Monatsarchiv für Juni 2009

 
 

Taubergießen

Die verlängerte Rheinhausen-Niederhausener Rheinstraße führt schließlich in den Naturpark Taubergießen, den sie asfaltiert quert, bis an den alten Rhein. Gießen (poetischer: Blauwasser) und schmale Kehlen schießen und rauschen bereits nach wenigen Schritten durch den Wald. Im Sommer bleiben sie empfindlich kühl, im Winter frieren sie niemals zu. Taub heißen sie aufgrund ihrer Nährstoffarmut. Auf Schildern werden der Hummel-Ragwurz, der Pirol (mal wieder ausgefallen) und die Gebänderte Prachtlibelle angekündigt, letztere rast wie ferngesteuert und völlig unpolitisch durch waldgestaltete Lichtfetzen, das Schillern hat sie drauf wie kaum ein andres deutsches Tier. Badischer Amazonas wird der Streifen auch genannt – und genau wie beim großen Vorbild schlagen Bagger- und Planierarbeiten eine gewaltige Schneise durch dies einmalige Naturschutzgebiet, als würde ein exemplarisches Stück Autobahn in das letzte Stück Vollnatur gelegt. Schilder am Wegrand untersagen das Belästigen und Entnehmen von Tieren; Baulärm und schweres Gerät sind davon offenbar ausgenommen. Auf anderen, der Verwitterung preisfallenden Schildern am Wegrand bedankt sich das Großwild mit paargereimten Gebetsversen für solcherlei menschliche Rücksichtnahme. Tiefer im Taubergießen schießen touristenbefüllte Stochernachen die Schnellen abwärts. Das Wasser mischt sich dem Blätterrauschen, Lichtfestspiele aus Sonne, Schatten und Blattwerk, verbotene Trampelpfade enden auf zaubrischen, libellös betanzten Lichtungen oder in beunruhigenden Matschlöchern, sexy mittelfingergroße und eindeutig Barbiepuppen nachempfundene Feen im Unterholz, gejagt von lianenbehangenen Bannwaldzwergen. Backenblähende Powerfrösche, selbstbezüngelnde Schlängler, Nachtwulwen, der Nierenfleck, die Normglucke, der Zünsler im erregenden Bärlauchduft unter kleinen, aus Babyschaum und Gießentropfen errichteten Regenbögen in Blühpflanzen und Farn. Seltsam echsende, salamandrierende Geschöpfe, dem ewigen, teilkultivierten Fortpflanzungsdrang anheimgefallen. Wird natürlich alles fotografiert und gefilmt. Nach zwei drei Kilometern ist dieser Amazonas gequert, nicht nur von mir, auch von zahlreichen Elektrorollstuhlpiloten. Haubentaucher und Kormorane im Rhein, der über eine hübsche Wassertreppe gleitet. Ja, die Natur posiert: Schwarzwürmer, die sich am Wegrand selbst als feuchten Kot hinterlassen. Metamorfosis und Selbstaufgabe – gottgewollt oder sonstwie erklärbar? Am Rheindamm hat der Bundesnachrichtendienst als Wildgräser getarnte Seelentaster angebracht, Sensoren, mithilfe derer die Gemütsverfassung des Volkes anbetrachts schönster deutscher Schönheit festgestellt, man könnte auch sagen: ausspioniert werden soll. Die aufgenommenen Seelenregungen werden hinter dicken unterirdischen Gemäuern von den neuesten Lyrikprogrammen in antike Versmaße übertragen.

Rheinhausen-Niederhausen

Rheinhausen-Niederhausen wird von der nahegelegenen Metropole Herbolzheim per Bus bedient und liegt wenige Kilometer unterhalb Rheinhausen-Oberhausen, mit dem es zu Zeiten der Gebietsreform zu Gesamt-Groß-Rheinhausen fusionierte. In der Ortsmitte drei betreute, das Klappern übende Störche im großen Nest auf dem Wehr/Ehr-bereimten Spritzenhaus. „Auf dem fruchtbaren Lößboden zwischen den Ortsteilen Ober- und Niederhausen im Gewann Rebbürgerfeld waren bereits vor rund 7000 Jahren Menschen sesshaft, die von Ackerbau und Fischfang lebten. Die Rebbürgerfeldleute zählen zu den ersten Bauern, die in Mitteleuropa archäologisch nachzuweisen sind.“ (Wikipedia). Störche, denk ich, wo Störche sind, sind auch Kröten. Wie in einem langsamen 50er-Jahre-Western windet sich die Hauptstraße durch Niederhausen. Es gibt viele Hinweisschilder auf Schnapsbrenner, Gasthäuser, Nachbarorte und den allgegenwärtigen Europapark Rust, aber keins auf den Naturpark Taubergießen. Bei der Suche helfen zwei freundliche alemannische Hutzelweiblein, die noch in direkter Linie von den Rebbürgerfeldleuten abstammen mögen, unter deren Kopftüchern sich aus dem Beerengestrüpp knorrige, über die Jahrhunderte gewachsene Larven abzeichnen und die mit ihren Handsicheln längst in Vergessenheit geratene Kräuter und Unkräuter, Büsche und Unbüsche schneiden, um aus Stengeln, Blättern, Blüten wahnsinnige Tinkturen zu seihen, garen, pressen. Der Taubergießen, jaaa-h, klingt erst leise als Begriff ihrer fernen Jugendzeit an, dann wächst die Erinnerung, ha, dort beim Gasthaus „Hirschen“ links und dann immer geradeaus, soweit die Füße tragen. Oder die in der Gegend sehr beliebten Elektrorollstühle. Bilderstöckle hier, Bilderstöckle da. Am Waldrand tarnt die geheime, als Ionosfereninstitut getarnte, vom Bundesnachrichtendienst betriebene Abhöranlage zur Satellitenaufklärung ihre Radome als Riesen-Champignons. Dahinter rauschts wie Gießen oder wie etwas anderes, höchstwahrscheinlich aber wie Gießen.

Internationaler Rheindialog

Gestern im Zug, unweit der Loreley.
American: This is the Rhine, Germanys world famous river.
Italian lady: The what?
American: The Rhine, origin of many myths and verses.
Italian lady: The rhyme?
American: The Rhine.
Italian lady: Could you spell that?
American: R-h-e-i-n
Italian Lady: R-h-e-i-n? Aha.
Natürlich hat die Dame instinktiv völlig richtig verstanden. Namen sind Schall und Rauch. Doch Rhein kommt von Reim (und Rhythmus).

moenchengladbach

ich moechte wiedergeboren werden & zwar
in moenchengladbach: mit nem sprung in

der platte: ewiges jazzgedudel zum roehren
der britischen bomber ausm weltempfaenger

ne spur jauche in der luft, seitenscheitel &
koteletten, kraeftige kraeuterbitter zu schlecht

gebuegelten gesichtern. pastors sonntags-
predigt hallt in den schlagzeilen nach, bis ein

groove aus uebersee die tanzflaeche in bunte
truemmer zerlegt. es wabert & echot. geblaese

auf hochtouren & am tresen lehnt guenter
netzer mit nem glas orangensaftkonzentrat

Fließ, Fluß, fließ

Mal kurz zurückgedacht habe ich, außerhalb des Internets, den Rhein als Passagier und Sozius mit Flugzeug, Bus, Zug, Auto, Motorrad, Fähre und Ausflugsboot gekreuzt, zu Fuß und mit dem Fahrrad bin ich rübber un nübber, ich bin sogar einmal in einem Fernwärmetunnel unter dem Rheinbett hindurch gewandert, nur durchschwommen bzw durchtaucht und überpaddelt/-rudert habe ich ihn (realiter, dh, realiter in der Ersten Welt) noch nicht. Ich habe den Rhein desweiteren in Filmen, Bildern, Liedern, Artikeln, Gedichten, Romanen und Reiseberichten, sogar ganzen Rauminstallationen bereist. Ich habe häufig das Gefühl geliebt, das es macht, den Rhein zu queren. Ein Gefühl der Entgrenzung, Macht und Erhabenheit, mehr oder minder einsamen, fragwürdigen Aufbruchs, eine Art naturelektrisches Ziehen, ein Flirren und Flitschern, das zu einem Amulett verschmilzt, unweit der Enden des Regenbogens. Wer am Rhein geboren wurde und aufwuchs, der kann diesem Fluß nicht entkommen. Der Rhein lebt und wirkt; doch oft wie ein petrifizierter Blitzeinschlag, Glücksfall für Geologen, Industriebosse, Politiker und Kartografen, eine antike, für die heutigen Generationen frischgemachte Stätte zum Bestaunen und Sichfügen. Diesseits liegt die Heimat mit ihrer Geldwirtschaft, jenseits beginnt die Vorstellung von den Tiefen und Verrücktheiten des Weltalls. Ich finde das Rauschen des Flusses verstörend. Schalldichtes Fließen, begleitet von guten Schwingungen: eine dumpfe Wunschvorstellung. Da liegt die Echtwelt in all ihrer Künstlichkeit. Der Antrieb hinter menschlichen Tätigkeiten soll – letztlich – stets die Sehnsucht geliebt zu werden sein. Auch wenns die seltsamsten Auswüchse zeitigt. Ich tauche den Kopf in die Fluten und fühle mich wie der Uroboros, jene sich selbst verzehrende Schlange, die dem global auf Widerspruch geeichten menschlichen Hirn als Symbol für alles mögliche herhalten muß. ((Das ist sie also, die kaum bekannte Welt der Unterwasserlinge. Sie besteht vornehmlich aus Schwebteilchen und Kieseln, die mit eiliger Wucht durch ihren strömenden Kosmos scharwenzeln. Sie sagen nix, aber sie wissen wohin. Es ist, teils industriell angezapfte bzw vermehrte, grundsätzlich aber länger schon vorhandene Strömung (dh die Idee von Strömung in Tateinheit mit ihrer überaus kraftvollen Existenz), die Teilchen, Kiesel und Gegenwart bewegt. Das ist brutal schön anzuschauen. Mein Kopf verschwimmt zu einem amorfen Gegenstand, von Barteln, Muscheln und Kiemen bewachsen. So könnt ich

