Monatsarchiv für September 2009

 
 

Betriebsausflug an den Rheinfall

hinter Montaigne stehn, wie er da hockt, den
Buckel rund & Stift gezückt, den Rheinfall
zu beschreiben: das ist doch nix, das is nur laut
(Francis Ponge referiert über leis gestellte
Verstärker seine feinsinnigen Beobachtungen
zur Lithografie), barbarisch, deutsch, zum aus
der Haut (der Rhein ein Zwitter aus Wasser &
Stein), der Wein war gut, doch kein Wort übers
Essen. (ein feiner Lithograf der Fluß) hinter
Montaigne da am Rheinfall stehn, Montaignes
Arsch als Fußball sehn, zum Freistoß angetreten!
(Gedächtnisnerven, Fragilität und Zärtlichkeit)
da rauscht der Schlund, der weiße Schaum, kein
Untier, hätt es noch so krumme Zehen, könnt
diesen Fels erklimmen. Montaigne halb foto-
grafiert: ganz groß was der so formuliert
„je suis dont je mange“. später wie immer im
Imbiß: Gespräche, Seligkeit, Manifeste &
tapfer den Tag überstehende Ketchupreste

Rheinsein-Lesung

Nach drei Rheinsein-Lesungen in Köln (März), Aachen (Juli) und Karlsruhe (September), letztere als Podcast abrufbar bei Online Radio Mühlburg gastiert Rheinsein heute zum zweiten Mal in diesem Jahr auf der Lesebühne im Kölner Raketenclub. Rheinsein debattierte in diesem Rahmen bereits mit dem Publikum über die genaue Anzahl der Windmühlen in Xanten und Zons; die Lokalpresse zeigte sich angetan bis begeistert. Beginn der heutigen Veranstaltung ist 20.30 Uhr, der Raketenclub liegt in einem Hinterhof der Weidengasse 21 im Eigelsteinviertel und ist von den Verkehrsknotenpunkten Hauptbahnhof und Hansaring in jeweils fünf Minuten zu Fuß erreichbar.

Gautier in der Rätemateng

Mais une heure de matin venait de sonner, et, à cette heure Dusseldorf dort un sommeil paisible. Nous voilà engagé à travers les rues obscures, longeant les facades éteintes et cherchant quelque hôtel, quelque gasthaus ouvert. Tout en errant au hasard, nous pensions que Dusseldorf était la patrie de Henri Heine, et que peut-être nous passions, sans le savoir, par cette rue Bolker où il vit le jour pour la première fois, et ou il apprit à écrire avec de la craie sur une porte brune. Nous nous étonnions de ne pas apercevoir à travers l`ombre le fou Aloysius danser sur un pied en psalmodiant les noms des généraux francais, et l`ivrogne Gumpertz se vautrer dans le ruisseau en chantant Malbrouck. Tous les détails sur Dusseldorf dont l`auteur des Reisebilder et de l`Intermezzo a semé sa délicieuse fantaisie du Tambour Legrand nous revenaient à la mémoire; mais, comme ils étaient plus poétiques que topographiques, ils nous ne servaient pas à grand`chose. Enfin nous débouchâmes sur une espèce de place qu`un noir fantôme équestre, l`électeur Johann Wilhelm, à cheval, busqué dans sa cuirasse et coiffé d`une longue perruque de bronze, nous fit reconnaître pour la place du Marché; ce qui n`avancait pas beaucoup nos affaires. Près de la statue, nous discernàmes un objet de cinq ou six pieds de haut, carré à la base, pointu au sommet, découpant dans la nuit la vague silhouette d´une guérite; mais, en nous approchant, nous vîmes que la guérite était un soldat prussien dans sa capote grise, et surmonté du casque à paratonnerre: nous avions pris le contenu pour le contenant, le fruit pour l`enveloppe, – voilà tout.

