Remagen-Essenz

In einem englischen Dokumentarfilm, der die kurze, aber heftige Geschichte der Brücke von Remagen beleuchtet, gibt es zu Beginn eine Vogelperspektive auf die Stadt und sinngemäß etwa folgenden Satz zu hören: „Remagen, eine typische deutsche Kleinstadt am Rhein ohne weitere Bedeutung, außer für die Leute, die in ihr leben.“ Was macht nun eine Stadt, deren Bedeutung mittlerweile auf einer bis auf die Köpfe nicht mehr vorhandenen Brücke fußt? Sie dümpelt vor sich hin im Niesel. Gleich beim Bahnhof gibt es eine Seelenstraße, und es gefällt mir, das Unfaßbare hier so praktisch banalisiert zu sehen. Der Promenadenblick wird beherrscht von der Erpeler Ley und einem künstlerischen Entwurf für ein neues Rheinpanorama, von dem man, wie bei fast allen auffälligen Dingen in Remagen, kaum zu beurteilen vermag, ob es sich um Ernst oder Ironie, um reales oder irreales Machwerk handelt. So auch bei den verbliebenen Brückenpfeilern und -ansätzen rechts und links am Rheingestade. Denn so etwas wie ein Stück Bahntrasse verläuft mehrere Meter nördlich der eigentlichen Brückenführung und bricht dann über dem Strom ab. Relikt eines ersten Brückenbau-Fehlversuchs? In einem der markanten Pfeiler, die wie riesige verkohlte Beinstümpfe an beiden Ufern ragen und somit ein hervorragendes Mahnmal abgeben, ist das Friedensmuseum untergebracht, welches die weltberühmten und weniger berühmten lokalen Ereignisse gegen Ende des Zweiten Weltkriegs dokumentiert. Im Gemäuer eingelassen eine tresorartige Sprachbox, die gegen Münzeinwurf „historische Informationen“ auf deutsch, englisch und französisch ausspuckt. Im Museum selbst befindet sich eine Fliegerbombe, die mittlerweile als Musikinstrument genutzt wird. Hinter der Brücke: Brennesseln, Brombeergestrüpp, Brachland und ein dadaistischer Dreitürenanbau. Sehr historisch sieht das eigentlich alles garnicht aus. Ein buschiger Fuchs huscht durchs Gebüsch, auf einer weiteren Infotafel gibt der Remagener Verschönerungsverein einige seiner Daten preis, schon ist das sogenannte Supermarktviertel in Sicht, das aus einem großen Parkplatz und vier Supermärkten besteht, zahlreiche Schilder weisen Richtung Innenstadt, die nach wenigen Sekunden Fußmarschs erreicht ist: Beim Remagener Szenetatauisten kann man sich die Relikte der Brücke auf Brust und Oberarme stechen lassen. Die „Top Fleisch“-Metzgerei bietet Nierengulasch auf Stampfkartoffeln. Die Leute auf der Straße wirken unecht, aber es wäre vermutlich nicht höflich, sie nach diesem Umstand zu befragen. Vielleicht wirkt auch nur die Straße unecht, was natürlich auf die Leute abfärbte. Wären Straße und Leute beide unecht, würde sich der Zweifel an der Echtheit entweder der Leute oder der Straße nicht aufheben? Der Brunnen am Rathausplatz steht unter Gottes Schutz, die Verbotsschilder am selben sind auf deutsch und türkisch verfaßt. Der Niesel verstärkt sich, der Wind weht Richtung Bahnhof.


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