Monatsarchiv für Juli 2009

 
 

Rhäzüns

Schloß Rhäzüns ist von Verbotsschildern mit Bußgeldandrohungen umstellt und wird von Christoph Blocher, einem der kontroverseren Politiker der Schweiz zweitbewohnt. Auf Geheimpfaden, die kein GPS der Welt kennt, geht’s, vorbei an der Wildhimbeermeile, aus deren Gesträuch vollreife Juwelen blitzen, zum Rhäzünser Königs-, alternativ: Poetenblick: tief unter der Abbruchkante mäandert der Hinterrhein seine letzten Kilometerli auf den Vorderrhein zu, wirft kiesige Inseln wie struppige Bänke auf, schrappt arschknapp am Tod durch Schönheit vorbei, entspannt sich gurgelnd, überspannt von der Luftseilbahn Rhäzüns-Feldis, gaukelnde Gondeln über gottgewolltem Talgrund,„begondelt werde dein Name“, „Trap“ weisen Schilder in den Wald, trapptrapp, vorbei an der dorfaus gelegenen Heini AG schmalspurt die Räthische Bahn in und aus touristische/n Kulissen, der allfällige Capricorn muß mal wieder Fresse und Gehörn herhalten: Rhäzünser isch gsünser, auch plus Holunderblüte, hochschwyzerdütsch Lemon`n`Peach im PET-Gebinde: naturbelassene, alpenbachklare… Steinbockpisse? Dann schnell noch die Häupter der letzten romanisch sprechenden Einwohner gezählt, ein siamesischer Zwilling darunter, der geht großzügig durch für zwei. Hinterrheinabwärts auf freiem Gelände die Bonaduzer Tankstellen und Reißbrettneubauten (karmesinrote Hofhauskästen), followed by Ortskern`n`Website.

Bündner Allerlei

Im Räthischen Museum in Chur hängen aktuell in einer Sonderausstellung die Veduten Johann Jakob Meyers (1749-1829, Schüler von Heinrich Füssli, Lehrer von Karl Bodmer) mit Ansichten vom Hinterrhein, die der Maler während seiner Fußreise auf der Via Spluga skizzierte, konterkariert von den Fotografien Tino Sands, der knapp zweihundert Jahre später dieselben (doch nimmer dieselbigen) Blickwinkel einnahm, aufgelockert das Ganze von einigen flotten Zitaten des Reiseschriftstellers Johann Gottfried Ebel, der gemeinsam mit Meyer das Werk “Die Bergstrassen durch den Canton Graubündten nach dem Langen- und Comer-See” schuf, welches heuer um 25.000 Euro antiquarisch auf Liebhaber-Käufer harrt. So erfährt Rheinsein u.a. von den in manchen Gegenden äußerst mißtrauischen Alpenbewohnern, die zu knurren beginnen, wenn sie Reisende beim Zeichnen erblicken, was sie “das Land abreißen” nennen – und wenn sie zu knurren begönnen, sollte man schleunigst stiften gehen. Über das Fondueritual und seine Derivate finden sich die warnend an den Fremden gerichteten Zeilen: “Man hüte sich, von den fetten Käsen, besonders, wenn sie gebraten sind, viel zu essen; sie erregen dem Ungewohnten heftige Koliken.” Lepontisch beschriftete Stelen im Keller und ein buntes Sammelsurium an Bündner Allerlei machen das Museum darüberhinaus sehens- und hörenswert: die romanisch gesprochenen Filme überzeugen durch die Bank, besonders der Zwölfminüter “Vert cunter cotschen” (Grün gegen rot), in dem zwei Bergbauern die Liebe zu ihren Kleintraktoren der Marken Rapid und Aebi beschwören “das Schönste daran sind die Schalthebel”, und nebenbei fallenlassen, daß Mitnahmegabel auf Romanisch Mitnahmegabel heißt. Rheinsein erfährt von Bluzgern (Bündner Münzen) und Blakten, dem Alpenampfer, der gesotten einst als Sauerkrautersatz verwendet heute als Unkraut aus den Almen gerupft wird, sowie den Schwabengängern, Bündner Kindern, die sich um geringsten Lohn in den Sommern bei süddeutschen Bauern verdingten. Aus dem Handbuch Bündner Geschichte von 1558 eine Episode über das emigrativ expandierende Bündner Zuckerbäckertum: “Vor mir, dem Notar und dem Zeugen, hat Nuot Tretschins seinen Sohn Nott für vier Jahre dem in Venedig wohnhaften Meister Nott Christen übergeben, damit dieser ihn als Lehrling auf eigene Kosten nach Venedig bringe, ihm das Schulgeld für die Handwerkerschule bezahle, ihn während vier Jahren mit schicklichen Kleidern und Schuhen ausstatte und ihn im Zuckerbäckerhandwerk ausbilde. Wie einen Sohn soll er ihn ferner in anständigem Benehmen unterweisen und züchtigen und in allen Bereichen sich ihm gegenüber wie ein Vater verhalten; und ebenso soll der Lehrling Nott ihm gehorchen wie ein Sohn, lernen und arbeiten.”

