Monatsarchiv für September 2009

 
 

Stadtwandern – Der Karlsruher Rheinhafen

Der folgende Text ist ein Gastbeitrag von Matthias Kehle, zuerst erschienen in seinem Wander-Blog – Rheinsein dankt herzlich für den schönen Bericht!

Wo kann man an einem Ostermontag oder an Christi Himmelfahrt wandern gehen? Auf jeden Fall nicht im Schwarzwald, dachten wir uns vor einigen Jahren, es war an einem sonnigen, milden Ostermontag. Der Winter war früh verschwunden, die Forsythien und die Osterglocken blühten, wie sich das für Ostern gehört. Ganz einfach: Wir wandern zum Karlsruher Rheinhafen. Immer an der Alb lang, zartes Grün sprießt, ab und an begegnet uns eine Familie mit Hund oder ein paar bunte Radler, die hier wenig stören und dazu ein wenig die Enten beobachten. Oben rauscht streckenweise die B10, aber nach einer Stunde sind wir durch und marschieren an der Honsellbrücke und dem Heizkraftwerk-West vorbei, ein gewaltiger Quader, flankiert von Schornsteinen, dann geht es entlang den Hafenbecken. An der Schiffsanlegestelle des Beckens II vermissen wir das Fährschiff “MS Karlsruhe”, das wohl mit jenen alten Tanten auf Kaffeefahrt ist, die gerade nicht in der Straßenbahn nach Bad Herrenalb oder im Bus zum Mummelsee sitzen, wo sie uns auf dem Rückweg den Platz wegnehmen würden. Obwohl durchaus rüstig und standfest, blieben sie hartnäckig sitzen und machten keinen erschöpften Wanderern mittleren Alters Platz, sondern rümpften die Nase, weil wir ihre Nasen quälten. Über hundert Jahre alte Architektur, riesige Sandsteinlagerhallen, etwa das Kalag Getreidelagerhaus oder ein Hochwassersperrtor, entzücken uns, als seien es Murmeltiere, Bartgeier oder seltene Pflänzchen wie Himmelsherold, allesamt Gebäude, von denen wir bisher nicht wussten, dass es sie gibt und wofür man sie braucht.
Ein paar Kohlekähne liegen feiertäglich untätig herum, wir flanieren vorbei an den Schrotthändlern, bei denen Osteuropäer und Hartz-IV-Empfänger ihre paar Kilo Kabel abgeben, die sie beim Sperrmüll von den Kühlschränken, Toastern oder Computern abknipsen. Berge von zerquetschten Autos erfreuen uns beinharte Fußgänger, wir amüsieren uns über merkwürdige Firmennamen und haben Aha-Effekte (“Aha, hier ist also Vollack, und hier bei Carl-Spaeter-Stahlgroßhandel, da habe ich mich mal beworben.”)
Und vor allem: Hier, im Gebiet des Rheinhafens, herrscht Stille. Kein scheußliches Geräusch, keine Motorradverbrecher wie auf der Schwarzwaldhochstraße, keine durchgeknallen Mountainbiker zwischen den Verladestellen und Fabrikhallen. Österlicher Friede liegt in den leeren Bürogebäuden und den Hecken zur Nachbarfirma, der Fuhrpark ruht, die Bagger an einer Baustelle stehen schweigend, als täte sie nie ein Mensch bedienen. Niemand ist außer uns weit und breit zu sehen. Wenn nicht diese heitere Stille wäre, es wäre fast gespenstisch – ein verlassenes Industriegebiet, Karlsruhe ist ausgestorben, die Menschen sind geflohen, nur wir haben die Flucht verpasst und irren umher. Doch die Amseln singen und die Spatzen zwitschen, und kein verwaister Hund streunt vorbei und schnüffelt am Hosenbein meiner Frau. In den Fenstern der Büros stehen Ostergestecke und deuten auf weibliches Personal hin, immer wieder rote, blaue und gelbe Primeln, Tulpen und Osterglocken, ab und an ein Plastikhäschen oder ein Scherenschnitt auf’s Fenster geklebt.
Auf dem Rückweg, kreuz und quer durch Daxlanden, überqueren wir den leeren Parkplatz eines Baumarktes, steigen in ein einsames Holzpavillion und machten dort Brotzeit. Neben uns lagern große Säcke Blumenerde, eingeschlossen in einen Drahtkäfig. Hollywoodschaukeln und Gartenstühle ruhen angekettet in Sichtweite. Von Ferne ertönt ab und zu ein fröhliches Hupen, während wir Kartoffelsalat und Landjäger essen. Schade, hier wäre ein Bier nicht schlecht…

