Bündner Allerlei

Im Räthischen Museum in Chur hängen aktuell in einer Sonderausstellung die Veduten Johann Jakob Meyers (1749-1829, Schüler von Heinrich Füssli, Lehrer von Karl Bodmer) mit Ansichten vom Hinterrhein, die der Maler während seiner Fußreise auf der Via Spluga skizzierte, konterkariert von den Fotografien Tino Sands, der knapp zweihundert Jahre später dieselben (doch nimmer dieselbigen) Blickwinkel einnahm, aufgelockert das Ganze von einigen flotten Zitaten des Reiseschriftstellers Johann Gottfried Ebel, der gemeinsam mit Meyer das Werk “Die Bergstrassen durch den Canton Graubündten nach dem Langen- und Comer-See” schuf, welches heuer um 25.000 Euro antiquarisch auf Liebhaber-Käufer harrt. So erfährt Rheinsein u.a. von den in manchen Gegenden äußerst mißtrauischen Alpenbewohnern, die zu knurren beginnen, wenn sie Reisende beim Zeichnen erblicken, was sie “das Land abreißen” nennen – und wenn sie zu knurren begönnen, sollte man schleunigst stiften gehen. Über das Fondueritual und seine Derivate finden sich die warnend an den Fremden gerichteten Zeilen: “Man hüte sich, von den fetten Käsen, besonders, wenn sie gebraten sind, viel zu essen; sie erregen dem Ungewohnten heftige Koliken.” Lepontisch beschriftete Stelen im Keller und ein buntes Sammelsurium an Bündner Allerlei machen das Museum darüberhinaus sehens- und hörenswert: die romanisch gesprochenen Filme überzeugen durch die Bank, besonders der Zwölfminüter “Vert cunter cotschen” (Grün gegen rot), in dem zwei Bergbauern die Liebe zu ihren Kleintraktoren der Marken Rapid und Aebi beschwören “das Schönste daran sind die Schalthebel”, und nebenbei fallenlassen, daß Mitnahmegabel auf Romanisch Mitnahmegabel heißt. Rheinsein erfährt von Bluzgern (Bündner Münzen) und Blakten, dem Alpenampfer, der gesotten einst als Sauerkrautersatz verwendet heute als Unkraut aus den Almen gerupft wird, sowie den Schwabengängern, Bündner Kindern, die sich um geringsten Lohn in den Sommern bei süddeutschen Bauern verdingten. Aus dem Handbuch Bündner Geschichte von 1558 eine Episode über das emigrativ expandierende Bündner Zuckerbäckertum: “Vor mir, dem Notar und dem Zeugen, hat Nuot Tretschins seinen Sohn Nott für vier Jahre dem in Venedig wohnhaften Meister Nott Christen übergeben, damit dieser ihn als Lehrling auf eigene Kosten nach Venedig bringe, ihm das Schulgeld für die Handwerkerschule bezahle, ihn während vier Jahren mit schicklichen Kleidern und Schuhen ausstatte und ihn im Zuckerbäckerhandwerk ausbilde. Wie einen Sohn soll er ihn ferner in anständigem Benehmen unterweisen und züchtigen und in allen Bereichen sich ihm gegenüber wie ein Vater verhalten; und ebenso soll der Lehrling Nott ihm gehorchen wie ein Sohn, lernen und arbeiten.”


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