Monatsarchiv für April 2009

 
 

Rheinstring

Ort ist Unort. Erstens sowieso und zweitens
wenn die Nymfen steigen, heillos unterwegs
ins Filibrieren an den tonlos fast gedämpften
Rändern zigstelmillimeterdürrer Schnüre, dh
gewundner Regenbögen aus Dinkelmalz und
Sonnenkraft. wie Libellen, wie Maschinen
wenn sie filigran wie tödlich jenen siebten
Sinn bedienen, der die Hinterschädel spült
grad wenn die Orte weiterwandern. sich
andern Orten überlagern, wenn sie wogen
sozusagen, eingerollte Dimensionen hinterm
Auwald, offne Linien, die sich ziehn in ab-
gedeichter Wirklichkeit. Kuckucksrufe. Bunt-
spechthämmern. Stringnahtzwitschern. Ort
ist Schwemmland, Ostermoos, sumpf, bald
und orientierungslos. der Rückwärtsruck, das
Inselleben, Raumdefekte, Nymfenschweben
zwischen himmelblauen Blicken wabert Sinn

Steinmauern

Mittagsstille in Steinmauern. Die Altmurg rinnt durchn Ort, farblich Kloakenbräu. Im Niesel der Freilichtpart der Dauerausstellung zur Ortsgeschichte: alles über die Flößerei, behütet von einem winzigen St. Nikolaus hinter Bilderstöckelvitrine. Vor allem im 17. und 18. Jahrhundert blühte der Holzhandel mit Holland: floßfreundliche Tannen und Fichten, von Murgknechten talwärts gelenkt und den Rheinknechten zur weiteren Wertsteigerung übergeben. Zwölf Wochen dauerte günstigenfalls eine Tour vom Schwarzwald bis Dordrecht, und die aus mehreren Lagen zusammengebauten Flöße erreichten 300 Meter Länge, 35 Meter Breite und nahmen bis zu 600 Mann Besatzung auf. Schwimmende Dörfer sozusagen. Eine übliche Ladung bestand neben dem Holz aus 20.000 Kilo Brot, 10.000 Kilo Fleisch, je 700 Kilo Butter und Dörrfleisch, vier Kubikmetern Hülsenfrüchten, einem Kubikmeter Salz, 80.000 Litern Bier und einigen Faß Wein, in den Stallungen an Bord stand zahlreiches Vieh, jeden Tag wurde mindestens ein Ochse verspeist. Einem solchen Kapitalfloß fuhr stets ein Wahrschauer weit voraus, um den Flußverkehr vor der Ankunft des schwer manövrierfähigen Giganten zu warnen (die Streichen genannten Floßruder waren von einem Mann allein nicht zu bewegen). Von Germersheim bis Rotterdam waren 53 Zollstationen zu passieren, der Holzverkauf in Holland streckte sich bisweilen über Wochen und Monate und dennoch lohnte der Verdienst nicht übel. Auf dem Rückweg schlief der Floßherr nachts traditionell mit dem Kopf auf der Geldkatze, die bis zu 100.000 Gulden enthalten konnte, eine für damalige Zeiten angeblich fantastische Summe. Zum Einbinden der Flöße und ihrer Lasten wurden in Steinöfen sogenannte Wieden gebäht, dh mäßig erhitzt, bis der Saft der benutzten Tannen- und Fichtenstangen zu kochen und verdunsten begann, schließlich die Rinde knallend aufplatzte und die Stangen drehfähig waren. So ein Wiedeofen steht zur Volksbildung heuer unter freiem Steinmauerner Himmel. 1913 wurde die Murgflößerei eingestellt, ein Foto zeigt die letzten vier Flößer, drei mit Namen Götz plus einen Herrn Trudbert Fettig, denen noch die alten Steuerbefehle „Frankreich“ und „Hessenland“ (statt wie in der Schifffahrt „backbord“ und „steuerbord“) geläufig gewesen sein mögen. Abgerundet wird dieser hübsche, beiläufige Bildungsflecken von einem felsenbirnenumstandenen Kinderspielplatz sowie zwei Mooreichen, fossile Stämme, aus dem Goldgraben geborgen, der ältere zählt 5000 Jahre, und auf beiden sprießts und knospts: zarte Frühjahrskeime. An Steinmauerns Ortsgrenze nieselts in die kanalisierte Murg, einen stahlblauen Strahl zwischen saftigen Wiesen. Mauersegler zischen unter der Straßenbrücke hindurch, die den Dopplereffekt der sie querenden Wagen durch den Wolf dreht, in einen akustischen Trichter jagt und dabei eine Art Schlauchrauschen produziert, das man mal gehört haben sollte. 1848 entkam der Revolutionär Carl Schurz hier zwischen Murg und Rhein in einem Kahn auf eine Insel, von der ihn französische Zöllner in die Freiheit lotsten, während 19 seiner Kameraden eingeschlossen und erschossen wurden. Das Dröhnen hatte seinerzeit noch andere Dimensionen. Heute wieder: gen Schwarzwald tiefe Nieselhimmel, von Überlandleitungen elegant verknüpft, die milde Spannung an die Wolken abgeben, darunter bärlauchdünstende Wälder.