Mulhouse sémantique (4)

SIGN*A*RAMA (toute votre communication visuelle): Musée de l’Impression sur Etoffes: sieht selber aus wie`n riesiger Kartoffeldruckstempel. Halbmonddurgang: Skulpturen lustiger bunter präzisionsdurchlöcherter, offenbar stark aufmunternd bedrogter Kühe vorm Neuen Rathaus. Wie eine müde Herde Tiere im Zoo: die Arbeitslosen, die einen Kinderspielplatz in Beschlag nehmen, gegenüber dem Resto Social mit warmem Mittagstisch. “M. de Montaigne ging auch die Kirche, denn sie sind nicht katholisch. Es war unendlich Beispiele zu sehen, die Freiheit und gute ceste der Nation und des Reisin hoste zurückzukehren des dieser Stadt und einem wunderschönen Palast und avoit dor, wo er den Vorsitz führt, um seine host-Tabelle.” Halbmonddurgang: Bierstüwa Wistüwa Klapperstei. Immer wieder begegne ich ein und derselben Person in den Straßen: dem Fotografen der Fassaden auf Google Street View mit seinem unkenntlich gemachten Gesicht. Halbmonddurgang, halbmondabwärts: „Am 19. Oktober 1977 wurde Hanns Martin Schleyers Leiche in Mülhausen gefunden.” Halbmonddurgang, in der Vollkrümmung: Das Noumatrouff (elsässisch für „nun mal druff“?) wirbt mit seinem Wolfskopfmenschen. Halbmonddurgang, Engstelle: Bus 11 BRUSTLEIN. Halbmonddurgang, Zentrend: am Markt auf der gedeckelten Ill weist ein letzter Stand darauf hin, daß man noch elsässisch spreche. Feinste Teilchen und Krümel dringen von der Straße durch die Sohlen in die Schuhe, erhitzen sich durch die Reibung beim Gehen und Stehen. Nach einigen Stunden hat sich unter den Füßen ein Teppich aus glühender, dennoch feuchter Asche gebildet: élégance africaine in der Rue de Stalingrad. Schwer zermauserte Tauben. ANTIGEL. Gezeichnet: Jeannine Coiff. (Nee: der Pröbstlin.)

Mulhouse sémantique (3)

