Taumelkäfer

Das Schreckensszenario ist da: kompakte, irre, unkontrolliert anschwellende Taumelkäfer, die es aus noch unbekannten Gründen geschafft haben, sich der Flußgeschwindigkeit des Rheins anzupassen, und ihrem Charakter gemäß rasend auf der Wasserhaut zirkulieren, in Gruppen von bis über hundert Exemplaren untereinander friedlich koexistierender, die übrige Fauna jedoch unnachahmlich mittels ihrer fürchterlichen Mandibeln bedrohenden Arten; einzelne Exemplare erreichen bereits einen halben Meter Längsdurchmesser, wobei sich zuletzt ein gewisser Wachstumsstop abzuzeichnen scheint. Zunächst wurden die Taumelkäferschwärme von Schiffern und Spaziergängern als alienoide schwarze Ausbeulungen an der Wasseroberfläche wahrgenommen. Eilig herbeigerufene Biologen konnten die Spezies näher zuordnen. Von einer direkten Gefahr für Menschen brauche den Experten zufolge bisher nicht ausgegangen werden, das Baden, Schwimmen oder Paddeln im Rhein solle sicherheitshalber fürs Erste unterbleiben. Einsatzkräfte des Technischen Hilfswerks sind zahlreich entlang der Ufer aufgestellt, die Industrie hat für den Notfall prompte und unbürokratische Lieferungen größerer Mengen Insektenvernichtungsmittel zugesichert. Absichten und Beweggründe der Käfer sind noch ungeklärt, einige Experten deuten ihr Verhalten als „Lauern aus Selbstzweck“, während andere das plötzliche, bisher ungekannte Anschwellen der Spezies mit ihrer invasiven Besitznahme des Rheins als neuem Lebensraum in Zusammenhang zu bringen suchen und vorsichtige Vergleiche mit Szenarien aus japanischen Horrorfilmen anstellen. Taumelkäfer zeichnen sich neben den genannten Eigenschaften insbesondere durch ihre zweigeteilten Augen aus, die es ihnen ermöglichen mit der einen Augenhälfte in der Luft, mit der anderen unter Wasser gleich scharf zu sehen. Sie besitzen desweiteren ein hochempfindliches Antennenorgan zum Registrieren von Schwingungen. Die am Ufer und in Polizeibooten postierten Biologen versuchen derzeit neuartige Kontaktaufnahmen mittels musikalischer Emissionsnetze, die verschiedene Sorten sogenannter „good vibes“ enthalten. Erste Erfolge wurden offenbar bereits erzielt: es gibt Augenzeugenberichte von boxautoähnlichen Kollisionen unter den Tieren, die sich bisher in der Natur selbst auf engstem Raum perfekt auszuweichen verstehen.


Stichworte:
 
 
 

Kommentar abgeben: