Monatsarchiv für Mai 2009

 
 

Das vornehme, ansehnliche Freiburg

Von Kriegswirren weiß Dielhelm über Freiburg zu berichten, von verwirrenden, sicherlich kriegsvorbereitenden, Friedensschlüssen und natürlich dürfen die Eckdaten (geografische Lage, Markttage, Lebensmittelmengen, adlige Leichen) nicht fehlen: “In seinem Wappen hat Freyburg einen schwarzen Vogelshalß mit einer rothen Zunge im gelben Felde. Es hält jährlich viermal Markt, das erstemal auf Petri Stuhlfeyer, das zweytemal auf den 29. Mai, das drittemal auf Matthäus, und das viertemal donnerstags vor Martini. Es liegt anbey unter dem 47. Grad 59. Minuten Latitudinis und unter dem 29. Grad 35. Minuten Longitudinis, wie auch unter dem himmlischen Zeichen der Waage. Im Jahr 1677. im höchsten Winter wurde Freyburg, ohne Zweifel durch Verrätherey ihres Commendanten, von den Franzosen eingenommen, womit es kürzlich folgender Gestalt zugegangen ist. Ob man wohl damals in der sichern Meynung stund, die Franzosen würden wegen des vielen Marschirens in dem vorhergegangenen Feldzuge und des starken Abgangs an Pferden, sehr begierig nach dem Winterquartier seyn, wie sie denn auch ihren Marsch gegen Schlettstadt und Breysach gerichtet hatten; so gingen sie doch den 9. Nov. alten Calenders ohnversehens allda über den Rhein und gerad vor Freyburg, welche vornehme und feste Stadt sie so plötzlich belagerten, daß mit vieler Mühe nur noch ein Trompeter herausgekommen ist, und solchen Ueberfall berichten können. Das Schiessen währete bis 5. Tage, da es endlich stille wurde. Des folgenden Tages ging es aber desto grausamer mit unterlaufendem Sturm wieder an, und währete biß in die Nacht; da denn ein kurzer Stillstand gemacht wurde, die Todten zu begraben, immassen die Franzosen bereits einen ziemlichen Verlust an vielen hohen Officieren davon erlitten hatten, worunter der Marquis de Bois David, der Generalfeldzeugmeister, 2. Obersten, 2. Obristlieutenants und 16. Hauptleute waren. Wie denn auch ein Obristlieutenant samt noch 20. Wägen Verwundeter nach Breysach gebracht wurde. Ohngeachtet aber der anfänglich guten Gegenwehr, und des im Marsch begriffenen Beystandes wurde den 16. selbigen Monats nicht allein diese schöne und mit allen Nothwendigkeiten versehene Stadt, sondern auch dasiges Schloß an die Franzosen übergeben, woraus die Besatzung 2500. Mann zu Fuß und Pferd stark, mit Ober= und Untergewehr, mit fliegenden Fahnen, 6. Rüstwagen und 2. Stücken Geschütz, nach Rheinfelden abzog. Es befand sich damals in dieser Stadt und Festung ein überaus grosser Schatz, sowohl an solchen Gütern, die den Einwohnern eigenthümlich zugehörten, als auch an solchen, die man dahin in Sicherheit gebracht hatte; desgleichen ein ansehnlicher Vorrath an Proviant und Lebensmitteln, insonderheit aber über 50000. Malter Korn, und über 33000. Fuder Wein. Im nimwegischen Frieden wurde sie dem Könige in Frankreich zugesprochen, welcher sodann Stadt und Schloß vortreflich befestigen lies. Hierauf wurde die österreichische Regierung nach Waldshut verlegt, und die Universität nach Costnitz an den Bodensee gebracht; Als aber in den Präliminartractaten des ryßwickischen Friedensschlusses, auf Vermittelung und Gutbefinden des Königs Carls des XI. in Schweden, schon war ausgemacht worden, daß die Stadt Straßburg mit ihrer Zugehör dem Reich wieder solte heraus gegeben werden; so wußte es Frankreich doch dahin zu treiben, daß man für gedachte vornehme, ansehnliche Stadt und Vormauer des deutschen Reichs, wie Strasburg war, dieses Freyburg nebst Breysach als einen Gegenwerth annehmen, jene aber zurüklassen muste, dahero sie dann wiederum mit allen Festungswerkern an Oesterreich abgetreten wurde.”

Freiburger Notizen (2)

Die Innenstadt Freiburgs ist von einigen Wasserläufen durchzogen und die Bächle und Gräben werden bis heute von einem Runzmeister gesteuert. Wer in eins der Bächle dappt, muß in Freiburg heiraten. Ein schwer zu deutendes Los. Beinah hätt es mich ereilt. Wenn mans weiß, dappt man jedenfalls vorsichtiger einher. Aus dem reißenden, idyllisch ein paar Meter ins oberirdische Stadtbild gefügten Gewerbebach ragt ein vorgeblich nachdenklicher Krokodilsschädel, von Versen mittlerer Dichtkunst flankiert: „Aus Stein steht hier das Krokodil / mit breitem Maul, doch nicht vom Nil / Schaut raus aus dem Gewerbebach / schaut bis zum Hause Himmelsbach / sieht Euch und uns und denkt sich viel“. Weitere Skulpturen in der Innenstadt: der Schneckenreiter, ein nackter Knabe auf einer Weinbergschnecke; von einer Hauswand grinst ein schwer zu greifender, bunter Gesell, der so etwas wie eine vagina dentata präsentiert. Weiter draußen wird ein skulpturales Vorgartentier nächtens immer wieder neu bepinselt, studentischer Volkssport. Unterbrezelte Märtyrerszenen auf Münsterglasfenster, vermutlich zunftgestiftet. Desweiteren ein hölzernes Abendmahl in Lebensgröße, hintergittert und eine ebenfalls lebensgroße Sandsteindarstellung des Grabes Christi um 1330, hintersäult. Ein rebenbotanischer Lehrgarten mitten im Städtle und folgerichtig einige Schnapslädle mit lokalem Obstler „Zibärtle“ aus der Wildpflaume. Ein lohnenswerter Eintrag ins Lexikon bescheuerter Friseurladennamen: „Hairzblut“. Es heißt immer wieder, Freiburg berge und beherberge für seine Größe erstaunlich viel Kultur. Was solche angeht, sind mir vor allem die vielen asiatischen Restaurants mit günstigem Standardmittagstisch und die internationale Straßenmischung aus allen Kasten aufgefallen. (Mal wieder den Dielhelm abgleichen!)

