Monatsarchiv für Juni 2009

 
 

Bad Säckingen

Die Stadtgeschichte von Bad Säckingen ist auf der Website von Bad Säckingen „nicht vorhanden“. Durchaus vorhanden sind Informationen zu Victor von Scheffels berühmtem Verswerk „Der Trompeter von Säkkingen“ und seinen historischen Vorbildern Franz Werner Kirchhofer (Werner, der Trompeter) und seiner Geliebten, Maria Ursula von Schönau (Margaretha), die beide urkundlich nachgewiesene Säckinger des 17. Jahrhunderts waren und deren unstandesgemäße Liebe, trotz des Widerstandes der adligen Familie von Schönau, in der Ehe und auf einem gemeinsamen Grabmal im St. Fridolinsmünster mündete. 1854 erschien Scheffels Trompeter – die gereimte Liebes- und Heimatgeschichte brauchte rund 20 Jahre, um ihren Durchbruch beim Publikum zu erzielen. Mittlerweile kennt sie hunderte Auflagen. Und Bad Säckingen bedient sich reichhaltig bei Scheffels Person und Werk, nach dem Vereine, Straßennamen, Schulen und Schlösser benannt sind, ganz zu schweigen von den Büsten und Plastiken im Stadtbild, deren auffälligste der Hiddigeigei-Brunnen mit Rheinblick darstellt, gewidmet der gleichnamigen Chansonnier-Charakterkatze aus dem Trompeter. Ein Schaufenster am Münsterplatz zeigt ausdrucksstarke s/w-Aufnahmen mit opulenten Szenen der Trompeter-Festspiele von 1901. Die Benennung des Münsters hat man in Bad Säckingen, dessen Name wiederum Karl Simrock keinesfalls von des Ortes Sacklage in einer Rheinschlinge abgeleitet sehen wollte, ausnahmsweise einmal nicht dem Scheffelismus überlassen. Es heißt vielmehr nach dem Ortsheiligen St. Fridolin, einem irischen Wandermönch, der die Gegend christianisierte und das Wunder vollbrachte, für eine kirchenrelevante Gerichtsverhandlung den verstorbenen Hauptzeugen nochmal zum Leben zu erwecken. Und auch „Europas längste überdachte Holzbrücke“ wird lieber unter den Schutz der bewährten Anti-Wassergefahren-Heiligen Franz Xaver und Johann Nepomuk gestellt. Dennoch wurde sie im Laufe der Jahrhunderte xmal zerstört – und wiederaufgebaut. In der geranienbekästelten Brücke befinden sich Informationen zu ihrer Geschichte (zb von der Festnahme Gustav Struves nach der fehlgeschlagenen Revolution) und ein regional seltener Bettler mit enormer Leidensmiene.

Wutachschlucht (2)

