Rheinursprung

Im Dorfe Hinterrhein wehen tibetische Gebetsfahnen, stapfen abenteuerliche Gestalten über bucklichte Wege, gedrungene Menschen, die sich scheints unsichtbar machen können, zwischen den Blicken. So eine Art Safaritourismus: Glotzen ausm Autofenster, wilde Tiere (Dorfkatzen) und Aboriginees vor mystischer Endlandschaft. Nach und nach verschwinden die Straßen im Felsgrund. Hinweisschilder: „Durchquerung mit ungeladener Waffe gestattet“. S rheinrauscht und kuhglockt auf Teufelkommraus. Dann ein Wachhäuschen der Schweizer Armee, dahinter Panzer, Bunker, vermutlich ausgehöhlte Berge. Über die provisorische Panzerbrücke links dürfen wir gehen, rechts ist tabu. Zielscheiben über unsern Köpfen. Schreiten über zersplitterte Panzermunition, Gewehrpatronen, sonstige Projektile – und: Schnee! Mitte Juli selbst hochdroben ein seltener Anblick. Der Rhein claimt jenseits befestigten Straßenbaus das Alleinmonopol aufs Alpenrauschen, der Rhein, naja: das sind schier tausend Rheine, sich aus den Felsen lösende, alles in allem höchst spektakulär fallende Wasser, hin und wieder schnellen Buschblätter, frisch von Schneelasten befreit, empor, sorgen für Schreckmomente, gekonnt arrangiert auch das dunkle Pfeifen verstreuter, vom Rauschen dauerbreiter Murmel auf perfekt getarnten Posten: grandioses concerto alpino und außer unserer kleinen Safarigesellschaft keine Menschenseele. Die Schotterfelder: heftige Nachgeburten der Berge. Erst noch rasend durch von Rekrutenhand mit tonnenschweren Quadern befestigte Bettstatt, zerrinnselt der Fluß, gen Quelle, in Grobkieselwüsten und Regengepläster. Sein Wasser schmeckt klar, im Abgang diverse Steinwürzenoten. Kniehohe Schneebaldachine über den Zurinnseln bieten sicheren Unterschlupf für Kristallgeister und Zwergisches. So geht es Schritt für Schritt dem Rheinwaldgletscher entgegen – bis der Pfad in einen Naturwendehammer ausläuft. Dünn und überhüpfbar postelt der Rhein in schönsten Dis- bis Ziehharmonien, vor allem im Bewußtsein seiner Kräfte: ganz und gar unaufhaltsamer Cleverness, talwärts: „Meinen Entsprung kriegt ihr nicht“, flüstert das Wasser und liegt völlig falsch: Sonne fühlert über die ersten paar Rheinmeter, leuchtet Welt und Schneefelder aus. Der Rhein entspringt keinem Gletscher, sondern, in klassisch-göttlicher Manier, dem weißgleißenden Himmel über weißgleißenden Kuppen: Heiligkeit und Mystik sind absolut faßbar, warum sind wir hier allein? (Beobachtet von spiegelnden Rekruten höchstens?) Am Himmel immerhin kreisen lautlos fähige Mischwesen, so ein- wie scharfäugige Dolsen, greifzangige Murdler, der Wiedergänger des Schneepricorns hornt hintern Kuppen, blaßgoldne Mondgesichter eulen aus Tannengruppen. Plötzlich, am andern Ufer, eine weitere Safarigesellschaft; mit Seilen und Steigeisen ausgerüstet achten sie den Fluß keines Blickes (gab wohl neue Befehle für die Wachablösung am Schildhüüsli), ziehen, beispielgebende Gesellen, zielstrebig ins gleißende Nichts, brennen ihre Schneespuren auf die Tiefen meiner schwebenden Seele. Gelassen geht es frommen Schritts talab: ein veritables Weltwunder erblickt; hat man ja nicht so oft dieser schnellen Tage.


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