Monatsarchiv für Juli 2009

 
 

Gorrh (5)

Dort wo Gorrh wie ein siebenschwänziger Leu in seinen Pranken den Himmel fand (sein Gebiß an Alpenkämmen schärfte), denselben für nichts als Ballspiele brauchend, ihn schuppige fischschwänzige Vögel umflatterten, Gorrh erstmals durch das andere Ende des Fernglases an seinen langgestreckten Beinen hinabschaute (seine homerischen Ausmaße begriff, seine burleske Gestalt), fern fern die entarteten Dachse im Farn seiner Waden, kühl prickelten mineralische Sturzbäche auf seiner skulptural gewölbten muskelunterzogenen Haut, wo Gorrh sich wandelte zu unendlich vielen Gestalten pro Minute (gpm), dort blieb vom Raum-Zeit-Kontinuum nur ein gedachter Fleck (el regorrh de la mancha), eine ausgebliebene Monatsblutung der Muttergottes, eine Zweite Ankündigung. Daß er in den Alltag eingehen müsse. Ins täglich Brot, zuzeiten in die tägliche Mehlpampe. In Wasser, Stein und Gemsenbein. Ins kühisch-käsige der Hochgebirgs-Grundbedarfsregulierung: in die Frischmilch, ins Rauchfleisch und die Blasen des Emmentalers. In die Sprache. In die ARBEIT MACHT FREI. Ins Heu. In Blitz und Donner, um Respektsperson zu bleiben. In die Pfarrei. Bescheiden in die Sakristei. Ins Kirchenschiff, um von allen Tieren ein Paar aufzunehmen und in See zu stechen, zwischen den schwindenden Gipfeln, in vollem Vertrauen, das Wasser werde wieder sinken. Denn das wird es tun. Daß er in der Zeitung stehen müsse, täglich, aber hauptsächlich zwischen den Zeilen, dort, wo überhaupt nur gelesen werde. Daß schon die besten Fotografen kommen mußten und eine stattliche Zahl Presseidioten, damit die Welt davon erfuhr. Wie er den Rhein ans Fließen gebracht. Was ansonsten stets Geheimnis bleiben und Bleiben und Schweigen. „Die CDU hat den Rhein gebaut!“ Was auf Plakaten. Was die Geohydrologen. Die Immunbiologen. Was schon die frühesten Poeten, heute nicht mehr entzifferbar, vielleicht niemals, dann die Römer… (Gorrh hatte das alles gesehen, er hatte`s sogar gefressen!) Wer, wenn nicht Gorrh hat den Rhein bis Island fließen lassen? Sein Auge aus lauter winzigen Bergkristallen, das ein- und ausdrehbare, sein Gebläse, sein Mixer, niemand sonst hatte das technische Gerät – damals schon! (Nicht umsonst verkaufen seine heutigen Jünger gorrhsche Ahnungen als Amulette aus der vorsiderischen Zeit.) Das unvergessene Portrait: Gorrh im Trachtenjanker, Gamsbarthut, ein Strauß Alpenblumen, später nachgeahmt von abertausend Politikern. Aus jener historischen Aufnahme seit letztem Jahr herausgerechnet: der halbwegs ewige Fluß.

Hinterrheinmurmel

Auf den digitalen Bildern der jüngsten Hinterrheinreise: wachsen bei Ausschnittsvergrößerung monströs zerpixelte Murmel aus den gleichfarbigen Felsen: wir hatten die Kamera in etwa dorthin gehalten, woher die dunklen Pfiffe (die ganz anders klangen als vorgeblich “normale” Murmelrufe aus dem Internet, die sich geradezu als hell bezeichnen ließen) uns angellten, pro Person einer, das typische Verhalten der Murmel, deren niedlicher Name von mus montis (Bergmaus) abgeleitet sein soll, bei landseits drohender Gefahr. Bräunlichgrau scheinen sie dem Fels verwachsen, ihm Fell zu schenken, auf den Fotos, und struppig-zahnige Wehr. Verschwommen das nachtfarbene Schnauzenoval, daraus die gefährlichen Nagewerkzeuge ragen, ein nikotingelber Zahn stakt weit hervor, so weben sie ihr Netz um unbedarfte Wanderer, bald umpfeifts uns von allen Seiten, füüt-füüt-füüt, ein depressiver Unterton schwingt da mit, bald anstehender Tod, so etwas, wobei diese Stimmung auch ausgelöst sein könnte vom linksrheinischen Schießgelände, dem ganzen Geröll, der Höhe, dem schneetreibenden Anstieg, der nächsten Umgebungsfarbe, einem von tief zu tiefer changierenden Grau – was machen diese Murmel an Manövertagen? Verziehn sich, sie haben da ein Artenschutzabkommen mit der Schweizer Armee, solang die Panzergranaten krachen, in ihren Bau, rauchen Kette, dreschen Karten, weiß das Internet. Bevorzugen hierbei ein Kartenspiel namens Brante-Rute-Balg, bestimmt von den Blättern Bär, Katze und Affe, Menschen bleibt das Spiel im Allgemeinen völlig unverständlich, die Murmel spielens mit großer Leidenschaft, auch die Jungen, was außerhalb der Manöverzeit zu hohen Populationsverlusten führt, denn im Rausch des Kartenspiels werden die Murmeltiere allgemein unvorsichtig und lassen sich besonders die unerfahrenen Jungen leicht aus ihren Höhlenbauten angeln. Die Jäger schätzen am Murmel sein Öl, das viel natürliches Kortison enthält und mit diversen Alpenkräutern zu Rheuma- und Allheilsalbe verarbeitet wird. Außerdem gilt das Murmeltier aufgrund seines Tabakkonsums als eine der aromatischsten Wildfleischsorten. Es muß jedoch vor Verzehr entgiftet, entfettet und sorgfältig zubereitet werden. Aus alten Schweizer Hausfrauenkochbüchern stammt die bis heute verbreitete Meinung, des Murmels Fleisch sei viel zu erdig-eklig-wildintensiv – die alten Schweizer Hausfrauen hatten den Murmeln jedoch das Fett (in dem sowohl die Kraft als auch der erdige Geschmack sitzen) traditionell nicht entfernt. Zur Entspannung noch ein Youtube-Filmchen mit jodelndem Trickmurmel, doch die zerpixelten struppigen Monstren verfolgen mich bis in den Schlaf, nagen erst eine zur Versöhnung hingehaltene, viel zu kurze Karotte auf, dann meine Hand, den Arm, den weiteren Bildausschnitt, fressen die Alpen weg, da ist nichts mehr als pures Nagen, hin und wieder ein Pfeifen und Johlen, das Bild bleibt weiß oder leer (wer wüßte schon Traumfarben präzis zu nennen?), das Nagen nähert sich, wird stärker, bedrohlicher, es geht mir sicher bald restlos an den Kragen, da fällt ein Pik As durch die weißlichte Szene, von einer lasch gedrehten Kippe entflammt… Hirnwellen zu Rheinwellen… Hungergefühl… ein Schuß…

