Monatsarchiv für April 2009

 
 

Der ewige Jude als Motivationstrainer

Meine größeren Rheinexkursionen stehen kurz bevor und ich stoße auf Thomas Hood, den Ehemann von Jane Hood (s. letzter Eintrag), der das alles lange schon hinter sich hat. In seinem Buch Up the Rhine (London MDCCCXL) läßt sich dieser Aufbruch sehr britisch, nämlich wie folgt in einem fiktiven Brief, an: „My Dear Brooke, – Your reproach is just. My epistolary taciturnity has certainly been of unusual duration; but instead of filling up a sheet with mere excuses, I beg to refer you at once to „Barclay`s Apology for Quakerism,“ which i presume includes an apology for silence. The truth is, I have had nothing to write of, and in such cases I philosophically begrudge postage, as a contradiction to the old axiom ex nihilo nihil fit, inasmuch as the revenue through such empty epistles gets something out of nothing. Now, however, I have news to break, and I trust you are not so god a man as „unconcerned to hear the mighty crack. “ We Are Going Up The Rhine!!! You who have been long aware of my yearning to the abounding river, like the supposed mystical bending of the hazel twig towards the unseen waters, will be equally pleased and surprised by such an announcement. In point of fact, but for the preparations, that are hourly going on before my eyes, I should have, as Irish Buller used to say, some considerable doubts of my own veracity. There seemed plenty of lions in the path of such a Pilgrim`s Progress; and yet here we are, resolved on the attempt, in the hope that, as Christian dropped his burthen by the way, a little travelling will jolt off the load that encumbers the broad shoulders of a dear, hearty, ailing, dead-alive, hypochondriacal old bachelor uncle.“ Der Onkel kommt im Folgenden nicht sonderlich gut weg. Schwer, den Herrn für eine Rheinreise zu begeistern: „It is with the sanction, indeed by the advise of the medicus just mentioned (an original of the Abernethy school) – that we are bound on an experimental trip up the Rhine, to try what change of scene and travelling will do for such an extraordinary disease. The prescription, however, was any thing but palatable to the patient, who demurred most obstinately, and finally asked his counsellor, rather crustily, if he could name a single instance of a man who had lived the longer for wandering over the world? „To be sure I can,“ answered the doctor, „the Wandering Jew.““

Romantische Vorfälle

Jane, die Ehefrau des Dichters Thomas Hood berichtet in einem Brief im Jahre 1836 an ihre Freundin Ms. Elliot aus dem Zentrum der Rheinromantik: „(…) Supposing you have not forgotten the Lurlei, imagine that narrow passage blocked up with a storm of ice; for the immense pressure has heaved it up in huge waves and furrows, eight or ten feet high, each ridge composed of massive slabs of ice tossed about in all directions. At every bend of the river there had been a dreadful scuffle, and the fragments were thrust upwards and end-ways. But the mighty river would not be dammed up – you saw it now and then in a narrow slip rushing like a mill stream – then it plunged under the ice and boiled up again a hundred yards farther. At one bend of the river a green orchard was covered with great blocks hurled over the bank, one could not suppose how. There were some ridges, or rather ruts, so straight and evenly shaved down, that one fancied some giant of the mountain had driven his car through the middle of the ice, and that his wheels had left these traces and deep furrows. But on considering it, Hood discovered that the middle ice had moved, while that on the sides was stationary, and the friction had worn it as smooth as if cut with a knife. We went to Oberwesel, part of which was under water. We had not time to proceed farther, though we both agreed that we could have gone on, and on, and on, to see more. We hear that higher up a church was surrounded with masses of ice so that only the steeple was perceptible. The Moselle ice carried away a youth of sixteen, who has playing on it, and a similar and somewhat romantic incident occurred on the Rhine. On the island just above the bridge resides the Countess of P., who walking out by herself to see the ice floating down, managed to fall in; perhaps she was pushing the loose bits of ice as the children do. (…) As Hood says „some German cherub that sits up aloft“ brought a willow bough to her assistance, and there she hung, well preserved in ice, a good long spell – till a young man (…) came in a boat and rescued her. (…) Unfortunately the young lady is not a beauty; or even interesting. (…) Hood foretells she will give her preserver a lock of her tow-coloured hair (…). This is his splenetic idea of German gratitude. (…)“

Jane Hood in: Memorials of Thomas Hood, London 1860

Rheinwörterbuch

Gerade im Aufbau befindet sich mein kleines Rheinwörterbuch, das Begriffsklärungen und -anwendungen sammelt. Gelegentlich werden an dieser Stelle Ausschnitte präsentiert. Zuträge sind gerne willkommen.