In den Citroën-Werken wird die Krise verdrängt. Der Himmel verliert eine kaum nachweisbare pappig-feuchte Substanz, die sich an Abgase, Straßenstaub und Stadtpegel bindet, zunächst macht sichs in Hautfurchen und -rillen bemerkbar, später wird auch die Hirnaura bedeckt, viele Leute sitzen und stehen einfach nur glotzend herum, managen auf diese Weise den Tag. PUB FICTION. Vierseitenbeschriftet die Lambertsäule am Hàfelemàrkt (dt: Töpfermarkt): „Dem durch Selbstthatigkeit entwickelten grossen Geiste. Die Mitburger.“ (Die Umlaut-Punkte wurden bei einem aufsehenerregenden Diebstahl zwischen den Zeiten entwendet, das ß ersetzten die Diebe spaßeshalber durch ein Doppel-s.) „Sa cendre repose à Berlin. Son nom est ecrit dans les fastes d`Uranie.“ Finster Gàsslà. HIP HOP BLING BLING SHOP. Jesus Christus, gestern und heute und derselbige auch in Ewigkeit. GRUNGE BOUTIK. Aufs Alte Rathaus sind in goldwallenden Gewändern auf goldfarbener Haut jede Menge Tugenden (oder was dafür gehalten wird) gepinselt. Davor dreht sich das mit feinstem Fin de siècle-Kitsch ausgestattete CARROUSEL1900. Grüne, basketballkorbähnliche Müllständer, mit Klarsichttüten bestückt. Café Miam Miam Friterie. Ceci n`est pas un sparkle pom. Dem gehört die Straße, der sie beschriftet? Dem gehört die Straße, der sie beschreibt? Langsam wächst der Morgen über sich hinaus und dringt in die Rue Schlumberger (vorerst nicht rauszufinden, welchem der zahlreichen Schlumberger sie gewidmet ist), in der ungelesen aufgeschlagene Autobiografien im Schatten ruhen: „Mein Leben als Hydrant“, „Erinnerungen an mein schwaches Fleisch rund um den Dönerspieß“, „Wenn ich das gewußt hätt“ und „Morgen ist auch noch ein Tag“.

Mulhouse sémantique (2)

Salade de Betteraves, Salade Multicolore, Salade Cornélia, Salade Charcutières. Blick auf städtische Blumen. Schneeweißer Pitbull zerrt Pärchen längs der Ill. Meringuettes, zu deutsch: Baisers. Die abgeranzten Straßen, die hohen Preise. Über der 17 Grad-Sommerstadt dräut ein stumpfzahniger Himmelsrachen. Korrespondiert mit einigen einsturzgefährdeten Dächern. Corpus delicti – ancient rituals for a modern world. Eine Dame im Bikini klebt am Schaufenster, dahinter Vorhänge in ausgebleichtem Lila. Süßkirschenpflicht in den Vorgärten der Rue Buhler, Rue des Roses, eingekesselt von Leerstand, Eckenstehern, Staublichturbanität. FLUNCH. Feiste Europäerinnen tanzen grau und wild auf einem Relief am Tour de l`Europe, 112 Meter hohes dreieckiges Stahlbeton-Konstrukt, das sowohl das moderne Mulhouse als auch das Dreiländereck symbolisieren soll. Paßt schon. Der Heilige Ronald mit den feuerwehrroten Haaren schläft arglos unter einem weißen Laken, ist eigentlich schon tot und erwartet die Tunneldurchfahrt zur ewig elsässischen Kost. Hair of Time (drei Gegenvorschläge „zum Ausdiskutieren“: Time of Hair, Hair Time, Time Hair). Wie läßt sich Mulhouse als Teil der Eidgenossenschaft vorstellen? Weit über die eigene Geburt hinaus zurückdenken. Menschen sind angelegt, um über Straßen zu wuseln. Das eint uns (fast) alle. Mit einem Mariannenobelisken gedenkt Mulhouse seinen Befreitheiten von 1918/1944, auch seinen Söhnen die in Indochina herumbefreiten. Halal: die große Schweinefleischfreiheit. WÄRTSILÄ FRANCE. Das Elsaß und seine Affinität zum Erhalt diakritischer Zeichen.

