Aachen

Aachen ist eine der am weitesten vom Rhein entfernten rheinischen Städte. Am Bahnhof grüßen Ochsenaugen aus den Bäckereivitrinen, Printen pflastern meinen Weg in die Innenstadt, deren Halbwelt der Dichter HEL in den Achtzigern in ebenso grandiosen wie unbekannt gebliebenen Langgedichten besungen hat. In der Elisengalerie, moderne Shopping Mall, ragt eine wunderbar chaotische Skulptur mittels Hindernisstangen gebarrter Springpferde unter die Decke. Überall in der Stadt weisen weitere, durchaus originelle Pferdeskulpturen aufs CHIO. Erdbeerfrappée im Elisenbrunnen Café, hinter dem frühe Feuerstein-Siedlungsspuren und Römerzeitliches freigelegt und ans Tages- bzw ins Museumslicht gezogen werden. Aachen kommt von altdeutsch aha=Wasser, zahlreiche Brunnen und auch ein Tümpel zieren das Stadtbild, heiße Quellen und Wasserläufe blubbern und rinnen unterirdisch, bisweilen auch eingefaßt dahin, allein was fehlt: ist ein frischer mächtiger greifbarer Fluß, auf den keine Stadt von Rang verzichten sollte. (Was Aachen umfließt, nomina sunt omina, heißt Wurm und Rur.) Der berühmte Kaiserdom wurde mithilfe des Teufels erbaut. Als den Aachenern das Geld für den Dombau ausging bot ihnen Luziferus Abhilfe unter der kleinen Bedingung, ihm solle die erste Seele gehören, welche das fertige Domportal durchschreite. Die Aachener dachten nach und schickten schließlich einen Straßenköter vor. Derart gelinkt geriet der Teufel beim Seelenabholen in Rage und schlug die Domtür zum rauschenden Abgang so heftig zu, daß er dabei einen Daumen verlor, der bis heute im Eingangsbereich des Domes schwefligböse dünstet, weil er irgendwie unglücklich ins Türschloß geraten ist. Das Aachener Domkapitel lobt ein goldenes Kleid aus für denjenigen, dem es gelingt den Daumen hervorzuholen. Wie sehr allerdings Aachener Versprechen in Teufelsdingen zu trauen ist, erzählt die Geschichte selbst. Die noch weiter geht. Der Teufel wollte die Aachener Schmach nämlich nicht auf sich sitzen lassen. So stürmte er auf die Gestade der Nordsee zu, wo er zwei prall gefüllte Säcke Strandsands requirierte, um Aachen ein für allemal damit zuzuschütten. Unter ebenfalls praller Hochsommersonne wurde ihm die Schlepperei jedoch schwer. Knapp vor den Toren der Stadt, die er aus einer Senke aber nicht erkennen konnte, begegnete er einer ärmlichen Marktfrau mit zerschlissenem Schuhwerk und fragte sie, wie weit es noch bis Aachen sei. Die Frau hatte den finsteren Gesellen sofort an Pferdefuß- und Schwanzmerkmalen identifiziert und sagte schlau: „Mein Gott, bis Aachen ist es ja noch ewig, so lang lauf ich schon von dort bis hierher, daß meine Schuhe beginnen, von den Füßen zu fallen.“ Da verlor der Teufel die Lust an seiner Rache und schüttete die Sandsäcke an Ort und Stelle aus, wodurch der heute städtische Lousberg entstand, der eine prima Sicht auf Stadt und Umland und bisweilen sogar Literaturveranstaltungen im Freien bietet. Lous aber bedeutet im Oecher Idiom schlau und bezieht sich auf die gerissene Marktfrau oder auch die gesamte katholische Stadtbevölkerung, die sich als zu clever für den Antichristen erwies.


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3 Kommentare zu “Aachen”

  1. Chika
    9. Juli 2009 um 14:17

    Ich finde solche Geschichten und Sagen total spannend.Es ist so mystisch.Gibt es mehr davon auf andere Städte bezogen?Wie zum Beispiel Köln und der Kölner Dom?!

  2. Stan Lafleur
    9. Juli 2009 um 15:23

    Auch beim Kölner Dombau ist es nicht ganz ohne den Teufel abgegangen. Der erste Dombaumeister Gerhard von Ryle wollte die Kathedrale schneller fertigbringen als der Teufel eine Wasserleitung von Trier nach Köln und verlor bei einer entsprechenden Wette seine Seele. Zu finden sind solche Geschichten im direkten Umfeld der Bauwerke, in zahlreichen Büchern oder auch im Internet.

  3. Chika
    10. Juli 2009 um 11:54

    Danke….es ist echt toll solche Geschichten zu hören!Danke,macht wirklich Spaß zu lesen….!:-)

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