Fluss

“Fluss, Du fließt in alter Weise / durch Dein programmiertes Tal / in zeitloser Deutschlandreise / so schön und überregional” – gemeint sein kann mit diesen Zeilen wohl nur und ausschließlich der Rhein, den die Düsseldorfer Elektropopper von Rheingold in ihrem Stück aus den frühen 80ern besangen und lyrisch erstmals in sein neues elektronisches Bett zwangen. “Töne fließen wie ein Strom den Fluss hinauf / Ströme steuern diesen neuen Tonverlauf” löst sich der Refrain nach dem Naturvorbild in sich selbst und der typische NDW-Sound geht über in Wallen und Wogen, zieht selbstvergessen einem digitalen Meer entgegen. Aus der Tiefe des Songs treten unterdessen historische Überblendungen: “Du kennst Burgen und Ruinen / Spiegelglas und Edelstahl / Wir, wir bauen auf Platinen / und denken digital” – die auch bald drei Jahrzehnte später nichts von ihrer Aktualität eingebüßt haben. Fluss von Rheingold klingt wie eine ferne, aber stets präsente Erinnerung voll synekdotischer Wechsel zwischen dem Großen, dem Kleinen und dem Einen, Fluss von Rheingold klingt wie der Rhein.

Rheinspaziergang

Rotweißer Schal über schwarzer Lederjacke, korrespondiert mit dem Saucengemisch über seinen Pommes am Stehtisch. „Effzeeh, Effzeeh!“, schreit er, hält ne bleiche Bierdose in der Schwebe. Ausm Bahnhof dröhnts ebenfalls „Effzeeh, Effzeeh!“ vom Chor der schnauzbärtigen All-Podolskis. Eine Germanwings-Maschine fliegt lautlos in den Dom, in dessen Kuppel sie freischwingend verbleibt. („Wir senden das, aber später, und erstmal nur in den Lokalnachrichten.“) Rosmarin, Thymian und Lavendel wachsen auf der Treppe zur Rheinpromenade. Dazwischen tummelt sich ansatzlos eine der zahllosen rheinischen Festivitäten. Städtische Kasperletheater erteilen nachwachsenden Kölnern Generalvorababsolution: „Und wenn du den Ball in die Scheibe schießt, dann ist das halb so wild, du hast es nicht gewollt, daran trägt niemand schuld.“ Auf kleinen Promoscreens diverser volksnaher Aktionsbündnisse laufen knallige kleine Filme von aufsteigenden Luftballons vor einstürzenden Städten. Im halboffenen Festzelt schunkelt der Oberbürgermeister vor einer künstlich betriebenen Wochenendkulisse, die unermeßlichen kulturellen Reichtum generiert, während die alte Zellkultur zerfällt: „Lurens, dat is dä Mützing vun dr neue Moscheh em Ihrefeld, dä ruft uns hä ens probeweis, dat klingt äwwer beschtimmt vill löstiger vun dem singe Mingjarett.“ Die jüngste Tochter der letzten Wespe stöckelt arschwackelnd durch die Lüfte, der Himmel verschüttet ein Glas Wein. Ein Trupp CDU-Techniker ist bereits eine Woche vorm Wahltag mit Meßgeräten und Abhaklisten unterwegs, die Partei scheint sich ihrer Sache sicher zu sein: „Dann werden wir natürlich die Sonne austauschen, neue Regierungskoalition bedeutet automatisch auch neue Lichtverhältnisse.“ Würstchendunst weht vom „Bratort“, der luftigen mobilen Ölhöhle aus den WDR-Tatorten. „Einmal am Rhein“ singen die bekittelten Damen vom Grill gegen Schichtende einen Willi Ostermann-Klassiker. Dämmerung. Der Tag erhält einen beruhigenden Anstrich, Zeit auch für die Rheinelefanten, die tagsüber im Geschiebe dösend halbherzig nach Schwebteilchen rüsseln, nun auf Zugluft auszugehen. Selbst viele Einheimische wissen nicht, daß die gelegentlich auftauchenden, ovalen, glatten, schalen Stellen der gerippten Wasseroberfläche die einzig geeigneten für die gelegentlichen, membranen, dunklen Atemzüge der Rheinelefanten sind. Sie brauchen mit ihrem Rüsselende nur wenige Sekunden und Zentimeter die Wasserfläche zu dehnen, um genug Luft, Geräusche und Informationen für eine Woche Tauchgang aufzunehmen. Weiter südlich häutet sich der hauptsächlich von Robotern bewohnte, gläserne Rheinauhafen. In den leeren Gastronomiesälen bügeln und polieren elektronische Servicekräfte leeren Blicks das Wechselgeld. Der Rhein spürt den aufziehenden Herbst. Es ist ihm anzumerken, daß er nur noch schnellstmöglich nach Norden fliehen möchte, bis weit hinter den Winter.

