Rheinische Dichter und Igel

Gestern bei einer Lesung: worum es den (ober)rheinischen Dichtern geht, wohin es sie verschlägt und wie sie ums Leben kommen. Die eine meints ernst, der zweite macht Witze, beim dritten läßt sichs nicht genau unterscheiden, wieder ein andrer wird von Erleuchtungen heimgesucht. Die Karlsruher Gegend bietet für letzteres ein besonders günstiges Klima, in den 70ern und 80ern war die Illumination sogar eine derart hervorstechende lokale Erscheinung, daß man – es sei denn man bevorzugte es redlicherweise übersehen zu werden – unerleuchtet kaum auf die Straße zu gehen brauchte. So kam ich damals mit einem Mann ins Gespräch, der sich Freude nannte. Er war im Bodhi geübt und hochgradig erleuchtet und hatte sich zudem in seinem Wohnzimmer ein Zentrum gebaut, das seine Lebensenergie verdreifachte. Ein wenig knittrig wirkte er dennoch. Unter der Hand vertraute Freude mir an, daß, wohin er auch gehe, niemals Wolken über ihm stünden. Zum Beweis deutete er auf den klaren Himmel. Ich antwortete ihm, um halbwegs mitzuhalten, ich trage meinen Hut, damit meine Gedanken nicht so heftig streuen konnten, es seien nämlich auch gefährliche darunter. Das fand Freude bedenklich und lud mich ein, sein Schüler zu werden. Ganz allmählich und über die Jahre harten Lernens könne auch ich meine Lebensenergie verdreifachen und sowieso gefährliche Gedanken in harmlose deflektieren. Ich lehnte ab, das dauerte mir zu lange, und erzählte Freude naiverweise ich könne meine Lebensenergie immerhin bereits verdoppeln, und das sehr flott und auch recht ortsunabhängig, mittels einem Humpen Bier. Das helfe im übrigen auch beim Abstumpfen spitzer Gedanken. Darauf machte er sich, der Überlegenheit seiner eigenen Technik weiterhin gewiß, vom Acker, auf eine ferne Wolkengruppe zu, sie mit seiner bloßen Präsenz zu vertreiben. Zurück zu den Dichtern und wie sie enden: einer wird ins KZ verschleppt und dort mißhandelt, die andere erdolcht sich am Rheinufer. Ein dritter simmert in seiner Matratzengruft vor sich hin. Ganz exemplarische Todesfälle für einen etwas anderen Berufsstand. Von manchen Kollegen kennt man nichtmal die Namen. Wie zum Beispiel von jenem oder jener, die metaforisch Volksmund genannt wird und so manches Kleinod hervorgebracht hat, wie zum Beispiel das folgende alte Kinderlied, das mir wieder einfiel, nachdem ich letzte Nacht eine kurze Begegnung mit einem rheinischen Igel hatte:

Kleiner Igel in der Nacht
Hast wohl nicht groß nachgedacht
Wenn ich ein Zigeuner wär
Wär ich jetzt hinter dir her
Bin ich aber nich, bin ich aber nich

Kleiner Igel in der Nacht
Ich hätte dich wohl umgebracht
Ich lehmte dich
Ich büke dich
Tu ich aber nich, tu ich aber nich


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