Monatsarchiv für April 2009

 
 

Rheinische Küche

Interessant wird’s, wenn der Engländer des Deutschen Küche kritisiert, et vice versa (die niederländische, als beider Küchen Bindemittel, sei an dieser Stelle schweigend übergangen). Hood läßt eine Dame seiner ewig maulend-kränkelnden Rheinreisegesellschaft ein Kölner Hoteldinner beschreiben, dessen Glocke die ganze Stadt herbeizurufen scheint, um schließlich 50 illustre Gäste an einer Tafel zu versammeln, mit dem Hoteldirektor am Kopfende. Der erste Gang besteht aus Reissuppe mit fadem Rind und erinnert die Dame sowohl an heimatliche Gerstengrütze, als auch an einst patentes britisches Brot „aus dem man neuerdings Kraft und Geist komplett ausgesogen und nichts als den Kadaver eines Laibes belassen hat“. Allein die Geschicklichkeit der Kellner ist bewunderswert: einer von ihnen bringt Stapel leerer Teller, indem er sie zwischen den einzelnen Fingern festhält und wie Spielkarten austeilt. Zu beklagen wiederum: die Gerichte sind eiskalt, sie werden zunächst kurz am Tisch präsentiert, um dann zurückgenommen zu werden und den letzten Schliff zu erhalten, all das zudem in überraschender Speisefolge – völlig anders als daheim. Nach der Suppe gibt’s einen Riesenteller Spargel, mit einer Soße aus öliger Butter und hartgekochten Eiern. Drauf einen Kapaun mit Salat, darauf einen süßen Pudding, gefolgt von Sauerkraut. Der nächste Gang besteht aus winzigen, wachsigen Kartöffelchen, begleitet von einem unbekannten, übelriechenden Gemüse in brauner Soße, das an „in Teer geschmorte Seemannsfinger“ erinnert. Weiter geht’s mit Lachs und Flußbarsch, in Aspik, betont kalt, und schließlich einem soliden Stück Kalbsbraten: „Ich habe die Mahlzeit vom falschen Ende her begonnen und fürchte, um sie sauber zu verdauen, muß ich mich in den Kopfstand begeben.“ Als absolute Novität stellt sich für die Dame ein Gericht dar, das zunächst „wie eine in Essig eingelegte Walnuß“ wirkt, sich dann aber als derart süß entpuppt „daß ich es vor lauter Überraschung blitzschnell wieder auf den Teller zurückgelegt habe“. Zum Abschluß folgt ein weiteres zweifelhaftes Objekt, das nach süß eingemachter Pflaume aussieht, sich aber als sauer eingelegte Weintraube erweist. Heuer allenthalben rund um den Dom gebotene Spezialitäten wie Himmel un Ääd oder Rheinischer Sauerbraten vum Päd scheinen ergo nicht (unbedingt) auf der durchaus fantasievollen Menuefolge, zu der das im Hintergrund der Kritik stets präsente britische Pendant bis auf die abschließende Gerstengrütze leider ohne konkretes Beispiel bleibt.

Der Rhein gespiegelt in Bernsteinaugen

es strömt. perfekte mathema, Perforationen
Performanzen. die natürlichste Gleichung mit
dem göttlichsten Kick. überraschender Knick
unterhalb der Sollbruchstelle. es schießt. wien
abgekühlter Blitz schießts durchs Eiweiß, den
Verbund der Synapsen, in die Tierhirnhügel
zwischen frühlingstoll und wiederkäuend klick
die Übergänge, Diskussionskurven auf binärem
Niveau. Landschaft ein, Landschaft aus. aus
der Tiefe des Pansens erhebt sich ein Geröll
(bräsige Findlinge in vermichelter Landschaft)
industriewärts fließts, Metallkappe, Sturmnut
Bolzenschußgerät. ebnet und erhebt ein Tal
Anspruch auf Belebtheit. einige männliche
Haltungen, von Riesling unterspült, mischen
sich dem Tagesverlauf, Wurstherstellung
einmal im flow, immer im flow. anstrengend
ists, den Dingen auf den Grund zu sehen
die Sonne brennt, der Himmel ein Produkt
von Kraftwerken, Kirche und Universitäten
das Gras wirkt nach. der elektrische Fluß
im Film (läuft rückwärts) diagonal aufgespult
der Rhein gespiegelt in Wiesenmündern

