Monatsarchiv für Mai 2009

 
 

Das Wunder von Köln

Soeben erreicht mich eine Mail von Frank Dommert mit einem Veranstaltungshinweis, den ich hiermit kommentarlos dokumentieren möchte: “In einem Hohlraum in 10 Metern Tiefe trat vor einigen Wochen im Kölner Süden ein sensationeller Fund zu Tage: In einer Asservatenkiste fanden Arbeiter, die Bergungsmaßnahmen durchführten, eines der wenigen unversehrten Bestandteile des Kölner Stadtarchivs, das am 3. März 2009 durch einen Erdrutsch völlig zerstört worden war: eine Schellack-Aufnahme des englischen Künstlers Colin Anderson. Anderson hatte im Jahr 1949 das gerade in Kraft getretene Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland in einem Londoner Studio mithilfe von Pfeiflauten wiedergegeben. Der Avantgarde-Künstler, zu dessen engsten Freunden Kurt Schwitters gehörte und der in den Fünfziger Jahren in die Vereinigten Staaten auswanderte, hatte der jungen Republik ein ganz eigenes, wenn auch hintersinniges Denkmal setzen wollen. Wie Mitarbeiter des Archivs bekanntgaben, ist die Aufnahmequalität ihrem Alter entsprechend erstaunlich hoch. Die beiden Seiten der Schellackplatte, die wie ein Wunder unversehrt geblieben ist, umfassen die ersten 19 Artikel des Grundgesetzes, die die Grundrechte umfassen, in vollständiger Form. Sein Sohn, der amerikanische Künstler Richard Anderson, der vor einigen Jahren das Erbe seines Vaters angetreten hat und an einer „Enzyklopädie des Gepfiffenen Wortes“ (Encyclopedia of the Whistled Speech) arbeitet, war hoch erfreut, als er von dem Fund hörte – galt die Aufnahme doch seit fast sechzig Jahren als verschollen. Er konnte mittlerweile die Authentizität der Aufnahme bestätigen, da das charakteristische melodiöse Pfeifen seines Vaters genau seinen Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend entspricht. Anderson (…) wird in der Nacht zum 25. Mai diesen Jahres um 0.00 Uhr, wenn sich das Inkrafttreten des Grundgesetzes und damit der Bundesrepublik Deutschland zum sechzigsten Mal jährt, die kostbare Aufnahme vor dem zerstörten Kölner Stadtarchiv abspielen, im Gedenken an seinen Vater, an die Kunst, an das Grundgesetz und nicht zuletzt an die unzähligen Verluste an historischem Material, dessen Zerstörung sich die fragile Schellackplatte wundersam entziehen konnte. Kenneth Goldsmith (…) hat die Schellackaufnahme vorab auf seinem Internat-Portal veröffentlicht: http://ubuweb.com/sound/anderson_colin.html”

Rheinwunsch

patton1

„Als George Patton und seine 3. Armee bei Oppenheim die Rheinüberquerung begannen, hielt der General auf halbem Wege auf der Ponton-Brücke inne. Er habe sich immer gewünscht, einmal in den Rhein zu pissen – und vor den Augen seiner Männer tat er das auch.“ (Aus einem nicht näher ermittelbaren Dokumentarfilm, Videostill: Roland Bergère)

Die Lee(h)re der Flüsse

Derzeit schwimmt der Musiker und Dichter Heinz Ratz durch verschiedene deutsche Flüsse, auch den Rhein. In insgesamt 52 Städten gibt er von Mai bis August 2009, gemeinsam mit bekannten Künstlern, Konzerte zugunsten von regionalen Artenschutzprojekten. Heinz schreibt auf seiner Website www.flussprojekt.de:
„Der Rhein ist mit einer Länge von 1324 km der längste Nordseezufluss. Seine Quellen in den Schweizer Alpen werden ganzjährig durch Gletscherwasser gespeist. Zusammen mit seinen Nebenflüssen hat der Rhein ein Einzugsgebiet von fast 200.000 Quadratkilometern. Sagen und Mythen ranken sich um den Rhein und seine Landschaft – so ist die Loreley überall in Deutschland bekannt. Legendär ist auch die Rheinkorrektur nach Tulla – dabei wurde der Rhein mit Durchstichen verkürzt, um die Bedingungen für die Schifffahrt zu verbessern, anliegende Flächen besser nutzen zu können und die Hochwassergefahr zu bannen. Anfangs wurden die Errungenschaften dieser Ingenieurkunst enthusiastisch gefeiert. Erst nach und nach wurden auch die Nachteile sichtbar: typische Lebensräume wie Auwälder verschwanden fast völlig, die Hochwassergefahr für die Unterlieger nahm deutlich zu. An einigen Stellen hat sich der Rhein inzwischen bis 15 Meter eingetieft, die Grundwasserstände sind drastisch gesunken – die ehemaligen artenreichen Auen sind zu trockenen Nadelwäldern verkommen und selbst der Landwirtschaft fehlt das Wasser.
Während die Fischfauna in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit nur etwa 30 Arten stark dezimiert war, können inzwischen wieder mehr als 60 Fischarten nachgewiesen werden.
Der intensive Ausbau der Abwasserreinigung, gezielte Besatzmaßnahmen und der Bau von Fischwanderhilfen zeigten erste erfreuliche Ergebnisse: seit mehreren Jahren kann der ursprünglich im Rhein heimische Lachs (früher wegen seiner großen Bestände Nahrung für Arme und Dienstboten!) wieder bis in den Oberrhein und in die Nebenflüsse aufsteigen und dort laichen. (…)
1986 führte der Eintrag von etwa 20 Tonnen Giftstoffen aus dem Brand einer Chemieanlage von Sandoz in Basel mit dem Löschwasser zu einem massiven Fischsterben über Hunderte von Kilometern. Im Ergebnis hat der Gewässerschutz am Rhein einen höheren Stellenwert bekommen. Die Internationale Kommission zum Schutz des Rheins (IKSR) bestand zwar schon vorher, aber erst durch den öffentlichen Druck bekam sie größere Bedeutung und wurde in der Folge auch Vorbild für weitere Flussschutzkommissionen.
Der Rhein ist eine der meistbefahrenen „Wasserstraßen“ der Welt – über die Rheinhäfen Amsterdam, Rotterdam und Antwerpen (ARA-Häfen) wird ein großer Teil der Güter umgeschlagen, die die Beneluxstaaten, Frankreich, Deutschland und die Schweiz erreichen sollen. Schiffbar ist der Rhein bis Basel, der untere Teil – ab der Staustufe Iffezheim (oberhalb von Karlsruhe) blieb trotz intensiver wasserbaulicher Eingriffe frei von Staustufen. In der sog. „Gebirgsstrecke“ zwischen Bingen und Koblenz (mit den früher berüchtigten Schifffahrtshindernissen an der „Loreley“) treten daher deutliche Niedrigwasserphasen auf. An vielen Stellen wurde der Rhein mit hohem Aufwand verbaut – Spundwände und Schotterungen am Ufer und teilweise sogar Betonierungen der Sohle haben ihn streckenweise in einen naturfernen Zustand versetzt.
Wie sich z.B. im Trockenjahr 2003 gezeigt hat, werden sich Schifffahrt und Natur im Zuge des Klimawandels zunehmend auf extreme Pegelstände einstellen müssen. In Niedrigwasserphasen gerät der Fluss durch den Wärmeeintrag aus Kraftwerken und Industrie an seine Belastungsgrenzen. Der zunehmende Wärmestress tritt möglicherweise an die Stelle von früheren Katastrophen wie z.B. dem Unfall in der Chemieanlage in Basel.
Auch heute noch besteht in der viel befahrenen Wasserstraße allerdings stets auch das Risiko der Havarie eines mit Gefahrgut oder Mineralöl beladenen Schiffes, so wurde z.B. am 25. 02. 2009 ein Öltanker bei Königswinter von einem Containerschiff gerammt. Nur knapp entging der Rhein dabei einer Katastrophe: der Tanker war zum Glück fast unbeladen.
Die Wasserwirtschaftsverwaltungen versuchen am gesamten Flusslauf Überschwemmungsraum zurückzugewinnen – vor allem zugunsten von durch Hochwasser gefährdeten Millionenstädten wie Köln. Zum Teil werden hierzu (problematische) Polder, d.h. Becken, in die Hochwasser geleitet wird, angelegt; zum Teil entstehen aber auch wertvolle Aueflächen mit der vollen Niedrig- und Hochwasserdynamik neu. (…)“

