Monatsarchiv für Juni 2009

 
 

Gorrh (3)

Was Gorrh in Südbaden treiben würde? Wir sehn ihn, auf Menschengröße projiziert, auf der Rückbank eines Überlandbusses kiffen. Er hockt am Straßenrand und leert wahllos Gutedel-, Silvaner- und Müller-Thurgau-Bouteillen, trägt das Haar mittellang, versucht sich allgemein, aber sehr halbherzig an ein paar Che Guevara-Posen. Er bettelt auf dem Kopfstein historischer Altstädte, taggt alle Unterführungen, außer in Villingen. Genießt die bleichen glattrasierten Beine der flanierenden Jugend, lacht sich kaputt über ihre Pseudowildheiten, die alkoholischen, kokainösen Animalitäten. Er ist irgendwie weg von seinen Gewaltausbrüchen, überlegt, auf welcher Seite er eigentlich steht (für mehr Gewalt? für den totalen Frieden?), ob das Persönlichkeitsentwicklung ist, ob er in Therapie gehen soll. Gorrh beginnt, vom Hersteller gesponsort, seine experimentelle Abhängigkeit von Roth-Händle ohne Filter. Gorrh befaßt sich an Feldrainen mit dem exaltierten Schillern der Klatschmohnblüte, betreibt Maiskornmeditation, liest sogar ein wenig linke Theorie, die ihn langweilt, in all ihrer bornierten Kunst- und Zukunftsfeindlichkeit und weil stets schon nach der ersten Seite klar ist, wie die Chose ausgeht. Gorrh läßt sich vom Himmel erdrücken, speit im bewußt-fahrlässigen Stile Jackson Pollocks Wolken aus. Gorrhs Hochrheinexkursionen führen zur Bekanntschaft mit den Elektrohippies im Raum der Zeit im quadratischen Kreis, Gorrh wird in die Maklerkreise des Himmelreichs eingeführt, er säuft eisige Rheinsuppe. Gorrh beantragt in einer Haschlaune die schweizer Staatsangehörigkeit: „Ich muß meinen Altruismus bekämpfen!“ Dann geht er in der Armenküche speisen. Eines Morgens faltet er den Schwarzwald und die Vogesen zusammen und packt sie auf die Alpen drauf. Gorrh erlernt die Musikinstrumente Akkordeon und Alphorn. Gorrh bereitet sich auf etwas vor. Er hat das hundertste Lebensjahr bald abgeschlossen.

Neuf-Brisach

In der nur gelegentlich von motorisierten Rasern durchbrochenen Sonntagsruhe legt sich die Landschaft in aller Sorgfalt und mehreren Klarlackschichten über sich selbst. Um Mittag herum kündigen sich für den Abend Regenwolken an, erst wollen sie aber noch was über die Vogesenkämme zockeln. Vorm Basler Tor (wieviele Basler Tore hab ich in den letzten Tagen gesehen: zehn? zwanzig?) der oktogonal-sternförmigen Vauban-Festung Neuf-Brisach am Square Rhin et Danube ein Denkmal in Schwertform („à nos frères d`armes 1870-71“) einerseits und ein sehr zurückhaltendes laminiertes Pappschildchen mit einer Hommage eines anonymen Autors an die Ehemaligen andererseits: „Oyez… Oyez vous qui passez. Jeunes gens souvenez vous la plus part ont disparu, ceux qui restent sont fatigués par le poids d`années. Comme toi ils ont eu vingt ans mais pour eux c`était la guerre. Ils ont combattu, ils ont connu la misère, ils ont vu la mort, ils ont souffert dans leurs chair et dans leur coeur, mais toujours ils ont gardé l`espoir du retour et d`un monde meilleur. Ils ne demandaient rien. Mais je vous dis, fermez les yeux et ayez une pensée pour eux. Merci.“ Dazu ein Bild mit Soldaten, hinter die Festungsmauer geduckt. Kaum ist der Vaubansche Stern geentert, erklingt Musik: aufm Rasenstreifen an der Mauer ist heut ein Freiluft-Super-Karaoke eingerichtet, wo die auch am Wochenende weißbekittelte Bäckereiverkäuferin Blondietitel und französische Schlager nachsingt, notfalls mit Vollplayback. Abgerissenes Publikum, Bier aus Plastikbechern. Der erste Eindruck innerhalb der Mauern bestätigt sich an jeder Ecke: ein versifftes Örtchen, das schon als militärische Festung niemals sonderlich taugte und nun hinter seinen denkmalgeschützten Wällen gegen jeden Ausbau gefeit im eigenen Saft vor sich hingart. Erinnert mich an die Geschichte jenes elsässischen pot-au-feu, eines ewigen Eintopfs in einem riesigen Kessel, der in einem namenlosen Traditions-Restaurant jeden Tag wieder neu aufgefüllt doch immer noch Reste vom Vortag enthalten soll, sodaß er bis heute die geschmacklichen Essenzen vergangener Jahrhunderte enthalte. In einem Schaufenster ausgestellte Einmachgläser enthalten Choucroute garniture royale (mit Bauchspeckstreifen) und Baeckaoffa, einen früher auf der Restwärme der Brotbacköfen erwärmten Eintopf. In einem weiteren Schaufenster steht auf einem handgeschriebenen Zettel, daß Väter ganz besondere Menschen sind. In der Mitte des Städtchens der Exerzierplatz, auf dem heuer Markt gehalten wird. Erinnert stark an Saarlouis. Vauban halt: mauerdick, mit Graben außenrum und Glacis in jede Himmelsrichtung. Man stellt sich lebhaft die Louis XIV-Perücken beim sternförmigen Spaziergang übern staubigen Kopfstein vor: voltieren, hecken, zecken. Die Kirchglocken sind mittlerweile (als Friedenssymbol) mit denen des Breisacher Münsters abgestimmt und beide Städte jumeliert. Nun denn, und weil außer einer langsam näher rückenden Regenfront so ziemlich gar nichts los ist: auf zurück gen Breisach!