Rheinverläufe

Es kursieren, in der Zweiten stärker als in der Ersten Welt, durchaus ernstzunehmende Gerüchte, der Rhein sei nicht schon immer dort lang geflossen, wo er eben schulkundlich und augenscheinlich heut gewohntermaßen lang fließt – und beziehen sich weniger auf die weithin im Volksglauben akzeptierten, menschengemachten Rektifizierungen (Domleschg, Alpenrhein, Oberrhein), die ja lediglich Korrekturen am gewohnten Bett darstellen, als vielmehr auf gewaltige Ausbrüche aus dem so normal erscheinenden Verlauf, welche größere Regionen trockenzulegen imstande gewesen sein mußten, und Kulturgeschichte umgeschrieben hätten, hätte denn damals schon Kultur bestanden. Die ganze Wirksamkeit solcher Behauptungen zeigt sich in der Verunsicherung selbst von Natur aus standhafter Bergvölker, wie z.B. dem Liechtensteiner Oberländer beim Panoramablick auf sein eingedeichtes Tal: „Stell dir das mal vor, es heißt, der Rhein wär einstens beinah Richtung Walensee abgeflossen, dann hätten die Walenstädter ihn gehabt und wir nicht, das wär ja furchtbar, das will man sich ja garnicht vorstellen.“ Auch das Tal auf den Walensee zu ist im Gesamtblick enthalten, ganz ohne Rhein scheint es dennoch zu funktionieren. Um den Oberländer zu beruhigen, entgegne ich: „Das war sowieso mal alles Wasser hier.“ Denn de facto behaupten Geologen, auch wenn diese Stimmen im breiten Volk nicht immer ankommen, der Rhein sei bereits einstens Richtung Walensee abgeflossen, um sich dann auf Höhe der Aaremündung wieder zu treffen. Auch sei Liechtenstein einst nichts weiter als Bodenseeboden gewesen, in vorvorvorfürstlicher Zeit. Ein weiteres Geologengerücht geht von Rhein und Rhône, die beide (der Rhein mit seinem Vorderteil zumindest) dem Gotthardmassiv entspringen. Kurz hinter Basel sei der Rhein einst einfach nordseeunlustig umgebogen, um sich der Rhône, somit dem Mittelmeer zu mengen. Wahrscheinlich gab es damals Holland noch nicht, und keine Menschen, Theorien, Webcams dergleichen. Eine Zeit also, über die sich recht viel behaupten läßt. Heute gibt es allerdings den Canal du Rhône au Rhin, anhand dessen eine solche Katastrofe für alle Rheinländer modellhaft vorstellbar zu machen wäre; letztendlich wollen die Rheinländer sich ohne Rhein jedoch rein garnichts vorstellen.

Rheinische Wildschweinjagd

Barocke und moderne Jagdmethoden, dh ein weiteres Juwel aus dem Antiquarius vs. zeitgenössischer Pressebericht, jeweils zum raren Thema Wildschweinjagd am und auf dem Wasser: „Im Breißgau und sonderlich in den morastigen Gegenden des Rheins giebt es viele wilde Schweine, die sich stark allda aufzuhalten pflegen, und ehedessen sehr schwer herauszubringen waren, bis man endlich vor etlichen Jahren auf das Mittel gerathen ist, daß man auf derjenigen Seite, wo der Wind herkommt, an zehen bis zwölf Stangen, die etwas weit von einander stehen, Schwefel anzündet, indessen daß sich die Schützen und Jäger auf der gegen über liegenden Seite mit ihrem Gewehr anstellen. Weil nun die Schweine diesen Geruch nicht vertragen können, so wollen sie sich davon entfernen, und auf der andern Seite des Morastes herausbrechen, da sie denn ihren Feinden also in den Schuß kommen. Sonst haben die Bauern in selbiger Gegend auch noch eine andere Jagd, wobey es gar still zugehet. Sie wissen nämlich, daß die wilden Schweine öfters des Nachts über den Rhein schwimmen, daher lauren sie mit ihren Nachen im Strom auf, heben sie mit den hindern Beinen in die Höhe, daß sie mit dem Kopf untertauchen und ersaufen müssen, worauf sie das Wildpret in ihre Kähne oder Nachen bringen, und ans Ufer schleppen.“ Hingegen berichtet der Kölner Stadt-Anzeiger vom November 2008: “Auf der Flucht vor Jägern hat sich (…) in Koblenz ein Wildschwein durch einen Sprung in den Rhein gerettet. Nach Angaben der Polizei durchquerte die Wildsau zügig den Fluss und entkam so den Polizisten, die bereits Maschinenpistolen für die Treibjagd bereitgestellt hatten. Auf der anderen Seite des Ufers wurde das Tier von mehreren Streifenwagen empfangen. Die Beamten sicherten den Verkehr und blieben dem Wildschwein auf den Fersen, bis es schließlich in den Wald zurückkehrte.”