Hungersnot in Breisach

Das südbadische Breisach ist eine der am häufigsten belagerten Städte Deutschlands gewesen. In Dielhelms Antiquarius findet sich eine Stelle, welche die Auswirkungen einer viermonatigen Belagerung während des dreißigjährigen Krieges auf die Lebensmittelbeschaffung dokumentiert: “Währender Hungersnoth hat man in der Stadt Brod von Haber, Kleyen und Eichenrinden gebacken, imgleichen Pferd= und anderer Thiere Häute gegessen. Ein viertel, oder halb Malter Kleyen galt damals 132. Gulden, ein Pfund Kleyenbrod 36. Batzen, ein Laib Brod vier Reichsthaler, ein Ey einen Gulden, ein Huhn 5. Gulden, ein Pfund Butter 4. Gulden 6. Batzen, ein Pfund Saltz 12. Batzen, ein Apfel 3. Batzen, ein Kürbis 7. Gulden, ein Pfund Roßfleisch 7. Batzen, ein Pfund Roßkutteln 7. Batzen, zwey Hinterviertel von einem Hund 7. Gulden, ein Pfund Hundsfleisch 7. Batzen, eine Ratze 1. Guld. In Summa, die Hungersnoth war so groß, dass alle Hunde und Katzen, Ratzen und Mäuse verspeiset, ja mehr als 2000. Roß= Ochsen Kühe= Kälber= und Schafshäute, eine in die andere, für 5. Gulden verkauft und verzehrt wurden.”