Rheinwörterbuch (2)

Rheinband
Beispiele: „Rheinband – catalogo di prodotti per il computer con possibilità di acquisti online.“ (Elektronik) „Aus den bestehenden Strukturen heraus, schlagen wir vor, das Rheinband durch eine gestaltete Abfolge von Raumtypologien zu stärken, welche sich aus ihrem bestehenden Kontext entwickeln.“ (Architektur)

Rheinbond
Beispiel: „Désolé, rheinbond a choisi de ne pas t’autoriser l’accès à son profil.“ (Geheimwesen)

rheinfrei
(Kunstwort ohne sonderliche Entsprechung.)

Rheinheit
Beispiele: „Handybag Engel der Rheinheit und weiteres Zubehör bei…“ (Promotionswesen) „Deutsche Gruendlichkeit, Rheinheit, Fleiss.“ (Brauchtum) „Mit Rheinheit meine ich weder waschen, noch die Sprache, ich meine das Klare der Seele.“ (Religion)

Rheinigung
Echte Handwäsche, selbstverständlich. Beispiel: “Chemische Rheinigung – Karneval mit kranken Fischen!“ (Brauchtum)

rheinnein
Beispiele: „Krefeld: Nein zum Eisernen RheinNein zur Steinkohle.“ (Politik) „Rheinneinneinnein.“ (Umgangssprache) „Von der rheinhalle, Von der rheinhohe, von der rheinliese, Von der rheinnein, von der ried perle…“ (Listenwesen) „Dcr ich nur die Zusammen-setzung des alten und des ordinairen Rheinwcins hervorhebc. Alter Rheinnein. Ordinnirer Rheinnein. S’iiritus vini recti$ catissimi…“ (Farmazeutik)

rheinsacht, auch: rh18
(Unwort ohne bisherige Entsprechung.)

Rheinsatz
Beispiel: „„Auf den letzten 100 Metern wird gerannt.“ Das lehrt uns die über fünfzehnjährige Erfahrung von rheinsatz. Dies ist unsere Philosophie und unser Auftrag seit 1992.“ (Repro- und Klischeewesen)

Rheinsucht
Beispiele: „I was the first to get this new Rheinsucht Hefe.“ (Önologie) „The first Boxer dog to obtain the Obedience title of Companion dog (C.D.) in Victoria was trained by Mr. E. Paxman of Southern Obedience Club in 1960. The Boxer was an 18 month old dog – Rheinsucht Challenge. Later he was to achieve the title of Companion dog Excellant (C.D.X.)“ (Zuchtwesen)

Dat Wasser vun Kölle

To ***

With a flask of Rhine water

The old Catholic City was still,
In the Minster the vesper were sung,
And, re-echoed in cadences shrill,
The last call of the trumpet had rung:
While, across, the broad stream of the Rhine,
The full Moon cast a silvery zone;
And, methought, as i gazed on its shine,
„Surely, that is the Eau de Cologne!“

I inquired not the place of its source,
If it ran to the east or the west;
But my heart took a note of its course,
That it flow`d towards Her I love best -
That it flow`d towards Her I love best,
Like those wandering thoughts of my own,
And the fancy such sweetness possess`d,
That the Rhine seemed all Eau de Cologne!

(Thomas Hood)

