Monatsarchiv für April 2009

 
 

Hausach

Die Lieblichkeit des Oberrheintals, abermals auf Schienen abgefahren. Paradierendes Tal: während der Kammmolch durch die regengefüllten Bombenkrater der Waldwelt wuselt, lauern im Wiesengrund bösartige Zecken auf Hunde-, Wild- und Menschenblut. So berichtet es die Zeitung, so wars bereits zu meiner Kindheit. Die Strecke Karlsruhe-Freiburg bietet im Frühjahr ein Prachtpanorama provinzieller Paradiesvorstellungen, sie tut dies auch zu allen anderen Jahreszeiten. Aprilsaftig büschelt das Grün, die Bäume pulvern mit Blütenkonfetti. Der Klee wächst zu mächtigen Gebilden, nirgendwo sonst prangt der Löwenzahn so orangegoldnen Kopfes. Unter der Erde grummelt der Spargel seine rhizomatischen Mantren und grenzt auf diese Weise seine Reviere von jenen des Engerlings ab. Greife kreisen, auf klare Areale abgepackte Industrie, dann wieder Grün mit aristokratischem Goldfasan. Mäßig bevölkerte Stilleben, die da und dort gemächlich in Bewegung kippen. Die Ansagen des Personals kommen hinterrücks, laut und in tiefstem Badisch, Herr K., der reimende Zugbegleiter, moderiert die Fahrt auf den Gängen, vertreibt den Dorfklatsch, mischt die Schwarzwaldgipfel neu: „Wann Sie naus zum Fenschder schauue / lings die Buggel, rechts die Aue / Des isch unser Badnerland / dodehinner isch net viel bekannt“. Offenburg fungiert als Verladestation, alle zwanzig Minuten wälzen sich Menschenmassen von Bahnsteig zu Bahnsteig, ansonsten ist es in Offenburg sehr ruhig, vielleicht handelt es sich bei Offenburg, mit Superlativen sollte paradoxerweise stets mäßig umgegangen werden, um eine der langweiligsten Großstädte der Welt. Der Zug biegt ins Kinzigtal, er will jetzt in den Schwarzwald hoch. Hausach ist bereits von Hügeln umgeben, Mehrstockbungalows mit Kinzigblick erinnern architektonisch an Touristenburgen, aber soviele Touristen hat Hausach nicht. Dabei könnte Hausach als literarischstes Dorf weit und breit vermarktet werden mit seinen zwei lokalen Dichtern, dem jüngst erstmals ausgeschriebenen Dorfschreiberposten und seinem „Leselenz“ genannten Lyrikfestival, doch die Oberen bevorzugen offenbar den neoliberal oder einfach nur seniorengerecht angehauchten Slogan „Kaufkraft City“. Kaufkraft mag in Hausach durchaus vorhanden sein; zu kaufen gibt es im Dorf allerdings nichts außergewöhnliches. Das merken auch die Ausflüglermassen im Fahrrad- oder Wanderstau am Kinzigufer. Die Sonne scheint lehrbuchgerecht, es ist Flößerfest, dh, ein traditionelles Holzfloß wird die Kinzig hinabgeschwemmt- und gelenkt, um mit Musik, Bier und Wurst in Hausach haltzumachen (die Hausacher Kaufkraft zu wecken) und an die guten alten Zeiten mit noch viel höherer Kaufkraft zu erinnern. Nach ein paar Stündchen legt das imposante Gebilde, vermittels eines zuvor angestauten Wasserschwalls, wieder ab, eventtechnisch paßgenau zu abgehackter Moderation und den blechernen Tönen des Badnerlieds, intoniert von der lokalen Blaskapelle. Rund um Hausach schwingen sich die Hügel zu sanften, den Abend beschattenden Bögen, vom Burgturm bewacht schwindet ein weiterer Tag, schleift seinen Schwanz durch Ein- und Ausgänge des malerischen Tals und läßt ein Pfund Tradition in der Luft stehen, das man mal auf seine Handycam bannen kann. Einer der beiden lokalen Lyriker zeigt mir – für alle, die immer schon wissen wollten, worüber Dichter sich bei ihren klandestinen Treffen so unterhalten – seine Fußballautogrammsammlung und ein Foto, das ihn Arm in Arm mit dem jungen Beckenbauer zeigt, schnell noch ein Glas Wein, dann geht’s der glitzernden Kinzig nach, die ihre Geheimnisse geschickt in klarstem Wasser löst und wohl etwas länger befragt werden muß, bevor sie Tieferes preisgibt.

Simplizissimus im Rhein (2)

„Weil denn wegen der vielen Würbel, die es rund um mich herum gabe und von den Wurzeln und Ästen des Baums verursacht wurden, ohne Lebensgefahr weder zu mir zu schwimmen, noch mit großen und kleinen Schiffen zu mir zu fahren war, als erforderte meine Hülf lange Bedenkzeit; wie aber mir unterdessen zumut gewesen, ist leicht zu erachten: Zuletzt schickten sie zween Kerl mit einem Nachen oberhalb meiner in den Fluß, die mir ein Seil zufließen ließen, und das eine End darvon bei sich behielten, das ander End aber bracht ich mit großer Mühe zuwegen und band es um meinen Leib so gut ich konnte, daß ich also an demselben, wie ein Fisch an einer Angelschnur, in den Nachen gezogen und auf das Schiff gebracht wurde. Da ich nun dergestalt dem Tod entronnen, hätte ich billich am Ufer auf die Kniee fallen und der göttlichen Güte vor meine Erlösung danken, auch sonst mein Leben zu bessern einen Anfang machen sollen, wie ich denn solches in meinen höchsten Nöten gelobt und versprochen. Ja hinder sich naus! Denn da man mich fragte, wer ich sei? und wie ich in diese Gefahr geraten wäre? fieng ich an, diesen Burschen vorzulügen, daß der Himmel hätte erschwarzen mögen; denn ich dachte, wenn du ihnen sagst, daß du sie hast plündern helfen wollen, so schmeißen sie dich alsbald wieder in den Rhein; gab mich also vor einen vertriebenen Organisten aus und sagte, nachdem ich auf Straßburg gewollt, um über Rhein irgendeinen Schul- oder andern Dienst zu suchen, hätte mich eine Partei erdappt, ausgezogen, und in den Rhein geworfen, welcher mich auf gegenwärtigen Baum geführt. Und nachdem ich diese meine Lügen wohl füttern konnte, zumalen auch mit Schwüren bekräftigte, wurde mir geglaubt, und mit Speis und Trank alles Gutes erwiesen, mich wieder zu erquicken, wie ichs denn trefflich vonnöten hatte.“