52 Tage bis zum Meer

Eine Filmdoku von Anke Riedel und Carsten Linder bereist den Rhein von den Quellen bis zur Mündung, unter Berücksichtigung wie auch Aussparung so manch interessanten Fleckens, in knapp einer halben Stunde – während der Strom selbst etwa 52 Tage für die berühmte Strecke benötigt. Die Kamera startet vom Hubschrauber aus überm Tomasee und landet recht bald im Wasser. Das flott das Vorderrheintal hinab und zügig auch in den Bodensee schießt und dabei jede Menge alpiner Kleinstlebewesen mit sich trägt. Im Bodensee faulenzt der Rhein zwölf schöne Urlaubstage lang, als Hochrhein zieht er weiter, fällt, fängt sich und schon befinden wir uns im Taubergießen und verweilen einen Moment beim Flutenden Hahnenfuß. Nebenan im Kanal schütten Kies-Schuten das Bett des regulierten Laufes zwischen den Staustufen auf, 400.000 Tonnen jedes Jahr. Rekorde, Rekorde: Europas größter Fischpaß bei Iffezheim, ein künstlicher Wildbach aus Beton. Unterm Loreleyfels erreicht der Strom seine Höchstgeschwindigkeit, was durch Zeitrafferaufnahmen von den Mythenklotz umfahrenden Containerschiffen veranschaulicht wird. Roboterisierte Häfen. Auf der Landzunge zwischen Nederrijn und Waal grasen Wildpferde. Rekorde, Rekorde: Das Rheindelta gilt als das am dichtesten befahrene Gewässer der Welt und somit größte europäische Nachreifezone für Normsüdfrüchte.

Links vom Rhein und rechts vom Rhein

In loser Folge sieht sich Rheinsein Netzvideos zur Vielfalt des rheinischen Liedguts an. Der Titel Links vom Rhein und rechts vom Rhein von France Gall handelt von Liebe im Mondenschein und zwei Freundinnen aus Paris und Baden-Baden, die zu der manchmal schmerzhaften Einsicht gelangen, daß alle Mädchen überall glücklich sein wollen, egal ob ein großer Fluß zwischen ihnen liegt. Denn sobald die Französin samt ihrem Boy den Rhein quert, läßt selbiger Boy es sich nicht nehmen, in einem für die Aufnahmezeit typischen Anflug von freier Liebe die deutsche Freundin seines Girls heiß zu küssen. Der saftig orchestrierte und mit charmantem Akzent vorgetragene Schlager dürfte eindeutig aus der Spanne zwischen späten 60ern und frühen 70ern stammen und bietet neben schlichten Endreimen einigen genretypischen Schmiß, der sich zu bonbonbunter Luft verwirbelt.

septemberrhein

in zufallserrechneten luftstrudeln ueberm offenen
strom, kriechstrom: ewig kenternde moewen im
brom der tage. pappelndes blattwerk. kohlweiszlinge
die papier imitieren: fliegende schnipsel: gottmaschine

durch mehrere himmel gesiebt wiederholt die sonne
unerbittlich ihr ploppendes geraeusch. froschiges
am wegrand, hervorgewuergt aus hundeschluenden
letzte entsetzte wespen beim scannen von limonaden

die brennesseln fressen jetzt den flachhang. kleine
viecher, die zwacken. zwei dichter pruegeln sich im
gestruepp. um den besten vers, die beste laune &
richtig sinister zwirrt der plastikmuell in den buchten

