Neuf-Brisach

In der nur gelegentlich von motorisierten Rasern durchbrochenen Sonntagsruhe legt sich die Landschaft in aller Sorgfalt und mehreren Klarlackschichten über sich selbst. Um Mittag herum kündigen sich für den Abend Regenwolken an, erst wollen sie aber noch was über die Vogesenkämme zockeln. Vorm Basler Tor (wieviele Basler Tore hab ich in den letzten Tagen gesehen: zehn? zwanzig?) der oktogonal-sternförmigen Vauban-Festung Neuf-Brisach am Square Rhin et Danube ein Denkmal in Schwertform („à nos frères d`armes 1870-71“) einerseits und ein sehr zurückhaltendes laminiertes Pappschildchen mit einer Hommage eines anonymen Autors an die Ehemaligen andererseits: „Oyez… Oyez vous qui passez. Jeunes gens souvenez vous la plus part ont disparu, ceux qui restent sont fatigués par le poids d`années. Comme toi ils ont eu vingt ans mais pour eux c`était la guerre. Ils ont combattu, ils ont connu la misère, ils ont vu la mort, ils ont souffert dans leurs chair et dans leur coeur, mais toujours ils ont gardé l`espoir du retour et d`un monde meilleur. Ils ne demandaient rien. Mais je vous dis, fermez les yeux et ayez une pensée pour eux. Merci.“ Dazu ein Bild mit Soldaten, hinter die Festungsmauer geduckt. Kaum ist der Vaubansche Stern geentert, erklingt Musik: aufm Rasenstreifen an der Mauer ist heut ein Freiluft-Super-Karaoke eingerichtet, wo die auch am Wochenende weißbekittelte Bäckereiverkäuferin Blondietitel und französische Schlager nachsingt, notfalls mit Vollplayback. Abgerissenes Publikum, Bier aus Plastikbechern. Der erste Eindruck innerhalb der Mauern bestätigt sich an jeder Ecke: ein versifftes Örtchen, das schon als militärische Festung niemals sonderlich taugte und nun hinter seinen denkmalgeschützten Wällen gegen jeden Ausbau gefeit im eigenen Saft vor sich hingart. Erinnert mich an die Geschichte jenes elsässischen pot-au-feu, eines ewigen Eintopfs in einem riesigen Kessel, der in einem namenlosen Traditions-Restaurant jeden Tag wieder neu aufgefüllt doch immer noch Reste vom Vortag enthalten soll, sodaß er bis heute die geschmacklichen Essenzen vergangener Jahrhunderte enthalte. In einem Schaufenster ausgestellte Einmachgläser enthalten Choucroute garniture royale (mit Bauchspeckstreifen) und Baeckaoffa, einen früher auf der Restwärme der Brotbacköfen erwärmten Eintopf. In einem weiteren Schaufenster steht auf einem handgeschriebenen Zettel, daß Väter ganz besondere Menschen sind. In der Mitte des Städtchens der Exerzierplatz, auf dem heuer Markt gehalten wird. Erinnert stark an Saarlouis. Vauban halt: mauerdick, mit Graben außenrum und Glacis in jede Himmelsrichtung. Man stellt sich lebhaft die Louis XIV-Perücken beim sternförmigen Spaziergang übern staubigen Kopfstein vor: voltieren, hecken, zecken. Die Kirchglocken sind mittlerweile (als Friedenssymbol) mit denen des Breisacher Münsters abgestimmt und beide Städte jumeliert. Nun denn, und weil außer einer langsam näher rückenden Regenfront so ziemlich gar nichts los ist: auf zurück gen Breisach!


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