Heinz schwimmt im Rhein:
am 25.05.09 (Karlsruhe / Konzert im Jubez)
am 06.06.09 (Köln / Konzert im Underground)
am 07.06.09 (Bonn / Konzert im Pantheon)

Für eine von den Rheintöchtern

Ich kenne sie längst als weiblichen Geist,
der in den Wellen weilt. Als lauter wässrige
Schatten der alten Loreley. Niemand sieht

sie. Sie kommt aus dem Rhein, ein Mann
muß herbei, für sie, jeden neuen Mai. Sie
klatscht ihn dann naß, umspült ihn nackt,

sie steht ihm bis zum Hals. Er geht ins
Nichts, sie folgt ihm dorthin als Tropfen
allenfalls. Ihr Mund besteht aus Strudeln

ein Spiegel liegt in ihrer Stirn. Es heißt,
sie sei ziemlich primitiv. Besitze Instinkt
mehr als Hirn. Vor Jahren kämmte ich

ihr Algenhaar und tanzte mit ihr als Aal.
Sie sagte: Schreib mir ein Gedicht. Wenn
sie jemand sowas sagt, hat er keine Wahl.

Goar, Sankt

Verzinkt wirkt der Rhein im Abenddämmer. Hat seinen besten gewellten Metallanzug an. Klar, ist Vatertag und er selbst ja sowas wie Übervater. Aus den fernen Burgruinen, den dunstigen Weinbergen und zwischen größeren Industrieanlagen steigen halbstündlich Christusse in den Himmel, von den Einheimischen als ortsnotorische Spinner abgetan. Drüben zischt die Loreley am ICE vorbei, triffts hohe C, die Zugfensterscheiben wackeln bedenklich, bersten aber nicht. Dafür gibts mittlerweile Plexiglas. In diesen Dörfern läßt sichs sicher prima ruheständlerisch die Eier schaukeln, die ganze bittersüße Geschichte im Blick, fußend auf erfundenen Sagen, auch auf echten Mördern in braunstichigen Familienalben und bis zum Bauchnabel durchtränkt mit Rieslingsäuren. Als Wirklichkeitsanschluß das ewige Rattern der Trassen. An klaren freien Tagen die alte Waldfee aus allen Perspektiven digital ins Kreuzfeuer genommen, am Rechner dann mit so nem kompakten Bildbearbeitungsprogramm präpariert und ins Netz hochgeladen, der gesamten Welt zu zeigen, was richtig schön ist: Auf der Tonspur belehrendes der Art, wie`s seit jeher überall blendend ankommt. Danach das Material unter G ins Regal verklappt wie eben zuvor ins große G der Zeiten.

Gorrh (2)

Gorrh, wie er aus dem Tunnel des Alltags tritt, ein paar Leuchtröhrensplitter als Sternersatz im Haar, wie er den Rhein schlürft, ihn säuft, wie er zahllose Rheinstränge in sich aufnimmt, wie er von den Anwohnern mit Kirschen und Trauben beworfen (ein junges, an Gorrhs Humor appellierendes Ritual, das Gorrh achten und friedfertig stimmen soll) mit seinen riesigen Händen die Einkaufszonen freischaufelt, die angestaute Luft entsorgt, wie er einen fürchterlichen Laut läßt und in den Marktbrunnen brunzt, rheinblauer oxygenischer Strahl, wie er Werbeplakate von den Straßen reißt, diese Informationsfolter, einige erste Jünger folgen seiner Spur, huldigen Gorrh, lassen sich gern den Kopf abreißen, sich aussaugen, dient es nur Gorrhs Frische und Kraft, mit der er über das Land kommt, das verkehrsdröhnende Tal, das nun ganz von Gorrhs Geräuschen erfüllt ehrfürchtig innehält, selbst die Kehlchen schweigen, die Zilpzalpe gar. Gorrhs Brummen, Hecheln, Stöhnen ist ein vielgestaltes, fließendes, überraschend seine Richtung wechselndes und wer ihm nicht ausweicht, liegt darnieder. Aus seinen Körperöffnungen schießt Gorrh Energieemulsionen, flexible Quecksilberkugeln, die übertriebenen Kommerz und schlechte Gedanken binden. Zuhauf flüchten Menschen mit halben Köpfen über die Straßen, aufgrund Gorrhs Intervention blitzartig ihrer schlechten Gedanken entledigt und unfähig, sich weiter zurechtzufinden. Gorrh spuckt eine abgekühlte Feuersäule und bringt mit seinem Lachen die Wolken ans Wackeln. Gorrh kennt kein pro oder kontra, Gorrh agiert. Die Versuche, ihn mit Netzen, Betäubungsmitteln und konventionellen Schußwaffen am Ausüben seiner Tätigkeit zu hindern, gingen nach hinten los. Gorrh gorrht seitdem mit erhöhter Intensität. Eine Liebesfalle für Gorrh schlug fehl. Gorrh entwickelt sich zum Inbegriff der Liebe selbst.  Nachts reißt er den Rhein aus seinem Bett, schlingt ihn sich wie eine Federboa um den Körper und geht tanzen.