Simplizissimus im Rhein

Der abenteuerliche Simplizissimus Teutsch, der größte aller deutschen Romane (inkl. Odyssee, Robinsonade und Thomas Mann-Stil), enthält, neben vielen rheinischen Schauplätzen und Denkweisen, natürlich auch eine vollwertige Rheinpassage: „Also giengen nun unser neunzehn einsmals miteinander durch die Undermarkgrafschaft hinauf, oberhalb Straßburg einem Basierischen Schiff aufzupassen, wobei heimlich etliche weimarische Offizierer und Güter sein sollten. Wir kriegten überhalb Ottenheim ein Fischernachen, uns damit überzusetzen und in ein Werd zu legen, so gar vortelhaftig lag, die ankommende Schiff ans Land zu zwingen, maßen zehen von uns durch den Fischer glücklich übergeführt wurden; als aber einer aus uns, der sonst wohl fahren konnte, die übrigen neune, darunter ich mich befande, auch holte, schlug der Nachen ohnversehens um, daß wir also urplötzlich miteinander im Rhein lagen. Ich sahe mich nit viel nach den andern um, sondern gedachte auf mich selbst. Ob ich mich nun zwar aus allen Kräfte spreizte, und alle Vörtel der guten Schwimmer brauchte, so spielte dennoch der Strom mit mir wie mit einem Ballen, indem er mich bald über – bald under sich in Grund warf; ich hielte mich so ritterlich, daß ich oft über sich kam, Atem zu schöpfen; wäre es aber um etwas kälter gewesen, so hätte ich mich nimmermehr so lang enthalten und mit dem Leben entrinnen können: Ich versuchte oft ans Ufer zu gelangen, so mir aber die Würbel nit zuließen, die mich von einer Seite zur andern warfen, und ob ich zwar in Kürze unter Goldscheur kam, so wurde mir doch die Zeit so lang, daß ich schier an meinem Leben verzweifelte. Demnach ich aber die Gegend bei dem Dorf Goldscheur passiert hatte und mich bereits drein ergeben, ich würde meinen Weg durch die Straßburger Rheinbrücke entweder tot oder lebendig nemmen müssen, wurde ich eines großen Baums gewahr, dessen Äste unweit vor mir aus dem Wasser herfürreichten; der Strom gieng streng, und recta drauf zu, derhalben wandte ich alle übrige Kräften an, den Baum zu erlangen, welches mir denn trefflich glückte, also daß ich beides, durchs Wasser und meine Mühe auf den größten Ast, den ich anfänglich vor einen Baum angesehen, zu sitzen kam; derselbe wurde aber von den Strudeln und Wellen dergestalt tribuliert, daß er ohn Unterlaß auf und nieder knappen mußte, und derhalben mein Magen also erschüttert, daß ich Lung und Leber hätte ausspeien mögen. Ich konnte mich kümmerlich darauf halten, weil mir ganz seltsam vor Augen wurde; ich hätte mich gern wieder ins Wasser gelassen, befand aber wohl, daß ich nit Manns genug wäre, nur den hunderten Teil solcher Arbeit auszustehen, dergleichen ich schon überstritten hatte; mußte derowegen verbleiben und auf ein Ungewisse Erlösung hoffen, die mir Gott ungefähr schicken müßte, da ich anderst mit dem Leben davonkommen sollte. Aber mein Gewissen gab mir hierzu einen schlechten Trost, indem es mir vorhielt, daß ich solche gnadenreiche Hülfe nun ein paar Jahr her so liederlich verscherzt; jedoch hoffte ich ein bessers und fieng so andächtig an zu beten, als ob ich in einem Kloster erzogen worden wäre; ich setzte mir vor, inskünftig frömmer zu leben und tät unterschiedliche Gelübde: Ich widersagte dem Soldatenleben und verschwur das Parteigehen auf ewig, schmiß auch meine Patrondäsch samt dem Ranzen von mir, und ließe mich nit anderst an, als ob ich wieder ein Einsiedel werden, meine Sünden büßen, und der Barmherzigkeit Gottes vor meine hoffende Erlösung bis in mein End danken wollte: Und indem ich dergestalt auf dem Ast bei zwei oder drei Stunden lang zwischen Forcht und Hoffnung zugebracht, kam dasjenige Schiff den Rhein herunder, dem ich hätte aufpassen helfen sollen. Ich erhübe mein Stimm erbärmlich und schriee um Gottes und des Jüngsten Gerichts willen um Hülf; und nachdem sie unweit von mir vorüberfahren mußten und dahero meine Gefahr und elenden Stand desto eigentlicher sahen, wurde jeder im Schiff zur Barmherzigkeit bewegt, maßen sie gleich ans Land fuhren, sich zu unterreden, wie mir möchte zu helfen sein.“