Bündner Straßenbau

Auf das Jahr 1823 fällt die Befahrbarmachung der Bündner Pässe Splügen und San Bernardino. Heute besitzt das Hinterrheintal mit National- und Landstraße streckenweise mehr sich gegenseitig umwindende und untertunnelnde Asfaltstrecke als sonst etwas. Seinerzeit wurde der Straßenbau jedenfalls euforisch begrüßt – wie im folgenden Gedicht aus dem Band „Gedichte über die neue Strasse“ des Andeerer Pfarrers Mattli Conrad (1745-1832), das Analogien zwischen Politik, Ingenieurskunst und gottgefälligem Leben nicht scheuend das Schweizer Poesiealbum womöglich erstmalig um das Planierwesen bereichert:

Lobgedicht über die Erfinder, Beförderer
und Ausführer des neuen Strassenbaus

Wenn Erden-Söhne auch verdienen,
Dass man für schöne Thaten ihnen
Viel Ehrerbietung, Ruhm und Dank
Erschallen lässt durch Musenklang,
So seyt ihr Herren Wohlgeboren,
Und weis und kluge Consultoren
Des Strassenbaues, so wie Die
Ihn ausgeführt durch Kunst und Müh,
Und Actionairs und Liberalen
Die auch dazu noch Wohlgefallen
Beytrugen wohl des Ruhmes werth,
So lang die Strasse sicher währt.

Ruhm Ihnen! Glück dem Vaterlande!
Der Himmel schenke jedem Stande
Auch felsenfeste Frömmigkeit
Auf jeder Strass zur Ewigkeit
Die unser Mittler uns gebauet,
Und darauf zu wandeln uns ermahnet;
Zu unserm Glück und ew`gen Wohl,
Obschon der Weg ist Mühevoll!

Rofflaschlucht

Landstraße wie Via Spluga, die beizeiten eines sind, führen auf das praktisch gelegene Gasthaus der Familie Melchior-Lanicca. Deren Vorfahr Christian Pitschen Melchior erschloß, inspiriert von einem Besuch der Niagarafälle, in den Wintern von 1907 bis 1914 mit harter, ausdauernder (von den raren Nachbarn als Spinnerei bewerteter) Bohrarbeit und nicht zuletzt 8000 Sprengladungen den Wasserfall der Rofflaschlucht als Touristenattraktion: „Galerie zum romantischen Rofflafall und unter dem Rhein hindurch“ kündet heute ein zurecht selbstbewußtes Schild am Straßenrand – und zum zweiten Mal (nach der Durchquerung des unterrheinischen Kölner Fernwärmetunnels) begibt sich Rheinsein, nun, was eigentlich genau: unter?, hinter?, zwischen?, jedenfalls hautnah heran an: den (hier: reißenden, schluchtenbildenden) Rhein. „Zweimal war ich schon am Rofflafall, / und ich hoffe, daß ich bald schnall / wie Christian Melchior dies hat erbaut, / mit einfachem Werkzeug er nur hat in den Stein gehaut“, dichtet die dreizehnjährige Clara F. aus Duisburg unter solchen Eindrücken und Rheinseins eigenen Augen ins Gästebuch – und weiter: „Das Wasser rast an einem vorbei / und von den Sorgen ist man frei“. Ob der Rhein sie tatsächlich beichtvatergleich abnimmt, die Sorgen dreizehnjähriger Mädchen? In der Schlucht (romanisch-magisch: tgavorgia de la Punt Crap) finden sich immerhin regnende Felsen, holografischer Rheinwiderschein und ein respekteinflößender Rofflawicht aus grünlichem Stein bei der Flußmeditation. Für drei Fränkli ist das nicht zuwenig, und sofort meldet sich der Gedanke, eine Liste der Rhein(fall)attraktionen im Preisleistungsverhältnis aufzustellen.

