Rhein vs Irrawaddy vs Tonle Sap

„Road to Mandalay“ heißt, nach dem fantastischen Gedicht von Rudyard Kipling, heute ein 1964 in Köln erbautes Rheinschiff, das seit Mitte der 90er zum Luxusliner umgebaut auf dem burmesischen Irrawaddy unterwegs ist. ARD-Asienkorrespondent Robert Hetkämper hat eine Doku darüber gedreht, die den ein oder anderen Vergleich mit dem Rhein geradezu herausfordert. Ähnlich wie 2007 an den Ufern des Tonle Sap in Phnom Penh, als Rheinsein sich von einer Halluzinogene verschießenden Vollsonne plötzlich durch gleißende, sich im von mächtigen Zahnlücken geprägten Gelächter uralter Nonnen auftuende, Tunnel hindurch in imaginäre Rheinwelten, wie sie Köln vor 150 Jahren noch ähnlich gekannt haben mag, versetzt fühlte, halb im weichen Asfalt, halb im Uferschlamm versank, durch Schlick und Schnecken watend mit irgendeiner abstrusen Limo in der Hand wieder zu sich kam, unter einem lumpigen schattenfächelnden Plastiksegel in einer an allen Ecken und Enden zerfetzt wirkenden Siedlung halbnackter Handnetzfischer und Fährarbeiter, bietet auch der Irrawaddy der Kamera zunächst „romantisch-idyllische“ Bilder schlichter Fischerhütten und Bambusflöße, ähnlich den Burgruinen des Mittelrheins ragen Tempelkuppeln pittoresk, wie es gern und treffend heißt, aus den Hügeln. Direkt hinter der Romantik aber liegt seit den Tagen ihrer Erfindung überall auf der schönen großen weiten Welt nichts weiter als die nackte Realität. Von Schmutz und Prunk, in diesem Fall. Entlang des Irrawaddy und zwischen den Pagoden der Zauberstadt Bagan siedelt die Armut mit freundlichem Gesicht. An Deck der “Road to Mandalay” entspannen Touristen mit Cocktails im Bordpool, in den Ortschaften, die sie passieren, ist der Irrawaddy selbst das einzig bekannte fließende Wasser, die Kreuzfahrt wirkt beschämend, unumgänglich entsteht der Eindruck, ein paar reiche Gaffer würden da durch einen Menschenzoo geschleust, während nächtliche Kamerabilder von der Pflege buddhistischer Heiligtümer eine nahezu unberührbare Kultur suggerieren, die sich wie nebenbei unter Tourismus und Regime wegduckt, aufs Eleganteste bei sich bleibt, vielleicht ein paar goldene Schweißtropfen verliert, nach denen sich die Jäger authentischer Eindrücke vergeblich bücken, weil sie sich bei Berührung in nichts auflösen. Zum buddhistischen Lichterfest schließlich setzen vom Luxusliner engagierte Dorffischer tausende schwimmender Laternen auf den nächtlichen Irrawaddy, die wie Lichter versunkener Metropolen flußab geistern – und erinnern an die pompösen Rhein in Flammen-Spektakel, die sie mit ihrer ergreifenden Naturnähe um Längen übertreffen.


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