Rheingrundlagen

In der sogenannten jüngeren Edda des Snorri Sturluson (die verwirrenderweise als die historisch ältere gilt) werden die Grundlagen für das mittlere bis nördliche Europa (sowie der ansässigen Dichtkunst) geklärt. Natürlich suche ich auf Hinweise auf den Rhein: „Vor vielen Zeitaltern, als die Erde geschaffen wurde, entstand auch Niflheim, und in seiner Mitte liegt die Quelle, die Hwergelmir heißt. Aus ihr entspringen die Flüsse mit diesen Namen: Swöll, Gunnthra, Fjörm, Fimbulthul, Slid und Hrid, Sylg und Ylg, Wid, Leipt. Gjöll ist der Pforte zur Hel am nächsten.“ Schöne Flußnamen ohne lautliche Nähe zum Rhein. (Leipt? Naja.) Womöglich ist der auch viel später erst entstanden. Denn hier geht es um die Zeit des Reifriesen Ymir, aus dessen Kadaver die Welt enstand. Nicht ganz mit heutiger Logik erschließbar, denn bevor die Welt erschaffen wurde, lebte auf ihr bereits eine Kuh, welche Salz von bereiften Felsen leckte und Ymir mit vier Milchströmen nährte: „Am ersten Tag, an dem sie die Steine leckte, kam aus ihnen am Abend Menschenhaar zum Vorschein, am zweiten Tag der Kopf eines Mannes. Am dritten Tag war ein ganzer Mann da; der wird Buri genannt. Er war von schöner Gestalt, groß und stark. Er hatte einen Sohn, der Borr hieß.“ Borrs Söhne wiederum erschlugen den Reifriesen Ymir: „Sie nahmen Ymir, schafften ihn ins Ginnungagap (= der Schlund der Urleere) und erschufen aus ihm die Erde: aus seinem Blut das Meer und die Gewässer; die Erde wurde aus seinem Fleisch gemacht, die Berge aus den Knochen. Die Steine und Geröll machten sie aus seinen Zähnen, den Backenzähnen und aus den Knochen, die zerbrochen waren. Von dem Blut, das aus den Wunden floß und sich ausbreitete, schufen sie das Meer. Und als sie zusammen die Erde erschaffen und sie befestigt hatten, leiteten sie dieses Meer rings um sie herum. Sie nahmen auch seinen Schädel, machten daraus den Himmel und setzten ihn an vier Ecken auf die Erde. Und in jede dieser Ecken stellten sie einen Zwerg: Austri, Westri, Nordri und Sudri. Dann griffen sie nach den Funken, die herumflogen und aus Muspellsheim emporgeschleudert wurden. Sie befestigten sie mitten im Ginnungagap oben und unten am Himmel, damit sie Himmel und Erde erleuchteten. In der Mitte der Erde errichteten sie einen Wall um die Welt, gegen die Angriffe der Riesen. Für diese Befestigung nahmen sie Ymirs Wimpern. Dann nahmen sie sein Gehirn, warfen es in die Luft und machten daraus die Wolken.“ Die Menschen wurden dann später aus Baumstämmen erschaffen. Daher auch die knorrigen Namen dieser Urwesen, Asen, Riesen, Zwerge, Elben, Berserker, Walküren, Nornen und Menschen, die letztlich einander gegenseitig bedingen. Es war jedenfalls ein kraftvolles Leben voller viperngezügelter Wolfsritte und Geschichten davon, warum der Lachs hinten schmal ist (Thor packte ihn einst, doch er glitt ihm durch die Hände, erst am Schwanz bekam er ihn zu fassen). In der älteren Edda (also der historisch jüngeren) in Simrocks Übersetzung der Atli-Sage ist vom Schwarzwald und tatsächlich namentlich vom Rhein die Rede, der mit einem verderblichen Schatz schalten soll. Ob der Rheineuforiker Simrock seinen Fluß dort einfach eingeschmuggelt hat oder ob das Original diese Herleitung offen anbietet, bleibt zu klären.


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