Dostojewski und die Karlsruher Kanalisation

Hansgeorg Schmidt-Bergmann von der Literarischen Gesellschaft in Karlsruhe wies mich jüngst auf Dostojewski hin, welcher der oberrheinischen Metropole in den Dämonen ein weithin viel zu wenig beachtetes literarisches Denkmal setzte: “(…) „Was mich anlangt, so habe ich mich in dieser Hinsicht vollkommen beruhigt und sitze nun schon seit mehr als sechs Jahren in Karlsruhe. Und als im vorigen Jahre die städtische Behörde eine neue Kanalisation anzulegen beschloß, da fühlte ich in meinem Herzen, daß diese Karlsruher Kanalisationsfrage mir wichtiger und interessanter war als alle Fragen meines lieben Vaterlandes … was die ganze Zeit der sogenannten hiesigen Reformen anlangt.“ „Ich kann nicht umhin, Ihnen das nachzufühlen, wenn auch mit widerstrebendem Herzen“, erwiderte Stepan Trofimowitsch seufzend und ließ bedeutsam den Kopf sinken. Julija Michailowna triumphierte: das Gespräch begann tiefsinnig zu werden und von den großen Richtungen zu handeln. „Ein Rohrwerk zur Ableitung der Schmutzwässer?“ erkundigte sich der Doktor laut. „Jawohl, Doktor, eine Kanalisation, und ich habe den Herren damals sogar bei der Aufstellung des Projektes geholfen.“ Der Doktor lachte knatternd. Nach ihm lachten viele und diesmal dem Doktor gerade ins Gesicht; indes bemerkte dieser es nicht und war über das allgemeine Gelächter sehr erfreut. „Gestatten Sie mir, hierin anderer Ansicht zu sein als Sie, Karmasinow“, schaltete Julija Michailowna eilig ein. „Karlsruhe in Ehren; aber Sie mystifizieren Ihre Zuhörer gern, und wir glauben Ihnen diesmal nicht. Welcher russische Schriftsteller hat so viele allermodernste typische Charaktere geschaffen, so viele höchst aktuelle Fragen gelöst und gerade auf die Hauptpunkte hingewiesen, aus denen sich der Typus der heutzutage wirkenden Männer zusammensetzt? Und da wollen Sie uns einreden, Sie wären gegen die Heimat gleichgültig und interessierten sich gewaltig für die Karlsruher Kanalisation! Ha-ha!“ „Ja, ich habe allerdings“, lispelte Karmasinow, „in der Gestalt Pogoschews alle Mängel der Slawophilen und in der Gestalt Nikodimows alle Mängel der Freunde der westeuropäischen Kultur zur Darstellung gebracht …“ „Alle wahrhaftig nicht“, flüsterte Ljamschin leise. „Aber ich tue das nur so nebenbei, nur um irgendwie die Zeit totzuschlagen und … um all die zudringlichen Forderungen meiner Landsleute zu befriedigen.“ „Es ist Ihnen wohl bekannt, Stepan Trofimowitsch“, fuhr Julija Michailowna enthusiastisch fort, „daß wir morgen den Genuß haben werden, ein reizendes Produkt zu hören, eine der letzten, auserlesensten belletristischen Inspirationen Semjon Jegorowitschs; sie führt den Titel ›Merci‹. Er kündigt darin an, daß er in Zukunft nicht mehr schreiben werde, um keine Schätze der Welt, selbst wenn ein Engel vom Himmel oder, besser gesagt, die ganze vornehme Gesellschaft ihn bitten sollte, seinen Entschluß zu ändern. Kurz, er legt die Feder für das ganze Leben nieder, und dieses reumütige ›Merci‹ wendet sich an das Publikum und dankt demselben für das dauernde Entzücken, mit dem es so viele Jahre lang die dem ›ehrenhaften russischen Gedanken‹ von ihm ununterbrochen geleisteten Dienste begleitet hat.“ Julija Michailowna war auf dem Gipfel der Glückseligkeit. „Ja, ich werde mich verabschieden: ich werde mein ›Merci‹ sagen und wegreisen, und dort … in Karlsruhe … werde ich meine Augen schließen“, begann Karmasinow, der dem Lobe gegenüber allmählich schwach wurde. Wie viele unserer großen Schriftsteller (und große Schriftsteller gibt es bei uns sehr viele) konnte er Lob nicht vertragen und begann in solchem Falle sogleich schwach zu werden, trotz seines Scharfsinnes. Aber ich meine, das ist verzeihlich. Man sagt, einer unserer Shakespeares sei in einem Privatgespräche geradezu mit der Äußerung herausgeplatzt: „Wir großen Männer können nicht anders“ und so weiter, und er habe es überhaupt nicht bemerkt. „Dort in Karlsruhe werde ich meine Augen schließen. Uns großen Männern bleibt, wenn wir unser Werk getan haben, nichts weiter übrig, als baldigst die Augen zuzumachen, ohne nach einer Belohnung Ausschau zu halten. So werde auch ich es machen.“ „Geben Sie mir Ihre Adresse, dann will ich zu Ihnen nach Karlsruhe an Ihr Grab kommen“, bemerkte der Deutsche mit unmäßigem Gelächter. (…)”

