Istein

Vom Kalkwerk überragt der Bahnhof in Hanglage. Am Bahnhofsausgang Eddingtionen lokaler Gangsterrapper/innen. In der Vorstadt hat ein versprengter Schalke-Fan leicht ungelenk das S04-Emblem an seine Hauswand gepinselt. Klare, individuelle Botschaften, die in der Mittagssonne bleichen. Nicht viel los, ansonsten. Am Spargelhäuschen vorbei, durch die Autobahnunterführung, schon wogen und zittern im sanften Winde die Auen. Auen, deren Trampelpfade nach einigen hundert Metern nur noch mit Machete durchdrungen werden können: übermannshohe Nessel- und Dornsträucher, gefräßige Brombeerschlingen, Wildwuchs aller Art. Schmetterlinghafte Libellen und libellenhafte Schmetterlinge in den Farben geschliffener Edelsteine, diese beim Schillern beiläufig übertreffend (Puzzleteilchen, Zuse, Dreischwänziger Schminktisch, Schotterwärmling, Gebrauchte Jungfer, Schneiderbrett, Kleiner Windrausch, Spickzettelchen, Wolkenstäuber, Blaugesprenkelter Glaspfosten, Annihilit-Maßchen, Kalanke, Trauerrand, Ominöser Fußballfalter), eine ganze Botanisiertrommel voll. Das komplette Singvogelorchester. Die Isteiner Schwellen im Hauptrhein vermitteln einen Eindruck von der mäandernden Urlandschaft, von ihren Schönheiten und Gefahren. Ins Idyll gefläzt: ein paar Sonnenbadende. Etwas nördlich der rauschenden Schwellen dann der Isteiner Klotzen, der schonmal deutlich mächtiger war und den Rhein einst aufgehalten und ins Rhônetal abgelenkt haben soll: „Größenwahn und Sieger-Hybris beider Weltkriege schändeten mit vergewaltigtem Rhein, gesprengtem todwundem Klotzen-Torso und versteppter Auenlandschaft das einst paradiesische Heimatantlitz.“ Große Worte auf einem Gedenkstein vor dem Fels samt integrierter St. Veitskapelle. Paradiesisch sieht die Ecke immer noch bzw erneut aus, den heutigen Wanderer stört lediglich der Verkehrslärm, der das 500. Naturschutzgebiet Baden-Württembergs (laut einer Verordnung des Freiburger Regierungspräsidiums vom 16. Oktober 1986) bespaßt. Am Fuße des Felsens, der auch imposante Hochwassermarken aufweist, stand vor tausend Jahren das „Kloster von unserer lieben Frouwe zu Ystein“, von dem außer einem weiteren Gedenkstein nichts mehr übrig ist. Kilometerfraß für Schusters Rappen: eine Schale Erdbeeren als zweites Frühstück, damit die Kraft des Bodens, dessen Asfaltüberzug ich abzuwandern gedenke, auf mich übergehen möge.


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