Rheinrausch

Den Rhein als hochwirksame Droge beschreibt offenbar unter Einfluß derselben Rudolf G. Binding (1867-1938), zu finden in dessen Gesammeltem Werk, Band II, Die Spiegelgespräche, Hamburg 1954: „Seligen Laufs unaufhaltsam führt der Rhein seine Wasser zum Meer. An hundert Städten eilt er vorüber, bei keiner verweilend, mit keiner sich mengend. Keiner gehört er: ein Wanderer ewig, voll von Sehnsucht. Er ist’s, der Rhein, der die ewige Unruhe bringt in die Landschaft wie in die Seele des Menschen. Er nur rauscht und berauscht und versteht sich aufs Rauschen. Wir sind Gefangene in seinem Anblick. Gefangener ist jeder in gleicher unerklärlicher Regung. Mag er von steinerner Brücke in Basel zwischen den unsteten Möwen in das enteilende Grün seiner Kreise schauen, mag er in ängstlichem Schiff herangesogen gegen die Enge der Schieferfelsen im Loch von Bingen mit ihm dahingleiten, mag über gewaltiger Breite stehend durch das leichte Eisengehänge der Brücke von Köln er den Strom in die Weite verfolgen, immer ist er verfallen, immer ist er entführt. (…) Rauschende Guirlanden von Wäldern begleiten von fern her den Lauf, nachdem der Strom im Knie hinter Basel entschieden den Weg durchs Herz deutscher Stämme sich bahnt. Nichts noch beengt oder neidet ihm das breite Tal. Ehrfürchtig und fern stehen Gebirge, das weite Bett ihm zu hüten. Nur Wiesenland und niedriges Gestrüpp der Ufer drängt sich unten heran und lange Reihen von Pappeln stehen unbeachtet wie niedere Diener. Doch die Gebirge, die dunklen Abfälle des Schwarzwalds und drüben die blauen Kämme der Vogesen, bekennen sich zu ihm als dem einziehenden Herrscher. In das heroischste Tal, langgestreckt wie zu siegendem Lauf, schäumen erregt und erregend die weißen Wogen der blühenden Obstbäume über die Hänge zur feuchten Sohle des Stromes hernieder und schon brüstet sich Wein in seiner Nähe. (…) Verfallende Burgen auf vordringenden Höhen suchen vergebens ein Wort. Das Leben der fließenden Straße achtet ihrer nicht mehr. Die weißen Schiffe führen mit schäumenden Rädern und Schrauben fröhliche Menschen in dichtem Gedränge zu Tal und stromauf, dazwischen reißen die schwarzen Schlepper lange Gefolgschaften dunkler Schiffsleiber mit schwarzer beschwerlicher Last hinter sich her. Tief sind die Furchen der Kiele, tief die wühlenden reibenden Wunden der Schrauben, der Anker, der Ketten. Düstere Rauchfahnen peitschen erregte Gewasser. Aber die Narben verheilen in silbernen Nähten, verrauschen hinter dem Schiff. (…) Wo zieht er hin, der nun alles erfahren? Der den Schnee sah, Berge und See, Städte und Ebene, Wein Weizen und Früchte? Der versunkene Schiffe sah, versinkende Leiber, Unselige und Selige? Zu dem Bräute kamen heimlich des Nachts? (…) Aus übervollem Herzen sich verschwendend, breitet er ins Unermeßliche sich hin. – Der Abend öffnet sich. – Die Ebene wird Strom. – Noch immer Land? – Wo bist du Meer? Wenn du nicht nahe bist: der Strom muß sich verbluten.“


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