Rhein vs Rimac

Aus dem anonym veröffentlichten Brief einer gescheiterten rheinischen Dichterin an ihren fernen Geliebten, der ihr ständig von seiner Heimat schwärmt, diese dabei einerseits als Quell und Nabel aller guten Dinge, andrerseits auch als seiner eigentlichen Kultur beraubten Kolonialstaat betrachtet, von ihren heimatlichen Betrachtungen aber nichts hören und verstehen will: „(…) Ich habe Dir bereits häufig geschrieben, wir haben hier einen Fluß und anders als bei Euch messen wir ihm deutlich größere Bedeutung als die einer reinen Kloake bei. Die Römer waren hier, sie haben uns kolonialisiert, sie haben den Fluß dafür benutzt und uns gelehrt wie man Häuser und Straßen und Wein anbaut. Sie haben ein neues Rechtssystem eingeführt und neue Religionen und diese Dinge haben die Kolonialherren bei uns bis heute überlebt. So ist es ein ständiges Kommen und Gehen auf der Welt, und immer findet sich ein Grund zur Beschwerde, aber wenn garnichts passierte, würden wir uns auch beschweren – mit unseren ganzen reinen Kulturen, die ja doch nur zu Verdummung und Aussterben führen. Aber das wollte ich Dir garnicht schreiben. Es ging mir doch um unseren Fluß. Ich gehe oft an die Ufer, zu jeder Jahreszeit, auch in rauhen Wintern, um mir das Fließen anzuschauen. Soviele Gedichte habe ich schon über unseren Fluß geschrieben und nie scheinen sie endlich zu gelingen, es ist, als entglitten sie mir beim Schreiben wie der Fluß selbst davonfließt. Und obwohl er davonfließt, ist er doch stets da, das ist das Dilemma, das so schwer in Worte zu fassen ist. Und ganz ähnlich wie Dein Ozean spricht der Fluß klare Worte über den Kreislauf des Lebens. Ich will ja ein Verswerk flechten, nur über den Fluß, über die Ströme von Millionen Jahren, ein Epos über Kontinuität und Verschwinden, Gegenwart und Geschichte, Bewußtsein und die Leere des Vergessens, mit vielen vielen kleinen Nebensträngen auf unsere Folklore weisen und darauf wie der moderne Mensch sich benimmt, wie er taumelt, denn der Rhein ist unsere Nabelschnur und in seinen Wogen schwebt unser Gewissen. Und immer wieder gehe ich an den Fluß und alles wächst mir über den Kopf, es überströmt mich, ich will garnicht mehr schreiben – und doch, ich muß, aber verwerfe alles wieder, kaum daß es zu Papier gebracht ist. Was soll ich nur tun? Vielleicht täte ein exotischer Anker wohl, aber wir haben hier keine Pelikane, nur diese öligen Kormorane, Tauben, Möwen, Krähen, sogar ein paar Himalaya-Sittiche seit einiger Zeit und natürlich Singvögel, ich kann sie Dir nicht alle auflisten, aber es sind bei weitem nicht soviele wie in meiner südlichen Heimat. (…)“


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