Kölner Bürgeransinnen und Katzenwunder

Mit dem Sturz des Historischen Archivs der Stadt Köln in eine U-Bahn-Baustelle am 3. März 2009 wurde das kulturelle Gedächtnis der Stadt und des Erdkreises geschockt und teils irreparabel geschädigt. Zwei junge Männer starben bei der Katastrofe, mehrere Familien verloren Wohnung, Hab und Gut. Als sei die Katastrofe allein nicht genug, vollzog sich im Anschluß, verstärkt von den Medien, ein absurdes Possenspiel sowohl innerhalb von, als auch zwischen Institutionen und prominenten Einzelpersonen aus Politik, Bauherrn und Verwaltung. Bedrückung, Ohnmacht, Wut, auch Angst, Gerüchte und Galgenhumor prägten hingegen die Stimmung auf den Kölner Straßen in den Tagen nach dem Unglück. So wurde es mir berichtet, so habe ich selbst erlebt. Daß sich in Köln, auch darin besteht die Einzigartigkeit dieser Stadt, außer dem Nubbel niemals Verantwortliche finden, ist dem Bürger seit undenklichen Zeiten in Fleisch und Blut übergegangen: „Die Mächtigen kommen und gehen, das tausendjährige Köln bleibt stehen.“ Umso erstaunlicher, daß sich vier Wochen nach dem verheerenden Ereignis eine Gruppe überparteilicher Bürger zusammentat, um nicht nur vollständige Aufklärung der Einsturz-Geschehnisse zu fordern, sondern auch einen grundsätzlichen Wandel in der Art, wie sie künftig von ihren gewählten Vertretern eben: vertreten werden möchten. Dafür stellen sie sich seitdem und fortan jeden Montag um 18 Uhr vor dem Historischen Rathaus auf (Ausnahme: Ostermontag). Gestern gab der bis dato zum Thema Archiveinsturz sich sehr zurückhaltende Regierungspräsident Hans Peter Lindlar ein Interview und sprach von einem „System Köln“, das es grundlegend zu überdenken gälte. Er tat dies in der führenden lokalen Zeitung mit mehr Text- als Bildanteil, die in der Vergangenheit und bis heute in der Presselandschaft stets durch vergleichsweise Zurückhaltung auffiel, was investigative, aufklärerische Aktivitäten bezüglich dieses Systems anbelangt, deren Verleger und deren Chefredakteur in der Meinungssparte nun aber ebenfalls einen Politikwandel forderten. Es scheint in dieser Hinsicht größere Schnittmengen zu geben bei auf den ersten Blick recht unterschiedlichen, zumindest verschiedenen Spektren angehörigen Leuten wie dem Regierungspräsidenten oder der in Köln nicht ganz unbekannten Feministin Alice Schwarzer (welche der Lokalzeitung ebenfalls ein Interview gab). Bei den ersten beiden stummen Montags-Protesten vor dem Rathaus sah ich einige Künstler und Autoren in freundlich-friedlicher Manier vermischt mit Leuten, die ich eher der bürgerlichen Mitte zurechnen würde sowie solchen, die sich meiner Einschätzung nach häufiger genötigt sehen und somit gewohnt sind, ihren Protest öffentlich zu machen. Ich habe seit Jahren keinen Demonstrationsanlaß mehr wahrgenommen – was ich hier vor dem Rathaus erblickte, gefiel mir. Transparente, die zum Rücktritt des Oberbürgermeisters aufforderten, in friedlicher Koexistenz, dabei etwas häufiger, mit solchen, die seinen Verbleib wünschten. Aus dem Rathaus kam bisher keine offizielle Reaktion. In einem inoffiziellen Gespräch erschreckte mich die Ahnungslosigkeit einer prominenten Rats-Politikerin, die garnicht informiert schien, was die Zeitungen zum beherrschenden Thema „Verantwortungsweitergabe“ inzwischen herausgefunden und veröffentlicht hatten. Kochen die Ratsvertreter immer noch derart im eigenen Saft? Dem Kölschen an sich wär das kaum verwunderlich. Denn zu sehen war ebenfalls deutlich, daß das Leben außerhalb des Rathausvorplatzes und jenseits der Unglücksstelle längst wieder seinen gewohnten Gang geht. Viele Menschen können sich einen Monat später nur noch entfernt an die Katastrofe erinnern. Der Kontrast zwischen den Massen an Shoppern und sonnenhungrigen Flaneuren sowie den vergleichsweise wenigen Demonstranten fiel mir als gewaltig auf. Als dann in der Presse noch das Kölner Katzenwunder vermeldet wurde, das 35tägige Überleben einer Katze im Archivschutt ohne Wasser und Fleisch, spürte ich, daß es in Köln stark auf Ostern und somit auch zügig auf den nächsten Karneval zugeht. Sicherlich bekäme das Bürgeransinnen vor dem Rathaus mehr Aufmerksamkeit aus demselben, wenn sich an den kommenden Montagen prominente Mitbürger wie der Regierungspräsident oder der etwas fotogenere Zeitungsverleger oder die noch viel fotogenere Alice Schwarzer einreihen. Die weiteren Fortschritte in dieser Sache erwarte ich jedenfalls mit Spannung und mit einsturzversichertem Gedächtnis.