Gautier passiert die Loreley

Le ciel s`était couvert; des amoncellements de nuées opaques rampaient sur ces noires murailles sillonnées, ravinées, s`avancant jusque dans l`eau. Un bateau sombré dont les mâts seuls paraissaient encore, formant des remous d`écume dans le fil du courant, disait que, si les burgraves n`étaient plus à redouter, le fleuve l`était encore; – du reste, on ne saurait s`imaginer combien sont nombreux ces nids de faucons féodaux; pas une pointe de roc, pas un escarpement qui ne porte le sein protégeant ou plutôt menacant un passage, un bourg, une petite ville. Ils sont littéralement les uns sur les autres, presque aussi près dans la réalité que sur la carte. Vus du fleuve, ces bourgs présentaient à peu près le même aspect, et il serait malaisé d`en rendre les différences par la description; d`ailleurs, le bateau, sous la double impulsion de la vapeur et du courant, file si vite, qu`à peine a-t-on le temps de les apercevoir. Au Schloss-Rhenstein succède le Falkenburg, puis viennent le Sonneck, le Heimburg, le Rhindiebach, Bacharach avec son château de Staleck et sa chapelle de Saint-Werner, tout cela sur la rive gauche du fleuve. Il faut bientôt se retourner. Le Pfalz, un espèce de bastion hérissé d`une foule de clochetons et de tourelles en poivrière, émerge du Rhin à droite, au pied des ruines de Gutenfels. Le Pfalz dépassé, voilà que, sur l`autre bord, se dresse le Schonberg, et qu`on vous signale Oberwesel. Ne regardez plus Oberwesel, vous laisserez passer sans les voir les Sept-Jeunes-Filles. Diable! ce serait dommage! Sont-elles jolies, ces Sept-Jeunes-Filles. Ce sont sept rochers à fleur d`eau sur lesquels ne se peigne aucune ondine, aucune elfe aux cheveux verts. Bon! voici le Lurleifelsen, dont la roche s`avance comme un promontoire dans le fleuve. La Concordia salue en passant, d´un coup de canon, l`écho célèbre du lieu, qui répond en honnête écho incapable de tromper la confiance des voyageurs et de la compagnie.

Rheinische Wasserheilige

Brunnen- und Quellenheilige sind ein Fänomen entlang des Rheins von den Alpen bis mindestens in Kölns nordöstliche Ausläufer (was Wunder, wo´s in Köln ja besonders heilig zugeht). Manche dieser Orte und Namen sind aus Sagen überliefert, darunter viele Lokalheilige und -selige (nebenbei: übertrifft der Zustand der Heiligkeit wirklich jenen der Seligkeit oder basiert die abgestufte päpstliche Selig-, und dann womöglich erst Heiligsprechung auf einem frühen, konsensgewordenen Kirchenbeamtenscherz?), die in den gängigen Weltheiligenkalendern gerne durchs Raster fallen. Die kultische Bedeutung der Quellorte geht dabei angeblich meist noch auf keltische Ursprünge zurück, im Zuge der Christianisierung wurden sodann die alten Mythen von christlichen Legenden überlagert. (Schon an den drei Wurzeln der Weltesche Yggdrasil aus den nordischen Sagenzyklen lagen je quasi-heilige Quellwässer, Kelten und Germanen gehen eh irgendwie ineinander auf, der griechisch-römische Mythenkomplex kennt natürlich ebenfalls (halb)göttliche Quellgestalten – es ist sozusagen alles eine zünftige, kräftig ziehende Suppe.) Heilige Brunnen und Quellen enthalten nun also Heil, viele solcher Heilwässer ziehen Augenleidende an, über die Heilung von Kurzsicht ist wenig bekannt. Chemisch-fysikalisch sind die meisten Eigenschaften und Reaktionen von Wasser zwar bekannt und nutzbar, viele aber bleiben dennoch unerklärlich: Gottesbeweis oder Beweis für den Zustand der Wissenschaft? In den 1930ern stellte der österreichische Wasserforscher Viktor Schauberger die These auf, daß in einem Glas Wasser mehr Energie steckt als wir uns vorstellen können. Kern seiner Theorien war, daß Wasser als „Motor der Erde“ funktioniert. Nach erfolgreichen Entwicklungen im Flußbau (Schauberger hatte 1935 auch einen alternativen Vorschlag für die Alpenrheinregulierung eingebracht, der aber bei den Verantwortlichen der Rheinbauleitung kein Gehör fand), wandte er sich innovativen Techniken der Wasserbelebung zu. Er entwickelte zahlreiche Maschinen und Patente, war aber letztlich erfolglos in der Umsetzung seiner Ideen. Von interessierten Esoterikern, die “belebte” Wasser verkaufen, ist Schauberger mittlerweile in eine Art Heiligenstand erhoben.