Obélix am Rhein

Meter um Meter stapfe ich voran ins elsässische Kernland, das innert 150 Jahren fünfmal seine Staatszugehörigkeit wechselte. Kirchturmspitzen ragen aus den Feldern, über denen Greife rütteln, die etwas mickriger ausfallen als auf der badischen Rheinseite. Fußgänger scheinen nicht vorgesehen im Elsaß, hier heizt man entweder mit einem möglichst röhrenden Motor unterm Kühler bzw Arsch durch die Gegend oder fährt wenigstens irgendein auffälliges Zweirad. Ich suche also Schleichwege Richtung Neuf-Brisach entlang, aber weit genug abseits der tödlichen Nationalstraße, die mehrfach zu über- bzw unterqueren ansteht, gelange durch ausgelagerte Einkaufszonen, vorbei an den gewaltigen Rücken sonntagsstummer Hypermarchés, Rudeln kläffender Schäferhunde auf Wache hinter Lagerzäunen und neugierigen Geißböcken in den Vorgärten abgeranzter Nebenstraßen. Rue du Genie, Volgelsheim: hier hat sich bezeichnenderweise der Reifenhandel angesiedelt, verweist auf den universellen Dreh- und Auswechselbarkeitscharakter der Dinge, und damit auf ihren kommerziellen Aspekt. (Typisch französisch: das Geistige mit dem Praktischen zu kombinieren.) Bei Algolsheim grüßt ein knautschiger Stroh-Obélix aus den Halmen – im Dorf mit dem allgallischen Namen finden Uderzos und Goscinnys aremoricanische Widerstandsdörfler ihr elsässisches Sommerwochenendexil.

Vogelgrun

Nähert man sich dem Département Haut-Rhin von Breisach aus zu Fuß, stehen zur Linken einige, amerikanischen Vergnügungsmeilen entnommene/entkommene, Buden zur Disposition, welche Tabaklädchen, Restaurants, eine Music-Bar, ein Pornokino und zuguterletzt, auf den letzten Quadratmetern Deutschlands, einen McDrive vorstellen; zur Rechten Mirabellenbüsche. Ein altes japanisches Sprichwort besagt: „Hebst du den Blick, siehst du keine Grenzen.“ Es geht flugs übern Rhein, der auf Breisach („Stadt der grenzenlosen Vielfalt“) zu deutlich schmaler ausfällt als der Rheinseitenkanal mit seinen Vogelgruner Schleusen. Leider wegen Umbauarbeiten geschlossen hat der den Kraftwerken angeschlossene vielversprechende Nixengarten, der bekannte und unbekannte Pflanzen und Wesen im Repertoire aufweist. Schneekugellandschaft mit sinnvollen Fresken an den Maschinenräumen des Kraftwerks und sommerhimmelblau gestrichenem Strommastenfeld vor unscharf konturierten Vogesen. Der Ortskern: Village fleuri, die Opuzien tragen ihre kleinen roten feinbestachelten Früchtchen. Viele deutsche Namensschilder. Das „Echo du Rhin“, transportiert von der „Harmonie de Kunheim“: Ländler-Blasmusik auf vergilbenden Plakaten. Tournoi de belote, Schafskopf auf Französisch. Das Dorf ist schnell durchschritten, auffällig das malvenblaue Rathaus, jedweden optischen Erinnernswert im Keim erstickend die gegenüberliegende Place du Souvenir. Wikipedia sagt: „Dr Name kommt von “Vogelgrien” un meint nit e griene Vogel, sundern dr Wortteil grien wiist uf e Sandbank im Rhin hin, wo wohrschins von Vögel als Raschtplatz gnutzt worde isch.“ Auf dem Vogelgrüner Wappen stürzt sich eine weiße Raubtaube vor grasgrünem Himmel diagonal in den mit Silberwellen stilisierten Rhein.