Zehn Millionen Jahre Rhein

Vor geraumer Zeit erreichte Rheinsein folgende Pressemitteilung des Kölner Künstlers Georg Joachim Schmitt: „Am 23. September 2009 feiert der Rhein ein denkwürdiges Jubiläum: Genau zehn Millionen Jahre zuvor bahnte sich zaghaft der erste Rinnsal des Urrheins seinen Weg an Köln vorbei. Aus diesem Anlaß soll dem Rhein widerfahren, was Menschen seit Urzeiten selten verweigert wurde: An diesem Tag soll der Rhein getauft werden. Da sich sein Name in allen Kulturen und zu allen Zeiten bewährt hat, wird sein offzieller Taufname „Rhein“ lauten. In einer feierlichen Zeremonie am linksrheinischen Ufer unweit des Niehler Hafens, inmitten eines Hains, auf feinsandigen Boden, am seichten Gestade einer weit ausholenden Bucht, wird die Rheintaufe stattfinden. Die Taufsubstanz wird Wasser sein, das seinen Zuflüssen entnommen wurde, bevor es die Gelegenheit hatte, Rhein zu werden. Die Tatsache, daß ein sehr großer Teil des Rheins sich aus Zuflüssen speist, die eben noch gar nichts davon wissen, daß ihre Flüssigkeit demnächst einen anderen Namen tragen wird, wird bei der Rheintaufe genossen. Wenn der Rhein zu dem getauft wird, was er ist, fließt Wasser aus einer Taufkaraffe in den Rhein, das eigentlich längst Rhein geworden wäre: Er wird aus sich selbst getauft, in seinem Namen, auf seinen Namen. Seine Namen: Das sind die Quellbächlein, der namenlose Regen, Gischt, Nebel, tiefliegende Wolken, kleine Flüsse, geschmolzenes Gletschereis, Seen. Es wäre unmöglich, all das aufzuzählen, was den Rhein zum Rhein macht, ihn seit nunmehr 10 Millionen Jahren zu dem macht, was er ist: der schönste Fluß der Welt. Stellvertretend für alle anderen wurde die altehrwürdige Mosel auserwählt, als derjenige Zufluß zu dienen, der Taufwasser mit sich führt, ebenso ihr Zufluß Sauer, deren Zufuß Our, deren Zufluß Ulf und deren Zuflüsse Thommerbach, Huscheiderbach und Mühlenbach in den regenreichen Niederungen der Ardennen. All dies hilft sich gegenseitig zum „einen“ Rhein zu werden, indem es Namen annimmt und seine Namen wechselt.“ Womöglich ist Herr Schmitt aus Naturschutzgründen mit einer nibelungischen Tarnkappe zur Taufzeremonie erschienen, Rheinsein konnte ihn heute Nachmittag auf dem bezeichneten Areal jedenfalls nicht ausmachen. Das natürliche Rheinspektakel war aber auch nicht von schlechten Eltern: changierende Wetter prangten über den sandigen Niehler Buchten, die Sonne: mal brüllte sie unhörbar hochfrequent, dann hielt sie sich wieder bedeckt, am Bootsanleger gegenüber machte sich ein Schwarzgekleideter ritualartig zu schaffen, Schiffe und Vögel zogen Linien durch den Tag und auf dem Hafengelände spielten die Container Stapeldich. Südlich des Cranachwäldchens besprach eine Zehnergruppe protestantisch aussehender älterer Menschen im Kreis stehend und vom Blatt einen abgesägten Baumstumpf. Im Schwimmbad gab es Zwiebelkuchen und Pfälzer Federweißen, der auch für Traubensaft durchgegangen wäre, und als Rheinsein ob solcher Verlockung der letzten Wespe mit drastischen Worten die Jahreszeit klarmachen mußte, beging das erschreckte Tier umgehend im nächsten verblühten Zierstrauch Seppuku.

Die Overstolz vom Rhein

50er Jahre. Die bewegte Welt wirft ihre Schwarzweißketten ab und schminkt sich fortab mit der in Bonbonnieren entwickelten Technicolorpalette. Ein junges Paar – sie mit Steckfrisur, in mit stilisierten Schneekristallen betüpfeltem roten Dirndl, er mit Betonfrisur, in stahlgrauem Anzug – verläßt an einem blaustichigen Morgen das Portal eines todschicken Betonwohnhochhauses, neben dem ein weiteres todschickes Betonwohnhochhaus aus krautigen, von kränklichen Gehwegen zurechtgewiesenen Rasenflächen ragt. Sie streben zielsicher einem geräumigen offenen Cabrio im Bildvordergrund entgegen, in das der Mann mit großer Selbstverständlichkeit einsteigt. In der Folge entspinnt sich ein rhythmisch akzentuiert geführter Dialog.
Sie: „Hier dein Frühstück und dein Hut. Deine Tasche. Sei so gut, fahr behutsam, denk an dich und an mich.“ Sie küssen sich. Sie: „Ich liebe Dich. Hier die Overstolz vom Rhein, später rauchen, steck sie ein! Und besorgst du mir die Seide zu dem bunten Sommerkleide? Ach, beinah hätt ich es vergessen, was willst du heut Abend essen?“ Er: „Wenn du mich so reizend fragst, koch doch was du selbst gern magst. Leicht bekömmlich muß es sein – wie die Overstolz vom Rhein.“ Er fährt davon. Sie rememoriert, rauchend: „Leicht bekömmlich muß es sein – wie die Overstolz vom Rhein.“