Rheinfische (2)

Gefunden im Vorbericht des Rheinischen Antiquarius: „Es hegt sonst dieser Strom allerhand Arten von Fischen in großem Ueberfluß, und man fängt darinnen unter andern leckerhaften Gattungen die wohlschmeckende Salmen / welche, wenn sie im Frühling aus der See, allwo sie klein und mager sind, heraufkommen, Lachse / hernach aber, wenn sie sich gegen den Herbst zu nach dem Meer wieder zuruckbegeben, erst Salmen genennet werden. So bald diese Fische in den Rheinstrom einlauffen, nehmen sie auch zu, und je höher sie steigen, je größer und zärter pflegen sie zu werden, so, daß ein Cöllnischer Lachs vor einem Dordrechtischen, und ein Maynzer vor einem Cöllnischen leicht zu erkennen, diesen allen aber ein Baßler vorzuziehen ist. Auch sind die Rheinstöre nicht unbekannt. Wie denn Marquart Freher schreibt, daß diese in der Pfalz nur auf die Fürstentafel gehörten. Zu Rom wurden diese Störe, welche man zu latein Acipenseres nennet, ehemals als eine sehr seltsame, dabey aber kostbare Speise, wie Athenäus und Macrobius bezeugen, nicht anders, als im Gepränge mit Pfeiffen und Kränzen auf die Kayserliche Tafel getragen. Sie werden sonderlich in Holland ohngefehr vom ersten April an, ein ganzes viertel Jahr hindurch, so häufig gefangen, daß man sie theils in Pückel schlägt und einsalzt, theils frisch an nahgelegene Nationen, insonderheit nach Engelland, verhandelt. Wenn der große Störfang aufhört, so geht es nochmals das ganze Jahr hindurch über die kleinen Störgen her, welche so schmackhaft sind, daß auch die Italiäner, wie ein gewisser Verfasser meldet, die Finger darnach lecken. Nebst diesen liefert der Rhein noch viele niedliche Fische auf der reichen Leute Tafel, worunter die namhaftesten zweyerley Arten Neunaugen sind, die man eingemacht in Deutschland Bricken und in Holland Muräl nennet. Die erste Art davon ist sehr groß und schön, die andere klein, nichts destoweniger aber von gutem Geschmack. Eigene Arten Rheinfische sind die stachelichten Hechte / die herrlichen Rheinkarpfen / deren einige mehrmalen wohl bey zwanzig Pfund schwer gefangen worden; ferner die gar großen, mittelmäßigen und kleinen köstlichen Barben oder Rothbärte, die starken und großen Aale, die Forellen / Schwalen, Weißfische, Bersing oder Persen / Nößling / Aalruppen, Schleyen / Grundeln, Kressen / Kroppen / Bißgurren oder Meergrundeln, Stinden / Zauen, u. d. gl. Aeschen oder Aschen hat der Rheinstrom sehr wenige, und zwar daher, weil diese Fische lieber in harten, frischen und felsigten Wassern gehen, so kalt sind und aus hohen Felsengebürgen herab fliessen. Dieweil auch dieser Fisch das ganze Jahr hindurch gesund und gut zu speisen ist; So soll daher das Sprüchwort von ihm entsprungen seyn: Der Aesch ist ein Rheingraf.“ Soweit der Antiquarius, der weiters von kommenden und gehenden Krebsen im Rhein berichtet, von Bibern und Fischottern, Schildkröten und sogar verirrten Wunderfischen aus weit entlegenen Meeren, auch Seehunde (die nicht etwa “Roggen oder Eyergen” legen, sondern anlande Welpen werfen, welche im Safte ihrer Jugend ein Achttagegeheul starten) und junge Meerschweine werden als Flußbewohner verzeichnet, bevor Dielhelm aufs rheinische Federwildbret kommt.