Randnotiz

Ich weiß nichts mehr, ein klarer Fluß
den es nicht gibt, entspringt in meinem
Kopf? in seinen Schlaufen zu ertrinken
bei exzellenter Fernsicht, das Wesentliche
aus verhuschtem und gestärktem Blau
Raster dann aus Muschelkalk, Kiesschotter
und Asfalt, auf dem das weiche heiße
Fleisch… Das war mal alles Wasser hier
Wild erst von großen Männern reguliert
Da fließt ein Fluß aus blondem Haar das
klar zu ihr gehört zur Sonne hin

Stein (Aargau)

Stein heißen am Rhein wohl mehrere Orte, weil sichs reimt oder weil der Stein am Rhein seine ihm eigene Bedeutung einnimmt, als solcher, als vermeintlicher Kontrapunkt zum Wasser eben, als das männliche Prinzip, das Wasser wäre dann das weibliche, wobei der Rhein ein männlicher Fluß geheißen wird, woran die Römer nicht wenig Anteil gehabt haben dürften, was aber egal ist, da sie untergegangen sind und in uns fortleben, sich auf Erden in der Mystik und der Postmoderne eh alles Wissen aufweicht, ineinanderfließt und verwächst und auf der ganzen Welt keine These existiert, der nicht schon widersprochen wurde, gerade wird und in Zukunft erst recht: Moden, Szenen, Herrschaftsansprüche. Nun liegt dieses Stein im verkehrsdröhnenden Aargau mit seiner sommergrünen Jurakulissenwand winzig dahingedrängt zu Füßen derselben, auf der eidgenössischen Seite ergo, wo die Uhren ja etwas anders ticken sollen. Der Rhein heißt in Stein, das in etwa Stäei heißt, Rhy. Offizielle Kundgebungen und Verbote gibt’s jedoch nur in ordentlichem Schriftdeutsch: „Das Wellenschlag-Verbot soll eingehalten werden. Zu diesem Ergebnis kamen Gemeinderat und Vereinsvertreter von Ruder- und Motorbootclubs bei einem Erfahrungsaustausch zum „Schritttempo auf dem Rhein“. Das Wellenschlag-Verbot hat zum Ziel, die Unfallgefahr für die in den neuen Flachwasserzonen spielenden Kinder klein zu halten sowie Schäden an Booten an ungeschützten Liegeplätzen und die Zerstörung der mit grossem Aufwand erstellten Flachufer zu vermeiden.“ „Die reformierte Kirchengemeinde Stein veranstaltet einen Frauenmorgen „Mein Outfit – meine Wirkung“.“ Ob beide Beratschlagungen zu Synergien führen? Etwa im „Vortrag Bewußtseinswandel 2012 – stehen wir am Ende der linearen Zeit, der Polarität/Dualität?“? Auf dem Grunde des weinfunkelnden Römerglases liegt ein Stück rheinische Wahrheit, nach wie vor: zuviel davon kann ganz schön fertig machen. Auf dem Country-Fest der CB-Funker spielt „Otti`s Tanzmusik“. Und als ob das noch nicht Entwarnung genug wäre, ein auch für die aktuell grassierende Bienenlyrik begrüßenswerter Hinweis: „Die wegen der Bienenfaulbrut ausgesprochenen Sperrmassnahmen über die Bienenbestände können in Stein aufgehoben werden, wie der kantonale Veterinärdienst mitgeteilt hat.“

Freiburger Notizen (4)