Teilzeitrheinfee

Gott hat graue, mit Abwasser vollgesogne Putzlumpen unterm Himmel aufgespannt, eine Art Open Air-Scherz: alle zehn Minuten preßt er sie aus. Im Regen läßt sich die Stadt leichter erkunden. Alles wirkt distanzierter, wie erstmals echt. Irgendwann: ich fuhr runter zum Fluß, so ähnlich wie in dem Springsteen-Lied, nur mit dem Fahrrad und meine Süße war auch nicht dabei, bestenfalls in einer verwackelten Erinnerung (Selbstauslöser). Der Fluß strich über die Zeit, ein kältelahmes Reptil aus Wasser auf Beutezug durch die staubigen Hallen meiner Sehnsüchte: ziemlich leere Hallen, ziemlich unterbelichtete Aufnahmen. Durch meinen Schädel gingen unterdessen ein paar Strudel, der Rhein selbst driftete unentwegt von rechts nach links, schiens, ohne jemals zu verschwinden. Dann erreichte ich die Stelle, an der sie so glücklich aussah, damals, in einer Vergangenheit, die nur noch per Computer rekonstruierbar sein würde. Das Hochwasser hatte seine Pfützen am Ufer hinterlassen. Darin einige seltsame Tierchen. Für sie wäre das allenfalls Gewürm gewesen, oder Ungeziefer, sie hatte so eine indifferente Haltung selbst gegenüber den einzigartigsten Naturfänomenen: “Ich komme aus dem Großstadtslum, Autos sind meine Tiere.” Ich hatte diese Tierchen noch nie zuvor gesehen. Sie flitzten sinnlos durch die Pfütze, irre Choreografie, sowas wie “Jagen und Verstecken”, von jeglichem herkömmlichen Zweck befreit. Ich schaute mir das Durcheinander eine Weile an. Minuten und Stunden zogen vorbei wie der Fluß, ganz unbeteiligt. Allgemeines Patt vor Nieselkulisse. In schwer bestimmbarer Entfernung schlummerte die Kathedrale. Vielleicht pißte sie auch heimlich in den Strom. Kein Mensch ließ sich blicken, weit und breit. Schließlich entschloß ich mich, das Gewürm zu untersuchen. (Mußte meine deutsche Ader gewesen sein, die mich auf diese Idee brachte.) Einmal gefangen, machten die Viecher den Eindruck schleimiger grauer Flußgarnelen, an Land waren sie völlig hilflos, wälzten sich im Matsch und verkrümmten ihre schlammigen Leiber, fuhren die Füße ein, asselten und krampften ganz mitleiderregend. Die Tiere erinnerten mich an ihre asiatischen Schwestern, ein paar hundert Mal größer als dieses Rheingewürm, Mekong-Garnelen, wie sie auf den Speisekarten der Edelrestaurants in Phnom Penh zu finden waren. Diese Mekong-Flußgarnelen hießen Demoiselles, Frolleins also, oder Jungfern. Als ich durch Phnom Penh streifte, fuhr sie mit dem Moped durch Sansibar, beide stopften wir unsere Sommerlöcher und schoben die darob ermittelten Daten per E-Mail hin und her, gespickt mit halben Lügen wie sehr wir uns vermißten. Ich schnippte die Rheintierchen zurück in ihre Pfütze. Der Fluß stand auf einmal senkrecht. Dahinter, auf der anderen Seite der Welt, saß sie als vages Schema an ihrem Schreibtisch und frisierte unsere Daten.

Rhein vs Irrawaddy vs Tonle Sap

„Road to Mandalay“ heißt, nach dem fantastischen Gedicht von Rudyard Kipling, heute ein 1964 in Köln erbautes Rheinschiff, das seit Mitte der 90er zum Luxusliner umgebaut auf dem burmesischen Irrawaddy unterwegs ist. ARD-Asienkorrespondent Robert Hetkämper hat eine Doku darüber gedreht, die den ein oder anderen Vergleich mit dem Rhein geradezu herausfordert. Ähnlich wie 2007 an den Ufern des Tonle Sap in Phnom Penh, als Rheinsein sich von einer Halluzinogene verschießenden Vollsonne plötzlich durch gleißende, sich im von mächtigen Zahnlücken geprägten Gelächter uralter Nonnen auftuende, Tunnel hindurch in imaginäre Rheinwelten, wie sie Köln vor 150 Jahren noch ähnlich gekannt haben mag, versetzt fühlte, halb im weichen Asfalt, halb im Uferschlamm versank, durch Schlick und Schnecken watend mit irgendeiner abstrusen Limo in der Hand wieder zu sich kam, unter einem lumpigen schattenfächelnden Plastiksegel in einer an allen Ecken und Enden zerfetzt wirkenden Siedlung halbnackter Handnetzfischer und Fährarbeiter, bietet auch der Irrawaddy der Kamera zunächst „romantisch-idyllische“ Bilder schlichter Fischerhütten und Bambusflöße, ähnlich den Burgruinen des Mittelrheins ragen Tempelkuppeln pittoresk, wie es gern und treffend heißt, aus den Hügeln. Direkt hinter der Romantik aber liegt seit den Tagen ihrer Erfindung überall auf der schönen großen weiten Welt nichts weiter als die nackte Realität. Von Schmutz und Prunk, in diesem Fall. Entlang des Irrawaddy und zwischen den Pagoden der Zauberstadt Bagan siedelt die Armut mit freundlichem Gesicht. An Deck der “Road to Mandalay” entspannen Touristen mit Cocktails im Bordpool, in den Ortschaften, die sie passieren, ist der Irrawaddy selbst das einzig bekannte fließende Wasser, die Kreuzfahrt wirkt beschämend, unumgänglich entsteht der Eindruck, ein paar reiche Gaffer würden da durch einen Menschenzoo geschleust, während nächtliche Kamerabilder von der Pflege buddhistischer Heiligtümer eine nahezu unberührbare Kultur suggerieren, die sich wie nebenbei unter Tourismus und Regime wegduckt, aufs Eleganteste bei sich bleibt, vielleicht ein paar goldene Schweißtropfen verliert, nach denen sich die Jäger authentischer Eindrücke vergeblich bücken, weil sie sich bei Berührung in nichts auflösen. Zum buddhistischen Lichterfest schließlich setzen vom Luxusliner engagierte Dorffischer tausende schwimmender Laternen auf den nächtlichen Irrawaddy, die wie Lichter versunkener Metropolen flußab geistern – und erinnern an die pompösen Rhein in Flammen-Spektakel, die sie mit ihrer ergreifenden Naturnähe um Längen übertreffen.