Rhein vs Rimac

Aus dem anonym veröffentlichten Brief einer gescheiterten rheinischen Dichterin an ihren fernen Geliebten, der ihr ständig von seiner Heimat schwärmt, diese dabei einerseits als Quell und Nabel aller guten Dinge, andrerseits auch als seiner eigentlichen Kultur beraubten Kolonialstaat betrachtet, von ihren heimatlichen Betrachtungen aber nichts hören und verstehen will: „(…) Ich habe Dir bereits häufig geschrieben, wir haben hier einen Fluß und anders als bei Euch messen wir ihm deutlich größere Bedeutung als die einer reinen Kloake bei. Die Römer waren hier, sie haben uns kolonialisiert, sie haben den Fluß dafür benutzt und uns gelehrt wie man Häuser und Straßen und Wein anbaut. Sie haben ein neues Rechtssystem eingeführt und neue Religionen und diese Dinge haben die Kolonialherren bei uns bis heute überlebt. So ist es ein ständiges Kommen und Gehen auf der Welt, und immer findet sich ein Grund zur Beschwerde, aber wenn garnichts passierte, würden wir uns auch beschweren – mit unseren ganzen reinen Kulturen, die ja doch nur zu Verdummung und Aussterben führen. Aber das wollte ich Dir garnicht schreiben. Es ging mir doch um unseren Fluß. Ich gehe oft an die Ufer, zu jeder Jahreszeit, auch in rauhen Wintern, um mir das Fließen anzuschauen. Soviele Gedichte habe ich schon über unseren Fluß geschrieben und nie scheinen sie endlich zu gelingen, es ist, als entglitten sie mir beim Schreiben wie der Fluß selbst davonfließt. Und obwohl er davonfließt, ist er doch stets da, das ist das Dilemma, das so schwer in Worte zu fassen ist. Und ganz ähnlich wie Dein Ozean spricht der Fluß klare Worte über den Kreislauf des Lebens. Ich will ja ein Verswerk flechten, nur über den Fluß, über die Ströme von Millionen Jahren, ein Epos über Kontinuität und Verschwinden, Gegenwart und Geschichte, Bewußtsein und die Leere des Vergessens, mit vielen vielen kleinen Nebensträngen auf unsere Folklore weisen und darauf wie der moderne Mensch sich benimmt, wie er taumelt, denn der Rhein ist unsere Nabelschnur und in seinen Wogen schwebt unser Gewissen. Und immer wieder gehe ich an den Fluß und alles wächst mir über den Kopf, es überströmt mich, ich will garnicht mehr schreiben – und doch, ich muß, aber verwerfe alles wieder, kaum daß es zu Papier gebracht ist. Was soll ich nur tun? Vielleicht täte ein exotischer Anker wohl, aber wir haben hier keine Pelikane, nur diese öligen Kormorane, Tauben, Möwen, Krähen, sogar ein paar Himalaya-Sittiche seit einiger Zeit und natürlich Singvögel, ich kann sie Dir nicht alle auflisten, aber es sind bei weitem nicht soviele wie in meiner südlichen Heimat. (…)“

Rhein vs Hudson

Den Mittelrhein hat Cooper also im Schnelldurchlauf gesehen, das Filetstück wie es oft hieß und heißt, und gleicht nun das Gesehene mit dem von daheim bekannten ab: “In the mood likely to be created by a flood of such recollections, we pursued our way along the southern margin of this great artery of central Europe. We wondered at the vastness of the Rheinfels, admired the rare jewel of the ruined church at Baccarach, and marvelled at the giddy precipice on which a prince of Prussia even now dwells, in the eagle-like grandeur and security of the olden time. On reaching Mayence, the evening of the second day, we deliberately and, as we hoped, impartially compared what had just been seen, with that which is so well and so affectionately remembered. I had been familiar with the Hudson from childhood. The great thoroughfare of all who journey from the interior of the state towards the sea, necessity had early made me acquainted with its windings, its promontories, its islands, its cities, and its villages. Even its hidden channels had been professionally examined, and the time was when there did not stand an unknown seat on its banks, or a hamlet that had not been visited. Here then was the force of deep impressions to oppose to the influence of objects still visible. To me it is quiet apparent that the Rhine, while it frequently possesses more of any particular species of scenery, within a given number of miles, than the Hudson, has none of so great excellence. It wants the variety, the noble beauty, and the broad grandeur of the American stream. The latter, within the distance universally admitted to contain the finest parts of the Rhine, is both a large and a small river; it has its bays, its narrow passages among the meadows, its frowning gorges, and its reaches resembling Italian lakes; whereas the most that can be said of its European competitor, is that all these wonderful peculiarities are feebly imitated. Ten degrees of a lower latitude supply richer tints, brighter transitions of light and shadow, and more glorious changes of the atmosphere, to embellish the beauties of our western clime. In islands, too, the advantage is with the Hudson, for, while those of the Rhine are the most numerous, those of the former stream are bolder, better placed, and, in every natural feature, of more account. When the comparison between these celebrated rivers is extended to their artificial accessories, the result becomes more doubtful. The buildings of the older towns and villages of Europe seem grouped especially for effect, as seen in the distant view, though security was in truth the cause, while the spacious, cleanly, and cheerful villages of America must commonly be entered, to be appreciated. In the other hemisphere, the maze of roofs, the church-towers, the irregular faces of wall, and frequently the castle rising to a pinnacle in the rear, give a town the appearance of some vast and antiquated pile devoted to a single object. Perhaps the boroughs of the Rhine have less of this picturesque, or landscape effect, than the villages of France and Italy, for the Germans regard space more than their neighbors, but still are they less commonplace than the smiling and thriving little marts that crowd the borders of the Hudson. To this advantage must be added that which is derived from the countless ruins, and a crowd of recollections. Here, the superiority of the artificial auxiliaries of the Rhine ceases, and those of her rival come into the ascendant. In modern abodes, in villas, and even in seats, those of princes alone excepted, the banks of the Hudson have scarcely an equal in any region. There are finer and nobler edifices on the Brenta, and in other favored spots, certainly, but i know no stream that has so many that please and attract the eye. As applied to moving objects, an important feature in this comparison, the Hudson has perhaps no rival, in any river that can pretend to a picturesque character. In numbers, in variety of rig, in beauty of form, in swiftness and dexterity of handling, and in general grace and movement this extraordinary passage ranks amongst the first of the world. The yards of tall ships swing among the rocks and forests of the highlands, while sloop, schooner, and bright canopied steam-boat, yacht, periagua, and canoe are seen in countless numbers, decking its waters. There is one more eloquent point of difference that should not be neglected. Drawings and engravings of the Rhine lend their usual advantages, softening, and frequently rendering beautiful, objects of no striking attractions when seen as they exist; while every similar attempt to represent the Hudson, at once strikes the eye as unworthy of its original.”