Rheinseitenaufnahme

Umflug. Schubverbände. die hübsche Skaterin mit
ihrem fiesen Dialekt. pappelgetackerter Rhein alias
„Fluchtwege, vom Aussterben bedroht“ alias „zum
fröhlichen Barsch“ alias „unbegrenzte und mixed
media-unterstützte Dekonstruktion mit kritischer
Absicht innerhalb des Projekts des Flußselbst im
postmodernen Sinnzusammenhang des absoluten
Vorhandenseins bei gleichzeitiger Nichtexistenz“
verwischte Flügel, Einstich im Hirn (windgespielte
Hummeln aus wundgespülten Himmeln), eistichig
die Wolken. wie sie wolken. wie sich diese Tiere
aus ihnen herausschälen. an Bungee-Seilen. wuu-
aaaah! mit froschschenkeliger Sprungkraft volle
Kanüle drauf los. durch Kornblumenhimmel. uns
ins Gesicht. im Windkanal der hübschen Skaterin
laufen Schweißtests. positiv auf Feromone (die
Wimpern zu Widerhäkchen gepäppelt, von Wella
das Haar, push up-Methodik, lackiert, Indiestyle)
Visionen voll plattgefahrener Lurche, gesprenkelt
trocknender Häute am Wegrand. durch die Kamera
zu sehen, wie sie meine Masken wechseln. was
in der Natur noch fehlt sind jede Menge Screens

Rheinische Dichter und Igel

Gestern bei einer Lesung: worum es den (ober)rheinischen Dichtern geht, wohin es sie verschlägt und wie sie ums Leben kommen. Die eine meints ernst, der zweite macht Witze, beim dritten läßt sichs nicht genau unterscheiden, wieder ein andrer wird von Erleuchtungen heimgesucht. Die Karlsruher Gegend bietet für letzteres ein besonders günstiges Klima, in den 70ern und 80ern war die Illumination sogar eine derart hervorstechende lokale Erscheinung, daß man – es sei denn man bevorzugte es redlicherweise übersehen zu werden – unerleuchtet kaum auf die Straße zu gehen brauchte. So kam ich damals mit einem Mann ins Gespräch, der sich Freude nannte. Er war im Bodhi geübt und hochgradig erleuchtet und hatte sich zudem in seinem Wohnzimmer ein Zentrum gebaut, das seine Lebensenergie verdreifachte. Ein wenig knittrig wirkte er dennoch. Unter der Hand vertraute Freude mir an, daß, wohin er auch gehe, niemals Wolken über ihm stünden. Zum Beweis deutete er auf den klaren Himmel. Ich antwortete ihm, um halbwegs mitzuhalten, ich trage meinen Hut, damit meine Gedanken nicht so heftig streuen konnten, es seien nämlich auch gefährliche darunter. Das fand Freude bedenklich und lud mich ein, sein Schüler zu werden. Ganz allmählich und über die Jahre harten Lernens könne auch ich meine Lebensenergie verdreifachen und sowieso gefährliche Gedanken in harmlose deflektieren. Ich lehnte ab, das dauerte mir zu lange, und erzählte Freude naiverweise ich könne meine Lebensenergie immerhin bereits verdoppeln, und das sehr flott und auch recht ortsunabhängig, mittels einem Humpen Bier. Das helfe im übrigen auch beim Abstumpfen spitzer Gedanken. Darauf machte er sich, der Überlegenheit seiner eigenen Technik weiterhin gewiß, vom Acker, auf eine ferne Wolkengruppe zu, sie mit seiner bloßen Präsenz zu vertreiben. Zurück zu den Dichtern und wie sie enden: einer wird ins KZ verschleppt und dort mißhandelt, die andere erdolcht sich am Rheinufer. Ein dritter simmert in seiner Matratzengruft vor sich hin. Ganz exemplarische Todesfälle für einen etwas anderen Berufsstand. Von manchen Kollegen kennt man nichtmal die Namen. Wie zum Beispiel von jenem oder jener, die metaforisch Volksmund genannt wird und so manches Kleinod hervorgebracht hat, wie zum Beispiel das folgende alte Kinderlied, das mir wieder einfiel, nachdem ich letzte Nacht eine kurze Begegnung mit einem rheinischen Igel hatte:

Kleiner Igel in der Nacht
Hast wohl nicht groß nachgedacht
Wenn ich ein Zigeuner wär
Wär ich jetzt hinter dir her
Bin ich aber nich, bin ich aber nich

Kleiner Igel in der Nacht
Ich hätte dich wohl umgebracht
Ich lehmte dich
Ich büke dich
Tu ich aber nich, tu ich aber nich