Rolandsbogen

Alexander von Humboldt soll geäußert haben, daß der Rolandsbogen am Hang des Rodderbergs einen der sieben schönsten Blicke der Welt biete. Die anderen sechs würden mich ziemlich interessieren. Natürlich muß sich der Wanderer einen solch hochrangigen Blick erst erkämpfen. Bei Küchen Lauth in Rolandswerth führt eine Straße auf den dicht bewaldeten Berg, der abenteuerlustige Forscher aber nimmt den bei Regen als Flußbett dienenden Kopfsteinpflasteraufstieg, wobei er durch eine kleine Reihe in ihrer Imposanz sich stufenweise vergrößernder (somit fern ans Babuschkapuppenprinzip erinnernder) Bögen schlüpft, um schließlich nach manchen Mühen am einzig wahren Rolandsbogen zu landen. In der Botanik rechts und links des Pfades lauern zähneknirschende Kleinlinge, liegen zerfressene Kadaver seltsamer Reh-Fuchs-Mischwesen (Rechse, Fouchéen), die aufgrund ihrer je zwei Reh- und Fuchsläufe starker Gefährdung ausgesetzt häufig die bösen bleichen Leichenfliegen locken, die diesen Regenwald, sowieso schon eine Hölle aus Schlamm und Gestank, aus dem überflüssigerweise an einigen Stellen heißer Drachenatem aufsteigt, vollends in ein Gebiet verwandeln, das nur Verrückte und Dichter freiwillig betreten. Die Einheimischen im Kiosk von Rolandseck immerhin hatten mich vorgewarnt: Steile Wege, selten betreten, Suchtrupps keine vorhanden, „Sie schaffen das schon!“ Ohne Zeichen besonderer Unruhe rauchten sie ihre Zigaretten weiter, kniffen ein Auge zu zum Abschied. Ich tat es ihnen gleich. Auf halber Höhe das Freiligrathdenkmal, eine Art mißlungenes Amfitheater, mit einem zivilisierten Rhododendron dabei. Freiligrath, der Dichter des Rolandsbogens! Noch ein paar Meter, dann ist es soweit. Rückseits des Restaurants am Rolandsbogen werden Abfälle per Aufzug aus dessen Eingeweiden transportiert. Dann tritt das ewig dröhnende Rheintal aus den Baumkronen. Durch den Rolandsbogen selbst bietet sich ein perfekter Ausblick auf den Drachenfels, der stark an den Blick vom Drachenfels auf den Rolandsbogen erinnert. Neben dem Bogen steht ein noch von Humboldt dort installiertes Euroskop, mit dem man gegen Münzeinwurf auf das mystisch in Drachendunst gehüllte Circasiebzehngebirge und das anschließende Polen schauen kann. Unten im Rhein streckt sich die unzugängliche Insel Nonnenwerth mit ihrem Kloster und den für die (oder von den?) Nonnen kunstvoll angelegten Beachvolleyball- und Fußballfeldern. Es ist wahrlich ein schöner Blick. Hier oben also stand der Ritter Roland und sann im efeuumrankten Fensterbogen täglich seiner verlorenen Liebe nach, die unten im Kloster Ballspiele betrieb und nicht wieder hinausdurfte, weil Gelübde noch etwas galten zum einen, zum andern auch nicht hinauswollte, weil sie ihren Roland gefallen dachte. Roland also stand hier und sann und mag bisweilen auch mit Kanonen auf Drachen geschossen haben – der Drachenfels lag und liegt in Sicht- bis Schußweite. Hier läßt sich aushalten, der Nieselregen spielt überhaupt keine Rolle mehr, bei diesem geschichtsgetränkten Rheinpanorama. Der Abstieg stimmte denn auch melancholisch, ich hatte noch ein wunderschönes Apollinairegedicht gelesen und die Rutschgefahr war immens.

rolandsbogen2b_roland-bergere_mai09

(Der Autor beim ca siebtschönsten Blick der Welt. Foto: Roland Bergère)

Remagen-Essenz

In einem englischen Dokumentarfilm, der die kurze, aber heftige Geschichte der Brücke von Remagen beleuchtet, gibt es zu Beginn eine Vogelperspektive auf die Stadt und sinngemäß etwa folgenden Satz zu hören: „Remagen, eine typische deutsche Kleinstadt am Rhein ohne weitere Bedeutung, außer für die Leute, die in ihr leben.“ Was macht nun eine Stadt, deren Bedeutung mittlerweile auf einer bis auf die Köpfe nicht mehr vorhandenen Brücke fußt? Sie dümpelt vor sich hin im Niesel. Gleich beim Bahnhof gibt es eine Seelenstraße, und es gefällt mir, das Unfaßbare hier so praktisch banalisiert zu sehen. Der Promenadenblick wird beherrscht von der Erpeler Ley und einem künstlerischen Entwurf für ein neues Rheinpanorama, von dem man, wie bei fast allen auffälligen Dingen in Remagen, kaum zu beurteilen vermag, ob es sich um Ernst oder Ironie, um reales oder irreales Machwerk handelt. So auch bei den verbliebenen Brückenpfeilern und -ansätzen rechts und links am Rheingestade. Denn so etwas wie ein Stück Bahntrasse verläuft mehrere Meter nördlich der eigentlichen Brückenführung und bricht dann über dem Strom ab. Relikt eines ersten Brückenbau-Fehlversuchs? In einem der markanten Pfeiler, die wie riesige verkohlte Beinstümpfe an beiden Ufern ragen und somit ein hervorragendes Mahnmal abgeben, ist das Friedensmuseum untergebracht, welches die weltberühmten und weniger berühmten lokalen Ereignisse gegen Ende des Zweiten Weltkriegs dokumentiert. Im Gemäuer eingelassen eine tresorartige Sprachbox, die gegen Münzeinwurf „historische Informationen“ auf deutsch, englisch und französisch ausspuckt. Im Museum selbst befindet sich eine Fliegerbombe, die mittlerweile als Musikinstrument genutzt wird. Hinter der Brücke: Brennesseln, Brombeergestrüpp, Brachland und ein dadaistischer Dreitürenanbau. Sehr historisch sieht das eigentlich alles garnicht aus. Ein buschiger Fuchs huscht durchs Gebüsch, auf einer weiteren Infotafel gibt der Remagener Verschönerungsverein einige seiner Daten preis, schon ist das sogenannte Supermarktviertel in Sicht, das aus einem großen Parkplatz und vier Supermärkten besteht, zahlreiche Schilder weisen Richtung Innenstadt, die nach wenigen Sekunden Fußmarschs erreicht ist: Beim Remagener Szenetatauisten kann man sich die Relikte der Brücke auf Brust und Oberarme stechen lassen. Die „Top Fleisch“-Metzgerei bietet Nierengulasch auf Stampfkartoffeln. Die Leute auf der Straße wirken unecht, aber es wäre vermutlich nicht höflich, sie nach diesem Umstand zu befragen. Vielleicht wirkt auch nur die Straße unecht, was natürlich auf die Leute abfärbte. Wären Straße und Leute beide unecht, würde sich der Zweifel an der Echtheit entweder der Leute oder der Straße nicht aufheben? Der Brunnen am Rathausplatz steht unter Gottes Schutz, die Verbotsschilder am selben sind auf deutsch und türkisch verfaßt. Der Niesel verstärkt sich, der Wind weht Richtung Bahnhof.