Hoch überm Rhein

Wenn ich poetisch motiviert am Rhein unterwegs bin, dann zumeist anhand von Plänen, von denen ich mich jedoch am liebsten möglichst zügig und originell ablenken lasse, was dann wiederum nicht immer leicht erfüllbare Erwartungen in mir hervorruft, welche solche Pläne im Nachhinein bisweilen wiederum sinnvoll erscheinen lassen, denn fehlt die passende Ablenkung, können sie immerhin ja noch tatsächlich verfolgt und sogar in die Tat umgesetzt werden. Dabei geht es methodisch meist um Annäherungsversuche an die Seele einer Ortschaft, eines Landstrichs, einer Region. Ist die Zeit knapp bemessen, steigt das Risiko für falsches Herangehen und Fehlurteile. Das ist überall so, nicht nur in der Poesie. Ist die Zeit zum Erkunden dieses oder jenen rheinischen Seins also knapp bemessen, geht’s auf die touristisch vorgegebenen Hauptattraktionen und in mindestens eine Seitenstraße – oder auf einen Nebenpfad in der Natur. Noch in den 90ern habe ich solche Attraktionen und Aussichtspunkte gemieden – war genug Muße, einen Ort zu erkunden, erschlossen sich die allgemein anerkannten, millionenfach begafften und fotografierten Glanzlichter ohnehin wie nebenbei. Relevante Informationen und Weltein- wie -überblicke waren damals eher in Kellerbars oder beim Schlaf auf Waldboden und Parkbänken zu erhalten. Vielleicht wären auch die Häuser Gottes gute Anlaufpunkte gewesen, allein, ich mied sie, da sie mich seinerzeit eher bedrückten als inspirierten. Zumindest was die Ortschaften anlangte, gab es eigentlich fast überall öffentlich zugängliche Räume und nicht selten ließ ihre äußere Gestaltung auf die Wertigkeit der zu erwartenden Information schließen. Hier speisten und tranken die Wichtigtuer aller Stände, dort die Sonnenbankgebräunten, dort die Siffpunks, dort Athleten, dort als Cowboys verkleidete Männer, die akademischen Künstler hatten ihre Bar, die nichtakademischen hatten vier andere, in der einen trafen sich metalhörende Beamte, in der anderen tanzten Gurugläubige ekstatisch zu leise gedrehter Mainstreammusik, in einer butzenscheibengeschützten saßen die käsigen Helden des Viertels und verstummten für exakt siebzehn Sekunden, sobald ein Fremder eintrat. Alles, was nicht lieber zuhause blieb, hatte seine Bar. Und dort wurde gequatscht. Und dann gab es noch diejenigen Bars, in denen sich (fast) all diese Szenen mischten, was frühestens ab Mitternacht erlaubt war. Wer zum Beispiel in den 90ern die Seele Düsseldorfs erkunden wollte, der sollte mal im Melody gewesen sein, wo sie Nacht für Nacht austropfte – nicht, daß es immer ein schöner Anblick war. Seelen sind ja Gemische aus hübscheren und ekligeren Zutaten, das Klima, die geografische Lage, sowie der zugelassene Geist einer Region bestimmen die Häufigkeit und Beschaffenheit ihrer Ausbrüche. Dichter ist kein leichter Beruf. Der monetäre Verdienst ist mager, der ständige 24-Stundeneinsatz härtet ab und laugt zugleich aus, und von gutbezahlten Kritikern muß man sich in unregelmäßigen Abständen anhören, daß man noch nicht genug hungere, um endlich gescheite Texte abzuliefern. Aber es ist doch ein schöner Beruf: zwar können die Kritiker uns Vorschriften machen, doch niemand braucht sie einzuhalten. Wir können schöne und häßliche Dinge sehen und sie nachher so hinbiegen wie sie uns gefallen, weil das unter lyrische Freiheit fällt. Ich begebe mich auf einen Aussichtspunkt oder in eine Kirche oder sogar mal noch in eine Bar, immer noch in Nebenstraßen und hier oben, von diesem Aussichtspunkt, fasse ich einfach mal zehntausend Jahre zusammen, jene zehntausend Jahre, die es den Rhein gibt, ich halte Zwiesprache mit dem Fels, dem abgesunkenen Tal, der versickerten Zeit. Bevor es hier den Rhein gab, gab es auch etwas. Es scheint verrückt, daß er nicht schon immer da war und noch verrückter scheint, daß er wieder verschwinden könnte. So verrückt wie die menschliche Existenz.

