Neues aus dem Sommerloch (2)

Gewitterschnee, Peitschenknall des Donners direkt hinterm linken Ohr, als habe sich der ordnende und züchtigende Gnom des Rheinfalls persönlich auf den langen Weg nach Mauenheim begeben, erneutes Grollen, irgendwo zwischen den Häuserblocks der Neusser Straße wandelt das Unglück, schanzt sich dort ein mit Rachensperre, speit schnell alles Wasser der Welt, gemischt mit Hagel und Tod durch Blitzschlag, der Kehrseite jeder Lottogewinn-Statistik („Lottomillionär in spe auf dem Weg zur Annahmestelle von Blitz erschlagen“). Jetzt biegt das Unglück nach Mauenheim ab. Der Gnom des Rheinfalls schiebt den sinnlosen Löschschaum der Feuerwehr aus der Friedrich-Karl-Straße, genauso erfolglos, wie er seit Jahr und Tag den Rheinfall mit seinen für Gnome recht großen Händen über die Felsen zurückzuschieben trachtet. Platzende Hydranten verstärken den apokalyptischen Eindruck. Auf schaumig weißen Planken treiben Nachrichten vorbei: „Wir wissen, daß wir nur noch beschreiben.“ In dieser Stadt ist alles Installation und Kunst, wenn nicht grad Klüngel, Kirche, Karneval. „Per TV und per Springteufeltreiben.“ Die Nachrichten ordnen sich unter den Einflüssen der Natur zu immer neuen Zeichenfolgen. „Wir haben null Tiefgang.“ Es sind keine Planken, es sind driftende, beschriftete Schafe, die Herde, die noch am Sonntag blökend die Riehler Rheinwiesen abfraß. Ihr Blöken gleicht inzwischen der schrecklichst vorstellbaren Donnergewalt. „Was sollen wir schweigen?“ Wasserschwer blöken sie um ihr Leben, zumindest haben sie gewaltig Schiß, soviel steht fest. Doch wovor? „Wir müssen unsre Dumpfheit bezeugen.“ Es sind keine Blitze, es sind lediglich scharf abgefeuerte Schafsblicke, die den Nachmittag in dieses Inferno verwandeln. Der Gnom des Rheinfalls schiebt auch keinen Schaum beiseite, er packt die wolligen Tiere und trägt sie an den Straßenrand, wo sie unlesbar auf dem Gehsteig davontrotten, und das Rauschen des Autoverkehrs übernimmt routiniert das Szepter von der kurzfristig eingebrochenen Naturgewalt.


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