Zillis

Gegend Abend auf Zillis mit seiner berühmten Kirche St. Martin, in deren Decke 153 gipsgrundierte, hochromanisch bemalte Tannholztafeln eingearbeitet sind; weltweit, heißts, das einzig prima erhaltene Werk seinesgleichen: alt- und neutestamentarische Szenen, umrandet von seltsamen Fabelwesen als Sinnbildern des Bösen, die der geneigte Besucher sich um vier Fränkli nackenschonend erspiegeln kann – falls er zeitig eintrifft. Ab 18:00:00 Uhr bleibt immerhin die in Kiosks rund ums Kirchli angebotene Produktpalette der Postkartenindustrie, bleibt die Hoffnung auf einen andern Zilliser Tag bzw auf ver- und vollständige Dokumentation des Nichterblickten im Internet, bleibt immerhin das Außen-Fassadenbild vermutlich St. Martins mit Himmelszeltdenkblase. Apropos Fabelwesen: das Zilliser Tier existiert auch außerhalb der Kirche, sowohl in bildnerischen Darstellungen (z.B. am Talmuseum) wie sozusagen automatisch in den Köpfen derjenigen, die den Dorfkreis betreten. Was sonst noch los ist, in Zillis, nach 18:00:00 Uhr: Dorfschaukasten-Anschläge weisen auf Älplerzmorga, Puurazmorga, Buaba Schwingen, Filzerinnen-Treffen, lokaltypische Energiezu- und -abfuhrgelegenheiten, wobei das bündnerische Wollfilzen ein kirgisisches Äquivalent zu besitzen scheint, wie überhaupt (tibetische Gebetsfahnen hie und dort) internationalisierte Berglersolidarität sich in den Alpen merkbar auszubreiten scheint. Exotica: Kunst oder Müll schmückt einen der sicherheitsvergitterten (damit das Kind nicht…) Brunnen, neckisch flitzt Shaun das Schaf über Hauswände, Rübezahl dumpfen Blicks, auch mächtige Hufeisendronten (Alphähne?) – wenn die sich nachts zanken, verriegelt sein besser die Türn. Dorfauswärts geht’s zum Steinbockzentrum, wohl so ne Art Ratssaal der Bündner Vorzeigetiere. Ventirevel il pievel ca matigna il senn per dretg a verdad ad il spèrt da cuminanza! Steinerne Sitzbänke erproben ihr Verhältnis zur Schwerkraft fast mitten auf der Straße, am Dorfrand plätschert der Hinterrhein, schallende Wildblumenwiesen, im Dämmer landet die berühmte reisende Polentahütte aus den Lüften an; bleibe bei uns Herr, denn es will Abend werden; die nach der illzufließenden (welche Ill wiederum eine rheinzufließende ist) Samina benannten Schlafsysteme werben mit: Schlafen Sie Lebensenergie. Längst schlafen auch die Seelen einst prämierter Kühe, deren Gehörn andächtig die Zilliser Mauern ziert. Die Alpen befinden sich im Einklang, meditativ-erhobener Abflug rheinseinseits in eine jungrheinwellene Spülung, Neuzusammensetzung von Geist und Fleisch im Traum vor mählich wandernden Tieren, die wie wir… zick-zick-Zyliss…

Das Schiff, das nicht mehr da ist

(Ein Gastbeitrag von Enno Stahl)

Wiesen und Auen als leise wogende Fläche: wie der Fluss, der sie durch­strömt – hier, wo der Rhein an Fahrt verliert und an Breite gewinnt, bei Überschwemmung zum See gerät und die Landstraße schluckt, einen Weg, der abbricht im nassen Nichts…
Hier säumen im Sommer Weiden die Ufer, deren Zweige Wasser nippen und Schafe fluten als lebender Teppich die grasigen Böden… Hier am nördlichen Niederrhein lag es einst: ein gestrandetes Relikt, weltversetzt, als hätte das Meer selbst es bei einer frühen Sturmflut zurückgelassen – ein Schiff, das rostige Schiff bei Rheinberg, damals inmitten grüner Ozeane…