Mulhouse sémantique

Im Norden beginnt Mulhouse zinedinezidanesk mit Bolzplätzen zwischen Hochhausgruppen und Wohnbaracken. IRISL. Im Zentrum ein Illhafen, Hausboote, verwaiste, geranien- und petunienbekästelte Promenade (kein Geranien-Petunien-entweder/oder!), schwammig grün dümpelnde Ill, bekränzt von kleinen Schaumwürfen, PET-Flaschen, ertrinkenden Blüten. Zwangsbestorchlogot: Potasse d`Alsace. Les Voyages Lesage. Repas Rapide. Ungesungene Chansontitel. Halsbrecherisch kunstfliegende Spatzen. Nahe der Rheinoper, dh im Theater-, dh wohl auch im Künstlerviertel klebt auf dem Boden die Kotze von letzter Nacht. Dezente Bettler. Les Amis de l`Emancipation Sociale, les Amis du Monde Diplomatique, les Auditeurs Modestes et Géniaux de Belfort vous invitent à un débat avec Francois Ruffin sur le thème de son livre „La Guerre des Classes“. Mischkulturelles Straßenbild. Menschen mit Hunden und Kindern (Square Steinbach) – wer geht mit wem Gassi? Arbre de la Liberté (8. Mai zerkratzt) – jedenfalls: ne filigrane Jungeiche. Le kiosque de Brothisla (tatsächlich e Brothäusle un net der Nam vun der Fra wo hinnerm Trese steht). Fleischnakas. AND` GEL NAILS. Formation, pose d`ongle, changez de vie. Von grünen Hoffnungsbögen überspannte Straßenbahnhaltestellen. Vélocité – städtische Leihräder gegen Elektrocash. Rue Engel Dolllfus, wer heißt denn so? Aha, ein „Industrieller und Philanthrop“, früher Doppelname. Im Gimex Market drehn sich die Grillhähnchen in ner Schutzvitrine am Tagesrand entlang. KISS KLUB. Betül, je t`aime. Was ist nun ein bétul? (Bétel?) Umgekehrt die Türken wieder: MIL FÖY für millefeuilles. Weitere übersetzerische Feinheiten: Rue des Bonnes Gens/Güàtàlitstross. Rue de la Justice/Schindergàsslà.

Gorrh (4)

Gorrhs früheres und späteres Denken entwickelte sich aufgrund einer Initialzündung, die er noch im Larvenstadium, geborgen im Asfalt der A5, im Jahre 2009 n. Chr., mittels seismofysischer Nervenanwandlung seinem Wesen überschirmte und im Laufe seiner Frühstentwicklung sich neurologisch einverleibte. Gott, Darwin, Hölderlin, Nietzsche, Freud und Konsorten streiten seitdem über die Deutungshoheit: Mit einer Prügelei haben eine Frau und ein Mann versucht, nach einem Unfall auf der A5 die Schuldfrage zu klären. Die beiden hatten sich in die Wolle bekommen, nachdem die Frau den Wagen des Mannes bei Weinheim (Rhein-Neckar-Kreis) gestreift hatte. Daraufhin stoppten beide auf dem Standstreifen und tauschten statt der Personalien Schläge aus. Stimmen (wie jene von Schwuttke und Strondtner), die Gorrhs Aufderweltsein nicht mit klassischer Metamorfose, sondern eher mit Schnittstellengeburt erklären, schreiben seine Eigenschaften elektromagnetischen Fänomenen zu. Daß der Faustschlag einer Frau oder eines Mannes auf dem Standstreifen der A5 bei Weinheim globale Folgen nach sich ziehen kann, ist jedenfalls seit Gorrhs was auch immer geschuldetem Erscheinen einer der Kernsätze der sogenannten Chaostheorie.

Gorrh (3)

Was Gorrh in Südbaden treiben würde? Wir sehn ihn, auf Menschengröße projiziert, auf der Rückbank eines Überlandbusses kiffen. Er hockt am Straßenrand und leert wahllos Gutedel-, Silvaner- und Müller-Thurgau-Bouteillen, trägt das Haar mittellang, versucht sich allgemein, aber sehr halbherzig an ein paar Che Guevara-Posen. Er bettelt auf dem Kopfstein historischer Altstädte, taggt alle Unterführungen, außer in Villingen. Genießt die bleichen glattrasierten Beine der flanierenden Jugend, lacht sich kaputt über ihre Pseudowildheiten, die alkoholischen, kokainösen Animalitäten. Er ist irgendwie weg von seinen Gewaltausbrüchen, überlegt, auf welcher Seite er eigentlich steht (für mehr Gewalt? für den totalen Frieden?), ob das Persönlichkeitsentwicklung ist, ob er in Therapie gehen soll. Gorrh beginnt, vom Hersteller gesponsort, seine experimentelle Abhängigkeit von Roth-Händle ohne Filter. Gorrh befaßt sich an Feldrainen mit dem exaltierten Schillern der Klatschmohnblüte, betreibt Maiskornmeditation, liest sogar ein wenig linke Theorie, die ihn langweilt, in all ihrer bornierten Kunst- und Zukunftsfeindlichkeit und weil stets schon nach der ersten Seite klar ist, wie die Chose ausgeht. Gorrh läßt sich vom Himmel erdrücken, speit im bewußt-fahrlässigen Stile Jackson Pollocks Wolken aus. Gorrhs Hochrheinexkursionen führen zur Bekanntschaft mit den Elektrohippies im Raum der Zeit im quadratischen Kreis, Gorrh wird in die Maklerkreise des Himmelreichs eingeführt, er säuft eisige Rheinsuppe. Gorrh beantragt in einer Haschlaune die schweizer Staatsangehörigkeit: „Ich muß meinen Altruismus bekämpfen!“ Dann geht er in der Armenküche speisen. Eines Morgens faltet er den Schwarzwald und die Vogesen zusammen und packt sie auf die Alpen drauf. Gorrh erlernt die Musikinstrumente Akkordeon und Alphorn. Gorrh bereitet sich auf etwas vor. Er hat das hundertste Lebensjahr bald abgeschlossen.