Mitten im Hinterland

Bei Au am Rhein raus ausn Auen, hoch aufn Deich. Vom Überlandniesel weichgezeichnet die wohlgewachsnen Schwarzwaldrücken. Im frühlingsgrünen Tal: Fischervereine, Obstwiesen, Imkereien. In großzügiger Manier drüber weggetupft: Gottes jahreszeitlicher Apfelblütenpointilismus. Dann doch nochmal kurz rein in die Auen, hier verläuft der Goldkanal, aus dem Göring die letzten Gramm Rheingold fördern und sich daraus einen Nibelungenring schmieden ließ. Gegenüber im Elsaß liegen Mothern und Munchhausen. (Eine Liste der elsässischen Ortsnamen fertigen!) Auf Illingen zu weist ein Schild ins Nichts: „Badische und deutsche Küche“. Da gibt es Unterschiede. Im Doppeldorf Elchesheim-Illingen beherbergt die Kirche das „Museum der Arbeit“ – stilvoll hat es nur jeden zweiten Sonntag für kurze Zeit geöffnet. Die Bushaltestelle am Museum der Arbeit ist mit „Heimatmuseum“ ausgewiesen. Heimat ist Arbeit. Und Arbeit ist Heimat. Es ist früher Nachmittag unter der Woche: da haben alle zwonhalb Läden im Ortskern geschlossen. Doch außerhalb des Ortskerns spielt sich ein Weniges an Leben ab. Wie überall im badischen Hinterland markiert der E aktiv markt das gesellschaftliche Zentrum, in diesem Fall ein luftiger, heller, von einer Mittelsäule gestützter Holzkuppelbau, dessen penibel nach antiken Mosaikregeln sortierte Regale so gut wie alles vorstellbar Käufliche bieten, in kunterbunte Hüllen fein säuberlich verpackt und mit einer Ordentlichkeit aufgereiht, daß nirgends ein Millimeter vorsteht und man sich vorab schämt, etwas in diesem perfekten Kosmos zu verrücken. Angesichts der Regalfülle ist der Supermarkt (ein solcher ist es tatsächlich im Wortsinn) sehr dünn besucht; hinter der kombinierten Wurst-, Fisch- und Käsetheke bewegen sich wegen örtlicher Interferenzen kaum wahrnehmbare Bedienungen in einem eigens für sie erfundenen Tempo, sorgen wohl frühmorgens für das sinnliche Thekendekor aus Plastikkrebsen, geschreddertem Eis, sowie Austern- und Jakobsmuschelschalen, lassen den Tag fortan einen lieben Bruder sein, und wenn sie gen Kaffee- und Kuchenzeit dem Fremden einen Olivenring mit Lyoner belegen, so kommt er nicht umhin zu konstatieren: „Hier werden die Dinge noch mit Liebe gemacht.“ Vor dem E aktiv markt liegt ein regennasser Parkplatz, auf dem sich Autos wie bei einem in Zeitlupe praktizierten Gesellschaftsspiel verschieben. Verschwommen grüßen freundliche Menschen hinter Brillengläsern und verwandeln sich in kleine schillernde Fischchen oder Benzinpfützen. Die Kirchglocke schlägt. Es ist sehr schön hier, doch treibt mich das Wissen um die dortige Volksschauspiel-Freilichtbühne nach Ötigheim oder Etche bzw. Etje wie die Einheimischen sagen. Dieselbe liegt auf einer leichten Anhöhe, erreichbar über einen Kreuzweg mit 14 Stationen inkl. Wiederauferstehung. Die Tore zum Gelände sind verschlossen und kaum zu überklettern. Mitten in meine Enttäuschung ertönt aus unbekannter Himmelsrichtung plötzlich vehementes Geschimpfe aus Frauenhals, es scheint ernsten Streit zu geben, eine Männerstimme mischt sich ein, Mord und Totschlag liegen in der Luft als die Frauenstimme zum zweiten und dritten Mal „zum Donnergrummel!“ verlauten läßt wird allmählich klar: es kommt aus Richtung Bühne, es laufen Proben im Regen. Rückkehr über Elchesheim-Illingen, Bernies Bistro hat nun geöffnet, die Gemeinde vom Vorabend (und den andern Abenden vor dem Vorabend) findet sich allmählich ein, Berni erzählt von sommerlichen Dorffesten, die wegen des Doppeldorfcharakters eben auch alle doppelt stattfänden. Als ich in die Runde frage, ob Elchesheim-Illingen denn für irgendetwas Besonderes stünde, kommt es wie aus der Pistole geschossen: „Nein, so etwas gibt es hier nicht.“

In den Rheinauen

Durch die südlichen Karlsruher Wälder im seichten Niesel auf Rheinstetten zu. Am Epplesee (eine der zahlreichen Kiesgruben der oberrheinischen Baggerseenplatte) üben Kite- und Windsurfer. Rheinstetten: dorfidyllische Durchfahrt, Siedlungsklötze in den Seitenstraßen, Habitate für Badeunfälle und Brudermord. In der Auslage des örtlichen Souvenirshops – erstaunlich: es gibt einen – „Rheinstettener Häffele“, Steinguttassen und ein Teleskop, das die Welt nach möglichen Käufern lokaler Souvenirs absucht. Der ein oder andere Erlöser aus Stein überblickt ruhige Straßenecken vom Kreuz herab. Rheinstetten-Mörsch: Hier schlägt die Nachtigall, hier spielt man Motoball – einen typisch-durchgeknallten Provinzsport, der es vor 35 Jahren sogar bis in die Sonntagssportschau brachte: Fußball mit Motorrädern (heute natürlich permanent auf Youtube zu finden). Auf Neuburgweier zu wird auf naturgeschützter Feuchtfläche die Wasserkastanie angebaut, ein Rettungsversuch der in Deutschland vom Aussterben bedrohten Pflanze, deren glasige Früchte eingedost in jedem asiatischen Supermarkt der Rheinschiene zu finden sein dürften: „Das Entnehmen von Pflanzen und Tieren aus der Landschaft ist verboten!“ Krebslöcher im Uferschlamm. Die Krebse sind amerikanische Invasoren, den einheimischen Edelkrebs haben sie verdrängt. Die Natur selbst schert sich einen Scheiß um Naturschutz und fährt stattdessen einfach fort in ihrem Drang, zu verfallen und sich zu erneuern. Die umgebende Landschaft breitet ihr zuckriges Idyll (Blütentupfer auf Streuobstwiese) vor Kraftwerkschloten. Bei Neuburgweier pendelt die Rheinfähre hinüber in die Pfalz, am gegenüberliegenden Ufer verläuft knapp südlich die Grenze zu Frankreich. Am Fährparkplatz sitzen Einheimische in ihren Autos, die Kühler auf den Strom gerichtet, und lesen Boulevardblätter – eine Mode, die mir bisher hauptsächlich von den britischen Küsten berichtet wurde. Hinein in die Auwälder. Die Altrheinarme entfalten selvatische Idyllen, ich fühle mich in einen Tom Sawyer und Huckleberry Finn-Film versetzt, jetzt bräuchts ein Kanu! Gedrückte Fasanenschreie, der Kuckuck ruft, immer wieder die Nachtigall, vom Deich her faucht ein badischer Greif, ich brabble ein paar Beschwichtigungsformeln in seinem Heimatdialekt, und er winkt ab. Kanadagänse. Die Weinbergschnecke hat sich zum Aufbruch entschlossen, kreuzt die regenfeuchten Wege auf ihrem Kurs von Unterholz zu Unterholz. Klassisch am Ufer dümpelnde Nachen, Fischerhütten, behauste Kleinstinseln, hier scheint ein Klecks aus dem Topf der Geschichte neben den Fortschritt geschwappt und sich gegen alle Widrigkeiten fast vollständig konserviert zu haben. Alle Viertelstunde nur unterbrochen das Auenwunder von Jets im Anflug auf Baden Airport. Nebst kleineren Zivilsationszeichen wie betonierten Furten herrschen Frühlingsgrün, Sumpfaue, menschenleerer Mittelwald: „Feuer machen, Zelten, sowie das Baden von Tieren verboten!“