Die Baar liegt arschknapp unterm Himmel, teilweise sogar darüber, Zuckerwattewolken flocken langsam durch die Gegend, in den sanft geschwungenen Matten zirpts, schnurpts und wächsts. Über Ewattingen an die Wutach mit ihren vielen endemischen Arten. An der Wutachmühle steht die Bergwacht, beobachtet, fotografiert und zählt entschlossene Wanderer, die sich kopfüber in den Eingang zur Schlucht stürzen. Nicht jeder kommt wieder hinaus. Schon nach wenigen Metern ergeben sich erste sensationelle Ausblicke auf frühere Zwergen- und Geisterpaläste, die heute von seltenen Flugwürmern und insektoiden Kleinsauriern bewohnt werden, vorzeitliche Wesen, die sich in Spalten und Mikroklima der Schlucht über hunderttausende Jahre halten konnten, ohne sich maßgeblich fortentwickeln zu müssen: Blindschleichen und Zahnwürmer finden sich ebenso häufig im Schlamm der ausgetretenen Pfade und Stiegen wie der endemische Hosenbeinschleicher, ein pfeilförmiges, desorientiertes Wesen, das sich meist hospitalistisch auf der Stelle wiegt und alle paar Minuten in unvorhersehbaren ruckartigen Ausfällen über den Boden kreucht. Noch weniger angenehm: Zweirüßlige Stechmücken, der Gemeine Saugschlauch und der Mehrstachelige Wadenhader, die es allesamt auf die zahlreich einherhetzenden Wanderer abgesehen haben. Schwärme winziger Kamerafliegen behindern die digitale Dokumentation des pittoresken Naturwunders, indem sie durch pures Auftauchen zu Bildstörungen führen. Drei Arten Fischfrösche. Das Badische Leberle als unikes Amfibium. An Käfern wären hunderte zu nennen, die touristische Vermarktung der Schlucht erfolgt weitgehend über „die raren Drei“: Spackenläufer, Blasser Gottfriedkäfer und Faulrüßler, welch letzterer vor allem den omnipräsenten Pestwurz bekaut. An Vögeln der bis zur Unsichtbarkeit getarnte Weidenziesling und der beinahe ausgestorbene Bollenschnapper, der, auf Kirschgehölze und Trachtenfeste spezialisiert, außerhalb der Saison sein Rückzugsgebiet an die Wutach verlegt. Das ganze Huschen und Pfuschen lebendig kommentiert von der blubbernden plätschernden Wutach. Mitten in ihrem tiefsten Innern liegt der inexistente Kurort Bad Boll, der einst den aristokratischen Fliegenfischern des Londoner „Fishing Club“ gehörte. Neben einer verrottenden Kapelle entspringt die für solcherlei Orte angemessene Heilquelle und steht das ebenfalls angemessene touristische Hinweisschild. Für einen Nichtort wirkt Bad Boll recht ansprechend, sogar die Römer sollen hier bereits auf Lachs, Bachforelle, Äsche und Weißfische ausgegangen sein. Bevor sich die Straße bemerkbar macht, auf der die Sahnetanklaster das Rohmaterial für die gigantischen Schwarzwälder Kirschtorten der österreichisch geführten Schattenmühle transportieren, noch ein letzter Blick auf Holzschläger, Zumsel und Türkenbund, die sich am Wegrand ständig zwischen einem Dasein als Pflanze und Tier umentscheiden.

Hotzenwald

Kreuzende Mistkäfer begleiten den Aufstieg zum Bergsee oberhalb Bad Säckingens, einem Familienidyll mit Tretbooten („Keine Steine in den See o. auf die Boote werfen“) und Badeverbot. Im Ausflugs-Café lesen gut restaurierte Damen ihren hart gesottenen Galanen mit lustigem süddeutschen Akzent die besten Geschichten aus Neue Post und Bild der Frau vor. Der Bergsee selbst spiegelt in seiner glatten, doch unsteten Oberfläche kosmische Wahrheit und befördert Zukunftsgedanken. Wohlstand und Gesetztheit der Gegend beängstigen den Dichter im Lande der Dichter und Denker. Zuviel Idyll, das, erstmal in Verse gebracht, kaum einer kaufen will. Hans Löffler hat es klassisch-volkstümlich versucht, mit einem Gedicht, das immerhin in einer Dauerausstellung des Schwarzwaldvereins im Haus der Fischerzunft in Bad Säckingen zu finden ist:

Fernsicht vom Hotzenwald

Von des Hochrheins waldiger Empore
schweift der Blick hinaus ins Land
übers Tal im zarten Nebelflore
zu des Stromes Silberstrang

Schweift zum Ufer hin der Eidgenossen
in des Flusses weite Au,
allerwärts vom Jura eingeschlossen,
Berg an Berg im dunklen Blau

Nichts kann mehr jedoch das Aug` entzücken
als – in Schnee und hell besonnt -
ferner Alpen scharf gezackter Rücken,
stolze Pracht am Horizont.

So bist Hotzenwald, oh schöner Flecken,
du Empore, fern zu schau`n.
Lass von dir mir Fern- und Heimweh wecken
bis die Augen nicht mehr schau`n.

Kleinkems

Gegenüber dem elsässischen Kembs liegt auf deutscher Seite Kleinkems, ohne b, aber, wie der Name richtig andeutet, klein. In der Rheinstraße stehen imposante Bananenstauden und eine Autowerkstatt, die an den Verkehrslärm der nahen A5 gemahnt. Am Dorfbrunnen lockt mich eine lateinische Inschrift. Die Sitzbank am Dorfbrunnen ist von zwei älteren Herren in Arbeitskluft belegt. Schnell entpuppt sich einer der beiden als Ortschronist:
„Dort ums Eck liegt der Unbekanntenfriedhof. Da liegen die ins Wasser gegangenen. Das waren ziemlich viele. Wirtschaftlich ruinierte meistens, oder arme Mädchen, denen ein reicher Bauer ein Kind angehängt hat. Auch viele Unfälle, sicher. Der Rhein, das war ja früher unsere kostenlose Badeanstalt. Ins Wasser gehen war die Methode der Armen, die Reichen hatten dafür Gewehre.“
„Dorthin, an die Kastanie am Dorfplatz, langte damals bei Hochwasser der Rhein. Jetzt liegen zwei Straßen und seit 1960 die Autobahn dazwischen. Bis 1960 wurde gefischt, kaum noch Lachs, aber mein Großvater war noch Fischer, es gab einst nur Fischer hier. Das stellen Sie sich vielleicht romantisch vor, aber das war harte Arbeit. Unter den Fischern, allesamt arme Leute, gab es noch Unterschiede – je nachdem, wem der Großherzog welche Rechte einräumte. Das Leben war hart. Es ging immer nur um Pfründe sichern. Damals wurde der Lachs nach Basel verkauft und die Basler Dienstboten aus unserer Gegend ließen sich in die Arbeitsverträge schreiben, daß sie nicht häufiger als zwei-, dreimal die Woche Lachs essen mußten. In Bad Bellingen sind an der Treppe zum Park noch einige alte Fischereigeräte aus unseren Familien zu sehen.“
„Was in der Dorfchronik nicht stehen darf, wir haben seit einigen Jahren Datenschutz, sind beispielsweise diverse SS-Mitgliedschaften. Da wehren sich die Leute gegen. Entweder sie leben noch, oder es sind deren Kinder oder Enkel. Bei den meisten SS-Verbänden war es so, daß sie irgendwann KZs bewacht haben. Das heißt noch nicht, daß das Schlächter gewesen sein müssen, aber sie waren definitv im KZ. Jetzt haben wir hier drei türkische Familien. Das ist ein historischer Schnitt in so einem kleinen Dorf. Aber man muß genau aufpassen, was man schreibt – das wird schnell als ausländerfeindlich bewertet. Es gab auch vier Euthanasietote. Das war nicht einfach nachzuweisen. Ich habe die Archive durchsucht, bin auch gereist dafür. Da haben wir überlegt, aber da sagten die Leute: das war damals schon so schwer für uns. Da hatten wir Verständnis für die Angehörigen. Jetzt steht in der Chronik einfach nur: Gestorben dann und dann.“
„Nach dem letzten Krieg sind die Franzosen rübergekommen. Nach dem Krieg 1870/71 wurden hier auf den Hügeln Freudenfeuer angezündet, das fanden die Elsässer natürlich nicht so toll. Dann wurden sie deutsch. 1945 haben die Franzosen den Bürgermeister, der ein Mitläufer war, aber ein kleiner, für vier Wochen eingesperrt, entnazifiziert und wieder laufen lassen. Die haben sich anständig benommen und das Dorf weitgehend in Ruhe gelassen.“
„Mit der Revolution von 1848 kam das Vereinswesen in unserer Gegend auf, das bis heute sehr wichtig ist. Erst Gesangsverein und Schützen (das war halb militärisch), später kamen u.a. Frauenvereine hinzu, die Fußballvereine so um 1920, durch die englischen Kriegsgefangenen.“
„Hier hat doch niemand studiert! Hier ist mal einer auf die Realschule gegangen, das wars auch schon. Die Söhne vom Zementwerkbesitzer haben studiert. Das war Klassengesellschaft. Der Zementwerkbesitzer war sozial. Der hat mehr für die Leute getan als er mußte. Das kannte man vorher überhaupt nicht. Und war entsprechend dankbar. Ab den 60ern fing hier die goldene Zeit an, ab den 90ern kamen dann die Heuschrecken.“
„All das können Ihnen im Dorf vielleicht noch fünf Leute erzählen. Der Rest weiß nichts mehr davon und ist auch nicht interessiert.“