Betriebsausflug an den Rheinfall

hinter Montaigne stehn, wie er da hockt, den
Buckel rund & Stift gezückt, den Rheinfall
zu beschreiben: das ist doch nix, das is nur laut
(Francis Ponge referiert über leis gestellte
Verstärker seine feinsinnigen Beobachtungen
zur Lithografie), barbarisch, deutsch, zum aus
der Haut (der Rhein ein Zwitter aus Wasser &
Stein), der Wein war gut, doch kein Wort übers
Essen. (ein feiner Lithograf der Fluß) hinter
Montaigne da am Rheinfall stehn, Montaignes
Arsch als Fußball sehn, zum Freistoß angetreten!
(Gedächtnisnerven, Fragilität und Zärtlichkeit)
da rauscht der Schlund, der weiße Schaum, kein
Untier, hätt es noch so krumme Zehen, könnt
diesen Fels erklimmen. Montaigne halb foto-
grafiert: ganz groß was der so formuliert
„je suis dont je mange“. später wie immer im
Imbiß: Gespräche, Seligkeit, Manifeste &
tapfer den Tag überstehende Ketchupreste

Rheinsein-Lesung

Nach drei Rheinsein-Lesungen in Köln (März), Aachen (Juli) und Karlsruhe (September), letztere als Podcast abrufbar bei Online Radio Mühlburg gastiert Rheinsein heute zum zweiten Mal in diesem Jahr auf der Lesebühne im Kölner Raketenclub. Rheinsein debattierte in diesem Rahmen bereits mit dem Publikum über die genaue Anzahl der Windmühlen in Xanten und Zons; die Lokalpresse zeigte sich angetan bis begeistert. Beginn der heutigen Veranstaltung ist 20.30 Uhr, der Raketenclub liegt in einem Hinterhof der Weidengasse 21 im Eigelsteinviertel und ist von den Verkehrsknotenpunkten Hauptbahnhof und Hansaring in jeweils fünf Minuten zu Fuß erreichbar.

Gautier in der Rätemateng

Mais une heure de matin venait de sonner, et, à cette heure Dusseldorf dort un sommeil paisible. Nous voilà engagé à travers les rues obscures, longeant les facades éteintes et cherchant quelque hôtel, quelque gasthaus ouvert. Tout en errant au hasard, nous pensions que Dusseldorf était la patrie de Henri Heine, et que peut-être nous passions, sans le savoir, par cette rue Bolker où il vit le jour pour la première fois, et ou il apprit à écrire avec de la craie sur une porte brune. Nous nous étonnions de ne pas apercevoir à travers l`ombre le fou Aloysius danser sur un pied en psalmodiant les noms des généraux francais, et l`ivrogne Gumpertz se vautrer dans le ruisseau en chantant Malbrouck. Tous les détails sur Dusseldorf dont l`auteur des Reisebilder et de l`Intermezzo a semé sa délicieuse fantaisie du Tambour Legrand nous revenaient à la mémoire; mais, comme ils étaient plus poétiques que topographiques, ils nous ne servaient pas à grand`chose. Enfin nous débouchâmes sur une espèce de place qu`un noir fantôme équestre, l`électeur Johann Wilhelm, à cheval, busqué dans sa cuirasse et coiffé d`une longue perruque de bronze, nous fit reconnaître pour la place du Marché; ce qui n`avancait pas beaucoup nos affaires. Près de la statue, nous discernàmes un objet de cinq ou six pieds de haut, carré à la base, pointu au sommet, découpant dans la nuit la vague silhouette d´une guérite; mais, en nous approchant, nous vîmes que la guérite était un soldat prussien dans sa capote grise, et surmonté du casque à paratonnerre: nous avions pris le contenu pour le contenant, le fruit pour l`enveloppe, – voilà tout.