Im Ahrtal

„Dem Glanze ritterlichen und bürgerlichen Lebens gegenüber, wie er sich besonders im Mittelalter hier entfaltete, erscheint die Gegenwart des Ahrthals trübe. Zwar die fleißige Menschenhand hat das Thal immer paradiesischer geschmückt; täglich werden dem kahlen Felsen neue Rebgelände, dem unfruchtbaren Boden auf den öden rauhen Berghäuptern frische Aecker abgewonnen; am ganzen Niederrhein gilt der Ahrbleichart hoch und rivalisirt in seinen vorzüglichern Jahrgängen selbst mit dem Rheinwein. Aber die Bewohner des Thals werden arm und ärmer, die einst blühenden Dörfer brechen zusammen, die fröhliche Lebenslust, wie sie Weinländern eigen ist, schwindet von Jahr zu Jahr mehr, und zuerst von allen Preußen hat der Ahrländer die Auswanderung nach Amerika begonnen. Freilich wer mit fröhlichem Muth und eilendem Fuß das Thal durchwandert und nur die Schenkenschilder oder schönen Aussichten ins Auge faßt, oder wer gar auf der neuen Straße im raschen Wagen vorüberrollt, der sieht dieß stille Elend nicht: höchstens dauern ihn im obern Thal, besonders in der vielbesuchten Gegend von Altenahr, die vielen bettelnden Kinder, denen man gleichwol gerne giebt, wenn sie so in ihren armsäligen Kleidchen, ohne ein Wort zu sagen, ihre Hand küssen und dem Reisenden darbieten. Wer aber ein Herz für das Volk hat, wer mit dem Bauern zu reden weiß oder den dunkeln Zug der Sorge beobachtet, der schon um die jungen Augen spielt, den faßt Schmerz bei dem Gedanken, daß die Bewohner dieses Paradieses zu den unglücklichen Stämmen des deutschen Vaterlandes gehören.“ (aus: Gottfried Kinkel: Die Ahr. Landschaft, Geschichte und Volksleben, Bonn 1846/1858) 2009. Remagen und der Rest um Remagen herum im Regen. Also einmal das Ahrtal rauf, mit dem Regionalzug. Es sind keine bettelnden Kinder im Abteil, sondern hormongeplagte Teenager mit iPods und Handys und städtischen Lautstärkepegeln. Doch je weiter sie ins Tal hochmüssen, desto länger werden ihre Gesichter. Hinter regenverschlierten Zugfensterscheiben ziehen Gemälde von Weinbergen, Weinstuben, Flußpartikeln, eine felsige Einsamkeit, talauf gekreuzt von Gruppen verhausfrauter Holländerinnen, denen der seltene Anblick eines Weinbergs ebenso Motivation zum Besuch der Gegend sein mag wie die zahlreichen Ahr-Campingplätze, talab durchschnürt von einem eiligen Passanten mit geldgefülltem Rucksack, nicht achtend des hübschen Goldregens vor traurigen Gemäuern, dieweil er seine vielköpfige Familie an diesem bestimmten Tage mit Sicherheit heimlich und für immer verläßt. Der Zugschaffner kennt nur ein einziges Wort: „gam“ oder auch „gamm“ ausgesprochen bedeutet im Ahrtal alle dort bekannten essentiellen Dinge: Himmel, Erde, Mann, Frau, Stein, Wasser, Brot, Wein, Zugticket, Danke-für-Zugticket-zeigen, ich-gehe-jetzt. Einzig vorstellbare Klimax, in besonders aufgeladenen Situationen, scheint das selten gehörte „gam mip“, was „komm mit!“ bedeutet. In Ahrbrück fährt der Zug nicht mehr weiter, sondern wieder nach Remagen zurück. Für eine Strecke braucht er ca. 50 Minuten. Genug Zeit, um nachzulesen, daß der Name „Ahr“ vom althochdeutschen „aha“ für Wasser rührt. „Aha“ und „gam“, alles derselbe Stamm. Ein Tal erst hinauf und dann gleich wieder – wegen allgemeinen Regenfalls – im Zug hinabzufahren, bietet die Abwechslung a) der dreidimensionalen Richtung, welche die maßgeblichen Vorgänge des Eintauchens und Hinausströmens repräsentiert und b) die zweidimensionale Unterscheidung zwischen Rechts- bzw Linksrausgucken, was die dort vorhandene und stets sich ändernde Landschaft anlangt. Auch heute noch besitzt die Ahr Nuancen eines düsteren Paradieses. Gegen den Rhein hin aber wird das Tal in sensationeller Weise von einer alten nordischen Idee, die bereits dem hammerschwingenden Thor zugeschrieben wird, aber erst unter Hitler langsam in Schwung kam, getroffen: die heilige Autobahnbrücke stelzt in architektonischem Gigantismus über die braun-silbrige Ahr und ihre verregnet-grünliche Umgebung hin, wie um den Ahrtalern zu zeigen, daß manifeste Träume über sie hinwegschießen und der Hammer in weiter Ferne hängt.