Markgräflerland

Tempowechseln unterworfener Blick auf die Landschaft: Zug-, Fuß-, Baum-, Vogel-, Insekten- und Rheingeschwindigkeit. Aus der Zeitung lachen R(h)ein Adams – eine Bryan Adams Coverband. Was soll diesen Tag noch toppen? Im Zug bin ich umgeben von einzeln hervorgestoßenen Lautwolken, der örtliche Dialekt ist ursprünglich gediegener Ruhe verpflichtet, wird er für aufgeregtere Situationen verwendet, gleicht der Anwender schnell einem biomechanischen Blasebalg, der zischende Luftfetzen in die Gegend pumpt: „duweizzschz“, „schaemmemenett“, „pszzblsszufff“. Bald ist das Abteil gefüllt mit diesem dadaistischen Wahnsinn, eine Performance sondergleichen, in die sich auch noch einfältige Mutmaßungen pfälzischer Tageswanderer mischen: drinnen kreist die BILD – draußen buckelt und streckt sich gelassen der Tuniberg hinter wilden Kirschen, Wein, jungem Mais und Spargelkraut. Es tauchen Flecken auf wie Bad Krozingen, Müllheim oder Auggen. In Orten, in denen schon die Namensgebung schiefläuft, steigt man wohl besser garnicht erst aus. Allerdings stören sie auch kaum den luziden, stets sich selbst sublimierenden Anblick des Markgräflerlands mit seinen schrillen kleinen Klatschmohn-Emoticons (und ihrer wunderbaren Korrespondenz mit den signalgeringelten Schloten, drüben im Elsaß). Es sind sanft von Wind und Sonne bestrichene Anblicke, die dunklen Kirschen, drall und prall vor süßem Saft geben die erotischen Sprenkler in einem Tal, das Gott ganz nebenbei während einer wohlgelaunten Mußestunde entworfen haben mag. Die etwas später designte Menschheit mags ihm wiederum bis heut mit zahlreichen Wegkreuzen, Weinbergkapellen, Feldarbeit und Ausflugstätigeiten danken.

Istein

Vom Kalkwerk überragt der Bahnhof in Hanglage. Am Bahnhofsausgang Eddingtionen lokaler Gangsterrapper/innen. In der Vorstadt hat ein versprengter Schalke-Fan leicht ungelenk das S04-Emblem an seine Hauswand gepinselt. Klare, individuelle Botschaften, die in der Mittagssonne bleichen. Nicht viel los, ansonsten. Am Spargelhäuschen vorbei, durch die Autobahnunterführung, schon wogen und zittern im sanften Winde die Auen. Auen, deren Trampelpfade nach einigen hundert Metern nur noch mit Machete durchdrungen werden können: übermannshohe Nessel- und Dornsträucher, gefräßige Brombeerschlingen, Wildwuchs aller Art. Schmetterlinghafte Libellen und libellenhafte Schmetterlinge in den Farben geschliffener Edelsteine, diese beim Schillern beiläufig übertreffend (Puzzleteilchen, Zuse, Dreischwänziger Schminktisch, Schotterwärmling, Gebrauchte Jungfer, Schneiderbrett, Kleiner Windrausch, Spickzettelchen, Wolkenstäuber, Blaugesprenkelter Glaspfosten, Annihilit-Maßchen, Kalanke, Trauerrand, Ominöser Fußballfalter), eine ganze Botanisiertrommel voll. Das komplette Singvogelorchester. Die Isteiner Schwellen im Hauptrhein vermitteln einen Eindruck von der mäandernden Urlandschaft, von ihren Schönheiten und Gefahren. Ins Idyll gefläzt: ein paar Sonnenbadende. Etwas nördlich der rauschenden Schwellen dann der Isteiner Klotzen, der schonmal deutlich mächtiger war und den Rhein einst aufgehalten und ins Rhônetal abgelenkt haben soll: „Größenwahn und Sieger-Hybris beider Weltkriege schändeten mit vergewaltigtem Rhein, gesprengtem todwundem Klotzen-Torso und versteppter Auenlandschaft das einst paradiesische Heimatantlitz.“ Große Worte auf einem Gedenkstein vor dem Fels samt integrierter St. Veitskapelle. Paradiesisch sieht die Ecke immer noch bzw erneut aus, den heutigen Wanderer stört lediglich der Verkehrslärm, der das 500. Naturschutzgebiet Baden-Württembergs (laut einer Verordnung des Freiburger Regierungspräsidiums vom 16. Oktober 1986) bespaßt. Am Fuße des Felsens, der auch imposante Hochwassermarken aufweist, stand vor tausend Jahren das „Kloster von unserer lieben Frouwe zu Ystein“, von dem außer einem weiteren Gedenkstein nichts mehr übrig ist. Kilometerfraß für Schusters Rappen: eine Schale Erdbeeren als zweites Frühstück, damit die Kraft des Bodens, dessen Asfaltüberzug ich abzuwandern gedenke, auf mich übergehen möge.

