Rhein vs Kongo

Auf Arte lief gestern der beeindruckende Dokumentarfilm “Congo River, au-delà des ténèbres” von Thierry Michel. Falls der Rhein in seiner Gesamtheit jemals heilig oder göttlich war (beinah sämtliche alten Zeugnisse gehen davon aus und bis in die aufgeklärte Welt hinein finden sich einige wenige gültige Mythen und solche Flußstellen, an denen Heiligkeit und Göttlichkeit möglich scheinen), so ist er doch ein überwiegend bezwungener – im Vergleich zum nach wie vor höchst göttlich-mystisch-freien Kongo, insbesondere wenn Lokua Kanza zum Soundtrack beiträgt, und dieser Fluß sich wie eine selbst aus Wasser und Schlamm bestehende Wasserschlange voran- und hin- und her- und umwälzt und das Leben im Herzen der Finsternis aufschlägt, anschwellen läßt und richtet. Ob es am Rhein einst ähnlich ausgesehen haben könnte? In Lisala zerfällt Mobutus Rückzugspalast, in Xanten soll es einst einen gigantischen Königshof gegeben haben. Die Schlafkrankheit grassiert entlang des Kongo, der Rhein kannte einst die Malaria und wird sie vielleicht schon bald wieder kennenlernen. Die Klagen über die Menschen, die der Strom zu sich nahm bzw leblos ausspuckte, und die Bitten um sichere Passagen – bei letzteren erstaunt der beidseitige Katholizismus, der, sozusagen unter umgekehrten Vorzeichen, im heutigen Kongo nochmal in seine europäische Vergangenheit verfrachtet erscheint. Die schwimmende Stadt, die der Filmemacher über Wochen beim Hinabtreiben und Steckenbleiben im Flußsand begleitet, erinnert deutlich an die Beschreibungen der großen Rheinflöße. Nur zu einer Passage fällt mir keine Parallele ein: irgendwo am Ufer steht, stark vom Busch umstellt, eine Universität, in der ein einziger Professor die nach und nach zu Staub zerfallende botanische Sammlung hütet. Nicht mehr lang, und die tropische Pflanzenwelt wird sich das Detailwissen um sie selbst wieder organisch einverleibt haben. (Oder war da noch etwas mit dem Kölner Stadtarchiv?)


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