Der Freiburger ist ein akademischer Schlag, Arbeiter in der Minderheit bis Fehlanzeige – oder eben aufgrund ihrer in solch hochgelahrter Stadt auch für sie abgefallenen Bildung so gut getarnt, daß sie nicht für welche ihres Standes durchgehen. Gelegentliche Inselchen aus Lumpenproletariat, hier mischt sich Kanaksprak aufs schschsste mit dem Regiolekt. Die Stadt ist für den geringen Platz, den sie bietet, stark bevölkert, das ergibt die sogenannte „Freiburger Kuscheligkeit“. Der Freiburger betet die Lebensqualität seines Städtchens mantraartig vor sich her, praktiziert neben Fahrradmeditation regelmäßig angewandte Besonnen- und Entspanntheit, das wirkt tempodrosselnd und schont die Gesichtshaut. Er neigt zu extensiven, aber höflichen Erklärungen, auch zu ständigen und akkuraten Ermahnungen beim Übertreten der zahllosen städtischen Verbote, was gut ist, da sich ein einzelner Mensch diese garnicht alle merken kann. Die Zugezogenen assimilieren sich schnell, dh, sie übernehmen den südbadischen Tonfall, reden dreimal täglich über Mülltrennung und führen bevorzugt ökologisch-energiebewußte Gespräche. Die Straßen sind in Freiburg eng, die Gänge in den Supermärkten enger, aber am engsten ist der Wendeltreppenstieg auf den Münsterturm. Um Freiburg herum schweben ja immer die herrlichsten Ausnahmelandschaften. Manche Familien steigen aber einzig wegen der Münsterglocken empor. Vom Aufstieg wird einem schon schwindlig, aber wenn dann im gotischen Turmwunder auch noch die uralten mächtigen Glocken geschlagen werden, ergibt das mit der Höhenlage, an Markttagen zieht sogar noch Bratwurstdunst durchs Turmgemäuer, einen satten Vollrausch. Das System der Glockenschläge indes ist kompliziert. Das Münster bietet weiters einige Fabelwesen, deren lustigstes: der Nasentrompeter. Der Markt bietet alles an Obsten und Gemüsen, inklusive schratiger Biobauern, die leuchtstoffgelbe Zucchini und das Eiszäpfle sind zwei lokale Gemüsesorten, die Himbeeren himmen, der Schwarzwälder bringt sein Schnitzwerk, der Franzose seine gefenchelten, gewalnußten und calvadosierten Wildschweinwürste, das Bobbele wandelt leicht- und lichtgeschürzt zwischen den Karlmarxen, barocke Himmel bestrahlen die Vogesen, es ist eine fluffige Heiligkeit in allem, der Wein schillert in etikettenfreien Flaschen in den Farben akazienhonig, chartreusegrün und schwarzblut. Die meisten Dinge werden hier für Gott getan, der öfter mal incognito vorbeischaut und im Winter fährt man Ski.

Endstufe

In Thor Kunkels ehemals skandalumwittertem (von der Presse teils vor Erscheinen in Grund und Boden zerrissenen) Naziporno- und Weltdeutungs-Roman “Endstufe” geht es um kriegsbefreite adlige Müßiggänger und Geschäftemacher, auch solche vom Rhein: “Die Rheinschiene war eine andere Fraktion – ausgelassener und wohlhabender als der wochenscheue Klüngel. Das picklige Kerlchen in der weißen Uniform hieß Gregor Freiherr von Gerritzen, angeblich Schwippschwager von Erbprinz Heinrich XIV.  ”Greggers” Leidenschaft galt der Ballonfahrerei. (…) In seiner “Hauptfreizeit” (ein amtlicher Gregger-Term) baute er an einem neuen Ballon, der angeblich vom Staat finanziert wurde. Greggers Vater saß im Vorstand der Kölner I. H. Stein Bank, der persönlichen Bank von Hitler und Himmler.  Der Sohn wusste bis in die zweite Dezimalstelle Bescheid, wie tief “der Führer und sein Knecht” in der Kreide standen. (…) Der Glückliche hieß Wolfram von Kolkeisen – auch “Töfftöff-Wölkchen” genannt – und beschäftigte sich “hauptfreizeitlich” mit Rennwagen. (…) In der Champagner-Liga unter den Renn-Assen galt nur von Brauchitsch als ernst zu nehmender Konkurrent. Ansonsten vermittelte Wölkchen dem Nobelkarosseriebauer Erdmann & Rossi betuchte Kundschaft und kümmerte sich um die Ausstattung. Auch Emil Janninger, die Kronprinzessin Cecilie und der Prinz von Schaumburg-Lippe vertrauten seinem Rat. Die Wochenscheuen pflegten ihn trotzdem mit drei Prädikaten abzukanzeln: “Klein, blond und überflüssig“, denn Wölkchen verfügte auch über ausgezeichnete Kontakte zur Schaumweinkellnerei Söhnlein, und die zehn Kisten Fürst von Metternich`scher Schloß Johannisberger Sekt, die sich in der Küche stapelten, hatte er organisiert. (…) “

Rheinfässer

Im lyrischen Werk der amerikanischen Dichterin Emily Dickinson (1830-1886) dient der Rhein als transkontinental-metaforische Schleuse für Natur- anstelle von Alkoholbesoffenheit:

I taste a liquor never brewed –
From Tankards scooped in Pearl –
Not all the Vats upon the Rhine
Yield such an Alcohol!

