Rheinspaziergang

Rotweißer Schal über schwarzer Lederjacke, korrespondiert mit dem Saucengemisch über seinen Pommes am Stehtisch. „Effzeeh, Effzeeh!“, schreit er, hält ne bleiche Bierdose in der Schwebe. Ausm Bahnhof dröhnts ebenfalls „Effzeeh, Effzeeh!“ vom Chor der schnauzbärtigen All-Podolskis. Eine Germanwings-Maschine fliegt lautlos in den Dom, in dessen Kuppel sie freischwingend verbleibt. („Wir senden das, aber später, und erstmal nur in den Lokalnachrichten.“) Rosmarin, Thymian und Lavendel wachsen auf der Treppe zur Rheinpromenade. Dazwischen tummelt sich ansatzlos eine der zahllosen rheinischen Festivitäten. Städtische Kasperletheater erteilen nachwachsenden Kölnern Generalvorababsolution: „Und wenn du den Ball in die Scheibe schießt, dann ist das halb so wild, du hast es nicht gewollt, daran trägt niemand schuld.“ Auf kleinen Promoscreens diverser volksnaher Aktionsbündnisse laufen knallige kleine Filme von aufsteigenden Luftballons vor einstürzenden Städten. Im halboffenen Festzelt schunkelt der Oberbürgermeister vor einer künstlich betriebenen Wochenendkulisse, die unermeßlichen kulturellen Reichtum generiert, während die alte Zellkultur zerfällt: „Lurens, dat is dä Mützing vun dr neue Moscheh em Ihrefeld, dä ruft uns hä ens probeweis, dat klingt äwwer beschtimmt vill löstiger vun dem singe Mingjarett.“ Die jüngste Tochter der letzten Wespe stöckelt arschwackelnd durch die Lüfte, der Himmel verschüttet ein Glas Wein. Ein Trupp CDU-Techniker ist bereits eine Woche vorm Wahltag mit Meßgeräten und Abhaklisten unterwegs, die Partei scheint sich ihrer Sache sicher zu sein: „Dann werden wir natürlich die Sonne austauschen, neue Regierungskoalition bedeutet automatisch auch neue Lichtverhältnisse.“ Würstchendunst weht vom „Bratort“, der luftigen mobilen Ölhöhle aus den WDR-Tatorten. „Einmal am Rhein“ singen die bekittelten Damen vom Grill gegen Schichtende einen Willi Ostermann-Klassiker. Dämmerung. Der Tag erhält einen beruhigenden Anstrich, Zeit auch für die Rheinelefanten, die tagsüber im Geschiebe dösend halbherzig nach Schwebteilchen rüsseln, nun auf Zugluft auszugehen. Selbst viele Einheimische wissen nicht, daß die gelegentlich auftauchenden, ovalen, glatten, schalen Stellen der gerippten Wasseroberfläche die einzig geeigneten für die gelegentlichen, membranen, dunklen Atemzüge der Rheinelefanten sind. Sie brauchen mit ihrem Rüsselende nur wenige Sekunden und Zentimeter die Wasserfläche zu dehnen, um genug Luft, Geräusche und Informationen für eine Woche Tauchgang aufzunehmen. Weiter südlich häutet sich der hauptsächlich von Robotern bewohnte, gläserne Rheinauhafen. In den leeren Gastronomiesälen bügeln und polieren elektronische Servicekräfte leeren Blicks das Wechselgeld. Der Rhein spürt den aufziehenden Herbst. Es ist ihm anzumerken, daß er nur noch schnellstmöglich nach Norden fliehen möchte, bis weit hinter den Winter.


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