Am jungen Rhein

Die Alpen, die Alpen, Gottes Dritte (Pedipalpen). Geampferte Matten (muß raus das Zeug) vor Wochenendhäuschen. Schwer verkerbelte Wiesen, akeleiend, nicht wenig distelts teufelskralln, der Enzian krampft seine schnapstriefenden Wurzeln ins Gestein, glockt, wehrt sich und schreit bei intendierter Ausrupfung: sofort scheinen bewaffnete Enzianhüter auf, paar Promille im Blut exekutieren sie den Willen zum Frevel samt Frevler, die Berge kennen kein Pardon. Seit Populärwerden des Fuchsbandwurms pflückt auch auf fürstlichen Höhen niemand mehr Wildbeeren; Lotto spieln se hingegen weiter ohne Wimpernzucken. Hämisch leuchten ob dieser Umstände schmackhafteste Erdbeerwinzlige ausm Niedergebüsch. (Kann ich so nicht stehen lassen. Auch das für Touristen so gefährliche Quellwasser getrunken – sieben Tage Krankheit plus Pickel und Gewichtszunahme.) Noch mehr Alpengefahren: mit großen Augen betreiben die Kühe ihre meditative Rasenpflege, backen dampfende Fladen, heisern sich dröhnende Grüße zu, bei guter Laune improvisiern sie auch mal bißchen: auf traditionellen Tunes basierende Neue Musik. Sobald diese Wundertiere mit dem ganzen gekräuterten Gras fertig sind, fressen sie die Mineralien ausm Himmel. Wer je durch solche Löcher gesehen hat, kann hernach kein normaler Mensch mehr sein. Also besser Talblick halten: drunt fließt ein gerichteter Rhein etwas eckig von Süd nach Nord. Ganz gut auszumachen die Stelle, wo der Fluß einst gen Walensee abhauen wollte. In der Silumer Hütte ein Fläschchen Triesener Kretzer, weißgekelterter Rotwein, in dem die ganzen umgebenden Berge zu stecken scheinen. Rosé fließt die Rüfen hinab, bestialisches Traubengewitter, begleitet von zittrig gedop(pel)ten Insekten, der Waldmeister bläst seine Fanfaren und zwischen zwei nikotingelben schräg auseinanderstehenden Vorderzähnen beachtlicher Länge pfeift mein erstes Murmel seine dunkel gellende Melodie, aus den Gipfeln wachsen Galgen mit erhängten Heilsbringern dran, die Wandersleut grüßen weiter freundlich, als ginge sie`s nichts an, als seien wir alle brothas`n`sistas, grüezi, grüezi und ja hoi.

Balzers

An weitläufigen Straßen präsentiert sich das neue liechtensteinische Wohnen: in Burgen eingemauert wird dagobertducksch der Wohlstand poliert. Daß Balzers mal ein Bauerndorf war, riecht man noch ein wenig, die Süßkirschen an den Rainen aber werden nicht mehr abgeerntet. Unterhalb Schloß Gutenberg, das auf einem der üblichen vorantiken Kultstätten-Hügel liegt, begleitet mich ein schweigsames Männli ein Stück Weges durchs steile Waldstück, bis es unweit des Schloßtors, woraus Renovierungslärm dringt, in einen alten Schopf schlupft und in kalter Flamme aufgeht. Der böse, neidische Schrättleg könnte das gewesen sein, oder einer der schönen Irren, die in diesem Landstrich wohlgedeihn. Ich schreite weiter übern Lesepfad, dessen Name sich sowohl auf den Schloßberg-Wingert, als auch auf die zahlreichen Balzner Geistergeschichten bezieht. Zu Bremsen transformierte Übellinge attackieren im Tiefflug. Zwei drei klatsch ich weg, da beginnt der Rest zu kneifen. Die halb St. Nikolaus und halb St. Martin benamte Jubiläumskirche scheint geisterfrei und “soli deo honor” zu existieren. Das Dorf, endlose Asfaltbänder zwischen den Wohnpalästen mit ihren bauschigen Blumenkohlhortensien, wirkt ein wenig wie Kleinst-Hollywood ohne Filmindustrie – immerhin: Die Schweizpremiere von “Harry Potter und der Halbblutprinz” findet, deutsch gesprochen (!), im Balzner Schloßhofkino statt. Das lautlose Verschwinden der alten Holzhäuser in zunehmend einseitiger Mischarchitektur. Doch selbst in der schönsten Ruhe findet sich immer einer, der sie mit schwerstem Gerät fuhrwerkend zerreißt. Die lindensüße Luft enthält Spuren von Jauche und Mülltransport. Warzwurz und tropische Büsche schunkeln gelangweilt, vorgartenummauert im Föhn. Via Altneugut zu den Rheinschnellen, steht da noch ein Hof mit Bio-Freiland-Güggel, desweiteren im Blickfeld: noli-me-tangere-bestandner Waldrand, Baukräne vor Postkartenbergen und, besonders streng fixiert, die knallende Sonne: ab sofort wird zurückgeschossen! Unterm Ellhorn die teilbegehbaren Schnellen, gletschergrau plätschert das Wasser und schäumt und rauscht und eilt an dürr bestrauchter Kiesbank längs. Jeder der handteller- bis kinderkopfgroßen Kiesel enthält, bei näherem Betrachten oder Aufschlagen (an ihren Bändern lassen sie sich brechen wie rohe Straußeneier, offenbaren dann kristalline Innereien) über Jahrtausende eingravierte Geschichten und zusammen funktionieren sie als ständig sich umwälzendes überbordendes Epos aus alpinem Alfabet.