Rheinmeditation

“Kann mich kaum erinnern, ob ich die letzten ca 20 Minuten etwas gedacht oder mich bewegt habe. Ausgangslage war deine Fragestellung nach der Bedeutung des Rheins, daß ich etwas dazu sagen solle, oder schreiben. Schloß also die Augen und versuchte mir vorzustellen, wie du mitten in der Fahrrinne schwimmst. Also, du spinnst! – fiel mir dazu nur ein. Beim Sport mußt du stets gewaltig übertreiben. Fiel dann in eine Leere, die sich gewaschen hatte, nehme ich an. Ist mir im Wachzustand so noch nie erinnerlich passiert. Aber – jetzt kommt etwas: nur läßt sichs nicht beschreiben. Nicht genau jedenfalls. Ach was. Es sind tatsächlich Worte, die sich aus Buchstaben fügen, fliegen, auseinander, stieben, natürlich läßt sichs beschreiben. (Fragt sich nur, wofür? Für dich? Haha!) Stell dir einfach vor, die Wucht eines frontalen Autounfalls. Es gibt ja täglich viele davon. Du kennst die Bilder aus den Medien. Technik imitiert Natur, viel mehr haben wir ja nicht. Der Bergbach, der aus unbekannten Höhen in die Welt stürzt, sein erfrischend kühler Aufprall auf mein Hirn. Kühler: das Wort paßt ja. In meinem Kopf also weißes Rauschen, Bergbachgedröhne. Auch Schaum. Millionen Jahre in eine Sekunde gepreßt, falls du verstehst. Die Welt, das ist nur ein instabiles Blechchassis. Die Schaumblasen: alles Nullen, Teil- und Spaltnullen der großen wunderbaren Null. So eine Ewigkeit, randloses Loch, das alle Begriffe frißt. Du guckst da rein, weißte, und da rollen die ganzen ollen Situationen nochmal ab und dann läßt sich das Tempo bestimmen, mit dem sie abgespult werden sollen, obwohl es da überhaupt kein Tempo mehr gibt, das ist die letzte Kontrolle sozusagen, daß da noch einmal ein gewaltiger Einfluß ausgeübt werden kann, auf das Abhaken der ersten und letzten Dinge, bevor alles in Nichts aufgeht. Ich schnippel und scratch mir also meine Weltsicht nochmal zurecht, auf viel mehr als im echten Leben komm ich da auch nicht, die letzten Gedanken sind im Grunde genauso banal wie alle anderen zuvor und die Erinnerung sowas von biegsam. Über die ganzen moralischen Einflüsse muß ich doch etwas lachen. Vor allem als rötlichen Zellklump betrachte ich mich lange. Und dann der Rhein als Silberband. Ich, genährt mit tannengeräuchertem Schinken, als junger Weltmeister. Es war das beste Land aller Zeiten, eine gelebte Illusion, gestreckt mit Langeweile hielt das ja über Jahre. Ich schaltete diesmal schneller ab, hatte die Endlosschlaufe satt. Es kamen wieder diese Betrachtungen zur Minderwertigkeit der Anderen, lächerlich, so kurz vor dem Aus. Immer noch diese Überheblichkeit. Die Besten der Besten waren wir und unsere Freunde und die andern: minderwertig. Einmal hab ich mir das Wort „Liebe“ ins Kopfkissen eingestickt, einmal hab ich „Heute!“ auf die Innenseite der Haustür gesprayt, selbst an diesen exponierten Stellen waren die Bedeutungen der Begriffe schnell abgenutzt, übersehen und vergessen. Spätestens ab dieser Stelle ließe sich doch kein einziges vernünftiges Wort mehr sagen, als daß es an mir lag, kein Wort sonst, daß nicht tausend berechtigte Widersprüche hervorriefe, tausendundeinen. Genügt das? Ich könnte mir jetzt ein Leben schaffen wie ich es gern gelebt hätte und will wissen, was stattdessen war und fasse es einfach nicht. Meinem Herzen entspringt das Leben und stürzt sich durch meine Adern (Kontraktion/Extension, blabla, du weißt schon) und auf dem Touchscreen kann ich mit wenigen Fingerfiguren Ausschnitte herauszoomen usw usw und meistens stoße ich auf äußerst zähe Momente, während derer ich mit einem beachtlichen Maß an Dilettantismus die Zeit zu bekämpfen scheine. Die ja jetzt in einen Rahmen aus Zeitlosigkeit gefaßt ist – für eine knappe Lebensspanne, vor dem Hintergrund des Universums. Von dem ich bereits als kleines Kind wissen wollte, was eigentlich dahinter liegt. Was wiederum zu bedeuten scheint, daß ich selbst jetzt um mich und nur mich selber kreise, um diese wahnsinnige Annahme: daß alles aus mir entsteht und alles mit mir zerfällt. Blasen, Schillern, d.h.: Licht. Das Licht färbt die Dinge und das nennen wir „wunderbar“/“wofür es sich zu leben lohnt“ etc. Welch ein Ärger, von den ersten und letzten Dingen so garnichts zu begreifen! Aber falls danach wirklich so rein garnichts kommt, ist es doch eigentlich auch egal.” (S. Schwuttke)