Germersheim

Bei Wikipedia ist Germersheim als die Stadt des Flieders und der Nachtigall verzeichnet – ich kannte den Ort bisher lediglich en passant als einen des höllischen Gestanks und der enormen, in Deutschland führenden Selbstmordrate. Nun nähere ich mich Germersheim erstmals mit voller Absicht, um die ganze Wahrheit über das so gegensätzlich beleumundete Städtchen herauszufinden. Über die Rudolf-von-Habsburg-Spannbeton-Brücke pesen die Wagen mit Pfälzer Überlandspeed. Röhrende Auspuffe, geistige Zerdrängtheit, die bei Mach 2 in Freiheit umschlägt und nie wieder zurückkehrt. Die Karossen werden vom Horizont als winzige schwarze Endpunkte verschluckt. Neben den freiheitlich-breiten Fahrbahnen gibt es auf der Brücke schmale abgesperrte Wege für Fußgänger und Radfahrer. Das blaugestrichene Geländer korrespondiert farblich sowohl mit dem Himmel als auch mit dem Strom, die Brücke fungiert somit nicht nur als Verbindung zwischen Baden und der Pfalz, sondern auch zwischen Himmel und Erde, was manchen Germersheimer auf letzte Gedanken gebracht haben mag. Auf der Pfälzer Seite beginnt umgehend ein Verwirrspiel aus Hinweisschildern, die für sämtliche Ziele in alle, dh auch exakt gegensätzliche Richtungen weisen – wer diesen Schildern traut, bleibt am Ortsrand hängen und wird verrückt. Ganz in der Nähe verbreitet ein Klärwerk seine süßlichen Aromen (eine Art kräftigen Antimenschenspray) und treibt mich ebenso voran und davon wie die ausschließlich depressiven Gesichtszüge der Passanten, die eine Frage nach dem Weg vermutlich völlig entgleisen lassen würde. Es gibt in Germersheim keine wirklich weiten Wege und dennoch genug Platz für Wohnbaracken, die an die schlechteren Stadtviertel von Accra erinnern. Attraktion des Städtchens sind einige Meter Festungsmauer und ein paar ältere Garnisonsgebäude. Vor dem Arresthaus stehen depressiv wirkende Jugendliche mitten im Kärcherlärm der Brunnenreiniger und nuckeln an ultraschlanken Fluppen. In der Fußgängerzone herrscht gähnende Leere, immerhin existiert eine Fußgängerzone und sie wirkt individueller als die meisten anderen: zum einen verzichtet sie auf Ladenketten, die Plastikprodukte für 99 Cent verkaufen, zum anderen gibt es hier sowieso kein Publikum. Zentrale Attraktion Germersheims ist das von der Asfaltlobby gestützte Deutsche Straßenmuseum, vor dem zwei ausrangierte Planierwalzen stehen. Alles wirkt, als hätte Gott mit seiner Fliegenklatsche einmal kräftig auf das Städtchen draufgehauen. Da und dort zappelt noch etwas, jedoch so gut wie hoffnungslos. Auswärtige Radfahrer besuchen den Ort, stärken sich in der lokalen Gastronomie, um Germersheim dann möglichst schnell wieder hinter sich zu lassen. Die Stimmung ist selbst bei bester desinfizierender Sonnenstrahlung traurig und stark ansteckend. Unten am Rhein haben sich ein paar Menschen versammelt und starren hilflos auf den begradigten Strom. An der Eisenbahnbrücke ein Graffito: „BILD-Leser wissen mehr als die Wahrheit“

Karlsruhe und Umgebung (2)

Bei Rheinkilometer 375 läuft der Strom mit starkem Sog in die Auwälder aus. Schauflug und Schautauchen der Kormorane werden begleitet von Pappelrauschen und silberreinem Rotkehlchensang. Hin und wieder ruft der wilde Kuckuck auf Selbstfindung seinen bezeichnenden Namen durch Gestrüpp und Wipfel. Alt-Dettenheim wurde mitsamt seinen Malariasümpfen im Zuge von Tullas Rheinbegradigung so gut wie ausgelöscht, dh, es besteht noch aus zwei Häusern und einigen ringgebundenen Infotafeln, die von lokalen Fröschen berichten, die sich zur Paarungszeit aus unbekannten Gründen blau verfärben. In Rußheim, das sich im tiefen Tal voll grüner Au hinter einem teichrosenbestandenen Wasserlauf auftut, gibt es eine Herrgottstraße sowie äußerst schmackhafte Himbeer-Zitronenquark-Flechtteilchen, für die sich sicherlich ein schöner Name erfinden ließe, und um Mittag ein plötzliches, fantomartiges Mutterkindaufkommen, das die leergefegten, in eine trügerische Staubdunstschicht gehüllten Straßen für einen halluzinatorischen Moment belebt. Ein somnambuler Flecken, ganz und gar kontrolliert von seiner zeitlupenhaft tickenden, einzig aufs Unterbewußtsein wirkenden Kirchturmuhr. Und auch ich gerate in diesen Rußheimer Zeitstrudel, der sich ganz in der Nähe sogar zu einem Bunkermuseum verdickt, dh in seine abnehmende Quirlbewegung, die auf Stocken und Verharren weist, Speyer werde ich aufgrund dieser Verzögerung nicht mehr erreichen, ein seltsamer Zwang das Krabbeln der Feuerwanzen zu betrachten trägt dazu bei, auch die empfundene Notwendigkeit die Flugkurven gelegentlich und einzeln anfliegender Insekten zu berechnen, nicht wenige steuern direkt auf meinen Mund; dann geht ein Ruck oder ein Riß durch solche Rußheimsche Gefangenschaft, ich finde mich außerhalb Rußheims auf dem Sattel wieder und den Gießgraben querend erreicht Rheinsein das bereits im Lorscher Codex erwähnte Rheinsheim mit seinem Kleintierzuchtverein, seinen gefallenen Weltkriegshelden, seiner auffälligen Sandstein-Muttergottes-mit-dem-Kind vor der domartigen St. Vitus-Kirche, seinem aus scharfen, unübersichtlichen Kurven dringenden Durchfahrtsstraßenlärm und seinen sacht im Wind wippenden Kastanienblüten. Früher Nachmittag dümpelt über dem Ort, ich suche nach Anzeichen für das nahe Kernkraftwerk Philippsburg, ein paar Anwohner streicheln ihre Autos – nichts Besonderes.