Hinterrheincruising

Kraftwerke, profitable Denkmäler des werktätigen Geists, gibt es früh am Hinterrhein, der Stausee bei Sufers fördert die „Weiße Kohle“, die ersten Hochhäuser sind in Thusis (das hintergründig mit Medels zu korrespondieren scheint) zu erblicken, die Thusiser Hauptstraße macht den Eindruck einer Ausgehmeile, erinnert in ihrer staubigen Gestrecktheit im luziden Abendlicht an Wildwest-Filme: Fremder betritt den Ort, bindet lässig sein Pferd an die Pferdeanbindevorrichtung vorm Saloon, hat nur eine Frage nach dem Weg (o weh: durch Indianerland) und den Effekt einiger Roggenschnäpse im Sinn, will vielleicht auch wissen, was so geht, in der Gegend, der Barkeeper gibt zunächst freundlich Auskunft, doch plötzlich fällt eine Frage zu intim aus, Räuspern, Stühlerücken, ansatzlos kreuzen über wilden Bärten offen feindselige Blicke den Raum, ballen sich Fäuste, entstehen Handgemenge, beendet erst von einer großartigen Rede aus dem Munde von Sheriffs Revolver: do not forsake me, oh my darlin`. Ems Chemie dann, schon am Vollrhein gelegen, polymere Werkstoffe und Energie aus Biomasse: der Industrierhein beginnt weit vor Basel, auch wenn der Strom hier keine Tankschiffe trägt. Dafür ist das Schienensystem dreispurig, um zwischen Räthischer Schmalspur und internationaler Chemiegüterspur zu switchen. Das Dorfbuch (Domat/Ems) kann am Schalter der Einwohnerkontrolle bezogen werden. Das Kulturleben öffnet und schließt mit der Kirche, von der immerhin um die vier Exemplare existieren, eins mit walsertypischem Zwiebelturm. Der Pfarrer als Entertainer, wow, ja, da stellt man sich dies und das und vor allem “die gute alte Zeit” drunter vor. Die Gewerbezone am Rheinstrom heißt Plong Muling und um Domat/Ems herum sind die Strohballen in polymere Werkstoffe gehüllt: seidig schimmernde, blaustichweiße Planen, unter denen die Ortschaft auch einen guten Eindruck machen würde, dem Künstlerpaar Christo/Jeanne-Claude sei`s geflüstert.

Rheinursprung

Im Dorfe Hinterrhein wehen tibetische Gebetsfahnen, stapfen abenteuerliche Gestalten über bucklichte Wege, gedrungene Menschen, die sich scheints unsichtbar machen können, zwischen den Blicken. So eine Art Safaritourismus: Glotzen ausm Autofenster, wilde Tiere (Dorfkatzen) und Aboriginees vor mystischer Endlandschaft. Nach und nach verschwinden die Straßen im Felsgrund. Hinweisschilder: „Durchquerung mit ungeladener Waffe gestattet“. S rheinrauscht und kuhglockt auf Teufelkommraus. Dann ein Wachhäuschen der Schweizer Armee, dahinter Panzer, Bunker, vermutlich ausgehöhlte Berge. Über die provisorische Panzerbrücke links dürfen wir gehen, rechts ist tabu. Zielscheiben über unsern Köpfen. Schreiten über zersplitterte Panzermunition, Gewehrpatronen, sonstige Projektile – und: Schnee! Mitte Juli selbst hochdroben ein seltener Anblick. Der Rhein claimt jenseits befestigten Straßenbaus das Alleinmonopol aufs Alpenrauschen, der Rhein, naja: das sind schier tausend Rheine, sich aus den Felsen lösende, alles in allem höchst spektakulär fallende Wasser, hin und wieder schnellen Buschblätter, frisch von Schneelasten befreit, empor, sorgen für Schreckmomente, gekonnt arrangiert auch das dunkle Pfeifen verstreuter, vom Rauschen dauerbreiter Murmel auf perfekt getarnten Posten: grandioses concerto alpino und außer unserer kleinen Safarigesellschaft keine Menschenseele. Die Schotterfelder: heftige Nachgeburten der Berge. Erst noch rasend durch von Rekrutenhand mit tonnenschweren Quadern befestigte Bettstatt, zerrinnselt der Fluß, gen Quelle, in Grobkieselwüsten und Regengepläster. Sein Wasser schmeckt klar, im Abgang diverse Steinwürzenoten. Kniehohe Schneebaldachine über den Zurinnseln bieten sicheren Unterschlupf für Kristallgeister und Zwergisches. So geht es Schritt für Schritt dem Rheinwaldgletscher entgegen – bis der Pfad in einen Naturwendehammer ausläuft. Dünn und überhüpfbar postelt der Rhein in schönsten Dis- bis Ziehharmonien, vor allem im Bewußtsein seiner Kräfte: ganz und gar unaufhaltsamer Cleverness, talwärts: „Meinen Entsprung kriegt ihr nicht“, flüstert das Wasser und liegt völlig falsch: Sonne fühlert über die ersten paar Rheinmeter, leuchtet Welt und Schneefelder aus. Der Rhein entspringt keinem Gletscher, sondern, in klassisch-göttlicher Manier, dem weißgleißenden Himmel über weißgleißenden Kuppen: Heiligkeit und Mystik sind absolut faßbar, warum sind wir hier allein? (Beobachtet von spiegelnden Rekruten höchstens?) Am Himmel immerhin kreisen lautlos fähige Mischwesen, so ein- wie scharfäugige Dolsen, greifzangige Murdler, der Wiedergänger des Schneepricorns hornt hintern Kuppen, blaßgoldne Mondgesichter eulen aus Tannengruppen. Plötzlich, am andern Ufer, eine weitere Safarigesellschaft; mit Seilen und Steigeisen ausgerüstet achten sie den Fluß keines Blickes (gab wohl neue Befehle für die Wachablösung am Schildhüüsli), ziehen, beispielgebende Gesellen, zielstrebig ins gleißende Nichts, brennen ihre Schneespuren auf die Tiefen meiner schwebenden Seele. Gelassen geht es frommen Schritts talab: ein veritables Weltwunder erblickt; hat man ja nicht so oft dieser schnellen Tage.