Freiburger Notizen (3)

Es finden sich doch noch rheinische Spuren in Freiburg: in der Fischerau, gegenüber dem Altstadt-Café, besagt eine plakettierte Inschrift “Haus zum Rheinfisch”. Dürfte ein paar Jährchen aufm Buckel haben. Viele Gehwege sind aus Rheinkieseln gelegt, die Römer haben damit begonnen, um die ewige Kopfstein-Ästhetik aufzulockern, es ist ihnen prächtig gelungen und wird als Tradition bis heute aufrecht erhalten. Vom Schloßberg schließlich die schöne Aussicht auf die Stadt und den Erdkreis, schwarzwald- und vogesengerändert, drunt im Tal dampft der ansonsten unsichtbare Rhein, dh, sein Dunst schwebt dort rum, man weiß jedenfalls auch in Freiburg: es gibt ihn.

Ihringen

Am Fuße des Kaiserstuhls liegt das von zahlreichen Weinetiketten bekannte Weindorf Ihringen mit seinen Weinstuben und Gartengaststätten mit Weinausschank, mit seinen Winzergenossenschaften und weinverkaufenden Schuhhändlern und Weinfesten (die selbst von gestandenen Bayern unverhohlen mit dem Münchner Oktoberfest verglichen werden), mit seiner tausendjährigen Geschichte als Uringa, und seiner abgegangenen Ortschaft Wolptal, deren Existenz nurmehr vermutet wird. Auf Ihringens Straßen stehen, kurz vor dem nächsten Weinfest, überall nicht etwa Weinflaschen oder schlotzbereite Viertele, sondern Pappschälchen mit saftigsüßen Kirschen – gegen Hinterlassen einer Münze darf sich jeder selbst bedienen. Die Sonne teilt mit: Ihringen gilt als der heißeste Flecken Deutschlands (nunja, was die Durchschnittstemperaturen anlangt). Und dann der Weinort Ihringen als Lyrikort Ihringen: an den Ihringer Häusern hängen stilisierte Faßdeckel bzw -böden mit darauf gepinselten Versen und Sinnsprüchen zum ganz Ihringen beherrschenden Thema: „Im Wein sind / Wahrheit, Leben, Tod, / Im Wein sind Nacht und Morgenrot / und Jugend und Vergänglichkeit, / Im Wein ist Pendelschlag der Zeit. / Wir selbst sind Teil von Wein und Reben, / im Weine spiegelt sich das Leben“ Aufmunternde Blicke einer Weinkönigin, als sie bemerkt, daß ich mir die Verse an ihrer Hauswand einzuprägen versuche. Kurz darauf finde ich in unmittelbarer Nachbarschaft sogar noch stärkere: „Wer dich verschmäht, du edler Wein, / der ist nicht wert, ein Mensch zu sein“