Karlsruhe und Umgebung

Allenthalben weiße und rote Blütendolden der Roßkastanie, im Wind schwingend, fühlernd, aus der eigenen Fülle tropfend. Ergänzt um die Violetttöne von Flieder und Glyzinien. Dazwischen fahren Rentner ihre eingekorbten Katzen an Lenkstangen und auf Gepäckträgern durchn Frühling spazieren. Die Leute hocken in Biergärten und auf Straßenterrassen, trinken Kaffee, schlotzen Viertele, heben kannenweise Pils, bevorzugt unfiltriertes. Gemächlichkeit. Die Münder bewegen sich langsam beim Reden, Schmallippigkeit, heraus kommt eine gedrängte, an den Enden weich abgerundete Sprache mit einer harmonischen Amplitude. Die Lage ist ernst, das Leben muß genossen werden. Vor dem Schloß gibt es einen Platz der Grundrechte, blocksatzbeschriftete Tafeln geben Bürgerstimmen zur Verfassung wider, vor dem Verfassungsgericht patrouilliert ein einsamer Polizist im Kreuzfeuer der Sonnenstrahlen. In der Südstadt existiert ein Platz der Grundbedürfnisse, freie Vaganten geben hier ihrem Sing-, Trink- und Spieltrieb nach, gerahmt von allerlei Lädchen, Café- und Brauhausterrassen, bürgerliche und alternative Kultur strömen auf diesem Flecken ein wenig nebeneinander her, ohne sich ernsthaft zu berühren. Nach Norden geht es vornehmlich durch den Hardtwald über schnurgerade Alleenschneisen, die wirken, als wären sie mithilfe von Mittelstreckenraketen freigelegt worden. Bei Eggenstein-Leopoldshafen geht es dem Rhein zu, eine Binnendüne am Hochgestadeabfall ist als „flächenhaftes Naturdenkmal“ ausgewiesen (das fehlende Meeresrauschen ersetzt die Landstraße mit ihren vielfältigen Motorenklängen) und beherbergt eine Flora mit klingenden Namen: Silbergras, Todblume, Zahntrost, Berg-Sandrapunzel, Zierliche Kammschmiele, Hornkraut, Hirnkraut, Harnkraut, sowie eine Fauna mit bemerkenswerten, gefährdeten Schrecken, darunter der Verkannte Grashüpfer, die Kinder-, die Keulen- oder die Blauflügelige Ödlandschrecke. An der Landstraße trägt jedes zweite Gebäude das Attribut „d`Badisch“ als Inschrift, leicht zungenbrecherische Identifikation mit der eigenen Herkunft. In denselben Zusammenhang paßt ein typisch badischer Gruß: „Ah der anner!“ (Ah, der Andere), kontradiktives Unterscheiden des anonymisiert-manifesten Anderen vom (teils mombertsch-diafanen) Ichselbst.

Philosophie der Barricade

Präinkarnation. Revolution. Adelung. Biedermeier. Ekkehard. Versäkkingen. Gaudeamus: Victor von Scheffel: „Die Barricade ist ein Entwicklungs- und Durchgangsmoment im Begriff der Revolution. Die Revolution ist eine, durch ein Überwiegen und Überströmen des Geistes in der realen Welt hervorgebrachte momentane Zerstörung, aus der neues Leben entsprießt, – gleichwie die Krankheiten im Kinder und Jugendalter nur ein zu neuer Gesundheit führender Evolutionsproceß des Körpers sind; – der Geist, als Inneres existierend sucht sein Aeusseres, seine Form; die vorhandenen Formen sind ihm nicht adäquat, er zertrümmert sie und gießt die zertrümmerten Erzstücke der Objectivität in seinen jetzigen modernen Styl um.“

Rheinstring

Ort ist Unort. Erstens sowieso und zweitens
wenn die Nymfen steigen, heillos unterwegs
ins Filibrieren an den tonlos fast gedämpften
Rändern zigstelmillimeterdürrer Schnüre, dh
gewundner Regenbögen aus Dinkelmalz und
Sonnenkraft. wie Libellen, wie Maschinen
wenn sie filigran wie tödlich jenen siebten
Sinn bedienen, der die Hinterschädel spült
grad wenn die Orte weiterwandern. sich
andern Orten überlagern, wenn sie wogen
sozusagen, eingerollte Dimensionen hinterm
Auwald, offne Linien, die sich ziehn in ab-
gedeichter Wirklichkeit. Kuckucksrufe. Bunt-
spechthämmern. Stringnahtzwitschern. Ort
ist Schwemmland, Ostermoos, sumpf, bald
und orientierungslos. der Rückwärtsruck, das
Inselleben, Raumdefekte, Nymfenschweben
zwischen himmelblauen Blicken wabert Sinn

