Monatsarchiv für August 2009

 
 

Dielhelms Vorderrhein

Kiloschwer ist der Rheinische Antiquarius und paßt doch in meinen Laptop: “Was unsers so weitberühmten Rheinstroms Urquellen, oder dessen Ursprung betrift, welcher von einigen für doppelt, von andern für drey= und noch von andern für vierfach gehalten wird ((Anm.: von wieder anderen gar für hundert- oder tausendfach, auch für garnicht genau benennbar, für wechsel- und lückenhaft, sowie für spekulativ (wer bitte hat den Rhein mit eigenen Augen wo genau entspringen sehen? Rheinsein freut sich über Augenzeugenberichte!), jedenfalls aber so gut wie immer, auch wenn keine Belege für Quelltempel existieren, für heilig, kräftig, besonders.)); So entspringet derselbe in dem hohen und unzugänglichen Alpengebürge (*) bey den alten Räthiern oder den heutigen Graubündtnern, auf demjenigen Gebürge, so Cäsar / Strabo und Ptolomäus / Adula, die neuern Schriftsteller den Vogel heissen (Anm.: die allerneuesten grübeln noch über weiteren Poetisierungen); heutiges Tags aber von den dasigen Einwohnern der Sanct Gotthardsberg genennet wird, vielleicht dem Hildesheimischen Bischof Sanct Gotthard zu Ehren, welcher im Jahr 1131. vom Pabst Innocentius dem II. canonisiret ward. Insgemein werden von den meisten nur zwey Hauptquellen angegeben, welche der hintere und vordere Rhein genennet werden. (Anm.: auf diese Weise setzen sich Meinungen fest, werden mögliche Irrtümer canonisieret, dh eingeebnet in Zeitgeist, der Ableger wirft, “das Recht des Stärkeren”, auch wenn den Quellpilgernden das trügerische Gefühl für die Bergwässer eines Komplexeren, im Fluß befindlicheren lehrt.) Der eine Arm davon, so der Vorderrhein oder Oberrhein / lateinisch Rhenus Anterior, heißt, quillt auf dem Gipfel des Crispaltenberges aus einem steinharten Felsen ganz nahe bey den unersteiglichsten Alpen des Gotthardsbergs und der Urslerischen Einöde hervor, ohngefehr drey Meilen von dem Ursprunge der Rhone und zweene von der Gegend des Rheinwalds. Der besondere Theil des Bergs, wo dieser Fluß entspringt, wird von den Einwohnern Cima del Badur (Anm.: und nicht etwa: Lai da Tuma! Oder etwa doch?) genannt. Allda vermischen sich bald hier und dar andere Bergwasser mit diesem Rheinarm, als welche aus den Alpen Mugels und Cornera hervorkommen. Es fliesset dieser vordere Rhein von dannen zu erst auf die Dörfer Chiamuth / Juf / Sanct Jacob / Sanct Anna (Anm.: von welchen, auch nachfolgenden Heiligenfleckchen auf Google Maps nix mehr übrig ist) und zum Flecken Tavetsch / lateinisch Aeruarium benannt, welcher Ort von lauter welschen Graubündtnern bewohnet wird. Nachdem er von dannen zweene Meilen zurück geleget hat, und bis dahin Nordostwärts geflossen ist, richtet er seinen Lauf gegen Osten auf Sanct Agatha / und an dem Kloster Dissentis vorbey.

(*) Alpen, ist ein celtisches Wort, welches soviel als Weydberge heisset, weil sie nämlich den alten Celten größten theils als Viehweyde dienen musten. Es bestehen aber dieselben aus einem erschrecklich hohen, breiten, und langen, dabey fruchtbaren Gebürge, das Italien, Frankreich und Ungarn von Deutschland scheidet (Anm.: zu Dielhelms Zeit allesamt führende Fußballnationen). Ihre oberste Gipfel sind die meiste Zeit mit Schnee bedeckt, und es erstreckt sich ihre Länge von dem Ligustischen / oder Genuesischen Meer über 150. Meilen in einer Reihe fort bis Thracien. Während dieser ihrer Länge bekommen sie der Lage nach unterschiedliche Namen und werden eingetheilet 1) in Alpes Maritimas, oder Meeralpen, bey der mittelländischen See, und der Genuesischen Stadt Savona (Anm.: Erinnerung an halluzinatorische Begebenheiten zwischen exakt jenen Alpen und dem Mittelmeer ca im Sommer 1988, als zwischen sehr vielen schlaflosen Stunden besagtes Savona ans Rotieren und Taumeln geriet, sich aber wieder fing und dennoch irgendwie anders dastand, aus dem Boden brachen damals deutschsprechende, in fatalistischem Chic gekleidete Damen mit fürchterlichen, sich im sonnendurchweichten Panorama lösenden Kriegserinnerungen), 2) in Alpes Cotties, oder Cottianas, das ist, Cottische Alpen, die Piemont von Dauphin scheiden; 3) in Alpes Grajas, oder Griechische Alpen, so Savoyen vom Thal Aosta absondert; 4) in Alpes Penninas, Apenninas, oder Penninische / so Mayland von Savoyen und Ober=Wallis abtheilen; 5) in Alpes Summas, oder höchste Alpen / so die Schweitz vom Mayländischen trennen, und unter allen die höchsten und eigentlich diejenigen sind, daraus der Rhein seinen Ursprung hat; in Alpes Lepontinas, oder Lepontinische und 7) in Alpes Rheticas, oder Rhätische Alpen / welche Mayland von der Schweitz und Graubündten unterscheiden; 8) (Anm.: etc. etc.)”

