Hinterrheinmurmel

Auf den digitalen Bildern der jüngsten Hinterrheinreise: wachsen bei Ausschnittsvergrößerung monströs zerpixelte Murmel aus den gleichfarbigen Felsen: wir hatten die Kamera in etwa dorthin gehalten, woher die dunklen Pfiffe (die ganz anders klangen als vorgeblich “normale” Murmelrufe aus dem Internet, die sich geradezu als hell bezeichnen ließen) uns angellten, pro Person einer, das typische Verhalten der Murmel, deren niedlicher Name von mus montis (Bergmaus) abgeleitet sein soll, bei landseits drohender Gefahr. Bräunlichgrau scheinen sie dem Fels verwachsen, ihm Fell zu schenken, auf den Fotos, und struppig-zahnige Wehr. Verschwommen das nachtfarbene Schnauzenoval, daraus die gefährlichen Nagewerkzeuge ragen, ein nikotingelber Zahn stakt weit hervor, so weben sie ihr Netz um unbedarfte Wanderer, bald umpfeifts uns von allen Seiten, füüt-füüt-füüt, ein depressiver Unterton schwingt da mit, bald anstehender Tod, so etwas, wobei diese Stimmung auch ausgelöst sein könnte vom linksrheinischen Schießgelände, dem ganzen Geröll, der Höhe, dem schneetreibenden Anstieg, der nächsten Umgebungsfarbe, einem von tief zu tiefer changierenden Grau – was machen diese Murmel an Manövertagen? Verziehn sich, sie haben da ein Artenschutzabkommen mit der Schweizer Armee, solang die Panzergranaten krachen, in ihren Bau, rauchen Kette, dreschen Karten, weiß das Internet. Bevorzugen hierbei ein Kartenspiel namens Brante-Rute-Balg, bestimmt von den Blättern Bär, Katze und Affe, Menschen bleibt das Spiel im Allgemeinen völlig unverständlich, die Murmel spielens mit großer Leidenschaft, auch die Jungen, was außerhalb der Manöverzeit zu hohen Populationsverlusten führt, denn im Rausch des Kartenspiels werden die Murmeltiere allgemein unvorsichtig und lassen sich besonders die unerfahrenen Jungen leicht aus ihren Höhlenbauten angeln. Die Jäger schätzen am Murmel sein Öl, das viel natürliches Kortison enthält und mit diversen Alpenkräutern zu Rheuma- und Allheilsalbe verarbeitet wird. Außerdem gilt das Murmeltier aufgrund seines Tabakkonsums als eine der aromatischsten Wildfleischsorten. Es muß jedoch vor Verzehr entgiftet, entfettet und sorgfältig zubereitet werden. Aus alten Schweizer Hausfrauenkochbüchern stammt die bis heute verbreitete Meinung, des Murmels Fleisch sei viel zu erdig-eklig-wildintensiv – die alten Schweizer Hausfrauen hatten den Murmeln jedoch das Fett (in dem sowohl die Kraft als auch der erdige Geschmack sitzen) traditionell nicht entfernt. Zur Entspannung noch ein Youtube-Filmchen mit jodelndem Trickmurmel, doch die zerpixelten struppigen Monstren verfolgen mich bis in den Schlaf, nagen erst eine zur Versöhnung hingehaltene, viel zu kurze Karotte auf, dann meine Hand, den Arm, den weiteren Bildausschnitt, fressen die Alpen weg, da ist nichts mehr als pures Nagen, hin und wieder ein Pfeifen und Johlen, das Bild bleibt weiß oder leer (wer wüßte schon Traumfarben präzis zu nennen?), das Nagen nähert sich, wird stärker, bedrohlicher, es geht mir sicher bald restlos an den Kragen, da fällt ein Pik As durch die weißlichte Szene, von einer lasch gedrehten Kippe entflammt… Hirnwellen zu Rheinwellen… Hungergefühl… ein Schuß…


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