Kaiserstuhl

Wenn der Kaiserstuhl den Rheinblick vom Freiburger Münster blockiert, vielleicht bietet er ja selbst einen? Der höchste Gipfel trägt den attraktiven Namen Totenkopf, erreichbar über ein gewisses Liliental, in dem der Wanderer sich angeblich mit Schneckensuppe stärken kann. Mit einem passenden Song der Vietnam Veterans („sweet little girl, lily of the valley“) zwischen den Synapsen stapfe ich los, durch sanft ansteigende Weinlagen, an schwer behangenen, verheißungsvoll glühenden Kirschbäumen vorbei, begleitet von dunklen rotgeränderten Faltern, während die Sonne an den Härtegraden von Kopf und Schuhsohlen feilt. Schon bald bietet sich eine feine Aussicht auf das Breisacher Münster, Vogesen und Schwarzwald, das Band des Rheines läßt sich hinter Baumreihen jedoch nur ahnen. Vor mir öffnet sich ein Hohlweg im Löß, der per äolischem Transport auf den Vulkangrund gelangt tatsächlich aus Rheinschlamm besteht, dh, der Rhein ist akut präsent, ich bewege mich durch einen Trockenfluß mit halluzinogener Lichtgestaltung und psychedelischem Vogelgezwitscher, der Bienenfresser soll diese Gegend bevölkern, die Gottesanbeterin und aus den Lößhöhlen gurrt und knurrt der Wolpertinger bzw sein Fernsehprogramm. Hin und wieder ein Weinbauer, der seine Rebstöcke streichelt und sie mit magischen Formeln bespricht. Gelegentlich Baumschatten beim selbstischen Tanz. Fernes Aufscheinen von Feen mit Mützen und zügiges Fadeout derselben. Seltsam gebaute Insekten mit noch seltsamerer Flugmethodik zu allerseltsamsten Brummlauten, friedlich gestimmt. Im Liliental plötzliches Seniorenaufkommen. Die Schneckensuppe gibt es nur im Internet. Dafür gibt es hier bereits den Wein, der rundherum noch reift und wächst. Bergab nehme ich die Straße. Auf Wasenweiler zu kirschts, beerts und obsts in gelungener Pracht, fröhliche Nixen bevölkern kleine Seerosen-Teiche, in Wiese und Gehölz verstecken sich Affen-, Helm-, Mädchen- und Brand-Knabenkraut vor dem Schwertblättrigen Waldvögelein, Wasenweiler selbst ist dafür eine typische von der Sonne erschlagene Neubausiedlung am Nachmittag.

Freiburger Notizen (2)

Der Rhein ist in Freiburg keine führende Marke, das Selbstverständnis der Stadt stützt sich trotz Rheintallage vornehmlich auf andere Begriffe als konkret rheinische. Vage Erinnerung: ein begeisterter Kirchturmtreppenstürmer und Rheinmensch vermißte einst seinen sonst überall entlang des Stroms geliebten Kirchenrheinblick vom Turm des Freiburger Münsters aus. Der sei leider vom Kaiserstuhl blockiert, notierte er.  Die Freiburger Innenstadt bietet neben vielen anderen Sehenswürdigkeiten derzeit noch einen Karstadt (inklusive Migros, dessen fein säuberlich angeordnete Lebensmittel-Verpackungen das raumgreifendste und  beeindruckendste 3d-Mosaik darstellen, das ich bis dato zu Gesicht bekommen habe), den ich kurz aus nostalgischen Gründen und nicht etwa mit Kaufabsichten betrete.  Vor dem Gebäude engagieren sich Mitarbeiter für die Konzernrettung. Wenige Meter entfernt, im Eingangsbereich des Regierungspräsidiums, findet die Ausstellung „Flusslandschaften in Südbaden“ des Malers Hans-Joachim Paul statt. Sie besteht aus rund zwanzig auf den ersten Blick eher mäßig beeindruckenden Portraits einzelner Flüßchen, die, wie etwa die hübsche Alb meiner Kindheit und Jugend, nicht zwangsläufig durch Südbaden verlaufen. Die Bilder sind, ganz zurecht, auf randseitigen Stellwänden angebracht, damit der Betrieb im Foyer des Regierungspräsidiums keine Rücksicht auf die Ausstellung nehmen muß. Der freundliche Portier stöbert mich in einer der Stellwandnischen auf, und erklärt mir sua sponte, daß es durchaus auch Sinn und Zweck der Ausstellung sei, die Bilder an mögliche Interessenten zu verkaufen. Ein weiterer (der weitere), ca 70jähriger Besucher mutmaßt daraufhin, daß sich die kaufmännische Wertsteigerung solcher Bilder über einen Zeiraum von mindestens 50 Jahren erstrecken dürfte, eine Spanne, innert der er seinen eigenen Tod für wahrscheinlich erachte – eine Überlegung, die ihn letztlich vom Kauf abhielte. Ein bodenständiges, zahlengewohntes und -gewandtes Völkchen, diese Badener. Ich schau mir alle Bilder an, einige Stellen sind mir bekannt, und erblicke einen Teil von Rheinsein, mit anderen Augen gesehen, von anderer Hand manifestiert. Dem Künstler geht es offenbar um Idyllenrettung fürs heimatliche Wohnzimmer, vielleicht auch um ein wenig Meditation. Ehrenwerte Absichten. Auf dem Rückweg in der Straßenbahn, ummantelt von einem Platzkonzert monotoner Polizeisirenen, das gelegentliche, an- und abflauende Röhren eines unsichtbaren Hirschen.