Lederstrumpf am Rhein

In der Einführung zu seinem Roman The Heidenmauer berichtet Lederstrumpf-Autor James Fenimore Cooper von seinen raschen, historisch inspirierten rheinischen Einsichten: „At Aix-la-Chapelle we bathed, visited the relics, saw the scene of so many coronations of emperors of more or less renown, sat in the chair of Charlemagne, and went our way. The Rhine was an old acquantaince. A few years earlier, I had stood upon the sands, at Katwyck, and watched its periodical flow into the North Sea, by means of sluices made in the short reign of the good king Louis, and, the same summer, I had bestrode it, a brawling brook, at the icy side of St. Gothard. We had come now to look at its beauties in its most beautiful part, and to compare them, as far as native partiality might permit, with the well-established claims of our Hudson. Quitting Cologne, its exquisite but incomplete cathedral, with the crane that has been poised on its unfinished towers five hundred years, its recollections of Rubens and his royal patroness, we travelled up the stream so leisurely as to examine all that offered, and yet so fast as to avoid the hazard of satiety. Here we met Prussian soldiers, preparing, by mimic service, for the more serious duties of their calling. Lancers were galloping, in bodies, across the open fields; videttes were posted, the cocked pistol in hand, at every hay-stack; while couriers rode, under the spur, from point to point, as if the great strife, which is so mennacingly preparing, and which sooner or later must come, had actually commenced. As Europe is now a camp, these hackneyed sights scarce drew a look aside. We were in quest of the interest which nature, in her happier humors, bestows. There were ruined castles, by scores; grey fortresses; abbeys, some deserted and others yet tenanted; villages and towns; the seven mountains; cliffs and vineyards. At every step we felt how intimate is the association between the poetry of Nature and that of art; between the hill-side with its falling turret and the moral feeling that lends them interest. Here was an island, of no particular excellence, but the walls of a convent of the middle ages crumbled on its surface. There was a naked rock, destitute of grandeur, and wanting in those tints which milder climates bestow, but a baronial hold tottered its apex. Here Caesar led his legions to the stream, and there Napoleon drew his corps d`armée on the hostile bank; this monument was to Hoche, and from that terrace the great Adolphus directed his battalions. Time is wanting to mellow the view of our own historical sites; for the sympathy that can be accumulated only by the general consent of mankind, has not yet clothed them with the indefinable colors of distance and convention.“