Steinmauern

Mittagsstille in Steinmauern. Die Altmurg rinnt durchn Ort, farblich Kloakenbräu. Im Niesel der Freilichtpart der Dauerausstellung zur Ortsgeschichte: alles über die Flößerei, behütet von einem winzigen St. Nikolaus hinter Bilderstöckelvitrine. Vor allem im 17. und 18. Jahrhundert blühte der Holzhandel mit Holland: floßfreundliche Tannen und Fichten, von Murgknechten talwärts gelenkt und den Rheinknechten zur weiteren Wertsteigerung übergeben. Zwölf Wochen dauerte günstigenfalls eine Tour vom Schwarzwald bis Dordrecht, und die aus mehreren Lagen zusammengebauten Flöße erreichten 300 Meter Länge, 35 Meter Breite und nahmen bis zu 600 Mann Besatzung auf. Schwimmende Dörfer sozusagen. Eine übliche Ladung bestand neben dem Holz aus 20.000 Kilo Brot, 10.000 Kilo Fleisch, je 700 Kilo Butter und Dörrfleisch, vier Kubikmetern Hülsenfrüchten, einem Kubikmeter Salz, 80.000 Litern Bier und einigen Faß Wein, in den Stallungen an Bord stand zahlreiches Vieh, jeden Tag wurde mindestens ein Ochse verspeist. Einem solchen Kapitalfloß fuhr stets ein Wahrschauer weit voraus, um den Flußverkehr vor der Ankunft des schwer manövrierfähigen Giganten zu warnen (die Streichen genannten Floßruder waren von einem Mann allein nicht zu bewegen). Von Germersheim bis Rotterdam waren 53 Zollstationen zu passieren, der Holzverkauf in Holland streckte sich bisweilen über Wochen und Monate und dennoch lohnte der Verdienst nicht übel. Auf dem Rückweg schlief der Floßherr nachts traditionell mit dem Kopf auf der Geldkatze, die bis zu 100.000 Gulden enthalten konnte, eine für damalige Zeiten angeblich fantastische Summe. Zum Einbinden der Flöße und ihrer Lasten wurden in Steinöfen sogenannte Wieden gebäht, dh mäßig erhitzt, bis der Saft der benutzten Tannen- und Fichtenstangen zu kochen und verdunsten begann, schließlich die Rinde knallend aufplatzte und die Stangen drehfähig waren. So ein Wiedeofen steht zur Volksbildung heuer unter freiem Steinmauerner Himmel. 1913 wurde die Murgflößerei eingestellt, ein Foto zeigt die letzten vier Flößer, drei mit Namen Götz plus einen Herrn Trudbert Fettig, denen noch die alten Steuerbefehle „Frankreich“ und „Hessenland“ (statt wie in der Schifffahrt „backbord“ und „steuerbord“) geläufig gewesen sein mögen. Abgerundet wird dieser hübsche, beiläufige Bildungsflecken von einem felsenbirnenumstandenen Kinderspielplatz sowie zwei Mooreichen, fossile Stämme, aus dem Goldgraben geborgen, der ältere zählt 5000 Jahre, und auf beiden sprießts und knospts: zarte Frühjahrskeime. An Steinmauerns Ortsgrenze nieselts in die kanalisierte Murg, einen stahlblauen Strahl zwischen saftigen Wiesen. Mauersegler zischen unter der Straßenbrücke hindurch, die den Dopplereffekt der sie querenden Wagen durch den Wolf dreht, in einen akustischen Trichter jagt und dabei eine Art Schlauchrauschen produziert, das man mal gehört haben sollte. 1848 entkam der Revolutionär Carl Schurz hier zwischen Murg und Rhein in einem Kahn auf eine Insel, von der ihn französische Zöllner in die Freiheit lotsten, während 19 seiner Kameraden eingeschlossen und erschossen wurden. Das Dröhnen hatte seinerzeit noch andere Dimensionen. Heute wieder: gen Schwarzwald tiefe Nieselhimmel, von Überlandleitungen elegant verknüpft, die milde Spannung an die Wolken abgeben, darunter bärlauchdünstende Wälder.

Hungersnot in Breisach

Das südbadische Breisach ist eine der am häufigsten belagerten Städte Deutschlands gewesen. In Dielhelms Antiquarius findet sich eine Stelle, welche die Auswirkungen einer viermonatigen Belagerung während des dreißigjährigen Krieges auf die Lebensmittelbeschaffung dokumentiert: “Währender Hungersnoth hat man in der Stadt Brod von Haber, Kleyen und Eichenrinden gebacken, imgleichen Pferd= und anderer Thiere Häute gegessen. Ein viertel, oder halb Malter Kleyen galt damals 132. Gulden, ein Pfund Kleyenbrod 36. Batzen, ein Laib Brod vier Reichsthaler, ein Ey einen Gulden, ein Huhn 5. Gulden, ein Pfund Butter 4. Gulden 6. Batzen, ein Pfund Saltz 12. Batzen, ein Apfel 3. Batzen, ein Kürbis 7. Gulden, ein Pfund Roßfleisch 7. Batzen, ein Pfund Roßkutteln 7. Batzen, zwey Hinterviertel von einem Hund 7. Gulden, ein Pfund Hundsfleisch 7. Batzen, eine Ratze 1. Guld. In Summa, die Hungersnoth war so groß, dass alle Hunde und Katzen, Ratzen und Mäuse verspeiset, ja mehr als 2000. Roß= Ochsen Kühe= Kälber= und Schafshäute, eine in die andere, für 5. Gulden verkauft und verzehrt wurden.”