Eine kurze Geschichte des Rheins

„Die Erde, versichern die Geologen, sei 4,5 bis 4,7 Milliarden Jahre alt. Den Rhein in seiner heutigen Gestalt gibt es erst seit dem Abklingen der letzten Eiszeit, seit etwa 10.000 Jahren. Die Geschichte des Rheins würde in einer Erdgeschichte von 230 Bänden zu je 1000 Seiten, wobei jede Seite 20.000 Jahre beschreibt, im letzten Band nur die letzte halbe Seite füllen.“ Schreibt der ehemalige Leiter der Kölner Stadt-Bibliothek Horst Johannes Tümmers in seinem 1994 erschienenen Buch Der Rhein – Ein europäischer Fluß und seine Geschichte. Tümmers hat wie sein Vorgänger Hübner den Rhein zu Fuß abgewandert. Und wie Dielhelm und Simrock beschreibt er den kompletten Verlauf. Anders als die Vorgänger ordnet Tümmers dabei jeden Flußabschnitt einem Oberbegriff zu, beim Alpenrhein ist es die Geologie. Natürlich läßt Tümmers Rechenexempel in seinem Geologie-Kapitel eine anschließende Kalkulation außer Acht. Innerhalb der Geschichte der letzten 10.000 Jahre, und da ganz besonders auf ihren letzten paar Seiten, sozusagen zum Zeitpunkt einer volksweiten Verbreitung der Schriftkultur, wurde soviel über ausgerechnet diesen Rhein zu Papier gebracht, daß man heuer neben Mikrofilm gar elektronische Speicherverfahren nutzen muß, um diese Textflüsse und -wüsten auch nur ansatzweise aufzufangen, auseinanderzusortieren und zu bewahren. Zumal herkömmliche Archive kaum mehr sicher stehen, seit der zeitgenössische U-Bahnbau mit seiner komplexen wie feindseligen Hintergrundmatrix aus Filz und Beton gegen die oberflächliche Bewahrung kultureller Zeugnisse antritt. Die Archäologen der Zukunft werden vermutlich über in tiefen Schächten und seltsam hammerförmig einbetonierte Zeugnisse des Mittelalters rätseln und wie nebenbei zu ganz treffenden Schlüssen über den heutigen Typus Kulturmensch gelangen. Falls sie dann nicht ohnehin hauptsächlich in den naiven Frühformen des Internets recherchieren. Für die sie, ebenso wie für frühzeitliche Grabungsformen, spezielle Passierscheine zur und Recherchebefugnisse auf der Erde erhalten. Den Rhein, so wie er sein sollte, nämlich das Optimum jeglicher Flußidee, hat man ja längst in der Biosfäre von P37 rekonstruiert.

Köln

Hoods englische Rheinkreuzfahrtsgesellschaft ist inzwischen im spätromantischen Köln angelangt. Adäquat zu mannigfaltigen kölschen Tönen und Momenten der Postmoderne spiegelt Hood das schwebend-heilige dieser ewigen Stadt in den Worten des einfachen Volkes voraus bzw. mitten in fliehende Zeiten und dereinst dem großen Verschütten anheimfallende Erinnerungen hinein: „Amung other discomfits, theres no beds in the vessles up the Rind. So, for too hole days, we have been damp shifted, as they call it, without taking off our close, and, as you may supose, I am tired of steeming. Our present stop is at Colon. They say its a verry old citty, and bilt by the Romans, and sure enuff roman noses didn`t easily turn up. The natives must have verry strong oilfactories, that`s certin. O, Becky, sich sniffs and guffs, in spite of my stuft hed! This mornin it raind cats and dogs, but the heviest showrs cant pourify the place. It`s enuff to fumigate a pleg. Won thing is the bad smells obleege strangers to buy the O de Colon, and praps the stenchis is encouraged on that account. The wust is, wen you want a bottel of the rite sort, theres so menny Farinacious impostors, and Johns and Marias, you don`t know witch is him or her. Colon is full of Sites. The principle is the Cathedrul, and by rites theres a Crane pearcht on the tiptop, like the Storks in Holland; but i was out of luck, or he was off a feeding, for he wasnt there. So we went into the Interium witch was performing Hi Mass, that`s to say, me and one of the hottel waiters, who is playing the civel, and I can onely say its enuff to turn one`s hed. Wat with the lofty pillers, and the picters, and the gelding and the calving, I felt perfeckly dizzy, but wen the sunshin came rainbowin thro the panted glass winders, and the orgin played up, and the Quire of singers with their hevinly vices, and the Priest was insensed with the perfumery, down I went, willy nilly, on both nees, and was amost controverted into a Cathlick afore I knowed were I was! Luckly, I rekollected Transmigration, witch I cant nor wont believe in, and that jumpt me up agin on my legs. Next, we see a prodigus chest, all of sollid Goold, and when you look through a little grating, you see the empty skulls of the wise kings. They`re as brown as mogany, with crowns on, and their christian names ritten in rubbies, if so be it ant red glass. For they do say, wen the Munks ran away from the Frentch, they took the goold chest, and the three wunderful wise heds, along with them, and sackreligiously pickt out the best parts of the volubles and jowls. As another peace of profannity, the hart of Mary de Medicine is left under a grave stone, in the church pavement – but where the rest of her body have been boddy snatcht to noboddy nose.“

