Hugo in Bacharach

Victor Hugo, der den Rhein für viel französischer hielt, als die Deutschen (ihn sich) denken, schrieb nicht nur von seinem Lieblingsstrom, sondern auch von einem symbolischen, noblen, feudalen, republikanischen, kaiserlichen Fluß, einem Sinnbild der Zivilisation, sowohl der Franzosen als auch der Deutschen würdig, z.B. Bacharach: „(…) Ich habe drei Tage in Bacharach verbracht, einer Art Pariser Altstadt-Gängeviertel, das hier am Rheinufer sowohl vom guten alten Geschmack à la Voltaire, von der Französischen Revolution, von den Schlachten Ludwigs XIV. als auch vom Kanonendonner der Jahre 1797 und 1805 und von den eleganten und weisen Architekten, die Häuser wie Kommoden und Sekretäre bauen, ganz vergessen worden ist. Bacharach ist wohl die älteste Anhäufung menschlicher Behausungen, die ich je gesehen habe. Im Vergleich mit Bacharach sind Oberwesel, St. Goar und Andernach vornehm wie die Rue de Rivoli. Bacharach ist das alte Bacchi Ara. Es sieht aus, als hätte ein Riese, der sich einen Trödlerladen am Rhein einrichten wollte, ein Stück Gebirge als Regal benutzt und darauf von oben bis unten mit seinem Riesengeschmack einen Haufen ungeheurer Kuriositäten aufgebaut. Die erste befindet sich schon im Rhein. Dort liegt unter dem Wasser ein Stein, in dem manche einen vulkanischen Felsen, die anderen einen keltischen Menhir, wieder andere einen römischen Altar sehen, den man Ara Bacchi nennt. Dann am Flußufer zwei oder drei wurmstichige alte Schiffsrümpfe, die, halbiert und aufrecht in die Erde gesteckt, Fischern als Hütte dienen; hinter den Hütten eine einst mit Zinnen bewehrte Ringmauer, die von vier quadratischen Türmen gestützt wird, wie man sie sich zerlöcherter, zerschossener und baufälliger nicht denken kann. Jenseits dieser Mauer, in die von den dahinterliegenden Häusern Fenster und Gänge gebrochen sind, ein unbeschreibliches Durcheinander von seltsamen Gebäuden, das bis zum Fuße des Berges reicht – wunderhübsche alte Häuser, abenteuerliche Türmchen, höckerige Fassaden, bizarre Giebel, die auf jeder Staffel ihrer doppelten Treppe ein Türmchen wie eine Spargelstange tragen, schwere Balken, die zarte Muster in den Häuserwänden bilden, verschnörkelte Dachböden, durchbrochene Balkone, philosophisch verräucherte Schornsteine, die eine Tiara oder Krone darstellen, und närrische Wetterfahnen, die keine Wetterfahnen, sondern in Metall geschnittene Initialen aus alten Manuskripten sind und im Winde knarren. (Einmal hatte ich ein R über meinem Kopfe, das sich die ganze Nacht hindurch selbst nannte: – rrrr.) Inmitten dieses herrlichen Durcheinanders liegt ein Platz – ein unregelmäßiger Platz wie aus zufällig vom Himmel gefallenen Häuserblocks, der mehr Buchten, Inselchen, Riffe und Vorgebirge hat als ein norwegischer Fjord. Auf der einen Seite dieses Platzes zwei vielflächige Körper aus gotischen Bauten, die sich vornübergeneigt, schief und grimassenschneidend dreist allen Regeln der Geometrie und des Gleichgewichts zum Trotz aufrecht halten. Auf der anderen Seite eine schöne und ungewöhnliche romanische Kirche mit rautenverziertem Portal und einem hoch ragenden befestigten Turm, die an der Apsis von einer Arkadengalerie aus schwarzen Marmorsäulchen umgeben und wie ein Juwelenkästchen überall mit Renaissance-Grabplatten ausgelegt ist. (…) Dieses alte Märchenstädtchen, das voller Sagen und Legenden steckt, wird von einem Völkchen malerischer Gestalten bewohnt, die alle, gleichgültig ob alt oder jung, ob Kinder oder Greise, ob Kropfhalsige oder hübsche junge Mädchen, im Blick, im Profil und in der Körperhaltung irgendwie an Gestalten des dreizehnten Jahrhunderts erinnern. Was die hübschen Mädchen dort keineswegs hindert, hübsch zu sein; im Gegenteil. (…)“


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