Heute finden wir nichts mehr davon, keine Spur – allein im Gedächtnis, das diese Schönwettergeschichten fortspinnt: diese kleinen Ausritte zu siebt im 2CV mit Punk-Musik (Dead Kennedys und Tote Hosen sogar), die blanken Füsse aus dem offenen Verdeck gereckt, der Sonne entgegen… Und dann über diese Schafswiesen hin zum verzauberten Kahn, der Namenloses flüstert: lyrische Prosa von Pira­ten- und Schmuggelaktionen, Rheinromantisches, Weltkriegsthriller… Darauf rumkrabbeln… Späte Abenteuerträume ausleben, sie anschließend mit Pernod und Purpfeifen kühlen und verschwinden machen…

Einmal verstauchte ich mir den Fuß, humpelte zurück durch die blökenden Wollknäuel – zugleich vom Haschisch tierisch mitgenommen, musste geschlagene zwei Stunden im Auto ausharren: zu mir kommen, während die andern sich in der Kneipe vergnügten. Das war auch so ein Ende dieser Geschichte, physischer Schlusspunkt, spät-pubertäre Ausrufe- oder Fragezeichen?

***

Das Schiff, das nicht mehr da ist ist ein Auszug aus Enno Stahls frisch erschienenem Buch “Heimat & Weltall. 2 Prosazyklen”. Mehr Informationen und direkte Bestellmöglichkeit auf der Website des Ritter Verlags.

Sontg Antoni

Das Rätoromanische, beheimatet in Graubünden, ist eine Sprache wie Fels und Wasser, magisch also, aufgeteilt in vier fünf Hauptdialekte, je nach Tal, und alpenrheinverbunden jedenfalls (an der Düsseldorfer Uni wurde es Anfang der 90er, von bis zu drei Studenten besucht, als Fremdsprachenlehrgang angeboten) – hier einige beispielhafte Zeilen inkl. traditionellen Liedversen über den Heiligen Antonius aus der kulturhistorischen Skizze „La davosa processiun dils Tujetschins sil S. Gotthard“ von Guglielm Gadola:

„(…) Havend fatg ina ferventa oraziun tier s.Antoni, ch’el meini po els sauns envi e sauns enneu, bandunan ei la mudesta caplutta osum il precipezi sul Rein e suandan lur capo, Casper de Casperin, che porta aunc frestgamein la crusch, schebi ch’el ha gia fatg il sbargat suls 80. Dapi 65 onns havev’el aunc mai muncau ina ga la processiun dil S.Gotthard ed ei secapescha da sesez ch’el va ordavon; el, il pli beinstont magnanc dalla val, che porta aunc adina caultschas cuortas da carpun brin-tgietschen, ina cassacca blaua cun nuvs da mesch sils barlacs ed in libroc tgietschen cun hazers nuvs alvs! Il treipez ner tegn el sut il bratsch seniester e cul dretg braunca ei levamein la cuorta cruschetta da sontg Antoni. Avon che vegnir giu la punt Surrein, intonesch’ el la canzun da sontg Antoni, che resuna frestgamein tras gl’uaul, accumpignada dallas undas dil giuven Rein:

„Tgi vul miraclas encurir
Tras sontg Antoni po urbir:
Errur, malsogna da biemal,
La mort, il satan infernal
Da lunsch da sontg Antoni fuin,
Pon far mal donn pli a negin …” (…)“

Caesar über Rhein und Maas

Die erste Brücke über den Rhein baute vermutlich Caesar, ebenso vermutlich im Gebiet zwischen Andernach und Koblenz, und zwar in der Rekordzeit von zehn Tagen. Im vierten Buch der Comentarii de bello gallico berichtet der große Imperator u.a. über die groben Sueben, gegen die jene – nach erfolgreicher Mission wieder abgebrochene – Brücke gerichtet war, sowie die urkölschen Ubier und viele andere Germanenstämme und gibt frühes Zeugnis über den Rhein:

“Mosa profluit ex monte Vosego, qui est in finibus Lingonum, et parte quadam ex Rheno recepta, quae appellatur Vacalus, insulam efficit Batavorum [in Oceanum influit], neque longius ab Oceano milibus passuum LXXX in Rhenum influit. Rhenus autem oritur ex Lepontiis qui Alpes incolunt, et longo spatio per fines Nantuatium, Helvetiorum, Sequanorum, Mediomatricorum, Tribocorum, Treverorum citatus fertur, et ubi Oceano adpropinquavit, in plures diffluit partes multis ingentibusque insulis effectis, quarum pars magna a feris barbarisque nationibus incolitur, ex quibus sunt qui piscibus atque ovis avium vivere existimantur, multisque capitibus in Oceanum influit.”