Rheingold

Google liefert bald anderthalb Millionen Treffer zum Suchbegriff „Rheingold“, in Kürze wohl sogar noch einen mehr. Zeit, die Quellenlage zu wechseln. Paul Hübner schreibt in seinem Buch Der Rhein – Von den Quellen bis zu den Mündungen: „Im Jahre 1943 stellte ein im Reichsauftrag der „Gesellschaft für Lagerstättenforschung“ eigens für die Goldwäscherei konstruierter Schwimmbagger mit dem bezeichnenden Namen „Rheingold“, der 120 Kubikmeter in der Stunde schaufeln konnte, bei Illingen zwischen Rastatt und Karlsruhe seine Arbeit zur Suche nach Gold aus dem Rhein ein. Die nach Berlin geschickten Schürfberichte gingen im Krieg verloren. Der Erfolg lohnte den Aufwand nicht.“ Ganze 300 Gramm Gold soll Göring auf diese Weise aus dem Fluss erbeutet haben, berichtet an anderer Stelle das Nachrichtenmagazin Focus. So werden Traditionen beschlossen. Das Rheingold hat schließlich in mythische Zeitalter reichende Wurzeln, sowohl jenes, das von früheren Oberrheinern aus dem Strom herausgewaschen, als auch jenes, das von einäugigen Rächern in ihn hineingekippt wurde. So kamen in der sagenhaften Pfalz früher Bergmännlein gern zum Rhein, weil es dort Gold und Silber gab. Wahrscheinlich nachts, denn: „Morgenrot ist Zwergentod“. Das wußten schon (oder: noch?) die Verfasser der Edda. Laut Hübner „beschrieb der Mönch Rogkerus ums Jahr 1100 bereits die Technik des Goldwaschens genauso, wie sie von den letzten Goldwäschern bei Rastatt bis ins 20. Jahrhundert geübt wurde. Der letzte oberrheinische Goldwäscher starb 1944. (Nun, vielleicht auch nur der vorerst letzte, Anm. des Lesers.) Rogkerus schildert, wie der goldhaltige Sand auf Holztafeln übergossen wird, damit der Sand weggeschwemmt, und das schwere Gold, das von Quecksilber aufgesogen wird, übrigbleibt. Selbst die Darstellung des Schmelzens des so gewonnenen Rheingolds entspricht in den Einzelheiten dem bei den badischen Goldwäschern angewandten Verfahren.“ Ob der Fluß auch den Nibelungenhort feingerieben und der Sonne zugewaschen hat? Oder wo steckt der? Eine Quelle geht davon aus: im Loreleyfels, der, bevor er durch einen Bergsturz sein elbisches Echo verlor, hohl und von Felselben bewohnt war. Müßte wohl gesprengt werden, der Fels, um das rauszufinden. Oder liegt der Schatz weitab des heutigen Stromverlaufs unter rheinhessischer bzw. rheinpfälzischer Erde? Da wäre viel Platz zum Probebohren. Vielleicht hocken da unten auch noch ein paar antike Fabelwesen, grimmige, schatzbeschützende, mit reißenden Fängen? Die man mal zutage fördern könnte. Oder ist der Nibelungenhort längst ins Prägegold eingegangen, als hintergründig waberndes Gegengewicht zu all dem Papier, mit dem wir heute vordergründig bezahlen?