Apollinaris

Unten erwähnter St. Apollinaris von Ravenna, einer der ca. 6650 aktuellen Heiligen und Seligen der katholischen Kirche, ist für seine Wunderheilungen, seine Teufelsverscheuchungen, seine christliche Standhaftigkeit selbst unter der Folter, d.h. als Märtyrer, evtl. sogar als Anlaß für das Auslöschen hunderter seiner heidnischen Verfolger nicht nur in der Legenda aurea des Jacobus de Voragine abgefeiert, sondern sogar von Gott in den Himmel aufgenommen worden. Wie so eine Himmelsaufnahme stattfindet, darüber gibt es wenig gesicherte Berichte, wohl aber literarisierte, bzw. Gemälde mit fiktiven Elementen wie überirdischem Licht und Heiligenscheinen. Offenbar vollzieht sich der Himmelseinzug praktischerweise auch ohne Schädel und Knochengerüst – wie anders wäre Apollinaris Heiliger Schädel in Remagen zu erklären? Bzw. wie läßt dieser Ravennerschädel sich überhaupt in Remagen erklären? Per Legende: Als Rainald von Dassel die Dreikönigsreliquien als Kriegsbeute aus Italien nach Köln brachte, hatte er neben den Breisach gegebenen Gebeinen von Gervasius und Protasius auch Apollinaris Schädel im Gepäck. Bei Remagen soll sein Schiff solange die Weiterfahrt verweigert haben, bis der Schädel von Bord war. Andre Zeiten, andre Verkehrsprobleme. Womöglich wird es einst Zeiten geben, in denen das Bild eines heuer normaltypischen Autobahnstaus bzw. einer normaltypischen und oft schon schwer genug erklärbaren Bahnbetriebsstörung als völlig unrealistisch oder dumm erachtet, bzw. dem Reich der Mystik zugeordnet werden wird. Zurück zu Apollinaris selbst: „Apollinaris war Sanct Petrus Jünger und ward von ihm von Rom gesandt nach Ravenna. Daselbst heilte er eines Tribunen Weib und taufte sie mitsamt ihrem Mann und ihrem ganzen Hause. Das ward dem Richter gemeldet, und Apollinaris ward alsbald vor ihn gebracht und in den Jupitertempel geführt, dass er daselbst opfere. Da sprach er zu den Götzenpriestern, dass man das Gold und Silber der Götterbilder besser den Armen gebe denn auf die bösen Geister wende. Darum ward er ergriffen und mit Knütteln geschlagen bis er halbtot liegen blieb. Seine Jünger aber huben ihn auf und pflegten sein sieben Monate lang (…)“ Kaum erholt, soll er in Ravennas Umland einen stummen Edelmann heilen: „Als er aber in das Haus kam, lief ihm eine Jungfrau entgegen, die war von dem Teufel besessen, und schrie: „Weiche von hinnen, Knecht Gottes, sonst will ich schaffen, dass du gebunden an Händen und Füßen zur Stadt wirst hinausgeschleift”. Apollinaris aber schalt sie und zwang den Teufel, dass er ausfuhr. Darnach rief er über den Stummen den Namen des Herrn an und heilte ihn; davon wurden mehr denn fünfhundert Menschen gläubig. Da schlugen die Heiden ihn mit Knütteln und wollten ihn zwingen, dass er den Namen Jesu nimmermehr ausspräche; er aber rief, da er am Boden lag, Christus sei allein der wahre Gott. Sie stellten ihn auch mit nackten Füßen auf glühende Kohlen; doch da er auch so ohne Furcht Christum predigte, stießen sie ihn aus der Stadt hinaus.“ Undsoweiter undsofort, flankiert von kleinen Vergeltungsschlägen: „Aber auch in der Folter predigte Apollinaris standhaft den Namen des Herrn. Da ließ ihm der Vogt kochend Wasser in seine Wunden gießen und wollte ihn, mit schweren Ketten gefesselt, in die Verbannung senden. Als aber die Christen solche Frevel sahen, wurden sie zornig und machten einen Angriff auf die Heiden und töteten ihrer mehr denn zweihundert.“ Am Schluß wird wieder auf ihn eingedroschen und er haucht sein Leben aus im Aussätzigenviertel von Ravenna. Oder auch anderswo. Die Quellen schwanken und widersprechen sich, auch um rund hundertfünfzig Jahre bei den Lebensdaten. Immerhin, die Heiligenknochen sind offenbar wirkmächtig und klar zuzuordnen und neben Ravenna und Remagen auch an illustren Orten wie Gorinchem, Dijon, Reims und Düsseldorf verteilt.

Apollinaire

Auch wenn einer der beiden mir gegenübersitzenden alten Schweden jüngst im EC auf der linksrheinischen Trasse beim vermeintlichen Anblick des Loreleyfelsens (der in Wirklichkeit noch ein paar Kilometer auf sich warten ließ) aus seinem besoffenen Idiom plötzlich in eine klare deutsche Zeile, nämlich: „Ich weiß nicht was soll es bedeuten“ und somit in erhabene Melancholie verfiel – mit die schönsten Rheingedichte, zumal in Häufung, hat ein Franzose gemacht, Guillaume Apollinaire, in seinem berühmten Band „Alcools“ mit den Rhénanes.

Mai

Le mai le joli mai en barque sur le Rhin
Des dames regardaient du haut de la montagne
Vous êtes si jolies mais la barque s`éloigne
Qui donc a fait pleurer les saules riverains?

Or des vergers fleuris se figeaient en arrière
Les pétales tombés des cerisiers de mai
Sont les ongles de celle que j`ai tant aimé
Les pétales flétris sont comme ses paupières

Sur le chemin du bord du fleuve lentement
Un ours un singe un chien menés par des tziganes
Suivaient une roulotte trainée par un âne
Tandis que s`éloignait dans les vignes rhénanes

Sur un fifre lointain un air de régiment
Le mai le joli mai a paré les ruines
De lierre de vigne vierge et de rosiers
Le vent du Rhin secoue sur le bord les osiers