Der Führer am Rhein (2)

Ob der Führer den Rhein (und seinen Bewohner, den Rheinländer, worüber im Rheinland durchaus gestriten wird) nun mochte oder nicht: in „Mein Kampf“ taucht der Suchbegriff nur an wenigen Stellen auf. Hitler sah demnach den „deutschen Strom der Ströme“ zum ersten Mal auf seinem Weg als Kriegsfreiwilliger in den Ersten Weltkrieg nach Flandern und schreibt von „stillen Wellen“, „zartem Schleier des Frühnebels“, „milden Strahlen der ersten Sonne“, die den Anblick des Niederwalddenkmals begleiten, während er als junger Schnauzbart und Teil endloser, “Die Wacht am Rhein” schmetternder Kolonnen dem Kitsch der Kriegsromantik erliegt. In Flandern angelangt, kühlt seine Kriegsbegeisterung mit der Zeit merklich ab, „der überschwengliche Jubel wurde erstickt von Todesangst“. Die weiteren Erwähnungen des Rheins fallen überwiegend in einigermaßen verworrenen Zusammenhang mit dem Bösen – letzteres in Hitlers verschriftlichter Gedankenwelt bekanntlich gern manifestiert von Franzosen einerseits, Juden andererseits, und den von beiden „unerbittlichen“ Todfeinden jeweils instrumentierten Afrikanern. In des künftigen Führers um Klarheit ringenden Hirn lauern schwarzhaarige Judenjungen stundenlang mit satanischer Freude im Gesicht auf ahnungslose deutsche Mädchen, auch schaffen die Juden den Neger an den Rhein, mit dem leicht paradoxen Ziel, die weiße Rasse erst zu zerstören und dann zu beherrschen. Profetische Worte vor den Zeiten von Europäischer Union und Globalisierung: „Ganz gleich, wer in Frankreich regierte oder regieren wird, ob Bourbonen oder Jakobiner, Napoleoniden oder bürgerliche Demokraten, klerikale Republikaner oder rote Bolschewisten: das Schlußziel ihrer außenpolitischen Tätigkeit wird immer der Versuch einer Besitzergreifung der Rheingrenze sein und einer Sicherung dieses Stromes für Frankreich durch ein aufgelöstes und zertrümmertes Deutschland.“ Die schleichende „Vernegerung“ Frankreichs geschieht in Hitlers Analyse aus „der sadistisch-perversen Rachsucht dieses chauvinistischen Erbfeindes“, die „Verpestung durch Negerblut“ über den nahen Rhein zu exportieren. Bevor stünde ein gewaltiges Siedlungsgebiet vom Rhein bis zum Kongo, von niederer=durchmischter Rasse immerhin: „erfüllt“.

