Dielhelms Vorderrhein (2)

Über frühere Tage des ersten Rheinklosters Disentis weiß der Rheinische Antiquarius die eine und andere Anekdote (- nichts für schwache Nerven!): “Dies Dissentis / lateinisch Disertina, oder Desertum, genannt, ist eine uralte berühmte Benedictiner Mönchs=Abtey, dessen erster Ursprung von dem heiligen Siegbert / einem Schottländer und Jünger Sanct Columbanus hergehohlet wird, welcher im Anfang des siebenden Jahrhunderts nebst Sanct Gallus in die Schweitzerische Lande gekommen seyn, und allda den christlichen Glauben unter den noch meistentheils dem abgöttischen Heydenthum anhangenden Leuten zu predigen und zu pflanzen angefangen haben soll. (Anm.: und wie überall in Berg- und Kluftgegenden stehen jede Menge vermeintlicher, geraunter Kultstätten, Vorstellungen von blutig-orgiastischem Triefen evozierend, eigentlich ganz grau und harmlos im Gelände. Fortschritt durch Christentum.) Dieser Siegbert war ein Liebhaber des Einsiedlerlebens, derohalben er im Jahr 614. sich im Urseler Thal am Gotthardsberge in einer Zelle aufgehalten, und weil es ihm da nicht einsam genug zu seyn schiene, so begab er sich über den Crispaltenberg in die Räthische Gegend, und baute sich eine Zelle an dem Orte, wo jetzt das Kloster Dissentis stehet. Er wurde, sowohl seiner lehrreichen Predigten, als auch seines frommen und strengen Lebens halber, gar bald unter dem herum wohnenden Volke bekannt, bekam auch Jünger, die in seine Fußtappen zu treten verlangten, unter welchen sonderlich Placitus, ein zu Thrums (Anm.: wo immer das sei; womöglich verschwunden) wohnhafter Ritter und Oberherr dieser Landesgegend, war. Von diesem melden die Mönchshistorien und Legenden, daß, als er auf Befehl seines Landsherrn Victors (dessen Tyranney und ärgerliches Leben er gestraft habe) enthauptet worden, das abgeschlagene Haupt aufgehoben, in eine Tuch gewickelt habe, damit fort gewandert sey, solches einer ihm ohngefehr begegnenden Frauen zugeworfen (Anm.: oha, gegen die Damen impulsiv noch dazu, der fromme, strenge Herr!), und also ohne Kopf zu seinem Lehrmeister gekommen sey, welcher ihn mit grossem Schrecken und Herzeleid empfangen, und bey seiner Zelle begraben, eben an dem Orte, wo er, Siegbert / hernach auch hingelegt worden. (Anm.: verwundert nicht übermäßig, vor solcher Kulisse, ein derart freakiger letzter Gang, die Alpen stecken voller ziehendem Nachtvolk, Widergängern, Aufhockern und Kopflosen. Der Rhein als Gespensterrhein auf klösterlichem Terrain.) Lange Zeit darauf wurde alldorten eine Kirche zu Ehren des heiligen Placitus samt einem Kloster erbauet, welches endlich durch Mildthätigkeiten und Beysteuren vermöglicher Leute an Reichthum, und dessen Aebte an Ansehen angewachsen, und in den heutigen blühenden Stand gelanget ist. Der dasige Prälat führet den Titel eines Reichsfürsten, jedoch ohne Sitz und Stimme auf dem Reichstage; Den Bundstägen des obern Grauenbunds wohnet er gemeiniglich in Person bey, und hat bey der Wahl der Aemter und Behandlung der Polizeysachen die erste Stimme, auch das Recht, alle drey Jahre aus dem Hochgerichte Dissentis, den Boten des Grauenbunds drey Personen vorzuschlagen, aus welchen sie einen zum Landrichter und Haupt des Bundes erwählen können; allein auf dem allgemeinen Bundestage der Graubündter hat er keinen Sitz und Stimme, stehet anbey im Graubündtner Land in besonderm Ansehen und Gewalt, und hat die Münzgerechtigkeit. Im übrigen aber besitzet das Kloster vortrefliche Einkünfte, und genieset herrlicher Rechte und Freyheiten. Sonst giebt es in dasiger Gegend große Gebürge, worinnen unterschiedene Kupfer= Eisen= und Kießbergwerke anzutreffen sind, so dem dortigen Abt zuständig, und eine Zeit her fleißig sind gebauet worden. Von dem gemeldeten dasigen großen Gebürge sagt man: Montes hic celsissimi, Valles vero miserrimae, Beati, qui non vident & tamen credunt! Das ist: Hier sind die Berge am höchsten, die Thäler aber am elendesten. Seelig sind, die nichts sehen und doch glauben!” (Ob Spescha den Dielhelm kannte; ähnliche Beschreibungssystematik.)


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