Et les roseaux jaseurs et les fleurs nues des vignes

Rheinmägen

Weise Vorausschau ist oft Rückschau, z.B. in den Rheinischen Antiquarius von Dielhelm, der sich bei Google Books sogar nach einzelnen Suchbegriffen durchforsten läßt. Doch die Suche nach Burg Rolandseck bzw Rolandsbogen zeitigt kein Ergebnis. Vor der Romantik hatten romantische Burgruinen offenbar so etwas wie landschaftlich-kulturhistorischen Müllhaldenstatus und als solche, weit vor der Ära des Trash, noch keinen literarischen Mehrwert. Immerhin gibt es ein paar schwungvolle Passagen über die Gegend: „Von Linz rauschet der Rhein fort auf Rheinmägen, Rymagen oder Rimögen, einen Flecken so unter andern zu den jülichischen Landen gerechnet wird. Er liegt gleich unterhalb Zinzig auf einem Hügel am Rhein, und wie M. Freher in Orig. Palat. Part II. C. 8. p. 32. berichtet, soll Rheinmägen oder Regiomagum mit der Zeit auf verketzerte Art Regiomagium seyn genennet worden. Desgleichen sagt man, daß bey diesem Städtgen noch verschiedene alte römische Ueberbleibsel an Häusern, Steinen und Säulen mit unterschiedlichen Figuren gezieret hin und wieder zu sehen wären. Es werden auch von den Einwohnern noch allerhand guldene und eherne Münzen, so allda gefunden worden, ausgewiesen, wie erwähnter Freher berichtet. Das Kloster bey diesem Orte steht auf einem Felsen, und ist mit vier starken Thürnen versehen. Dieses Rheinmägen hält auch zwey Märkte, den ersten montags nach Oculi, und den zweyten auf St. Barbarä. Gleich unterhalb Rheinmägen am Rhein liegt der sogenante St. Apollinarisberg, auf welchem im Kloster das Haupt gedachten Heiligen verwahret wird, welches, der Catholiken Vorgeben nach, wider die fallende Seuche helfen soll. Nebst diesem wird auch der S. Chuno, so Bischof zu Regenspurg und Abt zu Siegeberg gewesen, darinnen verehret. Bey diesem Orte zwischen dem Gebürge heißt man es in der Arsbrücke, welches ein schlimmer und gefährlicher Paß ist. Von Rheinmägen begiebt sich der Rhein auf das ohnweit von dannen liegende churcölnische Städtgen Erpel, allwo zu oberst auf dem Berge das Hochgerichte zu sehen ist. So dann benätzet er das auf einer Insel gelegene Nonnenkloster Nonnenwerth, cisterzienser Ordens, und ohnweit diesem das churcölnische Städtgen Unkel, von dem weiter nichts merkwürdiges zu melden ist, als daß sich unterhalb demselben im Rhein ein Felsen zeigt, auf welchen oftermals ein in einer lustigen Gesellschaft munterer Reisender vornen aus dem Schif springt, ein Glaswein auf Gesundheit der Reisegefehrten darauf ausleeret, und sodann hinten ins Schif wieder hineinsteigt. Es wird dieser Felsen von der Stadt, weil er nahe dabeyliegt, gemeiniglich der Unkelstein benamet.“ Marquard Frehers Origines Palatinae allerdings sind leider nicht verfügbar.

Über die Rheingauer

Ich glaab mir brennt de Kittel: „Die Rheingauer sind ein schöner und ungemein starker Schlag Leute. Auf den ersten Blick sieht man, daß ihr Wein Geist und Körper wohl bekommt. Sie haben sehr viel natürlichen Witz, eine Lebhaftigkeit und Munterkeit, die sie vor ihren Nachbarn auszeichnen. Man darf sie nur mit verschiedenen der letzteren vergleichen, um sich zu überzeugen, daß die Weintrinker den Bier- und Wassertrinkern, und die südlicheren Völker also den nördlicheren an natürlichen Kräften der Seele und des Körpers überlegen sind. Wenn die Weintrinker auch nicht so fleischig wie die Biertrinker sind, so übertreffen sie doch dieselben an Lebhaftigkeit und Güte des Blutes und dauern in der Arbeit länger aus. (…) Seit tausenden Jahren ist das Rheingauer Leben gleichsam in Wein getränkt, es ist weingrün geworden, wie die guten alten Fässer. Dies schafft ihm seine Originalität. Denn es gibt vielerlei Weinland in Deutschland, aber keines, wo der Wein so eins und alles wäre wie im Rheingau. Die Chronologie des Rheingauers teilt sich nicht nach gewöhnlichen Kalenderjahren, sondern nach Weinjahren. Leider fällt die übliche Zeitrechnung, welche von einem ausgezeichneten Jahrgang zum andern zählt, so ziemlich mit der griechischen Zeitrechnung nach Olympiaden zusammen. Die ganze Redeweise des Rheingauers ist gespickt mit originellen Ausdrücken, die auf den Weinbau zurückweisen. Mehrere der landesüblichen schmückenden Beiwörter des Weines sind ein Gedicht aus dem Volksmunde, in ein einziges Wort zusammengedrängt: So sagt man gar schön von einem recht harmonisch edlen firnen Trank: „Es ist Musik in dem Wein“; ein guter alter Wein ist ein „Chrysam“, ein geweihtes Salböl. Die „Blume“, das „Bouquet“ des Weines sind aus ursprünglich örtlichen Ausdrücken bereits allgemein deutsche geworden. (…) Noch ist das größte Kreuz der Winzer, die Bekämpfung der Rebschädlinge, nicht erwähnt. Gegen die Peronospora wird zum ersten Male Ende Mai, ein zweites und drittes Mal in Abständen von zwei bis drei Wochen, je nach den Witterungsverhältnissen, durch Bespritzen der Weinstöcke mit Kupfervitriol, Nosperal und Nosperarsen vorgegangen. Mehrmals wird in sofortigem Anschluß an das Spritzen fein gemahlener Schwefel als Hilfsmittel gegen das Oidium verstäubt. Dem Heu- und Sauerwurm wird mit Uraniagrün sowie mit dem Dr. Sturmschen und dem Höchster Verstäubungsmittel zu Leib gegangen. (…) So ungefähr sieht das Werktagsleben in dem paradiesisch schönen Rheingau aus. Ausmergelnde Feldarbeit bei jeder Witterung, von Frühjahr bis Spätherbst lange Arbeitstage und kurze Nachtruhe. Wenn trotzdem in dem Charakter des Volkes die witzige Laune und ein sprichwörtlich gewordener sonniger Humor noch immer vorherrschen, so ist das eine besondere Hilfe und Gnade vom lieben Gott, aber nicht die Folge des Weines. Denn der Rheingauer bekommt von seinem eigenen Gewächs herzlich wenig zu trinken. (…)“

Rheinwörterbuch (3)

Restrhein
Beispiel: „Zu den großen technischen Herausforderungen gehört dabei die Frage, wie Fische zukünftig vom Vollrhein bzw. vom Unterwasser des Kraftwerks Vogelgrün in den Restrhein nördlich Breisach gelangen können.“ (Umweltschutz, Fischbautechnik)

rheinsam
Beispiel: „Rheinsam : pour clarinette, alto et piano / François Rossé.“ (Musik)