Das Nahethal

(von Gustav Pfarrius)

Im Waldesdunkel, auf rauher Hart,
Da ward geboren ein Mägdlein zart;
Um seine Wiege starrte der Schnee,
Das that dem Herzen der Mutter weh,
Sie sprach: „Veklaget die Kleine nicht,
Ich will ihr vergelten der Kindheit Noth:
Wenn einst ums Haupt sie den Brautkranz flicht,
Dann seht sie glühen im Abendrot!”
Als hätt es verstanden der kindische Sinn,
So hüpfte die plaudernde Kleine dahin.
Und tanzte hinunter ins grüne Thal,
Den Wanderer grüßend wohl hundertmal:
Denn wo ihn der kühlste Schatten umfing,
und wo um die steilsten Felsen er ging,
Und wo er die üppigsten Fluren sah,
Da war auch die heimliche Schwätzerin nah,
Drum hat er zuerst, soviel bekannt,
Sie kurz die liebliche Nahe genannt,
Doch diese hatte nicht Rast noch Ruh,
Und eilte den Armen des Bräutigams zu.

Der Führer am Rhein

Von einem fleißigen Leser auf die Existenz eines Fotos von Adolf Hitler mit Rhein aufmerksam gemacht worden. Im Internet war es denn auch vorhanden und bald aufgetrieben, ein fantastisches Bild, nebenbei. Zunächst jedoch spuckte Google einen verheißungsvollen Buchtitel aus – Adolph (sic!) Waldeck: Der Führer am Rhein von seiner Quelle bis zur Mündung. Ein Handbuch für die Freunde der schönen Natur, der Kunst und des Alterthums, mit ausgewählten Balladen und Liedern, Bonn 1844. Eine kleine Mogelpackung. Die ersten, dem Autor wenig bedeutenden Rheinkilometer bis Mainz, werden in gefühlten siebeneinhalb Sätzen abgehandelt, die ebenfalls unbedeutenden Kilometer ab Düsseldorf in ähnlicher Manier. Zuhauf jedoch finden sich die versprochenen Balladen und Lieder, speziell mit historischen Bezügen auf den fokussierten Flußabschnitt, nicht selten schwerfällig anmutende Dichtung zur Hochzeit der Rheinromantik, welche meist Sagenstoffe bündelt. Levin Schückings bildungsbürgerliches Rheinlied macht den Auftakt und enthält ein paar Gran ebenjenes wuchtigen deutschen Ernsts, der Heine mit dazu veranlaßte, dem Volk sein Drittes Reich samt Desaster weiszusagen. Uhlands Straßburger Münstersage wirkt dagegen leichter, mit ihren verwunderten wechselgereimten Vierzeilern. Wolfgang Müllers trutzig-düstere Ballade von „der nächtlichen Erscheinung zu Speier“, gemeint ist die Wiederkehr der alten Kaiser: heute verfaßt, würden solche Zeilen als jene krude Mischung aus Esoterik und Nationalbewußtsein abgetan, die vor rund 80 Jahren in höchster Blüte standen. Fortan fällt in jedem zweiten Lied/Gedicht das Reimpaar Rhein/Wein. Rückert bereimt sauber „Die goldene Luft“, ein einst pestfrei gebliebenes Mainzer Sträßchen, flott sogar sind Kopischs (des Heinzelmännchendichters) Verse über den angeblich wegen niederer Standesherkunft angefeindeten, klugen Bischof Willegis. Adelheid von Stolterfoth äußert sich launisch zu Frauenlobs Tod. Simrock vervierzeilert die Sage von der schönen Gisela und Hans von Brömser, ihrem Vater, „dem Erbauer des Klosters Nothgottes, der auf dem Kreuzzug unter Conrad III. in Palästina nach glänzenden Waffenthaten in Gefangenschaft gerieth“, die Nebenflüße kommen zu Ehren und immer wieder erinnern die Strofen an mehr oder minder solide gemachte Promotion für eine Gegend, in der betuchtere Ausländer seit Mitte des 19. Jahrhunderts darob das deutsche Wesen zu finden hofften, mit Ausläufern bis in die Gegenwart.