Über die Rheingauer

Ich glaab mir brennt de Kittel: „Die Rheingauer sind ein schöner und ungemein starker Schlag Leute. Auf den ersten Blick sieht man, daß ihr Wein Geist und Körper wohl bekommt. Sie haben sehr viel natürlichen Witz, eine Lebhaftigkeit und Munterkeit, die sie vor ihren Nachbarn auszeichnen. Man darf sie nur mit verschiedenen der letzteren vergleichen, um sich zu überzeugen, daß die Weintrinker den Bier- und Wassertrinkern, und die südlicheren Völker also den nördlicheren an natürlichen Kräften der Seele und des Körpers überlegen sind. Wenn die Weintrinker auch nicht so fleischig wie die Biertrinker sind, so übertreffen sie doch dieselben an Lebhaftigkeit und Güte des Blutes und dauern in der Arbeit länger aus. (…) Seit tausenden Jahren ist das Rheingauer Leben gleichsam in Wein getränkt, es ist weingrün geworden, wie die guten alten Fässer. Dies schafft ihm seine Originalität. Denn es gibt vielerlei Weinland in Deutschland, aber keines, wo der Wein so eins und alles wäre wie im Rheingau. Die Chronologie des Rheingauers teilt sich nicht nach gewöhnlichen Kalenderjahren, sondern nach Weinjahren. Leider fällt die übliche Zeitrechnung, welche von einem ausgezeichneten Jahrgang zum andern zählt, so ziemlich mit der griechischen Zeitrechnung nach Olympiaden zusammen. Die ganze Redeweise des Rheingauers ist gespickt mit originellen Ausdrücken, die auf den Weinbau zurückweisen. Mehrere der landesüblichen schmückenden Beiwörter des Weines sind ein Gedicht aus dem Volksmunde, in ein einziges Wort zusammengedrängt: So sagt man gar schön von einem recht harmonisch edlen firnen Trank: „Es ist Musik in dem Wein“; ein guter alter Wein ist ein „Chrysam“, ein geweihtes Salböl. Die „Blume“, das „Bouquet“ des Weines sind aus ursprünglich örtlichen Ausdrücken bereits allgemein deutsche geworden. (…) Noch ist das größte Kreuz der Winzer, die Bekämpfung der Rebschädlinge, nicht erwähnt. Gegen die Peronospora wird zum ersten Male Ende Mai, ein zweites und drittes Mal in Abständen von zwei bis drei Wochen, je nach den Witterungsverhältnissen, durch Bespritzen der Weinstöcke mit Kupfervitriol, Nosperal und Nosperarsen vorgegangen. Mehrmals wird in sofortigem Anschluß an das Spritzen fein gemahlener Schwefel als Hilfsmittel gegen das Oidium verstäubt. Dem Heu- und Sauerwurm wird mit Uraniagrün sowie mit dem Dr. Sturmschen und dem Höchster Verstäubungsmittel zu Leib gegangen. (…) So ungefähr sieht das Werktagsleben in dem paradiesisch schönen Rheingau aus. Ausmergelnde Feldarbeit bei jeder Witterung, von Frühjahr bis Spätherbst lange Arbeitstage und kurze Nachtruhe. Wenn trotzdem in dem Charakter des Volkes die witzige Laune und ein sprichwörtlich gewordener sonniger Humor noch immer vorherrschen, so ist das eine besondere Hilfe und Gnade vom lieben Gott, aber nicht die Folge des Weines. Denn der Rheingauer bekommt von seinem eigenen Gewächs herzlich wenig zu trinken. (…)“


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