Rheinbein
Astrid von dem Rheinbein, Schäferhund. Auch Straßenname in Heidesheim.

Rheinkunz
Beispiel: “In Deutschland gibt es 1 Telefonbucheintrag zum Namen Rhein-Kunz und damit ca. 2 Personen mit diesem Namen.” (Fernmeldewesen)

rheinrassig
Mopswelpen. Holsteiner. Beispiel: „BKH-Katterchen Scottisch Fold (mit Faltohren, männchen) gesucht. Gewünschte Farbe: Blau, dürfte aber auch andere Farbe sein. Bitte nur rheinrassig, geimpft, mit Papiere und Stammbaum.“ (Kleinanzeigenwesen)

Rheinsaft
Mischgetränk aus Diet Pepsi und Apfelkorn.

Rheinschwund
(Unwort ohne bisherige Entsprechung.)

Rheinung
Beispiel: „Weht die Form der Verdickungsleisten allein sondern dic Art ihrer Verbindung mit der Zellwand bedingt die „Aus-ZieUTErhandelt sich demnach bei der Ausziehbarkeit” um• Fr.rheinung welche lediglich durch äußere gewaltsame Ein-e ^P veraTßt wird gegen deren Einwirkung die einzelnen gl•lzenarten jedoch vefsfhieden empfindlich sind, je nachdem fl “pirahgen Verdickungen ihrer Tracheen und Tracheiden eine Wlírte Anheftung besitzen oder nicht.“ (Medizin)

Computerrhein

Letzte Nacht. Rheinkitschrecherchen im Internet. Da gibt es alles. Sogar Nazi-Kitsch. Ich nicke weg und mitten im Erwachen strömt plötzlich der Fluß über den Bildschirm, mehrdimensionale Wellen in verwirrenden Konstellationen füllen die gesamte Fläche, die sich ausstülpt, tief und schnell, entfalten einen im Magen ansetzenden Sog, alles fließt und sucht sich eine Richtung, mindestens, dort unten auf dem Grund, überkommt mich eine Ahnung, müssen jede Menge interessanter Daten liegen, umspült und hin- und hergeweht von mal dichten, mal klaren, zutiefst motivierten Wasserschüben, es ist der Rhein, kein Zweifel, der sich meines Computers bemächtigt hat, da sind zum einen die geisterhaft-klatschenden Geräusche kalten Überschwappens, zum andern das Taldröhnen, verkratzte Melodien à la Es zogen drei Burschen, Ein rheinisches Mädchen beim rheinischen Wein, Im Rolandsbogen, Es liegt eine Krone im grünen Rhein, Die Lindenwirtin oder Der Rhein Enthusiast, letztlich klare Hinweise, gedämpft vom lila Umhang der Nacht, die Fließrichtung ist unklar, das Wasser zieht eiliger und eiliger, bis hin zur Selbstauflösung, über den Screen, scheint an allen Ecken und Enden auszubrechen, ich fühle meinen Blick flackern, der Schreibtisch ist noch trocken, aber ich komme nicht mehr an meine Programme ran, kein Esc, kein Strg + Alt + Entf, nicht mal der Notschalter an der Stromversorgung wirken, der Fluß hat sich meines Fensters zur Welt bemächtigt, er saugt an mir, ich gleite kopfvoran in das Strömen, ein leises Britzeln ritzt meinen Hals, drei deutsche Eicheln schweben im wässrigen Nichts, das sich wie stark verdichtete Luft anfühlt, oder wie Glas aus Gelee, das Weiterleben in dieser Umgebung ist aus irgendeinem Grund unproblematisch, die Eichenfrüchte sind geschält und stundenlang gekocht, sie schmecken mehlig-fad und geben das Gefühl von Verwurzelung und Kraft, ich drücke einige Wassermassen beiseite, neue graublaue Räume schließen und öffnen sich, das Rheininnere wirkt fortan wie eine Installation aus mehreren Kilometern durcheinandergewirkter Klarsichtfolie, von sanften Gebläsen bewegt, fischschwänzige Mädchen in allen Größen und gedeckten Farben kichern hinter schlingenden Wasserpflanzen, Schall mischt sich mit Schall, hebt sich auf und schwillt an, es echot von oben und unten, hinten und vorn, wo bin ich, ich bin in den Fluß gestiegen und doch nicht in den Fluß, ich bin es und ich bin es nicht, ich hebe den Laptop vom Schreibtisch, mein Kopf steckt nach wie vor im Bildschirmgeschehen, ich schließe die Augen, spüre die Fische und wie mir das Wasser aus den Ohren rinnt. Dann bin ich wieder zuhaus. Der Screen schweigt in totaler Schwärze. Rechts oben auf dem Rahmen hockt eine kleine Plastik-Loreley, Made in China, blinzelt mir zu. Mein Gott, ist sie schön! Man kann nicht zweimal in denselben Fluß steigen, flüstert sie weise. Ich werd mir das merken. Und mich verstärkt auf Outdoor-Recherchen verlegen, demnächst.