Rheingrundlagen

In der sogenannten jüngeren Edda des Snorri Sturluson (die verwirrenderweise als die historisch ältere gilt) werden die Grundlagen für das mittlere bis nördliche Europa (sowie der ansässigen Dichtkunst) geklärt. Natürlich suche ich auf Hinweise auf den Rhein: „Vor vielen Zeitaltern, als die Erde geschaffen wurde, entstand auch Niflheim, und in seiner Mitte liegt die Quelle, die Hwergelmir heißt. Aus ihr entspringen die Flüsse mit diesen Namen: Swöll, Gunnthra, Fjörm, Fimbulthul, Slid und Hrid, Sylg und Ylg, Wid, Leipt. Gjöll ist der Pforte zur Hel am nächsten.“ Schöne Flußnamen ohne lautliche Nähe zum Rhein. (Leipt? Naja.) Womöglich ist der auch viel später erst entstanden. Denn hier geht es um die Zeit des Reifriesen Ymir, aus dessen Kadaver die Welt enstand. Nicht ganz mit heutiger Logik erschließbar, denn bevor die Welt erschaffen wurde, lebte auf ihr bereits eine Kuh, welche Salz von bereiften Felsen leckte und Ymir mit vier Milchströmen nährte: „Am ersten Tag, an dem sie die Steine leckte, kam aus ihnen am Abend Menschenhaar zum Vorschein, am zweiten Tag der Kopf eines Mannes. Am dritten Tag war ein ganzer Mann da; der wird Buri genannt. Er war von schöner Gestalt, groß und stark. Er hatte einen Sohn, der Borr hieß.“ Borrs Söhne wiederum erschlugen den Reifriesen Ymir: „Sie nahmen Ymir, schafften ihn ins Ginnungagap (= der Schlund der Urleere) und erschufen aus ihm die Erde: aus seinem Blut das Meer und die Gewässer; die Erde wurde aus seinem Fleisch gemacht, die Berge aus den Knochen. Die Steine und Geröll machten sie aus seinen Zähnen, den Backenzähnen und aus den Knochen, die zerbrochen waren. Von dem Blut, das aus den Wunden floß und sich ausbreitete, schufen sie das Meer. Und als sie zusammen die Erde erschaffen und sie befestigt hatten, leiteten sie dieses Meer rings um sie herum. Sie nahmen auch seinen Schädel, machten daraus den Himmel und setzten ihn an vier Ecken auf die Erde. Und in jede dieser Ecken stellten sie einen Zwerg: Austri, Westri, Nordri und Sudri. Dann griffen sie nach den Funken, die herumflogen und aus Muspellsheim emporgeschleudert wurden. Sie befestigten sie mitten im Ginnungagap oben und unten am Himmel, damit sie Himmel und Erde erleuchteten. In der Mitte der Erde errichteten sie einen Wall um die Welt, gegen die Angriffe der Riesen. Für diese Befestigung nahmen sie Ymirs Wimpern. Dann nahmen sie sein Gehirn, warfen es in die Luft und machten daraus die Wolken.“ Die Menschen wurden dann später aus Baumstämmen erschaffen. Daher auch die knorrigen Namen dieser Urwesen, Asen, Riesen, Zwerge, Elben, Berserker, Walküren, Nornen und Menschen, die letztlich einander gegenseitig bedingen. Es war jedenfalls ein kraftvolles Leben voller viperngezügelter Wolfsritte und Geschichten davon, warum der Lachs hinten schmal ist (Thor packte ihn einst, doch er glitt ihm durch die Hände, erst am Schwanz bekam er ihn zu fassen). In der älteren Edda (also der historisch jüngeren) in Simrocks Übersetzung der Atli-Sage ist vom Schwarzwald und tatsächlich namentlich vom Rhein die Rede, der mit einem verderblichen Schatz schalten soll. Ob der Rheineuforiker Simrock seinen Fluß dort einfach eingeschmuggelt hat oder ob das Original diese Herleitung offen anbietet, bleibt zu klären.