Rheinelefant

Aus der Abteilung Zwischen- und Mischwesen, säuberlich protokolliert von Dielhelm, der selber allmählich mystische Gestalt annimmt: “Andere Merkwürdigkeiten der Naturgeschichte hat man in Gestalt verschiedener Glieder von fremden und ungeheuren grossen Thieren aus dem Grunde des Rheins hervorgebracht und gehören insonderheit dahin zweene grosse Fischzähne, welche in der Pfalz bei Roxheim in der Nachbarschaft von Worms / von den Fischern herausgezogen und von D. Joh. Pincer an den Grafen von Solms geschickt worden, der sie in dem Schloß zu Lich an einer eisernen Kette aufhängen lassen. Es waren solches Backenzähne, die sich in viele Wurzeln vertheilten und noch in einem Stücke des oberen Kienbackens fest sassen. Der Doct. Pincer will an jetzt gedachtem Kienbacken zwey grosse Löcher oder Röhren beobachtet haben, durch welche der Fisch das eingeschluckte Wasser wieder in die Höhe geworfen habe. Allein, weil er selbst gestehet, daß diese Röhren nicht mehr ganz gewesen, so kan es wohl seyn, daß sie dasjenige nicht waren, wofür man sie angesehen, und daß besagte Backenzähne eigentlich einem Elephanten zuzuschreiben sind. Wie man denn von diesem Thier hier und dar um selbige Gegenden im Rhein Gliedmassen gefunden hat. Bey dem Apothecker Gmelin in Tübingen befindet sich auch noch ein Unterkiefer eines Elephanten, der zwey Stunden von Mannheim aus dem Rhein gebracht worden, und dem Unicornu fossili gleichet. Er ist sehr mörb und wiegt fünf und dreysig Pfund. Ein dabei gefundenes Horn ist ganz porös oder löchericht, und mithin leicht, dergestalt, daß es nur achthalb Pfund wiegt, ob es gleich eine Länge von ohngefehr zwey Schuhen hat.” Es geht noch ein wenig weiter mit der Beschreibung eines Elefantenschädels aus dem Neckar unter Zuhilfenahme veterinärmedizinischer Fachtermini. In Dielhelms spätbarockem Bericht steckt, trotz wissenschaftlicher Ansätze, die ganze Ungeheuerlichkeit einer vergessenen Spezies. Verweisen möchte ich in diesem Zusammenhang unbedingt auf Andreas Louis Seyerleins Seeelefantenforschungen resp. -betrachtungen, die zwar (noch) keinen direkten Bezug zwischen Seeelefanten und Rheinelefanten nachweisen, der Wunderlichkeit des Wesens an sich jedoch hier und an weiteren Stellen in Seyerleins unikem Blog particles in hohem poetischen Maße gerecht werden.

Hinterrhein

als wenn alle Ruhe im Scheppern läge, im Auge
des Rauschs, voll mit dem Spann durchgezogen
Ich-dessen-Name-ihr-auf-der-fünfzehnten-Silbe-
betont. Panzergranaten. Projektile im Balg in der
grausamen Nachgeburt Steigeisen Haken Aus-
laufgebiete. dort wo`s leuchtet in Traumfarben
jenseits menschlicher Nomenklatur, Farben von
göttlichen Funken erdacht, Gewaltfarben, von
dort, aus brennendem Weiß, Gleißen, Himmeln
Gipfeln. Adler steigt, kreist über allem Gekreisch
Der Schrei des Rheins! in Kieselheere gebunden
die Alfabetetceterate, milliarden Bände jener
Enzyklopädie der Naturgeräusche, bißchen
durcheinander, bißchen so auf Spielkind hin
ja hin, als wenn die Leichtigkeit gleich Schwere
wäre und das Dröhnen ein Ort der Absolution