Rheinrausch

Den Rhein als hochwirksame Droge beschreibt offenbar unter Einfluß derselben Rudolf G. Binding (1867-1938), zu finden in dessen Gesammeltem Werk, Band II, Die Spiegelgespräche, Hamburg 1954: „Seligen Laufs unaufhaltsam führt der Rhein seine Wasser zum Meer. An hundert Städten eilt er vorüber, bei keiner verweilend, mit keiner sich mengend. Keiner gehört er: ein Wanderer ewig, voll von Sehnsucht. Er ist’s, der Rhein, der die ewige Unruhe bringt in die Landschaft wie in die Seele des Menschen. Er nur rauscht und berauscht und versteht sich aufs Rauschen. Wir sind Gefangene in seinem Anblick. Gefangener ist jeder in gleicher unerklärlicher Regung. Mag er von steinerner Brücke in Basel zwischen den unsteten Möwen in das enteilende Grün seiner Kreise schauen, mag er in ängstlichem Schiff herangesogen gegen die Enge der Schieferfelsen im Loch von Bingen mit ihm dahingleiten, mag über gewaltiger Breite stehend durch das leichte Eisengehänge der Brücke von Köln er den Strom in die Weite verfolgen, immer ist er verfallen, immer ist er entführt. (…) Rauschende Guirlanden von Wäldern begleiten von fern her den Lauf, nachdem der Strom im Knie hinter Basel entschieden den Weg durchs Herz deutscher Stämme sich bahnt. Nichts noch beengt oder neidet ihm das breite Tal. Ehrfürchtig und fern stehen Gebirge, das weite Bett ihm zu hüten. Nur Wiesenland und niedriges Gestrüpp der Ufer drängt sich unten heran und lange Reihen von Pappeln stehen unbeachtet wie niedere Diener. Doch die Gebirge, die dunklen Abfälle des Schwarzwalds und drüben die blauen Kämme der Vogesen, bekennen sich zu ihm als dem einziehenden Herrscher. In das heroischste Tal, langgestreckt wie zu siegendem Lauf, schäumen erregt und erregend die weißen Wogen der blühenden Obstbäume über die Hänge zur feuchten Sohle des Stromes hernieder und schon brüstet sich Wein in seiner Nähe. (…) Verfallende Burgen auf vordringenden Höhen suchen vergebens ein Wort. Das Leben der fließenden Straße achtet ihrer nicht mehr. Die weißen Schiffe führen mit schäumenden Rädern und Schrauben fröhliche Menschen in dichtem Gedränge zu Tal und stromauf, dazwischen reißen die schwarzen Schlepper lange Gefolgschaften dunkler Schiffsleiber mit schwarzer beschwerlicher Last hinter sich her. Tief sind die Furchen der Kiele, tief die wühlenden reibenden Wunden der Schrauben, der Anker, der Ketten. Düstere Rauchfahnen peitschen erregte Gewasser. Aber die Narben verheilen in silbernen Nähten, verrauschen hinter dem Schiff. (…) Wo zieht er hin, der nun alles erfahren? Der den Schnee sah, Berge und See, Städte und Ebene, Wein Weizen und Früchte? Der versunkene Schiffe sah, versinkende Leiber, Unselige und Selige? Zu dem Bräute kamen heimlich des Nachts? (…) Aus übervollem Herzen sich verschwendend, breitet er ins Unermeßliche sich hin. – Der Abend öffnet sich. – Die Ebene wird Strom. – Noch immer Land? – Wo bist du Meer? Wenn du nicht nahe bist: der Strom muß sich verbluten.“

Moby Dick

Der Sammelband “Das Jahr im Bild – 1966″ (Carlsen, Reinbek bei Hamburg 1966) zusammengestellt von Karl-Heinz Neumann arbeitet eine unglaubliche Geschichte auf, die, wäre sie nicht mit Fotos (Repro: Roland Bergère) bewiesen, wohl bereits in den Mythenschatz eingegangen wäre:

