiter.
Unsere Situation ist eigenartig.
Wir sind ein Bezirkszollamt der Republik.
Wie schon der Name sagt, „Zollämter“ sind für gewöhnlich in der Nähe einer Grenze angesiedelt.
Zölle an sich spielen schon lange keine heraus gehobene Rolle mehr, gelang es doch durch eine Annäherung und Aussöhnung mit den angrenzenden Nachbarn Handel und Wandel deutlich von bürokratischen Hemmnissen zu befreien und wesentliche Erleichterungen für den Geld- und Warenaustausch einzuführen.
Entsprechend ist in der jüngeren Vergangenheit die Bedeutung der direkten Zölle zurückgegangen; würde unsere Behörde sich nicht auch mit allgemeiner Gewerbeaufsicht, Kontrolle der Hygiene, der Arbeitsvorschriften und des Eichwesens befassen – längst hätten vorgesetzte Stellen entscheiden müssen, ob eine derartige Einrichtung sich noch lohnte, noch zeitgemäß oder nicht überlebt und überflüssig –
Die ganz alten Kollegen vermeinen sich noch zu erinnern, „als sie damals anfingen, wäre mit den Zollabgaben noch richtig Geld gemacht worden …!“, es gibt aber unter ihnen auch durchaus ernst zunehmende Stimmen, die zu Protokoll geben, „zu der Zeit, als sie damals anfingen, habe es noch ältere Kollegen gegeben, die sich noch hätten erinnern können, früher sei mit dem Zoll auf ausländischen Waren noch Geld verdient worden …!“, ich für meine Person jedenfalls kann mich nur an Geldeintreibungen aus Strafbefehlen wegen Nichtbefolgens einschlägiger Vorschriften entsinnen, meines Wissens kam es während meiner gesamten Berufslaufbahn noch nicht vor, dass der gewichtige blau-rote Ordner mit den amtlichen Abgabesätzen aus dem Regal hätte geholt werden müssen.
Manche meinen, er sei längst verloren gegangen und selbst wenn so ein Fall sich je wieder ereignen sollte, könne unsere Behörde daher schon nicht wie vorgesehen agieren.
Da es sich hierbei um einen rein theoretischen Fall handelt, ist es absolut unnötig, sich mit müßigen was-wäre-wenn-Überlegungen aufzuhalten.
Dr. Raffelhüschen war außergewöhnlich ernst.
„Schulze Zwo – wir haben hier ein wirkliches Problem … !“, er hatte mich in sein Büro gebeten, nicht ohne etwas von „äußerster Diskretion!“ zu zischeln, ich war vor seinen enormen Schreibtisch komplimentiert worden, hatte mich auf seine Aufforderung hin platziert, nun fixierten mich seine stahlblauen Augen und er beabsichtigte offenbar weitergehende Ausführungen.
„Die Lage ist ernst – Schulze Zwo!“ – „Schulze Zwo“ war mein behördeninterner Name – „Schulze Eins“ war ein dienstälterer Kollege in der Fachregistratur Eichbetrug, ich als dienstjüngerer also „Schulze Zwo“, so wollte es der Brauch bei Namensdoppelungen – Sie wissen von dem merkwürdigen Phänomen mit unseren Grenzen – nun gut, in dieser Hinsicht können wir uns immer sagen, unser Land wächst – höchst erfreulich – also dehnt es sich aus – hm … ähm … “, unsere Blicke begegneten einander.
„Aber“, nach kurzem Innehalten, bei einem so merkwürdigen Thema war seine nur zu offensichtliche Unsicherheit verständlich, „nun sind anscheinend auch die Verhältnisse hier im Inneren betroffen – unser Kontakt zur Hauptstadt wird immer spärlicher … immer langwieriger und umständlicher, neuerdings scheint auch die Distanz durch Funk und Telegraphie nur mehr sehr langwierig und umständlichst zu überbrücken … –“
Mit einem kennerischen Nicken quittierte er meinen bestürzten Gesichtsausdruck.
„Schulze – auch ohne ausdrückliche Anordnung durch unsere vorgesetzte Behörde, es ist an der Zeit unsere Grenzeinrichtungen einer Revision zu unterziehen … Sie verstehen – der dienstplanmäßige Revisionszyklus … !“
Ich schluckte trocken.