Bekenntnis

“In unseren Adern fließt kein Blut
in unseren Adern fließt der Rhein”
(Microphone Mafia)

Pumpernickel am Rhein

Rheinische Tischsitten und Abendunterhaltung schildert kurz nach Thomas Hood auch William Makepeace Thackeray mit satirischer Note im 62. Kapitel „Am Rhein“ seines satten viktorianischen Gesellschaftsromans Vanity Fair, or, a Novel without a Hero, erschienen 1847/48. Wieder mal ist eine bunte Reisegesellschaft von London in die Sommerfrische aufgebrochen, um sich an zahlreichen Rheinzielen in je geeigneter Weise zu verlustieren. Die folgende Szene spielt im fürstlichen Flecken Pumpernickel, einem jener beinahe schon mythischen Orte am Mittelrhein, welche die gebildeten Engländer seinerzeit magisch anzogen: „It was at the little comfortable Ducal town of Pumpernickel (that very place where Sir Pitt Crawley had been so distinguished as an attache; but that was in early early days, and before the news of the Battle of Austerlitz sent all the English diplomatists in Germany to the right about) that I first saw Colonel Dobbin and his party. They had arrived with the carriage and courier at the Erbprinz Hotel, the best of the town, and the whole party dined at the table d’hote. Everybody remarked the majesty of Jos and the knowing way in which he sipped, or rather sucked, the Johannisberger, which he ordered for dinner. The little boy, too, we observed, had a famous appetite, and consumed schinken, and braten, and kartoffeln, and cranberry jam, and salad, and pudding, and roast fowls, and sweetmeats, with a gallantry that did honour to his nation. After about fifteen dishes, he concluded the repast with dessert, some of which he even carried out of doors, for some young gentlemen at table, amused with his coolness and gallant free- and-easy manner, induced him to pocket a handful of macaroons, which he discussed on his way to the theatre, whither everybody went in the cheery social little German place. The lady in black, the boy’s mamma, laughed and blushed, and looked exceedingly pleased and shy as the dinner went on, and at the various feats and instances of espieglerie on the part of her son. The Colonel–for so he became very soon afterwards–I remember joked the boy with a great deal of grave fun, pointing out dishes which he hadn’t tried, and entreating him not to baulk his appetite, but to have a second supply of this or that. It was what they call a gast-rolle night at the Royal Grand Ducal Pumpernickelisch Hof–or Court theatre–and Madame Schroeder Devrient, then in the bloom of her beauty and genius, performed the part of the heroine in the wonderful opera of Fidelio. From our places in the stalls we could see our four friends of the table d’hote in the loge which Schwendler of the Erbprinz kept for his best guests, and I could not help remarking the effect which the magnificent actress and music produced upon Mrs. Osborne, for so we heard the stout gentleman in the mustachios call her. During the astonishing Chorus of the Prisoners, over which the delightful voice of the actress rose and soared in the most ravishing harmony, the English lady’s face wore such an expression of wonder and delight that it struck even little Fipps, the blase attache, who drawled out, as he fixed his glass upon her, “Gayd, it really does one good to see a woman caypable of that stayt of excaytement.” And in the Prison Scene, where Fidelio, rushing to her husband, cries, “Nichts, nichts, mein Florestan,” she fairly lost herself and covered her face with her handkerchief. Every woman in the house was snivelling at the time, but I suppose it was because it was predestined that I was to write this particular lady’s memoirs that I remarked her.“