Inebriate of Air — am I –
And Debauchee of Dew –
Reeling — thro endless summer days –
From inns of Molten Blue –

When “Landlords” turn the drunken Bee
Out of the Foxglove’s door –
When Butterflies — renounce their “drams” –
I shall but drink the more!

Till Seraphs swing their snowy Hats –
And Saints — to windows run –
To see the little Tippler
Leaning against the — Sun –

Bad Säckingen (2)

Bad Säckingen auf den ersten Blick: Brunnen, Parkbänke, Kurkliniken und -cafés, sowie eben: Trompeter. Ein wenig Grillbudensumpf um den Bahnhof herum. Ein Müllmuseum soll es hier geben. Für einen Kurort dürfen erstaunlich viele Laubbläser, Steinbohrer und Preßlufthämmerer ihren stumpfen Industrial-Sound entfalten. Dazu die Cabriofahrer: je undifferenzierter der Musikgeschmack, desto weiter nach rechts gedreht ihre Volumenregler. Flucht ins Münster mit seinen sehenswerten Fresken, Skulpturen und Reliquienschreinen. Plötzlich bin ich der führende Lärmproduzent: das Quietschen der Gummisohlen meiner Dachdeckerschuhe scheint sich im heiligen Raume von selbst zu verstärken. Raus in die Natur. Auch die kleine Schweiz am anderen Ufer des flaschengrünen Hochrheins produziert ein fettes Pfund Verkehrslärm. Nach einer halben Stunde erreiche ich den Fähranleger für Rheinquerungen hinüber ins eidgenössische Mumpf. Die Fähre geht nur zu wenigen Stunden die Woche. Schade. Auf Schweizer Seite mumpft Mumpf stoisch im Schienen- und Straßenlärm, auch das Gekrächze eines Mumpfer Kleinkinds trägt das Wasser herüber, NDB sind alle Hurensöhne, hat eine jugendliche Hand in das Wartehäuschen gekritzelt, flach eilt der Rhein von dannen und entkommt sich nicht. Eine Eidechse wuselt durchs Ufergebüsch. Unter der Autobrücke mit Spraylack: „people not profit“ – der Sinn wechselt mit der Betonung. Auf der Schnellimbißmeile zum Aufgang der Holzbrücke herrscht chicque`s Apostrofieren: im Rhybrugg gibt’s „Cocktail`s Und Und Milch-Shake`s – Latte M. – Cappu. – Säfte – Biere“, das Menü im Imbiss an der Holzbrücke lautet wie eine mathematische Gleichung „Currywurst mit Pommes und 0,2 lt. Cola = 4,80“, das passende Motto „Kebap und Pizza`s“. Über Scholle`s Croque Laden galoppiert ein fescher Bronzetrompeter auf füsslilike wieherndem Roß. „Gegen Wasser und Feind im Jahre 1343 erbaut wurde der Gallusturm im Jahre 1973 von der Narrenzunft Saeckingen wiederhergestellt als Bollwerk gegen Truebsal.“ Etwas rheinauf das EnBW-Bollwerk zur Energieerzeugung, das Wehr des Laufwasserkraftwerks, aus dessen einzig offener Schleuse ein mörderisch anmutender Teilrhein strömt. Im Haus der Fischerzunft eine eigentlich geschlossene Fotoausstellung mit Motiven vom Bergsee. Doch der Fotograf lauert auf Besucher, erzählt von seinen monetschen Ansätzen. Ach ja, der Bergsee, dorthin machte doch das halbe Säkkingen einen Picknickausflug, in Scheffels Trompeter, und bald trat der mißmutige Waldgeist Meisenhartus in Erscheinung. Durch die Unterführung hinterm Bahnhof („das Geld wird töten“), vorbei an alten Mühlsteinen und Hanfreiben, sowie eher neuzeitlich ausschauenden Kurkliniken und Altenheimen entere ich den Hotzenwald.