Wo beginnt der Kreis

Jünger als andere schätzt Horst Johannes Tümmers, ehemaliger Leiter der Kölner Stadtbibliothek, fleißiger Rheinwanderer und Verfasser des empfehlenswerten Buchs „Der Rhein. Ein europäischer Fluß und seine Geschichte“ das Alter des Rheins und packt diese Schätzung in einen anschaulichen Vergleich: „Die Erde, versichern Geologen, sei 4,5 bis 4,7 Milliarden Jahre alt. Den Rhein in seiner heutigen Gestalt gibt es erst seit dem Abklingen der letzten Eiszeit, seit etwa 10.000 Jahren. Die Geschichte des Rheins würde in einer Erdgeschichte von 230 Bänden zu je 1000 Seiten, wobei jede Seite 20.000 Jahre beschreibt, im letzten Band nur die letzte halbe Seite füllen.“ Dafür hat sich in diesen letzten rund zehntausend Jahren umso mehr Literatur über den Fluß angesammelt. Und überhaupt: diese Geburtsstundenfestmachungen – mit 200 Millionen Jahren Spielraum. Ein Fluß, solang er fließt, ist im Fluß, dh, es handelt sich um ein zyklisches Ereignis. Wo beginnt der Kreis? „Wie entstand der Rhein? Flußgeschichte gehört in den größeren Zusammenhang der Erdgeschichte. In ihren frühesten Anfängen raste die Erde – eine Art Kugel aus hochverdichteter, glutflüssiger, mit Gasen angereicherter Schmelze von 3000°C – 5000°C im Erdkern – mit hoher Geschwindigkeit um die Sonne. In ungezählten Jahrmillionen erkaltete ihre Außenhaut und bildete jene dünne Kruste von etwa 60 Kilometern Tiefe, die bis heute das glühende Magma des Erdinnern umschließt, im Vergleich nicht dicker als die Schale eines Apfels. Damals entstand auch das Wasser; es schlug sich aus der Atmosphäre als nicht enden wollender Regen auf der erkaltenden Kruste nieder. Diese Kruste ist das Grundgebirge, das aus Kristallin besteht. Der Rhein wird im Kristallin des Gotthardmassivs entspringen, in den ältesten Gesteinen der Erde also.“ Soweit Tümmers. In Kürze wird sich Rheinsein in diese Kristallinlandschaften begeben, um den Beginn des Kreises zu unter/suchen.

Unkeler Basalte

„Der Unkeler Steinbruch gehört unstreitig zu den grössten mineralogischen Merkwürdigkeiten unsers deutschen Vaterlandes. Häufig angestaunt und bewundert, selten aufmerksam untersucht, kann er jedem Naturforscher noch reichen Stoff zu neuen Beobachtungen darreichen. Zwar gab Herr Collini eine weitläuftige Beschreibung davon in seinem vortreflichen Journal d’un voyage mineralogique. Aber die Lage der Basalte hat sich, seit jener Reise, merklich verändert. Herr de Luc, dessen philosophischer Geist ungern lange bei den Wirkungen verweilte, sondern immer nach den Ursachen spähte, betrachtete die Unkeler Basalte nur flüchtig. Er wollte den Anfang jenes mächtigen Lavastroms sehen und wurde durch die Entdeckung eines – handbreiten Craters für seine mühsamen Nachforschungen elend belohnt. Ich bin nicht eitel genug, um die Lücke ausfüllen zu wollen, welche zwei so berühmte Mineralogen gelassen haben. Ich liefere hier nur einzelne Beiträge zur genauern Kenntniss der Rheinischen Gebirge. Zu einer Zeit, in welcher der Streit über die porösen Steinarten so lebhaft geführt wird, kann dieser kleine Versuch vielleicht nicht ganz ohne Interesse erscheinen. Ich habe mich bemüht, bei der Beschreibung der Linzer und Unkeler Basalte überall Rücksicht zu nehmen: auf die Gebirgsart, welche sie durchbrechen, auf die Gestalt der Säulen, auf ihre Lage gegen den Horizont, auf ihr Streichen nach dieser oder jenen Weltgegend u. s. f. Die Angaben der äussern Kennzeichen sind nach den meisterhaften Vorschriften des Herrn Werners entworfen. Vielleicht würde man es, wenn man diese Vorschriften allgemeiner befolgte, ohne Vernachlässigung der chemischen Analysen (welche immer den Vorzug behalten) es in der Oryktognosie endlich so weit, als in der Botanik bringen, und, nach vollständigen Definitionen, eben so über ungesehene Mineralien, als über ungesehene Pflanzen urtheilen können. Dass ich die Kräuter, Moose und Flechten überall mit anführe, welche ich auf den Basalten fand, werden Viele für sehr überflüssig halten. Ich glaube mich aber durch die Gründe, welche ich in der Abhandlung selbst dafür anführe, und noch mehr durch das Beispiel grosser Naturhistoriker von diesem Vorwurfe befreien zu können (…)“ heißt es vorangeschickt und wenig zerstreut in Alexander von Humboldts Vorrede zu „Mineralogische Beobachtungen über einige Basalte am Rhein – Mit vorangeschickten, zerstreuten Bemerkungen über den Basalt der ältern und neuern Schriftsteller. Braunschweig, In der Schulbuchhandlung 1790“, in welchen der rheinische Stein und die ihn bevölkernde rheinische Pflanze aufs ursächlichste unter die Lupe genommen werden. Immer wieder erstaunlich, auf die Ausformungen des Erdkörpers verwiesen zu werden, das Enstehen und Vergehen von Landschaften, ganzer Gebirge und die Akribie des Menschen, solche Eindrücke einzufangen und festzuhalten, die zugleich in unfaßbarem Maße über ihn hinwegrollen: das Rauschen der Jahrmillionen, das Knacken der Jahrmilliarden, die unsägliche Hitze und das lächerlich kulissenhaft Formale brodelnder Unendlichkeit.