Dormagen

Beim Blättern im Großen Conrady stoße ich auf drei Gedichte Mathias Schreibers (Fließband, Landschaft bei Dormagen, Tradition), die allesamt als Kritik am Zustand der Gesellschaft gelesen werden können/dürfen/sollen. Entstanden sind sie in der goldenen Ära der Bundesrepublik zwischen den späten 60ern und den frühen 80ern. 2009 ist nun, passend zur Weltwirtschaftskrise, von verschiedenen Seiten zu einem kurzen Modejahr der wiederbelebten/wiederzubelebenden politischen Lyrik ausgerufen. Daß lyrische Texte, die sich stärker mit gesellschaftlichen Realitäten als mit komplexen Innenleben befassen, auch heuer wieder eine breite Resonanz finden könnten scheint fraglich. Die Lyrik mit ihren selbstreflexiven Ansprüchen ist ihrer Leserschaft entglitten. Vor 30, 40 Jahren soll es zumindest noch anders gewesen sein und ich wäre interessiert, wieweit etwa das Gedicht „Landschaft bei Dormagen“ (das von den drei oben genannten allein vermittels seiner Ortswahl die vordergründigsten Bezüge zum Rhein besitzt) Rückstrahlung in die Alltagswelt, aus der es sich speist, zu leisten imstande war. Einige Ausschnitte: „Der Himmel wasserblau / wie die Todesblase / einer Riesenqualle“ – so läßt er sich auch heut noch sehen, der Himmel über Dormagen, an strahlenden Tagen, in der Luft am Werkzaun liegt dann ein schwer zu beschreibender Geruch aus Aromen von Seife und Knoblauch, oder besser: als würde seit Jahren vergeblich versucht, Knoblauch synthetisch herzustellen. „Hier werden optimistische / Hochhäuser gebaut.“ – nun stehen sie vermutlich da. Ihr Optimismus mag sich unterdessen abgenutzt haben. Ins Innere Dormagens hats mich noch nie verschlagen. Mir reichte bisher stets die zwangsweise Rheinpassage entlang der B9. Eine bräunlich wirkende Butzenscheibenkneipe namens „Zur Wacht am Rhein“ auf den letzten Atemzügen Worringens. „Ein Rübenfeld erhängt sich / an der letzten Krüppelbirke.“ – der niederrheinische Rübenfeldernachwuchs hat diesen tragischen Verlust mittlerweile adäquat ersetzt. Die letzte Krüppelbirke hingegen bleibt verschollen. „Die Chemie hebt empört / ihren stinkenden Zeigefinger.“ – fast klingts als hätte der Autor ähnliches mit seinem eigenen, natursauberen index erigendus vor. „Die Autobahn schwitzt. / Sie macht die Beine breit, / dazwischen / verbleites Grün.“ – die Erotik der Autobahn. Heuer bleifreier erhältlich. „Die Sonne fährt hundert.“ – das gefällt mir, das ist schnell, auch wenn die Sonne 2009 dank technologischer Fortschritte noch viel schneller geworden ist. „Wer von der Stadt aus / in den Erholungspark will, / muß den Friedhof passieren.“ – allein schon wegen dieses wunderbaren memento mori werde ich bei meiner nächsten Tour Richtung Norden unbedingt doch noch das Innere Dormagens erkunden und diese straight lautende lyrische Aussage (samt einiger ihrer Nebenzeilen) auf ihren Kern abklopfen.

Showtime

draußen, außerhalb der Welt; Geleeberge in
Wasserquadern, eine brandheiße Idee aus den
Staaten: von allen guten Geistern verlassene
Personen in so einer Art Rheinsuchtverfahren
von simulierten Personen simulierte Personen
(telegene Originale am Dienstagnachmittag)
Schmuggler in Klompenschuhen, realisierte
Jahrhunderte im Westend, spröde Röckchen
über sehr viel Haut, breitgrinsende Meisen-
imitate. die erste Aufgabe dividiert die Zahl
die zweite Aufgabe nochmals die dritte die
vierte Aufgabe: Räucherlachs, historische
Anspielungen auf historische Matches und
der Fortgang der Geschichte ist niemals
kannst du zweimal in dieselbe Geschichte
es ist niemals dieselbe Geschichte aus der
(draußen, außerhalb der Welt wo erstmals im
deutschen Fernsehen riesige Welsschwänze
beim Rühren luftigen Eischaums zu sehen sind)
die überlebenden Schriften dünsten, jeder
erratene Buchstabe je nach Punktzahl je nach
Schwierigkeitsgrad in sensationeller Auflösung