Werner

Elektriker aus Duisburg. Mit Christoph Daum bekannt
Alte Oberligazeiten. Redet gern von Autos, Frauen
Lebensunterhalt bestreiten. Daß man bescheiden
sein muß. Versuchen zu verstehen. Die meisten Trends

sind Stuß. Doch die Zeit zwingt einen, mitzugehen
Seine Steuern kann er garnicht alle zahlen. Klar
macht man da manches schwarz. Die allerärmsten
Schweine sind noch immer die auf Hartz. Vier, bis

dahin konnten sie wohl zählen, die Herrn Politiker
im Bundestag. Es gibt Wahlen, doch was kannst
du wählen? Nen Haufen Dreck, in den man gern

mal knüppeln mag. Kommt mit seiner Arbeit halbwegs
durch, der Rest ist ihm entsprechend halb egal
Hat sich aber eins geschworen: Niemals neoliberal!

Fischmenschmischwesen und Musik

Die Hoodsche Schiffsgesellschaft in Up the Rhine entpuppt sich als ein skurriler Haufen, der sich gegenseitig teils bis aufs Äußerste abhold doch wie selbstverständlich im Vernichten fremdländischer Sitten und Gebräuche, hier: Holland, überbietet, das den rheinfahrenden Briten in diesem von lockerer Lyrik unterbrochenem Briefroman viel zu sehr unter Wasser steht. „Nimeguen is as nigh to heaven as Beckenham in Kent; and a thousand miles north or south, east or west, make no odds in our journey to a world that has neither latitude nor longitude. Now I am here, I am not sorry to have had a peep at such a country as Holland; but being described by so many better hands, in books of travels, besides pictures, I need not enlarge. If you only fancy the very worst country for hunting in the whole world, except for otter-dogs, you will have it exactly. Every highway is a canal; and as for lanes and bridle-roads, they are nothing but ditches. By consequence, the lives of the natives are spent between keeping out water and letting in liquor, such as schiedam, aniseed, curacoa, and the like; for, except for the damming they would be drowned like so many rats, and without the dramming, they would be martyrs to ague and rheumatics, and the marsh fever. Frank says, the Hollanders are such a cold-blooded people, that nothing but their ardent spirits keeps them from breeding back into fishes; be that as it may, I have certainly seen a Dutch youngster, no bigger than your own little Peter, junior, toss off his glas of schnapps, as they call it, as if it was to save him from turning into a sprat.“ Immer wieder diese Ansätze von Fischmenschmischwesen, bei den alten Sumerern, Akkadern, Chaldäern, in afrikanischen Buschmythen und neuzeitlichen Mangas und nun auch bei den Niederländern der Spätromantik, aus Sicht der verantwortlichen Briten. Es muß mit der Sehnsucht nach dem Davontreiben zu schaffen haben, mit der Sehnsucht nach der Einheit mit den Elementen, vielleicht auch der Sehnsucht nach Verschwommenheit und Stille, welche letztere in der Moderne nurmehr vorübergehend und in Absolutheit eigentlich überhaupt nicht zu haben ist. Mag daran liegen, daß sich das Dröhnen der Geschichte der Natur überlagert hat, ich kann nur jedem raten, sich die Geräusche des Rheins einmal vom Drachenfels aus anzuhören, es ist das Röhren der Zivilisation, dem ein wunderbares Panoramafoto mit kleinen Schönheitsfehlern vorgeschoben die Welt wie auf einer Fotoshopvorlage zusammenfaßt: die Ebenen der einzelnen Epochen werden einfach geschichtet und verschmolzen, das aus ihren Zwischenräumen gequetschte Dröhnen sammelt sich in geografischen und sonstigen Kuhlen und wummert dort vor sich hin. Manchmal kommt dabei eine fantastische Musik heraus, wie gestern, als ich zufällig die Deutzer Brücke als Quelle einer tranceartig ächzenden Tonfolge ausmachte, fünf, sechs weitere Flaneure hatten es auch bemerkt, sonst niemand, und nach einigen Minuten brach sie wieder ab, eine tödlich schöne Musik, für einige Herzschläge aus dem allgemeinen Dröhnen geschält. Da wären wir bei lebenden (musikalischen) Brücken, ein wieder anderes Thema.