Gautier passiert die Loreley

Le ciel s`était couvert; des amoncellements de nuées opaques rampaient sur ces noires murailles sillonnées, ravinées, s`avancant jusque dans l`eau. Un bateau sombré dont les mâts seuls paraissaient encore, formant des remous d`écume dans le fil du courant, disait que, si les burgraves n`étaient plus à redouter, le fleuve l`était encore; – du reste, on ne saurait s`imaginer combien sont nombreux ces nids de faucons féodaux; pas une pointe de roc, pas un escarpement qui ne porte le sein protégeant ou plutôt menacant un passage, un bourg, une petite ville. Ils sont littéralement les uns sur les autres, presque aussi près dans la réalité que sur la carte. Vus du fleuve, ces bourgs présentaient à peu près le même aspect, et il serait malaisé d`en rendre les différences par la description; d`ailleurs, le bateau, sous la double impulsion de la vapeur et du courant, file si vite, qu`à peine a-t-on le temps de les apercevoir. Au Schloss-Rhenstein succède le Falkenburg, puis viennent le Sonneck, le Heimburg, le Rhindiebach, Bacharach avec son château de Staleck et sa chapelle de Saint-Werner, tout cela sur la rive gauche du fleuve. Il faut bientôt se retourner. Le Pfalz, un espèce de bastion hérissé d`une foule de clochetons et de tourelles en poivrière, émerge du Rhin à droite, au pied des ruines de Gutenfels. Le Pfalz dépassé, voilà que, sur l`autre bord, se dresse le Schonberg, et qu`on vous signale Oberwesel. Ne regardez plus Oberwesel, vous laisserez passer sans les voir les Sept-Jeunes-Filles. Diable! ce serait dommage! Sont-elles jolies, ces Sept-Jeunes-Filles. Ce sont sept rochers à fleur d`eau sur lesquels ne se peigne aucune ondine, aucune elfe aux cheveux verts. Bon! voici le Lurleifelsen, dont la roche s`avance comme un promontoire dans le fleuve. La Concordia salue en passant, d´un coup de canon, l`écho célèbre du lieu, qui répond en honnête écho incapable de tromper la confiance des voyageurs et de la compagnie.

Rheinische Wasserheilige

Brunnen- und Quellenheilige sind ein Fänomen entlang des Rheins von den Alpen bis mindestens in Kölns nordöstliche Ausläufer (was Wunder, wo´s in Köln ja besonders heilig zugeht). Manche dieser Orte und Namen sind aus Sagen überliefert, darunter viele Lokalheilige und -selige (nebenbei: übertrifft der Zustand der Heiligkeit wirklich jenen der Seligkeit oder basiert die abgestufte päpstliche Selig-, und dann womöglich erst Heiligsprechung auf einem frühen, konsensgewordenen Kirchenbeamtenscherz?), die in den gängigen Weltheiligenkalendern gerne durchs Raster fallen. Die kultische Bedeutung der Quellorte geht dabei angeblich meist noch auf keltische Ursprünge zurück, im Zuge der Christianisierung wurden sodann die alten Mythen von christlichen Legenden überlagert. (Schon an den drei Wurzeln der Weltesche Yggdrasil aus den nordischen Sagenzyklen lagen je quasi-heilige Quellwässer, Kelten und Germanen gehen eh irgendwie ineinander auf, der griechisch-römische Mythenkomplex kennt natürlich ebenfalls (halb)göttliche Quellgestalten – es ist sozusagen alles eine zünftige, kräftig ziehende Suppe.) Heilige Brunnen und Quellen enthalten nun also Heil, viele solcher Heilwässer ziehen Augenleidende an, über die Heilung von Kurzsicht ist wenig bekannt. Chemisch-fysikalisch sind die meisten Eigenschaften und Reaktionen von Wasser zwar bekannt und nutzbar, viele aber bleiben dennoch unerklärlich: Gottesbeweis oder Beweis für den Zustand der Wissenschaft? In den 1930ern stellte der österreichische Wasserforscher Viktor Schauberger die These auf, daß in einem Glas Wasser mehr Energie steckt als wir uns vorstellen können. Kern seiner Theorien war, daß Wasser als „Motor der Erde“ funktioniert. Nach erfolgreichen Entwicklungen im Flußbau (Schauberger hatte 1935 auch einen alternativen Vorschlag für die Alpenrheinregulierung eingebracht, der aber bei den Verantwortlichen der Rheinbauleitung kein Gehör fand), wandte er sich innovativen Techniken der Wasserbelebung zu. Er entwickelte zahlreiche Maschinen und Patente, war aber letztlich erfolglos in der Umsetzung seiner Ideen. Von interessierten Esoterikern, die “belebte” Wasser verkaufen, ist Schauberger mittlerweile in eine Art Heiligenstand erhoben.

