Freiburger Notizen (6)

Der Freiburger ist ein akademischer Schlag, Arbeiter in der Minderheit bis Fehlanzeige – oder eben aufgrund ihrer in solch hochgelahrter Stadt auch für sie abgefallenen Bildung so gut getarnt, daß sie nicht für welche ihres Standes durchgehen. Gelegentliche Inselchen aus Lumpenproletariat, hier mischt sich Kanaksprak aufs schschsste mit dem Regiolekt. Die Stadt ist für den geringen Platz, den sie bietet, stark bevölkert, das ergibt die sogenannte „Freiburger Kuscheligkeit“. Der Freiburger betet die Lebensqualität seines Städtchens mantraartig vor sich her, praktiziert neben Fahrradmeditation regelmäßig angewandte Besonnen- und Entspanntheit, das wirkt tempodrosselnd und schont die Gesichtshaut. Er neigt zu extensiven, aber höflichen Erklärungen, auch zu ständigen und akkuraten Ermahnungen beim Übertreten der zahllosen städtischen Verbote, was gut ist, da sich ein einzelner Mensch diese garnicht alle merken kann. Die Zugezogenen assimilieren sich schnell, dh, sie übernehmen den südbadischen Tonfall, reden dreimal täglich über Mülltrennung und führen bevorzugt ökologisch-energiebewußte Gespräche. Die Straßen sind in Freiburg eng, die Gänge in den Supermärkten enger, aber am engsten ist der Wendeltreppenstieg auf den Münsterturm. Um Freiburg herum schweben ja immer die herrlichsten Ausnahmelandschaften. Manche Familien steigen aber einzig wegen der Münsterglocken empor. Vom Aufstieg wird einem schon schwindlig, aber wenn dann im gotischen Turmwunder auch noch die uralten mächtigen Glocken geschlagen werden, ergibt das mit der Höhenlage, an Markttagen zieht sogar noch Bratwurstdunst durchs Turmgemäuer, einen satten Vollrausch. Das System der Glockenschläge indes ist kompliziert. Das Münster bietet weiters einige Fabelwesen, deren lustigstes: der Nasentrompeter. Der Markt bietet alles an Obsten und Gemüsen, inklusive schratiger Biobauern, die leuchtstoffgelbe Zucchini und das Eiszäpfle sind zwei lokale Gemüsesorten, die Himbeeren himmen, der Schwarzwälder bringt sein Schnitzwerk, der Franzose seine gefenchelten, gewalnußten und calvadosierten Wildschweinwürste, das Bobbele wandelt leicht- und lichtgeschürzt zwischen den Karlmarxen, barocke Himmel bestrahlen die Vogesen, es ist eine fluffige Heiligkeit in allem, der Wein schillert in etikettenfreien Flaschen in den Farben akazienhonig, chartreusegrün und schwarzblut. Die meisten Dinge werden hier für Gott getan, der öfter mal incognito vorbeischaut und im Winter fährt man Ski.


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