Rheinzeit
Inbisoutoftimesein. Beispiel: „Ausschnitt aus Rheinzeit…Zauberer versucht Gedanken zu lesen…“ (Unterhaltungswesen)

Vollrhein
Beispiel: „Zu den großen technischen Herausforderungen gehört dabei die Frage, wie Fische zukünftig vom Vollrhein bzw. vom Unterwasser des Kraftwerks Vogelgrün in den Restrhein nördlich Breisach gelangen können“ (Umweltschutz, Fischbautechnik)

verunrheinigt
Beispiel: „irgendwie “verunrheinigt” bzw. kann nicht mehr als String zum Integer iReslut verwurstet werden…“ (Informatik)

Frankfurt am Main

Die Paradieshaftigkeit des Oberrheins verliert sich auf Frankfurt zu. Plötzlich laufen Schwarzwald und Vogesen aus, Pfälzer Wald und Odenwald bieten nur sehr mäßigen Panoramaersatz. Der lustige badische Dialekt weicht sich noch weiter auf, kippt ins Kurpfälzische, das Hessische schließlich rangiert in der Hitliste der furchtbarsten Idiome ganz weit oben; allein die Vorstellung, ein Hessisches mit einem Schwäbischen Mundart babbele zu hören, und sei es in Weimar, hat etwas entsetzlich Peinigendes. Daß der Frankfurter Hauptbahnhof ein Sackbahnhof ist, in den man sozusagen einfährt, um ihn auf dem gleichen Wege wieder zu verlassen, spricht ebenso über den Charakter der Stadt wie die wirre Architektur, die sich zwischen Gemütlichkeit und Ambition nicht zu entscheiden vermag und in diesem Zuge beides auf einen Schlag vernichtet. Als Wahrzeichen der Stadt fungiert ein leicht überdimensioniertes blaues, besterntes Eurozeichen vor einem Bankhochhaus. Hierzu erübrigt sich hoffentlich jeder Kommentar. Im Bahnhofsviertel liegen schrundige ausgehöhlte Dreißigjährige in schäbigen Klamotten auf dem Bürgersteig und spritzen sich braune Flüssigkeit zwischen die Zehen. Die Straßen um den Bahnhof herum sind bevölkert von archaischen Gestalten, mit offen getragenem Brusthaar die einen, kopftuchbedeckt die andern, aber alle wild, hier scheint noch Waffenrecht zu gelten. Und wie es in Großstädten eben so ist: in einem Hinterhof trifft sich die Subkultur, die exakt jener langweiligen Hochkultur nacheifert, die es eigentlich zu verdrängen, bloßzustellen, auszuhebeln gälte. Der Frankfurter Subkulturgänger setzt automatisch ein Suhrkamp-Gesicht auf, ist langsam und hat miese Laune. Kein Wunder, wo er doch in Frankfurt lebt. Die Fassade Frankfurts fordert förmlich illegale, über die Stränge schlagende Handlungen. Und wir können davon ausgehen, sie finden auch statt, in einem Maße, das die meisten Nicht-Frankfurter erschrecken würde. Nachts zieht in künstlichem Blau, als wäre er eine Meisterillusion aus Las Vegas, der Main durch die Stadt, er dehnt und reckt und übt sich, als hoffte er auf ein nahes Meer, um für immer darin zu verschwinden und sich von allen Lügen reinzuwaschen. Man schaut ihm nach und wünscht ihm Glück und weiß, daß er in halbwegs vernünftige Gegenden fließt. Das gibt ein gutes Gefühl, daß man in Frankfurt so nur auf den Mainbrücken kennt. Oder mit (der rheinischen Erfindung) Heroin in den Adern bzw. beim Äppelwoi, wenn halt alles zu spät ist.

Hugo in Bacharach

Victor Hugo, der den Rhein für viel französischer hielt, als die Deutschen (ihn sich) denken, schrieb nicht nur von seinem Lieblingsstrom, sondern auch von einem symbolischen, noblen, feudalen, republikanischen, kaiserlichen Fluß, einem Sinnbild der Zivilisation, sowohl der Franzosen als auch der Deutschen würdig, z.B. Bacharach: „(…) Ich habe drei Tage in Bacharach verbracht, einer Art Pariser Altstadt-Gängeviertel, das hier am Rheinufer sowohl vom guten alten Geschmack à la Voltaire, von der Französischen Revolution, von den Schlachten Ludwigs XIV. als auch vom Kanonendonner der Jahre 1797 und 1805 und von den eleganten und weisen Architekten, die Häuser wie Kommoden und Sekretäre bauen, ganz vergessen worden ist. Bacharach ist wohl die älteste Anhäufung menschlicher Behausungen, die ich je gesehen habe. Im Vergleich mit Bacharach sind Oberwesel, St. Goar und Andernach vornehm wie die Rue de Rivoli. Bacharach ist das alte Bacchi Ara. Es sieht aus, als hätte ein Riese, der sich einen Trödlerladen am Rhein einrichten wollte, ein Stück Gebirge als Regal benutzt und darauf von oben bis unten mit seinem Riesengeschmack einen Haufen ungeheurer Kuriositäten aufgebaut. Die erste befindet sich schon im Rhein. Dort liegt unter dem Wasser ein Stein, in dem manche einen vulkanischen Felsen, die anderen einen keltischen Menhir, wieder andere einen römischen Altar sehen, den man Ara Bacchi nennt. Dann am Flußufer zwei oder drei wurmstichige alte Schiffsrümpfe, die, halbiert und aufrecht in die Erde gesteckt, Fischern als Hütte dienen; hinter den Hütten eine einst mit Zinnen bewehrte Ringmauer, die von vier quadratischen Türmen gestützt wird, wie man sie sich zerlöcherter, zerschossener und baufälliger nicht denken kann. Jenseits dieser Mauer, in die von den dahinterliegenden Häusern Fenster und Gänge gebrochen sind, ein unbeschreibliches Durcheinander von seltsamen Gebäuden, das bis zum Fuße des Berges reicht – wunderhübsche alte Häuser, abenteuerliche Türmchen, höckerige Fassaden, bizarre Giebel, die auf jeder Staffel ihrer doppelten Treppe ein Türmchen wie eine Spargelstange tragen, schwere Balken, die zarte Muster in den Häuserwänden bilden, verschnörkelte Dachböden, durchbrochene Balkone, philosophisch verräucherte Schornsteine, die eine Tiara oder Krone darstellen, und närrische Wetterfahnen, die keine Wetterfahnen, sondern in Metall geschnittene Initialen aus alten Manuskripten sind und im Winde knarren. (Einmal hatte ich ein R über meinem Kopfe, das sich die ganze Nacht hindurch selbst nannte: – rrrr.) Inmitten dieses herrlichen Durcheinanders liegt ein Platz – ein unregelmäßiger Platz wie aus zufällig vom Himmel gefallenen Häuserblocks, der mehr Buchten, Inselchen, Riffe und Vorgebirge hat als ein norwegischer Fjord. Auf der einen Seite dieses Platzes zwei vielflächige Körper aus gotischen Bauten, die sich vornübergeneigt, schief und grimassenschneidend dreist allen Regeln der Geometrie und des Gleichgewichts zum Trotz aufrecht halten. Auf der anderen Seite eine schöne und ungewöhnliche romanische Kirche mit rautenverziertem Portal und einem hoch ragenden befestigten Turm, die an der Apsis von einer Arkadengalerie aus schwarzen Marmorsäulchen umgeben und wie ein Juwelenkästchen überall mit Renaissance-Grabplatten ausgelegt ist. (…) Dieses alte Märchenstädtchen, das voller Sagen und Legenden steckt, wird von einem Völkchen malerischer Gestalten bewohnt, die alle, gleichgültig ob alt oder jung, ob Kinder oder Greise, ob Kropfhalsige oder hübsche junge Mädchen, im Blick, im Profil und in der Körperhaltung irgendwie an Gestalten des dreizehnten Jahrhunderts erinnern. Was die hübschen Mädchen dort keineswegs hindert, hübsch zu sein; im Gegenteil. (…)“