Neuf-Brisach

In der nur gelegentlich von motorisierten Rasern durchbrochenen Sonntagsruhe legt sich die Landschaft in aller Sorgfalt und mehreren Klarlackschichten über sich selbst. Um Mittag herum kündigen sich für den Abend Regenwolken an, erst wollen sie aber noch was über die Vogesenkämme zockeln. Vorm Basler Tor (wieviele Basler Tore hab ich in den letzten Tagen gesehen: zehn? zwanzig?) der oktogonal-sternförmigen Vauban-Festung Neuf-Brisach am Square Rhin et Danube ein Denkmal in Schwertform („à nos frères d`armes 1870-71“) einerseits und ein sehr zurückhaltendes laminiertes Pappschildchen mit einer Hommage eines anonymen Autors an die Ehemaligen andererseits: „Oyez… Oyez vous qui passez. Jeunes gens souvenez vous la plus part ont disparu, ceux qui restent sont fatigués par le poids d`années. Comme toi ils ont eu vingt ans mais pour eux c`était la guerre. Ils ont combattu, ils ont connu la misère, ils ont vu la mort, ils ont souffert dans leurs chair et dans leur coeur, mais toujours ils ont gardé l`espoir du retour et d`un monde meilleur. Ils ne demandaient rien. Mais je vous dis, fermez les yeux et ayez une pensée pour eux. Merci.“ Dazu ein Bild mit Soldaten, hinter die Festungsmauer geduckt. Kaum ist der Vaubansche Stern geentert, erklingt Musik: aufm Rasenstreifen an der Mauer ist heut ein Freiluft-Super-Karaoke eingerichtet, wo die auch am Wochenende weißbekittelte Bäckereiverkäuferin Blondietitel und französische Schlager nachsingt, notfalls mit Vollplayback. Abgerissenes Publikum, Bier aus Plastikbechern. Der erste Eindruck innerhalb der Mauern bestätigt sich an jeder Ecke: ein versifftes Örtchen, das schon als militärische Festung niemals sonderlich taugte und nun hinter seinen denkmalgeschützten Wällen gegen jeden Ausbau gefeit im eigenen Saft vor sich hingart. Erinnert mich an die Geschichte jenes elsässischen pot-au-feu, eines ewigen Eintopfs in einem riesigen Kessel, der in einem namenlosen Traditions-Restaurant jeden Tag wieder neu aufgefüllt doch immer noch Reste vom Vortag enthalten soll, sodaß er bis heute die geschmacklichen Essenzen vergangener Jahrhunderte enthalte. In einem Schaufenster ausgestellte Einmachgläser enthalten Choucroute garniture royale (mit Bauchspeckstreifen) und Baeckaoffa, einen früher auf der Restwärme der Brotbacköfen erwärmten Eintopf. In einem weiteren Schaufenster steht auf einem handgeschriebenen Zettel, daß Väter ganz besondere Menschen sind. In der Mitte des Städtchens der Exerzierplatz, auf dem heuer Markt gehalten wird. Erinnert stark an Saarlouis. Vauban halt: mauerdick, mit Graben außenrum und Glacis in jede Himmelsrichtung. Man stellt sich lebhaft die Louis XIV-Perücken beim sternförmigen Spaziergang übern staubigen Kopfstein vor: voltieren, hecken, zecken. Die Kirchglocken sind mittlerweile (als Friedenssymbol) mit denen des Breisacher Münsters abgestimmt und beide Städte jumeliert. Nun denn, und weil außer einer langsam näher rückenden Regenfront so ziemlich gar nichts los ist: auf zurück gen Breisach!

