Freiburger Notizen (3)

Die Ereignislosigkeit der Tage, dünn mit Sehnsüchten überspannt. Handygequake der Mitreisenden, Rheinkilometer für Rheinkilometer. Der Zug schüttelt sich, als hätt er jemand überfahren, wieder zucken die Reisenden mit den Mundwinkeln. Zwei Minuten Verspätung. War wohl eher n niederes Tier. Südlich von Mannheim entspannt sich die vorübergehend ideenlose Landschaft und macht wieder ein paar hübsche Sachen. Getragene Lichtfarben spreizen sich übers Oberrheintal, ein Paradies zweiter Hand: einst, heißt es, prallte der Rhein gegen den Isteiner Klotzen und wurde von diesem abgelenkt ins Rhônetal, voreinst war eh alles Wasser hier, da wär so ein Rhein garnicht sonderlich aufgefallen. Unter den Schienen knirschen leise die Muschelschalen als Relikte jener schwer vorstellbaren, somit poetisch nachladbaren Zeit. Wir befinden uns nun eindeutig in den langsameren Regionen unserer Republik. Neben mir ordert eine ältere Dame in kanariengelbem Kostüm energisch ein Bier, bewährtes Mittel unter Auswärtigen zur Geschwindigkeitsangleichung. Draußen: grün unterfütterte Kühe, beschattet von Zierwolken vor Schwarzwaldelektrokardiogramm. In Freiburgs Vorgärten leuchten Petunien und Goldlack in überirdischen Farben. Auf den Straßen diverse Karl Marxe. Mit Bdolf, dem dunkelsten Denker, bis in den frühen Morgen die Menschheits- und Kulturgeschichte zum mindesten Europas zerzaust. Sie flockt ganz schön aus dabei, die alte Geschichte, an andern Stellen klumpt sie deftiger als gewohnt. Be- und entschleunigt wird sie ohnehin seit geraumer Zeit von vorgreifenden und rückwirkenden, jedenfalls durch und durch badischen Brauereierzeugnissen aus dem nahegelegenen Rothaus. Ausgangspunkt solch nächtlicher Hirnchirurgie: jüngst entdeckte, steinerne Alemannengräber am Hochrhein, archäologisches Rauschgift sozusagen. Blütenreisen ins Jenseits, womöglich bis tief in die Gefilde seltener Gottheiten. Der Sprachlappen des Neanderthalers. Die Spirallastigkeit des japanischen Spielfilms. (Was wissen diese Kulturen, das wir nicht wissen?) Die Grauwerte der Theorie: Verschlechterung durch Verbesserung, Stillstand durch Fortschritt – ganz allgemein die Fragwürdigkeit von Erkenntnis in Zusammenhang mit herrschenden Deutungsmechanismen, zb bzgl der Kelten im Abgleich mit den nordischen Sumpfvölkern. Es paßt noch viel mehr in eine einzige, an beiden Enden angestauchte Nacht: so mag es sein, daß bisher klandestine Teile des Rheins unterbewußt antizyklisch und sogar rückwärts fließen. Google Earth ist da seit kurzem dran.


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