Die malvinische Wacht am Rhein

In Köln gibt’s zum Glück nicht nur das (ehemalige) Stadtarchiv, sondern auch den Privatarchivar Roland Bergère, dessen rheinische Fundstücke häufig den Charakter des Absurden, Unglaubwürdigen aufweisen und allein dadurch schon umso echter und wahrer wirken als die meiste sogenannte Wirklichkeit, der sie aber dennoch entspringen, wie die beigefügten Fotos eines „Die Wacht am Rhein“ spielenden Symphonions, das auf den Malvinen, bei uns besser als Falkland-Inseln bekannt, das klitzekleine Museum einer jungen Engländerin schmückt. Monsieur Bergère selbst schreibt dazu: „Auf den Falkland-Inseln passiert allgemein nicht mehr viel, aber, doch, noch, interessantes. Das Schöne an Kriegen ist, daß wenn sie vorbei sind, eine Dynamik für museale Einrichtungen sich entwickelt und einiges ans Tageslicht fördert; nach der Aufregung des Kampfes muß man doch wissen, die Langeweile irgendwie in Schach zu halten. So hat sich eine junge Engländerin (die kaum älter als diese argentino-britische Auseinandersetzung ist) ihr kleines Museelein aufgebaut, mit einem dieses etwas seltsame Stück : “Die Wacht am Rhein” spielenden Symphonion. Wers nicht glaubt hats nicht gesehen.“

Rheinszene am Housatonic

Der Rhein in der Weltliteratur. Herman Melville: Israel Potter – 50 Years of Exile. (Hinweis: Roland Bergère.)
„With what rapture you behold, hovering over some vast hollow of the hills, or slowly drifting at an immense height over the far sunken Housatonic valley, some lordly eagle, who in unshared exaltation looks down equally upon plain and mountain. Or you behold a hawk sallying from some crag, like a Rhenish baron of old from his pinnacled castle, and darting down towards the river from his prey.“

Tulla – der Herkules vom Oberrhein

Von Dielhelms Listen beeinflußt zeigt sich Paul Hübner in seiner Passage über den Oberrheinbegradiger Johann Gottfried Tulla, dessen nachhaltiges Werk die Landschaft zwischen Basel und Mannheim bis heute prägt: „(…) Kein Herkules hat fertiggebracht, was Tulla in seinem Lebenswerk gelungen ist. Ohne die heutigen technischen Mittel hat er den Oberrhein in seinem Lauf fast um die Hälfte verkürzt und ihn gezwungen, in einem festen Bett, nicht mehr nach Belieben, durch den oberrheinischen Graben zu fließen. Ein karges Leben führte der für seine Verdienste nur gering besoldete Junggeselle Tulla. Als er als Hauptmann zum Oberingenieur ernannt wurde, erhielt er als jährliche Besoldung: fünfhundert Gulden Geld, acht Malter Korn, sechzehn Malter Dinkel, zwei Malter Gerste, fünfzehn Malter Hafer, sechsunddreißig Zentner Heu, hundert Bund Stroh, zwölf Ohm Wein erster Klasse, zwei Klafter Buchen- und zwei Klafter Tannenholz.“ Das hätte ich gern mal auf heutige Verhältnisse gebracht. Die Wichtigkeit des Sprits. Für Mensch, Tier, Gefährt. Tulla selbst schrieb zu seinem Projekt, das zwischen 1817 und 1876 umgesetzt wurde: „Wird der Rhein rektifiziert, so wird alles längs diesem Strom anders werden, der Mut und die Tätigkeit der Rheinuferbewohner wird in dem Verhältnisse steigen, in welchem ihre Wohnungen, ihre Güter und der Ertrag mehr geschützt sein werden. Das Klima längs des Rheins wird durch die Verdunstung der Wasserfläche auf beinahe ein Drittel, durch das Verschwinden der Sümpfe und die damit im Verhältnis stehende Verminderung der Nebel wärmer und angenehmer und die Luft reiner werden.“ Wo jetzt das Paradies liegt, lag einst die Hölle? Der in seiner Behäbigkeit so fleißige und tapfere Badener von heute einst nichts weiter als ein fauler mutloser Sack in den Sümpfen? Tullas Geburtsstadt Karlsruhe, in der sein Name allgegenwärtig ist, wirbt immerhin mit dem anspielungsreichen Claim: „Viel vor. Viel dahinter.“ Beigesetzt wurde Tulla auf dem Cimetière de Montmartre, wo auch Heines Überreste rotten und Wikipedia und Hübner sind sich nicht ganz einig darüber, was auf seinem Grabstein zu sehen ist: „Sein Grabstein zeigt das so genannte Altriper Eck, einen der technisch schwierigsten Abschnitte der Rheinbegradigung nahe dem pfälzischen Dorf Altrip.“ (Wikipedia) „Auf seinem Grabstein ist ein aufgerollter Rheinplan mit dem ursprünglichen Lauf und der neuen Linie abgebildet.“ (Hübner) Vielleicht wurde aber auch der Grabstein zwischen den Quellenlagen ausgetauscht.