Obélix am Rhein

Meter um Meter stapfe ich voran ins elsässische Kernland, das innert 150 Jahren fünfmal seine Staatszugehörigkeit wechselte. Kirchturmspitzen ragen aus den Feldern, über denen Greife rütteln, die etwas mickriger ausfallen als auf der badischen Rheinseite. Fußgänger scheinen nicht vorgesehen im Elsaß, hier heizt man entweder mit einem möglichst röhrenden Motor unterm Kühler bzw Arsch durch die Gegend oder fährt wenigstens irgendein auffälliges Zweirad. Ich suche also Schleichwege Richtung Neuf-Brisach entlang, aber weit genug abseits der tödlichen Nationalstraße, die mehrfach zu über- bzw unterqueren ansteht, gelange durch ausgelagerte Einkaufszonen, vorbei an den gewaltigen Rücken sonntagsstummer Hypermarchés, Rudeln kläffender Schäferhunde auf Wache hinter Lagerzäunen und neugierigen Geißböcken in den Vorgärten abgeranzter Nebenstraßen. Rue du Genie, Volgelsheim: hier hat sich bezeichnenderweise der Reifenhandel angesiedelt, verweist auf den universellen Dreh- und Auswechselbarkeitscharakter der Dinge, und damit auf ihren kommerziellen Aspekt. (Typisch französisch: das Geistige mit dem Praktischen zu kombinieren.) Bei Algolsheim grüßt ein knautschiger Stroh-Obélix aus den Halmen – im Dorf mit dem allgallischen Namen finden Uderzos und Goscinnys aremoricanische Widerstandsdörfler ihr elsässisches Sommerwochenendexil.

Vogelgrun

Nähert man sich dem Département Haut-Rhin von Breisach aus zu Fuß, stehen zur Linken einige, amerikanischen Vergnügungsmeilen entnommene/entkommene, Buden zur Disposition, welche Tabaklädchen, Restaurants, eine Music-Bar, ein Pornokino und zuguterletzt, auf den letzten Quadratmetern Deutschlands, einen McDrive vorstellen; zur Rechten Mirabellenbüsche. Ein altes japanisches Sprichwort besagt: „Hebst du den Blick, siehst du keine Grenzen.“ Es geht flugs übern Rhein, der auf Breisach („Stadt der grenzenlosen Vielfalt“) zu deutlich schmaler ausfällt als der Rheinseitenkanal mit seinen Vogelgruner Schleusen. Leider wegen Umbauarbeiten geschlossen hat der den Kraftwerken angeschlossene vielversprechende Nixengarten, der bekannte und unbekannte Pflanzen und Wesen im Repertoire aufweist. Schneekugellandschaft mit sinnvollen Fresken an den Maschinenräumen des Kraftwerks und sommerhimmelblau gestrichenem Strommastenfeld vor unscharf konturierten Vogesen. Der Ortskern: Village fleuri, die Opunzien tragen ihre kleinen roten feinbestachelten Früchtchen. Viele deutsche Namensschilder. Das „Echo du Rhin“, transportiert von der „Harmonie de Kunheim“: Ländler-Blasmusik auf vergilbenden Plakaten. Tournoi de belote, Schafskopf auf Französisch. Das Dorf ist schnell durchschritten, auffällig das malvenblaue Rathaus, jedweden optischen Erinnernswert im Keim erstickend die gegenüberliegende Place du Souvenir. Wikipedia sagt: „Dr Name kommt von “Vogelgrien” un meint nit e griene Vogel, sundern dr Wortteil grien wiist uf e Sandbank im Rhin hin, wo wohrschins von Vögel als Raschtplatz gnutzt worde isch.“ Auf dem Vogelgrüner Wappen stürzt sich eine weiße Raubtaube vor grasgrünem Himmel diagonal in den mit Silberwellen stilisierten Rhein.

Randnotiz

Ich weiß nichts mehr, ein klarer Fluß
den es nicht gibt, entspringt in meinem
Kopf? in seinen Schlaufen zu ertrinken
bei exzellenter Fernsicht, das Wesentliche
aus verhuschtem und gestärktem Blau
Raster dann aus Muschelkalk, Kiesschotter
und Asfalt, auf dem das weiche heiße
Fleisch… Das war mal alles Wasser hier
Wild erst von großen Männern reguliert
Da fließt ein Fluß aus blondem Haar das
klar zu ihr gehört zur Sonne hin