Gorrh (5)

Dort wo Gorrh wie ein siebenschwänziger Leu in seinen Pranken den Himmel fand (sein Gebiß an Alpenkämmen schärfte), denselben für nichts als Ballspiele brauchend, ihn schuppige fischschwänzige Vögel umflatterten, Gorrh erstmals durch das andere Ende des Fernglases an seinen langgestreckten Beinen hinabschaute (seine homerischen Ausmaße begriff, seine burleske Gestalt), fern fern die entarteten Dachse im Farn seiner Waden, kühl prickelten mineralische Sturzbäche auf seiner skulptural gewölbten muskelunterzogenen Haut, wo Gorrh sich wandelte zu unendlich vielen Gestalten pro Minute (gpm), dort blieb vom Raum-Zeit-Kontinuum nur ein gedachter Fleck (el regorrh de la mancha), eine ausgebliebene Monatsblutung der Muttergottes, eine Zweite Ankündigung. Daß er in den Alltag eingehen müsse. Ins täglich Brot, zuzeiten in die tägliche Mehlpampe. In Wasser, Stein und Gemsenbein. Ins kühisch-käsige der Hochgebirgs-Grundbedarfsregulierung: in die Frischmilch, ins Rauchfleisch und die Blasen des Emmentalers. In die Sprache. In die ARBEIT MACHT FREI. Ins Heu. In Blitz und Donner, um Respektsperson zu bleiben. In die Pfarrei. Bescheiden in die Sakristei. Ins Kirchenschiff, um von allen Tieren ein Paar aufzunehmen und in See zu stechen, zwischen den schwindenden Gipfeln, in vollem Vertrauen, das Wasser werde wieder sinken. Denn das wird es tun. Daß er in der Zeitung stehen müsse, täglich, aber hauptsächlich zwischen den Zeilen, dort, wo überhaupt nur gelesen werde. Daß schon die besten Fotografen kommen mußten und eine stattliche Zahl Presseidioten, damit die Welt davon erfuhr. Wie er den Rhein ans Fließen gebracht. Was ansonsten stets Geheimnis bleiben und Bleiben und Schweigen. „Die CDU hat den Rhein gebaut!“ Was auf Plakaten. Was die Geohydrologen. Die Immunbiologen. Was schon die frühesten Poeten, heute nicht mehr entzifferbar, vielleicht niemals, dann die Römer… (Gorrh hatte das alles gesehen, er hatte`s sogar gefressen!) Wer, wenn nicht Gorrh hat den Rhein bis Island fließen lassen? Sein Auge aus lauter winzigen Bergkristallen, das ein- und ausdrehbare, sein Gebläse, sein Mixer, niemand sonst hatte das technische Gerät – damals schon! (Nicht umsonst verkaufen seine heutigen Jünger gorrhsche Ahnungen als Amulette aus der vorsiderischen Zeit.) Das unvergessene Portrait: Gorrh im Trachtenjanker, Gamsbarthut, ein Strauß Alpenblumen, später nachgeahmt von abertausend Politikern. Aus jener historischen Aufnahme seit letztem Jahr herausgerechnet: der halbwegs ewige Fluß.


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Ein Kommentar zu “Gorrh (5)”

  1. Ines
    1. August 2009 um 07:26

    Hey, Wirklich interessant. Bin ein totaler Harry Potter Fan.

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