In etwa: “Die Maas entspringt dem Vogesengebirge, das auf lingonischem Gebiet liegt, und verbindet sich dann mit einem Rheinarm, der Waal genannt wird, bildet keine 80 Meilen vom Meer die Insel der Bataver, und fließt in Rhein und Ozean ein. Der Rhein hat seinen Ursprung bei den Lepontiern, welche die Alpen bewohnen, und schleunigt weitläufig über die Gebiete der Nantuaten, Helvetier, Sequaner, Mediomatriker, Triboken und Treverer, und wo er sich dem Meer nähert, zerfließt er, riesige Inseln aufwerfend, die großteils von wilden Barbarenstämmen bewohnt werden, von denen welche von Fischen und Vogeleiern leben sollen, in viele Mündungsarme und ergießt sich ins Meer.”

Lantsch

Der in quietschrotes Saumleder geschirrte Capricorn von Lantsch, Schnapsfaß umn Hals: schweigsam zieht er zu thorschen Zopfstrudeln aus rollenden Amboßklängen, großzügig verwebt mit verärgertem Steingegrummel, im Nachtgewitterleuchten über ausgezackte, schneekostümierte Sommergrate, dimensioniert sich etwas über, wie eben Männchen der meisten Species dies allenthalben mit Vorliebe tun, erregt heimeligen Grusel: Huhaa! Hörner am zitternden Himmel! Am nächsten Morgen, sweet fourteen degrees, hängen die Hörner als Jagdtrofäen untern Giebeln der ansässigen Tgeasas, Igls und Tschavns, haben einige Dimensionen eingebüßt, rauscht nurmehr das Lantscher Bächlein, plätschern die Lantscher Brunnen, surren auf der Frequenz von zehntausend Hummeln die Trockengebläse der Lantscher Heuschober vor Joghurtdeckel-Panorama: grün-stahl-weiß-blau im sfärischen Lichte. Selbst fonduegeborne Nachtmahre, Succubi etc blinzeln und zerfallen vor solchem Naturgeprange. Tgangs alla tschinta! Heiligkeit strömt durch den Ort, il spir besegelt die Mauern, zwiepscht nonfrequent über diplom-korrekteingeparkte allradgetriebene Motorgeräte (mit denen Nietzsche(*) bereits in Sils-Maria vorfuhr), auf den Straßen keine Sau, dafür Hans Ardüsers Heiligenreste an den Fassaden. Die Begräbniskirche St. Maria vorm Beinahdreitausender Piz Beverin ziert ein verwischter Hohlkopf-Heiliger mit Dreischneuß-Hirnventilator und Palmpuschel (resp Siebenschwänziger Katze?) und öffnet nur alle Jubeltage, eben wenn ein neues schmiedeeisernes Kreuzli angepflanzt wird. Schmetter- und Schnatterlinge auf dem tiptop begärtnerten Gottesacker, der zu den schönsten der Welt zählen mag, und dessen knappe Grabausmaße zu Vermutungen Anlaß geben, die Särge dürften wohl senkrecht ins Erdreich getrieben sein. Einige ans eiserne Kreuz geschlagene Heilande sparen sich den erhebenden Blick aufs Albula-Tal. Fortgesetzter und fortzusetzender Lantscher Bilderreigen: Rotkäppchen betet zu Maria im heiligen Scheine; Repro von Gottes Originalhänden (”entkömmst ihnen nicht!”) am Pfarrhaus; “sur refugi digl martgea / vainsa te predestino / da noss bab naus vain irto / nossa tgeasa sur igl pro”; Euterprämierungsmarken (vor den jeweiligen Prämierungen werden die venendurchsetzten Kuhunterleiber dampfstrahlgereinigt und mit diverserlei Euterschein hochgejazzt); Sempervivum-Himmelsherold-Flühblümchen-Menschenkraut-Ensembles; Ardüsers Heilige Anna Selbstdritt. Der älteste Mann der Welt zeitlupt als Fels über die Dorfstraße, holt sich die tägliche Kanne Milch beim (inzw so etikettierten Bio-)Bauern ab, “naturbedingte Ereignisse führen zu Sperrungen an folgenden Alpenpässen und -straßen: …”