Hoch überm Rhein

Wenn ich poetisch motiviert am Rhein unterwegs bin, dann zumeist anhand von Plänen, von denen ich mich jedoch am liebsten möglichst zügig und originell ablenken lasse, was dann wiederum nicht immer leicht erfüllbare Erwartungen in mir hervorruft, welche solche Pläne im Nachhinein bisweilen wiederum sinnvoll erscheinen lassen, denn fehlt die passende Ablenkung, können sie immerhin ja noch tatsächlich verfolgt und sogar in die Tat umgesetzt werden. Dabei geht es methodisch meist um Annäherungsversuche an die Seele einer Ortschaft, eines Landstrichs, einer Region. Ist die Zeit knapp bemessen, steigt das Risiko für falsches Herangehen und Fehlurteile. Das ist überall so, nicht nur in der Poesie. Ist die Zeit zum Erkunden dieses oder jenen rheinischen Seins also knapp bemessen, geht’s auf die touristisch vorgegebenen Hauptattraktionen und in mindestens eine Seitenstraße – oder auf einen Nebenpfad in der Natur. Noch in den 90ern habe ich solche Attraktionen und Aussichtspunkte gemieden – war genug Muße, einen Ort zu erkunden, erschlossen sich die allgemein anerkannten, millionenfach begafften und fotografierten Glanzlichter ohnehin wie nebenbei. Relevante Informationen und Weltein- wie -überblicke waren damals eher in Kellerbars oder beim Schlaf auf Waldboden und Parkbänken zu erhalten. Vielleicht wären auch die Häuser Gottes gute Anlaufpunkte gewesen, allein, ich mied sie, da sie mich seinerzeit eher bedrückten als inspirierten. Zumindest was die Ortschaften anlangte, gab es eigentlich fast überall öffentlich zugängliche Räume und nicht selten ließ ihre äußere Gestaltung auf die Wertigkeit der zu erwartenden Information schließen. Hier speisten und tranken die Wichtigtuer aller Stände, dort die Sonnenbankgebräunten, dort die Siffpunks, dort Athleten, dort als Cowboys verkleidete Männer, die akademischen Künstler hatten ihre Bar, die nichtakademischen hatten vier andere, in der einen trafen sich metalhörende Beamte, in der anderen tanzten Gurugläubige ekstatisch zu leise gedrehter Mainstreammusik, in einer butzenscheibengeschützten saßen die käsigen Helden des Viertels und verstummten für exakt siebzehn Sekunden, sobald ein Fremder eintrat. Alles, was nicht lieber zuhause blieb, hatte seine Bar. Und dort wurde gequatscht. Und dann gab es noch diejenigen Bars, in denen sich (fast) all diese Szenen mischten, was frühestens ab Mitternacht erlaubt war. Wer zum Beispiel in den 90ern die Seele Düsseldorfs erkunden wollte, der sollte mal im Melody gewesen sein, wo sie Nacht für Nacht austropfte – nicht, daß es immer ein schöner Anblick war. Seelen sind ja Gemische aus hübscheren und ekligeren Zutaten, das Klima, die geografische Lage, sowie der zugelassene Geist einer Region bestimmen die Häufigkeit und Beschaffenheit ihrer Ausbrüche. Dichter ist kein leichter Beruf. Der monetäre Verdienst ist mager, der ständige 24-Stundeneinsatz härtet ab und laugt zugleich aus, und von gutbezahlten Kritikern muß man sich in unregelmäßigen Abständen anhören, daß man noch nicht genug hungere, um endlich gescheite Texte abzuliefern. Aber es ist doch ein schöner Beruf: zwar können die Kritiker uns Vorschriften machen, doch niemand braucht sie einzuhalten. Wir können schöne und häßliche Dinge sehen und sie nachher so hinbiegen wie sie uns gefallen, weil das unter lyrische Freiheit fällt. Ich begebe mich auf einen Aussichtspunkt oder in eine Kirche oder sogar mal noch in eine Bar, immer noch in Nebenstraßen und hier oben, von diesem Aussichtspunkt, fasse ich einfach mal zehntausend Jahre zusammen, jene zehntausend Jahre, die es den Rhein gibt, ich halte Zwiesprache mit dem Fels, dem abgesunkenen Tal, der versickerten Zeit. Bevor es hier den Rhein gab, gab es auch etwas. Es scheint verrückt, daß er nicht schon immer da war und noch verrückter scheint, daß er wieder verschwinden könnte. So verrückt wie die menschliche Existenz.