Dormagen

Beim Blättern im Großen Conrady stoße ich auf drei Gedichte Mathias Schreibers (Fließband, Landschaft bei Dormagen, Tradition), die allesamt als Kritik am Zustand der Gesellschaft gelesen werden können/dürfen/sollen. Entstanden sind sie in der goldenen Ära der Bundesrepublik zwischen den späten 60ern und den frühen 80ern. 2009 ist nun, passend zur Weltwirtschaftskrise, von verschiedenen Seiten zu einem kurzen Modejahr der wiederbelebten/wiederzubelebenden politischen Lyrik ausgerufen. Daß lyrische Texte, die sich stärker mit gesellschaftlichen Realitäten als mit komplexen Innenleben befassen, auch heuer wieder eine breite Resonanz finden könnten scheint fraglich. Die Lyrik mit ihren selbstreflexiven Ansprüchen ist ihrer Leserschaft entglitten. Vor 30, 40 Jahren soll es zumindest noch anders gewesen sein und ich wäre interessiert, wieweit etwa das Gedicht „Landschaft bei Dormagen“ (das von den drei oben genannten allein vermittels seiner Ortswahl die vordergründigsten Bezüge zum Rhein besitzt) Rückstrahlung in die Alltagswelt, aus der es sich speist, zu leisten imstande war. Einige Ausschnitte: „Der Himmel wasserblau / wie die Todesblase / einer Riesenqualle“ – so läßt er sich auch heut noch sehen, der Himmel über Dormagen, an strahlenden Tagen, in der Luft am Werkzaun liegt dann ein schwer zu beschreibender Geruch aus Aromen von Seife und Knoblauch, oder besser: als würde seit Jahren vergeblich versucht, Knoblauch synthetisch herzustellen. „Hier werden optimistische / Hochhäuser gebaut.“ – nun stehen sie vermutlich da. Ihr Optimismus mag sich unterdessen abgenutzt haben. Ins Innere Dormagens hats mich noch nie verschlagen. Mir reichte bisher stets die zwangsweise Rheinpassage entlang der B9. Eine bräunlich wirkende Butzenscheibenkneipe namens „Zur Wacht am Rhein“ auf den letzten Atemzügen Worringens. „Ein Rübenfeld erhängt sich / an der letzten Krüppelbirke.“ – der niederrheinische Rübenfeldernachwuchs hat diesen tragischen Verlust mittlerweile adäquat ersetzt. Die letzte Krüppelbirke hingegen bleibt verschollen. „Die Chemie hebt empört / ihren stinkenden Zeigefinger.“ – fast klingts als hätte der Autor ähnliches mit seinem eigenen, natursauberen index erigendus vor. „Die Autobahn schwitzt. / Sie macht die Beine breit, / dazwischen / verbleites Grün.“ – die Erotik der Autobahn. Heuer bleifreier erhältlich. „Die Sonne fährt hundert.“ – das gefällt mir, das ist schnell, auch wenn die Sonne 2009 dank technologischer Fortschritte noch viel schneller geworden ist. „Wer von der Stadt aus / in den Erholungspark will, / muß den Friedhof passieren.“ – allein schon wegen dieses wunderbaren memento mori werde ich bei meiner nächsten Tour Richtung Norden unbedingt doch noch das Innere Dormagens erkunden und diese straight lautende lyrische Aussage (samt einiger ihrer Nebenzeilen) auf ihren Kern abklopfen.


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