Nullrhein gleich Vollrhein

Bei Reichenau prallen schlämmkreidiger Vorder- und bei Rhäzüns noch vergeblich handgebremster Hinterrhein gleichsam Kopf an Kopf aufeinander, dringen mit ihren nachziehenden Fluten (wie verwaschne Schleier wieder und wieder aufgetragener Hochzeitskleider) gegenseitig in sich, gleiten zugleich an sich ab, gewässersexueller Akt, ringen auf diese Weise ein wenig und einigen sich auf beinahe orthogonalen Abfluß (damit Ruh herrscht), Nullpunktremis in Schaum, Knautsch und Rausch, von vier schwach frequentierten Brücken überschlagen. Zieht kaum Tourismus der Flecken, als Trauort einer Legende. Was hingegen zieht, ist Sport. River rafting, hydrospeed, canioning und Kart lauten die Tagesangebote. Lauter jungfesche individualgebräunte Sportlinge in uniformen Gummianzügen auf Jeepladeflächen – wenn die mal was über den Fluß, von dem sie sich nu bespaßen lassen, gelesen haben, stands wohl in den Donald Duck-Taschenbüchern, irgendwo in den Sprechblasen von Tick, Trick und Track. So pesen sie dahin. Mir bleiben das alte Steine-übers-Wasser-hüpfen-lassen und sonstige wertekonservative Wurfübungen. Faszination der Sekundenregenbogen im von Flitschekieseln aufgeworfenen Gesprüh. Wird es gelingen, den Vorderrhein komplett zu überwerfen? Plötzlich das dumpfe Ächzen eines Rheingeists, den ich versehentlich mit einem schweren Kiesbrocken am Schädel treffe: echt schockierend! Als würde Fels durch Metallröhre gedroschen. Was sucht das Gelump aber auch zu sonnestrahlendster Tageszeit in Ufer- somit Menschennähe? Die Rache folgt stehenden Fußes, ausgeübt von einem gutgetarnten scharfbezahnten Gesellen aus des Rheingeists Kiesmyzel, pur fließt mein rotestes Menschenblut aus dem Mahnfinger; hier jetzt noch baden zu gehen, wäre vermutlich Selbstmord. Unter der Brücke rauchen Würstchen im Grillfeuer, paarweise winterbekleidete Alte trotzen der Dreißiggradsonne mittels einer Art Liegekur, auf der Brücke: mein erster Vollrhein in tänzelnden Silbersilben. Wohin er sich zu wenden gedenkt steht in Reichenau rachitisch an allen drei Hauswänden: Chur. Chur. Chur.

Rhäzüns

Schloß Rhäzüns ist von Verbotsschildern mit Bußgeldandrohungen umstellt und wird von Christoph Blocher, einem der kontroverseren Politiker der Schweiz zweitbewohnt. Auf Geheimpfaden, die kein GPS der Welt kennt, geht’s, vorbei an der Wildhimbeermeile, aus deren Gesträuch vollreife Juwelen blitzen, zum Rhäzünser Königs-, alternativ: Poetenblick: tief unter der Abbruchkante mäandert der Hinterrhein seine letzten Kilometerli auf den Vorderrhein zu, wirft kiesige Inseln wie struppige Bänke auf, schrappt arschknapp am Tod durch Schönheit vorbei, entspannt sich gurgelnd, überspannt von der Luftseilbahn Rhäzüns-Feldis, gaukelnde Gondeln über gottgewolltem Talgrund,„begondelt werde dein Name“, „Trap“ weisen Schilder in den Wald, trapptrapp, vorbei an der dorfaus gelegenen Heini AG schmalspurt die Räthische Bahn in und aus touristische/n Kulissen, der allfällige Capricorn muß mal wieder Fresse und Gehörn herhalten: Rhäzünser isch gsünser, auch plus Holunderblüte, hochschwyzerdütsch Lemon`n`Peach im PET-Gebinde: naturbelassene, alpenbachklare… Steinbockpisse? Dann schnell noch die Häupter der letzten romanisch sprechenden Einwohner gezählt, ein siamesischer Zwilling darunter, der geht großzügig durch für zwei. Hinterrheinabwärts auf freiem Gelände die Bonaduzer Tankstellen und Reißbrettneubauten (karmesinrote Hofhauskästen), followed by Ortskern`n`Website.