(*) Nietzsche: “Ich schreibe nichts von der ungeheuren Großartigkeit der Viamala. Mir ist es, als ob ich die Schweiz noch garnicht gekannt hätte. Die neuen allradbetriebenen Kraftfahrzeuge bezeugen des Bergmenschen Hoheit. Als auf Gottes entlassenen Hengsten geht es scharf die Pisten entlang. (…)”

Am Ende spricht man deutsch

Rheinsein kämpft sich im alpinen Dauerregen durch den stellenweise etwas wirren Spescha und stellt fest, daß manch ausgerottete Tierart Dezennien später sich wieder einrottet: „Gleich vor Sils theilen sich die Gewäßer und Thäler des Domläsker-Thals, und deßen rechter Arm nimmt seinen Bezug Thusis vorüber gegen Süden und Südwesten hin und erreicht alsbald den gräuslichen Schlund der via mala. Man nennt diesen Fluß bald Schamser-, bald Rheinwalder-Rhein. Den ersten Zufluß bekommt dieser Rhein von der Nolla, die (…) von Westnorden herrinnt. Hinter Runcaglia (=ausgereutetes Ort) und via mala breitet sich das Thalgeländ Schams aus und erfreuet den Wanderer nach der Wüstenei der via mala. Andaer ist Hauptort des Thals und hat ein Gesundbad. Es ist fruchtbar und nährt ein aufgewegtes und tapferes Volk, welches den reformirten Gottesdienst hält und romanisch spricht. Von beiden Thalseiten her empfängt der Rhein Zufluß, vorzüglich aber vom Averser-Bach, der aus dem Thale gleichen Namens, prächtig fallend, und der Matoner-Bach, welcher von Westnorden, schäumend, herbeieilen. Schams scheint seinem lateinischen Namen Sexamnium nach, das schon frühzeitig in der Geschichte vorkommt, von sechs Bächen herzuleiten; ich bin aber der Meinung, es stamme ehender von den Felsenwänden, über welchen es bewohnt, oder von jenen, mit denen sein Ein- und Ausgang verengt und beschloßen wird. Es sollte also ehender Saxamnium heißen. Das Seitenthal Avers nimmt bei dem verfallenden Schloß Bärenburg seinen Anfang und streicht nach Ostsüden bei 2 Stunden hinein. Es vertheilt sich in mehrern Seiten- und Hinterthälern, und am Ende spricht man deutsch. Deßen südlicher Grund ist mit sehr hohen Bergen und vielen Glätschern belastet, und von daher rinnt das meiste Waßer her. (…) Von der sogenannten Rofla thalhinein strömmt der Rhein von Südwesten her bis zum Rheinwald-Gletscher, woraus er entspringt, hervor; von dort aber neigt sich das Thal mehr gegen Westen, und verschiedene Bäche rinnen von den Thalseiten herab und verbergen sich unter ihm. (…) Im Hertergrund (…) erhebt sich der piz Valrhein über alle seine nachbaren Berge und ist einer der höchsten in der Centralkette der Alpen. Von ihm aus gehen 6 bis 8 Thäler in allen Gegenden der Welt, die mit ungeheuern Glätscher belastet sind, aus. Und wenn die wiederhohlte Sage wahr ist, daß der Bernardin-See, welcher auf der Anhöhe dieses Bergs (…) liegt, zwei Ausleehrungen: die eine in den Rhein und die andere in die Moesa habe, so steht das deutsche mit dem adriatischen Meer vermittelst dieses Sees in Verbindung, welches eine Seltenheit der Natur ist. (…) Wenn man aber das Thalgeländ von Domläsk (…) betrachtet, so stellt es eine seltsame Vermischung von Zahm- und Wildheit dar. Denn vom Weinstock und den niedlichsten Garten- und Baumfrüchten von Reichenau an bis zum feinsten Einhauch der Thiere und Menschen trifft man da an; und wir vermissen nichts von unsrem Alterthum hier als den Steinbock, der vom Anbeginn der Freiheit an bis zur gänzlichen Ausrottung verfolgt worden ist. Denn man sieht hier aller Gattungen von Laub- und Nadelholz, von Getreid- und Pflanzenarten und von Menschen, welche verschiedentlich sich kleiden, sprechen und Gottesdienst halten. Wenn also das alte Sprichwort gilt, daß die Menschen nemlich nach der Verschiedenheit ein Belieben tragen, so findet man es da.“