“Am Mittwoch, dem 18. Mai, um 9.30 Uhr, riefen Bernd Albrecht und Willy Dethlevs, Besatzungsmitglieder des Motorschiffes „Medina“, der vorbeifahrenden Besatzung eines Polizeibootes zu: „Bei Stromkilometer 778,5 haben wir eben einen fünf Meter langen Riesenfisch gesichtet.“ Das Polizeiboot drehte bei, ein Beamter ging an Bord der „Medina“ und bat freundlich: „Hauchen Sie mich mal an.“ Da er keinen Alkohol feststellen konnte, meldete er, wenn auch mit großem Bedenken, den Hinweis an die Wasserschutzpolizei. Eine halbe Stunde später funkte ein Polizeisuchboot: „Weißer Wal gesichtet“. Als die Meldung dann an das Düsseldorfer Innenministerium ging, glaubten die Beamten immer noch an einen verspäteten Aprilscherz. Erst als der Direktor des Duisburger Zoos, Dr. Gewalt, von einem Feuerwehrboot aus den Wal sichtete und sicher sagen konnte, daß es sich um einen etwa fünf Meter langen und 35 Zentner schweren weißen Beluga-Wal aus dem nördlichen Eismeer handelt, waren alle Zweifel beseitigt: Ein weißer Wal schwimmt im deutschen Rhein! Es begann eine große Jagd (Foto oben – das Bild zeigt Dr. Gewalt in James Bond-Manier mit einer Pistole im Anschlag an der Reling eines Rheinbootes, wenige Meter von ihm der aufgetauchte Rücken des weißen Wals), denn Dr. Gewalt hätte den Wal gern für sein Delphin-Aquarium gefangen. Er versuchte, mit der Pistole eine Narkoseladung in den Wal zu schießen und obwohl er den weißen Riesen, der von der Bevölkerung Moby Dick getauft worden war, mehrfach traf, zeigte der Wal keine Wirkung. Die Narkosemengen waren offensichtlich zu schwach. Auch die Versuche, eine Harpune mit einer Boje an dem Wal zu befestigen, mißlangen. (…) Dann wurden die ersten Proteste laut. Man hörte „Das ist Tierquälerei“ und „Laßt Moby Dick leben“. Dafür sorgte der weiße Wal aber selbst, denn er narrte seine Verfolger immer wieder. Dafür gab es eine Reihe von amüsanten Begegnungen, wenn der Koloß dicht neben einem Ruderboot oder nahe am Ufer auftauchte. Fast vier Wochen tummelte sich der Beluga-Wal im Rhein zwischen Bonn und Emmerich. Dann verschwand er in Richtung auf die Nordsee.”

Wer den Rhein gebaut hat

Gestern im Internet. Unversehens läuft so ein Mathias Richling-Mitschnitt. Auf einem jener Portale, welche potente Nutzungsrechteinhaber gern als vor- bis vollverantwortlich für den Untergang des Abendlandes geißeln. Der quäkende hektische Mann erklärt offenbar gerade deutsche Geschichte, ich muß zweimal hinhören, also wiederholt Richling: „Die CDU hat den Rhein gebaut.“ Er hält inne. Wiederholt den Satz erneut. Fährt dann fort: „Und die Autobahnen noch dazu.“ Richling wirkt konfus, von den eigenen Worten überrascht. Doch schnell korrigiert er: „Ich muß mich entschuldigen, es war nicht die CDU, die die Autobahnen gebaut hat, nein, das waren Leute, die später bei der CDU untergekommen sind.“ Aha, hier spricht offenbar einer, der Fehler nicht nur zugeben, sondern sogar ausräumen kann. Rare Spezies. Das mit dem Rhein aber läßt Richling stehen. Ich kann mich nicht erinnern, wer den Rhein in Wirklichkeit gebaut hat, das fällt ins Dunkel meiner Kindheit, völlig aus der Luft gegriffen aber ist Richlings These sicher nicht. Den Rhein gibt’s schließlich bereits seit den 60er, 70er Jahren, logischerweise muß hier von der alten CDU die Rede sein. Mit der ich persönlich nur gute Erfahrungen gemacht habe, nämlich eine einzige: im Jahr 1987 schickte ich eine Vierwort-Postkarte an die CDU-Zentrale: „brauche dringend kohl-poster“. Zwei Tage später war das Poster da. Die CDU hatte fähige Leute damals, wohl nicht nur beim Posterversand. Schnelle Reaktion, keine unnötigen Rückfragen. Und Kohl – der kam schließlich auch vom Rhein.

aprilrhein

es knospt. mit seiner uferzunge
leckt der rhein geroell, das alpin
schmeckt & griesig & verstaubt

dann: meridian wirft seine hellen
kalten strahlen, an embryonalen
knospen gellen heckenbraunellen

am horizont droehnt segnend ein jet
der flusz kippt um in kornblumenblau
die wasserhaut ein hektischer pfau

& skelettoese funde oxidieren in
kinderhand: papa, da ist noch mehr!
schwule kuesse im glast am strand