Rheinmeditation

“Kann mich kaum erinnern, ob ich die letzten ca 20 Minuten etwas gedacht oder mich bewegt habe. Ausgangslage war deine Fragestellung nach der Bedeutung des Rheins, daß ich etwas dazu sagen solle, oder schreiben. Schloß also die Augen und versuchte mir vorzustellen, wie du mitten in der Fahrrinne schwimmst. Also, du spinnst! – fiel mir dazu nur ein. Beim Sport mußt du stets gewaltig übertreiben. Fiel dann in eine Leere, die sich gewaschen hatte, nehme ich an. Ist mir im Wachzustand so noch nie erinnerlich passiert. Aber – jetzt kommt etwas: nur läßt sichs nicht beschreiben. Nicht genau jedenfalls. Ach was. Es sind tatsächlich Worte, die sich aus Buchstaben fügen, fliegen, auseinander, stieben, natürlich läßt sichs beschreiben. (Fragt sich nur, wofür? Für dich? Haha!) Stell dir einfach vor, die Wucht eines frontalen Autounfalls. Es gibt ja täglich viele davon. Du kennst die Bilder aus den Medien. Technik imitiert Natur, viel mehr haben wir ja nicht. Der Bergbach, der aus unbekannten Höhen in die Welt stürzt, sein erfrischend kühler Aufprall auf mein Hirn. Kühler: das Wort paßt ja. In meinem Kopf also weißes Rauschen, Bergbachgedröhne. Auch Schaum. Millionen Jahre in eine Sekunde gepreßt, falls du verstehst. Die Welt, das ist nur ein instabiles Blechchassis. Die Schaumblasen: alles Nullen, Teil- und Spaltnullen der großen wunderbaren Null. So eine Ewigkeit, randloses Loch, das alle Begriffe frißt. Du guckst da rein, weißte, und da rollen die ganzen ollen Situationen nochmal ab und dann läßt sich das Tempo bestimmen, mit dem sie abgespult werden sollen, obwohl es da überhaupt kein Tempo mehr gibt, das ist die letzte Kontrolle sozusagen, daß da noch einmal ein gewaltiger Einfluß ausgeübt werden kann, auf das Abhaken der ersten und letzten Dinge, bevor alles in Nichts aufgeht. Ich schnippel und scratch mir also meine Weltsicht nochmal zurecht, auf viel mehr als im echten Leben komm ich da auch nicht, die letzten Gedanken sind im Grunde genauso banal wie alle anderen zuvor und die Erinnerung sowas von biegsam. Über die ganzen moralischen Einflüsse muß ich doch etwas lachen. Vor allem als rötlichen Zellklump betrachte ich mich lange. Und dann der Rhein als Silberband. Ich, genährt mit tannengeräuchertem Schinken, als junger Weltmeister. Es war das beste Land aller Zeiten, eine gelebte Illusion, gestreckt mit Langeweile hielt das ja über Jahre. Ich schaltete diesmal schneller ab, hatte die Endlosschlaufe satt. Es kamen wieder diese Betrachtungen zur Minderwertigkeit der Anderen, lächerlich, so kurz vor dem Aus. Immer noch diese Überheblichkeit. Die Besten der Besten waren wir und unsere Freunde und die andern: minderwertig. Einmal hab ich mir das Wort „Liebe“ ins Kopfkissen eingestickt, einmal hab ich „Heute!“ auf die Innenseite der Haustür gesprayt, selbst an diesen exponierten Stellen waren die Bedeutungen der Begriffe schnell abgenutzt, übersehen und vergessen. Spätestens ab dieser Stelle ließe sich doch kein einziges vernünftiges Wort mehr sagen, als daß es an mir lag, kein Wort sonst, daß nicht tausend berechtigte Widersprüche hervorriefe, tausendundeinen. Genügt das? Ich könnte mir jetzt ein Leben schaffen wie ich es gern gelebt hätte und will wissen, was stattdessen war und fasse es einfach nicht. Meinem Herzen entspringt das Leben und stürzt sich durch meine Adern (Kontraktion/Extension, blabla, du weißt schon) und auf dem Touchscreen kann ich mit wenigen Fingerfiguren Ausschnitte herauszoomen usw usw und meistens stoße ich auf äußerst zähe Momente, während derer ich mit einem beachtlichen Maß an Dilettantismus die Zeit zu bekämpfen scheine. Die ja jetzt in einen Rahmen aus Zeitlosigkeit gefaßt ist – für eine knappe Lebensspanne, vor dem Hintergrund des Universums. Von dem ich bereits als kleines Kind wissen wollte, was eigentlich dahinter liegt. Was wiederum zu bedeuten scheint, daß ich selbst jetzt um mich und nur mich selber kreise, um diese wahnsinnige Annahme: daß alles aus mir entsteht und alles mit mir zerfällt. Blasen, Schillern, d.h.: Licht. Das Licht färbt die Dinge und das nennen wir „wunderbar“/“wofür es sich zu leben lohnt“ etc. Welch ein Ärger, von den ersten und letzten Dingen so garnichts zu begreifen! Aber falls danach wirklich so rein garnichts kommt, ist es doch eigentlich auch egal.” (S. Schwuttke)


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