Freiburger Notizen

Über Freiburg wacht der Windbohrer, ein Eichenmann von Thomas Rees, mit seinem forsch in den Himmel gerichteten Handwerkzeug, droben aufm Schauinsland, wo ich in Bdolfs, des dunkelsten Denkers, Begleitung ein wenig rumheideggerte, wacht also dort, dh steht vielmehr da, als Symbol für sinnlose Verschwendung, beobachtet von Weißtannenwesen, beglotzt von Touristen, selten sogar be(gegen)heideggert von Semi- über Anti- bis Nonheideggerianern. Mit den Skulpturen hats Freiburg. Inmitten der sozialen Brennpunkte Freiburg-West tun sich einladende (und nicht etwa versengte, zerkraterte bzw vermüllte) Rasenflächen auf und bieten Grundfläche wie Sichtschneise für Kunst im Freien, die aufgrund ihrer friedfertigen Mächtigkeit den Passanten zum Nichtstun verleitet: ein gewaltiger skulpturaler Wasserhahn speist einen noch gewaltigeren skulpturalen Schlauch von gewiß 100 Metern Länge, aus dessen Ende es in ein kleines Bassin tröpfelt; ein Graffito auf dem Metallschlauch behauptet: „Jules, den spülts“. Gegenüber parkt Chicken Man`s verbarrikadiertes Imbißkabuff, ein Pkw-Anhänger, der schon zigtausende halber Hähnchen beherbergt haben mag. (Doch wer ist Chicken Man? Ein Juju-Priester?) Nächst St. Albert vom Sozialen Brennpunkt und der Heiligen Esso-Nachttanke ein Wegkreuz: „Dieses Kreuz wurde errichtet zur Sühne für den Tod des Bischofs von Strassburg Konrad von Lichtenberg. Er fiel hier im Kampf gegen die Stadt durch die Hand eines Freiburger Metzgers 29. Juli 1299“ Christenfetische, getränkt mit Blut, verklärt zu Überwesen. St. Albert sieht denn auch aus, als würden dort in 20 Jahren einige Punksenioren als (wegen Altersmilde bzw -schwachsinn) zurückgewonnene Schäflein trillernde/n a capella-Versionen (im 20er Jahre-Stil) von God save the Queen von den Sex Pistols wahlweise zu Gehör bringen oder lauschen. Menschentreffs an Straßenbahnhaltestellen. Die sich der Innenstadt zustülpen, wo zyklopische grüne Kugelmonster unter einem säulengestützten Hofdurchgang graue Hochhauswälder erklimmen, Brücken im braunen Himmel enden, gesichtslose Menschen auf leeren Autobahnen Parcours laufen, der Rap-Dämon STN hat seinen Namen zwischen quallöse Geschöpfe in Silber und Grau gesetzt, doch über den apokalyptischen Himmeln aus Spraylackdosen schlumpft der echte über der Alternativspießermetropole mit ihren Multikultibrillenträgern und intellektuellen Bettlern, die lässig auf dem Pflasterboden hocken („Freiburger Schneidersitz“): „Du, ich brauch noch e bissle Kleingeld für de neue Pschyrembel.“

Rheinfarben

Die Farben des Rheins changieren zwischen flaschen- und übelkeitsgrün, blaubraun, alpenstahl und diesen militärischen Graus, es sind die Farben der Landschaftsmalerei, entzündliche und parafrasable, sie sind so mischfähig wie lichthaltig, es sind die Farben des Verrinnens und Aufschwemmens, Bier-, Schnaps- und Weinfarben, Weizen-, Raps- und Schweinefleischfarben, das deutsche Herz wird mit ihnen gemalt, gespült und lyrifiziert, hier ein Beispiel von Sabine Scho, mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

rhinestone

one of these greys
komm, »gehen wir 
ein paar schritte«
»hast du gesehen
wie gut der mann
aussieht«, kennst
du mein post-drug-
disease? es ist, als
ob du wellenkundig
sinkst, lage und ein-
zugsgebiet ziehen
spurlos an dir vorbei
nicht mehr in der klemme
im sinken so gut wie un-
gebunden, ohne geschiebe 
und provinz, remember
your shelter came from a shower
ich meine, belassen wir es dabei