Bündner Allerlei

Im Räthischen Museum in Chur hängen aktuell in einer Sonderausstellung die Veduten Johann Jakob Meyers (1749-1829, Schüler von Heinrich Füssli, Lehrer von Karl Bodmer) mit Ansichten vom Hinterrhein, die der Maler während seiner Fußreise auf der Via Spluga skizzierte, konterkariert von den Fotografien Tino Sands, der knapp zweihundert Jahre später dieselben (doch nimmer dieselbigen) Blickwinkel einnahm, aufgelockert das Ganze von einigen flotten Zitaten des Reiseschriftstellers Johann Gottfried Ebel, der gemeinsam mit Meyer das Werk “Die Bergstrassen durch den Canton Graubündten nach dem Langen- und Comer-See” schuf, welches heuer um 25.000 Euro antiquarisch auf Liebhaber-Käufer harrt. So erfährt Rheinsein u.a. von den in manchen Gegenden äußerst mißtrauischen Alpenbewohnern, die zu knurren beginnen, wenn sie Reisende beim Zeichnen erblicken, was sie “das Land abreißen” nennen – und wenn sie zu knurren begönnen, sollte man schleunigst stiften gehen. Über das Fondueritual und seine Derivate finden sich die warnend an den Fremden gerichteten Zeilen: “Man hüte sich, von den fetten Käsen, besonders, wenn sie gebraten sind, viel zu essen; sie erregen dem Ungewohnten heftige Koliken.” Lepontisch beschriftete Stelen im Keller und ein buntes Sammelsurium an Bündner Allerlei machen das Museum darüberhinaus sehens- und hörenswert: die romanisch gesprochenen Filme überzeugen durch die Bank, besonders der Zwölfminüter “Vert cunter cotschen” (Grün gegen rot), in dem zwei Bergbauern die Liebe zu ihren Kleintraktoren der Marken Rapid und Aebi beschwören “das Schönste daran sind die Schalthebel”, und nebenbei fallenlassen, daß Mitnahmegabel auf Romanisch Mitnahmegabel heißt. Rheinsein erfährt von Bluzgern (Bündner Münzen) und Blakten, dem Alpenampfer, der gesotten einst als Sauerkrautersatz verwendet heute als Unkraut aus den Almen gerupft wird, sowie den Schwabengängern, Bündner Kindern, die sich um geringsten Lohn in den Sommern bei süddeutschen Bauern verdingten. Aus dem Handbuch Bündner Geschichte von 1558 eine Episode über das emigrativ expandierende Bündner Zuckerbäckertum: “Vor mir, dem Notar und dem Zeugen, hat Nuot Tretschins seinen Sohn Nott für vier Jahre dem in Venedig wohnhaften Meister Nott Christen übergeben, damit dieser ihn als Lehrling auf eigene Kosten nach Venedig bringe, ihm das Schulgeld für die Handwerkerschule bezahle, ihn während vier Jahren mit schicklichen Kleidern und Schuhen ausstatte und ihn im Zuckerbäckerhandwerk ausbilde. Wie einen Sohn soll er ihn ferner in anständigem Benehmen unterweisen und züchtigen und in allen Bereichen sich ihm gegenüber wie ein Vater verhalten; und ebenso soll der Lehrling Nott ihm gehorchen wie ein Sohn, lernen und arbeiten.”

Bündner Straßenbau

Auf das Jahr 1823 fällt die Befahrbarmachung der Bündner Pässe Splügen und San Bernardino. Heute besitzt das Hinterrheintal mit National- und Landstraße streckenweise mehr sich gegenseitig umwindende und untertunnelnde Asfaltstrecke als sonst etwas. Seinerzeit wurde der Straßenbau jedenfalls euforisch begrüßt – wie im folgenden Gedicht aus dem Band „Gedichte über die neue Strasse“ des Andeerer Pfarrers Mattli Conrad (1745-1832), das Analogien zwischen Politik, Ingenieurskunst und gottgefälligem Leben nicht scheuend das Schweizer Poesiealbum womöglich erstmalig um das Planierwesen bereichert:

Lobgedicht über die Erfinder, Beförderer
und Ausführer des neuen Strassenbaus

Wenn Erden-Söhne auch verdienen,
Dass man für schöne Thaten ihnen
Viel Ehrerbietung, Ruhm und Dank
Erschallen lässt durch Musenklang,
So seyt ihr Herren Wohlgeboren,
Und weis und kluge Consultoren
Des Strassenbaues, so wie Die
Ihn ausgeführt durch Kunst und Müh,
Und Actionairs und Liberalen
Die auch dazu noch Wohlgefallen
Beytrugen wohl des Ruhmes werth,
So lang die Strasse sicher währt.

Ruhm Ihnen! Glück dem Vaterlande!
Der Himmel schenke jedem Stande
Auch felsenfeste Frömmigkeit
Auf jeder Strass zur Ewigkeit
Die unser Mittler uns gebauet,
Und darauf zu wandeln uns ermahnet;
Zu unserm Glück und ew`gen Wohl,
Obschon der Weg ist Mühevoll!

Rofflaschlucht

Landstraße wie Via Spluga, die beizeiten eines sind, führen auf das praktisch gelegene Gasthaus der Familie Melchior-Lanicca. Deren Vorfahr Christian Pitschen Melchior erschloß, inspiriert von einem Besuch der Niagarafälle, in den Wintern von 1907 bis 1914 mit harter, ausdauernder (von den raren Nachbarn als Spinnerei bewerteter) Bohrarbeit und nicht zuletzt 8000 Sprengladungen den Wasserfall der Rofflaschlucht als Touristenattraktion: „Galerie zum romantischen Rofflafall und unter dem Rhein hindurch“ kündet heute ein zurecht selbstbewußtes Schild am Straßenrand – und zum zweiten Mal (nach der Durchquerung des unterrheinischen Kölner Fernwärmetunnels) begibt sich Rheinsein, nun, was eigentlich genau: unter?, hinter?, zwischen?, jedenfalls hautnah heran an: den (hier: reißenden, schluchtenbildenden) Rhein. „Zweimal war ich schon am Rofflafall, / und ich hoffe, daß ich bald schnall / wie Christian Melchior dies hat erbaut, / mit einfachem Werkzeug er nur hat in den Stein gehaut“, dichtet die dreizehnjährige Clara F. aus Duisburg unter solchen Eindrücken und Rheinseins eigenen Augen ins Gästebuch – und weiter: „Das Wasser rast an einem vorbei / und von den Sorgen ist man frei“. Ob der Rhein sie tatsächlich beichtvatergleich abnimmt, die Sorgen dreizehnjähriger Mädchen? In der Schlucht (romanisch-magisch: tgavorgia de la Punt Crap) finden sich immerhin regnende Felsen, holografischer Rheinwiderschein und ein respekteinflößender Rofflawicht aus grünlichem Stein bei der Flußmeditation. Für drei Fränkli ist das nicht zuwenig, und sofort meldet sich der Gedanke, eine Liste der Rhein(fall)attraktionen im Preisleistungsverhältnis aufzustellen.

Zillis

Gegend Abend auf Zillis mit seiner berühmten Kirche St. Martin, in deren Decke 153 gipsgrundierte, hochromanisch bemalte Tannholztafeln eingearbeitet sind; weltweit, heißts, das einzig prima erhaltene Werk seinesgleichen: alt- und neutestamentarische Szenen, umrandet von seltsamen Fabelwesen als Sinnbildern des Bösen, die der geneigte Besucher sich um vier Fränkli nackenschonend erspiegeln kann – falls er zeitig eintrifft. Ab 18:00:00 Uhr bleibt immerhin die in Kiosks rund ums Kirchli angebotene Produktpalette der Postkartenindustrie, bleibt die Hoffnung auf einen andern Zilliser Tag bzw auf ver- und vollständige Dokumentation des Nichterblickten im Internet, bleibt immerhin das Außen-Fassadenbild vermutlich St. Martins mit Himmelszeltdenkblase. Apropos Fabelwesen: das Zilliser Tier existiert auch außerhalb der Kirche, sowohl in bildnerischen Darstellungen (z.B. am Talmuseum) wie sozusagen automatisch in den Köpfen derjenigen, die den Dorfkreis betreten. Was sonst noch los ist, in Zillis, nach 18:00:00 Uhr: Dorfschaukasten-Anschläge weisen auf Älplerzmorga, Puurazmorga, Buaba Schwingen, Filzerinnen-Treffen, lokaltypische Energiezu- und -abfuhrgelegenheiten, wobei das bündnerische Wollfilzen ein kirgisisches Äquivalent zu besitzen scheint, wie überhaupt (tibetische Gebetsfahnen hie und dort) internationalisierte Berglersolidarität sich in den Alpen merkbar auszubreiten scheint. Exotica: Kunst oder Müll schmückt einen der sicherheitsvergitterten (damit das Kind nicht…) Brunnen, neckisch flitzt Shaun das Schaf über Hauswände, Rübezahl dumpfen Blicks, auch mächtige Hufeisendronten (Alphähne?) – wenn die sich nachts zanken, verriegelt sein besser die Türn. Dorfauswärts geht’s zum Steinbockzentrum, wohl so ne Art Ratssaal der Bündner Vorzeigetiere. Ventirevel il pievel ca matigna il senn per dretg a verdad ad il spèrt da cuminanza! Steinerne Sitzbänke erproben ihr Verhältnis zur Schwerkraft fast mitten auf der Straße, am Dorfrand plätschert der Hinterrhein, schallende Wildblumenwiesen, im Dämmer landet die berühmte reisende Polentahütte aus den Lüften an; bleibe bei uns Herr, denn es will Abend werden; die nach der illzufließenden (welche Ill wiederum eine rheinzufließende ist) Samina benannten Schlafsysteme werben mit: Schlafen Sie Lebensenergie. Längst schlafen auch die Seelen einst prämierter Kühe, deren Gehörn andächtig die Zilliser Mauern ziert. Die Alpen befinden sich im Einklang, meditativ-erhobener Abflug rheinseinseits in eine jungrheinwellene Spülung, Neuzusammensetzung von Geist und Fleisch im Traum vor mählich wandernden Tieren, die wie wir… zick-zick-Zyliss…

Das Schiff, das nicht mehr da ist

(Ein Gastbeitrag von Enno Stahl)

Wiesen und Auen als leise wogende Fläche: wie der Fluss, der sie durch­strömt – hier, wo der Rhein an Fahrt verliert und an Breite gewinnt, bei Überschwemmung zum See gerät und die Landstraße schluckt, einen Weg, der abbricht im nassen Nichts…
Hier säumen im Sommer Weiden die Ufer, deren Zweige Wasser nippen und Schafe fluten als lebender Teppich die grasigen Böden… Hier am nördlichen Niederrhein lag es einst: ein gestrandetes Relikt, weltversetzt, als hätte das Meer selbst es bei einer frühen Sturmflut zurückgelassen – ein Schiff, das rostige Schiff bei Rheinberg, damals inmitten grüner Ozeane…

Heute finden wir nichts mehr davon, keine Spur – allein im Gedächtnis, das diese Schönwettergeschichten fortspinnt: diese kleinen Ausritte zu siebt im 2CV mit Punk-Musik (Dead Kennedys und Tote Hosen sogar), die blanken Füsse aus dem offenen Verdeck gereckt, der Sonne entgegen… Und dann über diese Schafswiesen hin zum verzauberten Kahn, der Namenloses flüstert: lyrische Prosa von Pira­ten- und Schmuggelaktionen, Rheinromantisches, Weltkriegsthriller… Darauf rumkrabbeln… Späte Abenteuerträume ausleben, sie anschließend mit Pernod und Purpfeifen kühlen und verschwinden machen…

Einmal verstauchte ich mir den Fuß, humpelte zurück durch die blökenden Wollknäuel – zugleich vom Haschisch tierisch mitgenommen, musste geschlagene zwei Stunden im Auto ausharren: zu mir kommen, während die andern sich in der Kneipe vergnügten. Das war auch so ein Ende dieser Geschichte, physischer Schlusspunkt, spät-pubertäre Ausrufe- oder Fragezeichen?

***

Das Schiff, das nicht mehr da ist ist ein Auszug aus Enno Stahls frisch erschienenem Buch “Heimat & Weltall. 2 Prosazyklen”. Mehr Informationen und direkte Bestellmöglichkeit auf der Website des Ritter Verlags.