(aus: Sabine Scho – farben, kookbooks, Berlin 2008)

Schauinsland

Aufn Schauinsland rauf mit der Schauinslandbahn. Aus der Seilbahn-Gondel weitet sich stufenlos der Blick übers Rheintal, Freiburg schmilzt zu einer überschaubaren Siedlung, überraschende Restschneestapel an der Gipfelstation, einige nördliche Matten und der obere Feldberg sind noch schneebedeckt, während Löwenzahn die abgetauten Wiesen bewimmelt und beleuchtet. Die restliche Flora trägt je nach Standpunkt interessante bis bedrohliche Namen: Bärwurz, Blutwurz, Schwarze Teufelskralle. Scheuchzers Glockenblume gilt als Eiszeitrelikt. Aus Blutwurzsaft wird ein lokaler Schnaps destilliert, die Pflanze trägt außerdem folgende Namen: Dilledapp, Natternwurz, Rotwurz, Ruhrwurz, Siebenfinger, Tormentill. Gegenüber liegt der Tote Mann, ein weiterer Berg mit sprechendem Namen, der Rundumblick endet an den Silhouetten der Vogesen und wird getrübt von einem schwer erklärlichen Dunst, den der unsichtbare Rhein auszuschwitzen scheint. Windgestaltete Laubbäume gibt es oben auf dem Schauinsland, während die Hänge voller Tannen stehen. Scheffels Waldgeist Meisenhartus läßt sich hier vermuten, überhaupt jede Menge Kleinlebewesen, von käfrigen Zwergen, welche nach Genuß von versteinertem Schnaps die knolligen, flechtenbärtigen, treppenbepilzten Bäume emporhüpfen über drollige, holzige Langarmmakaken hin zu Vollmeisen, Wolpertingern und Nadelingen, nicht alle gutmütig, aber bodenständig und zu urig-knarzenden Geräuschen imstande. An der Gipfelstation dann typisches Schwarzwaldvesper, Wurstplatte und Schäufele, die Fabel- und Halbwesen verschmähen seit einigen Jahrhunderten Produkte vom Schwein, der westliche Mensch nimmt auch das als Zeichen der Absonderung wahr, anstatt froh zu sein, daß die Bedrohung seines Viehs durch klauenzähnige, schnelle, gedrängte Nachtlinge nurmehr Geschichte ist.

rheinufer im mai

fruehjahr. der hochwasser fuehrende rhein
schwemmt einen vogelkadaver an land
eine halsaufgeschlitzte ringeltaube
sie erinnert jeden sofort an das tier
das in dem beruehmten reklame-trailer
in einem haufen erbrochenen pickte
nun rupft eine glueckliche dohle
mit ihrem blutgesalbten schnabel
im aas, erbeutet das an wurmartigen
arterien haengende taubenherz
fruehjahr. brennesseln sprieszen
das rostige restgestell eines kuehlschranks
schmueckt das rheinufer als readymade
land-art-skulptur. im innern birgt er noch
das gedaempfte droehnen seiner herkunft
der siemens ag. sanft wedeln holunderblueten
junkies im loechrigen brombeergestruepp
geruch angetrockneter hundescheisze
fruehjahr. es herrscht wieder erpelueberschusz
die vitalitaet der ufermeisen zeichnet icons
in die stehende luft, panische entwuerfe
unbewuszten energieausbruchs. hier
entstand & entsteht im fahlen sonnenlicht
die wiederholung des bekannten