Mitten im Hinterland

Bei Au am Rhein raus ausn Auen, hoch aufn Deich. Vom Überlandniesel weichgezeichnet die wohlgewachsnen Schwarzwaldrücken. Im frühlingsgrünen Tal: Fischervereine, Obstwiesen, Imkereien. In großzügiger Manier drüber weggetupft: Gottes jahreszeitlicher Apfelblütenpointilismus. Dann doch nochmal kurz rein in die Auen, hier verläuft der Goldkanal, aus dem Göring die letzten Gramm Rheingold fördern und sich daraus einen Nibelungenring schmieden ließ. Gegenüber im Elsaß liegen Mothern und Munchhausen. (Eine Liste der elsässischen Ortsnamen fertigen!) Auf Illingen zu weist ein Schild ins Nichts: „Badische und deutsche Küche“. Da gibt es Unterschiede. Im Doppeldorf Elchesheim-Illingen beherbergt die Kirche das „Museum der Arbeit“ – stilvoll hat es nur jeden zweiten Sonntag für kurze Zeit geöffnet. Die Bushaltestelle am Museum der Arbeit ist mit „Heimatmuseum“ ausgewiesen. Heimat ist Arbeit. Und Arbeit ist Heimat. Es ist früher Nachmittag unter der Woche: da haben alle zwonhalb Läden im Ortskern geschlossen. Doch außerhalb des Ortskerns spielt sich ein Weniges an Leben ab. Wie überall im badischen Hinterland markiert der E aktiv markt das gesellschaftliche Zentrum, in diesem Fall ein luftiger, heller, von einer Mittelsäule gestützter Holzkuppelbau, dessen penibel nach antiken Mosaikregeln sortierte Regale so gut wie alles vorstellbar Käufliche bieten, in kunterbunte Hüllen fein säuberlich verpackt und mit einer Ordentlichkeit aufgereiht, daß nirgends ein Millimeter vorsteht und man sich vorab schämt, etwas in diesem perfekten Kosmos zu verrücken. Angesichts der Regalfülle ist der Supermarkt (ein solcher ist es tatsächlich im Wortsinn) sehr dünn besucht; hinter der kombinierten Wurst-, Fisch- und Käsetheke bewegen sich wegen örtlicher Interferenzen kaum wahrnehmbare Bedienungen in einem eigens für sie erfundenen Tempo, sorgen wohl frühmorgens für das sinnliche Thekendekor aus Plastikkrebsen, geschreddertem Eis, sowie Austern- und Jakobsmuschelschalen, lassen den Tag fortan einen lieben Bruder sein, und wenn sie gen Kaffee- und Kuchenzeit dem Fremden einen Olivenring mit Lyoner belegen, so kommt er nicht umhin zu konstatieren: „Hier werden die Dinge noch mit Liebe gemacht.“ Vor dem E aktiv markt liegt ein regennasser Parkplatz, auf dem sich Autos wie bei einem in Zeitlupe praktizierten Gesellschaftsspiel verschieben. Verschwommen grüßen freundliche Menschen hinter Brillengläsern und verwandeln sich in kleine schillernde Fischchen oder Benzinpfützen. Die Kirchglocke schlägt. Es ist sehr schön hier, doch treibt mich das Wissen um die dortige Volksschauspiel-Freilichtbühne nach Ötigheim oder Etche bzw. Etje wie die Einheimischen sagen. Dieselbe liegt auf einer leichten Anhöhe, erreichbar über einen Kreuzweg mit 14 Stationen inkl. Wiederauferstehung. Die Tore zum Gelände sind verschlossen und kaum zu überklettern. Mitten in meine Enttäuschung ertönt aus unbekannter Himmelsrichtung plötzlich vehementes Geschimpfe aus Frauenhals, es scheint ernsten Streit zu geben, eine Männerstimme mischt sich ein, Mord und Totschlag liegen in der Luft als die Frauenstimme zum zweiten und dritten Mal „zum Donnergrummel!“ verlauten läßt wird allmählich klar: es kommt aus Richtung Bühne, es laufen Proben im Regen. Rückkehr über Elchesheim-Illingen, Bernies Bistro hat nun geöffnet, die Gemeinde vom Vorabend (und den andern Abenden vor dem Vorabend) findet sich allmählich ein, Berni erzählt von sommerlichen Dorffesten, die wegen des Doppeldorfcharakters eben auch alle doppelt stattfänden. Als ich in die Runde frage, ob Elchesheim-Illingen denn für irgendetwas Besonderes stünde, kommt es wie aus der Pistole geschossen: „Nein, so etwas gibt es hier nicht.“

In den Rheinauen

Durch die südlichen Karlsruher Wälder im seichten Niesel auf Rheinstetten zu. Am Epplesee (eine der zahlreichen Kiesgruben der oberrheinischen Baggerseenplatte) üben Kite- und Windsurfer. Rheinstetten: dorfidyllische Durchfahrt, Siedlungsklötze in den Seitenstraßen, Habitate für Badeunfälle und Brudermord. In der Auslage des örtlichen Souvenirshops – erstaunlich: es gibt einen – „Rheinstettener Häffele“, Steinguttassen und ein Teleskop, das die Welt nach möglichen Käufern lokaler Souvenirs absucht. Der ein oder andere Erlöser aus Stein überblickt ruhige Straßenecken vom Kreuz herab. Rheinstetten-Mörsch: Hier schlägt die Nachtigall, hier spielt man Motoball – einen typisch-durchgeknallten Provinzsport, der es vor 35 Jahren sogar bis in die Sonntagssportschau brachte: Fußball mit Motorrädern (heute natürlich permanent auf Youtube zu finden). Auf Neuburgweier zu wird auf naturgeschützter Feuchtfläche die Wasserkastanie angebaut, ein Rettungsversuch der in Deutschland vom Aussterben bedrohten Pflanze, deren glasige Früchte eingedost in jedem asiatischen Supermarkt der Rheinschiene zu finden sein dürften: „Das Entnehmen von Pflanzen und Tieren aus der Landschaft ist verboten!“ Krebslöcher im Uferschlamm. Die Krebse sind amerikanische Invasoren, den einheimischen Edelkrebs haben sie verdrängt. Die Natur selbst schert sich einen Scheiß um Naturschutz und fährt stattdessen einfach fort in ihrem Drang, zu verfallen und sich zu erneuern. Die umgebende Landschaft breitet ihr zuckriges Idyll (Blütentupfer auf Streuobstwiese) vor Kraftwerkschloten. Bei Neuburgweier pendelt die Rheinfähre hinüber in die Pfalz, am gegenüberliegenden Ufer verläuft knapp südlich die Grenze zu Frankreich. Am Fährparkplatz sitzen Einheimische in ihren Autos, die Kühler auf den Strom gerichtet, und lesen Boulevardblätter – eine Mode, die mir bisher hauptsächlich von den britischen Küsten berichtet wurde. Hinein in die Auwälder. Die Altrheinarme entfalten selvatische Idyllen, ich fühle mich in einen Tom Sawyer und Huckleberry Finn-Film versetzt, jetzt bräuchts ein Kanu! Gedrückte Fasanenschreie, der Kuckuck ruft, immer wieder die Nachtigall, vom Deich her faucht ein badischer Greif, ich brabble ein paar Beschwichtigungsformeln in seinem Heimatdialekt, und er winkt ab. Kanadagänse. Die Weinbergschnecke hat sich zum Aufbruch entschlossen, kreuzt die regenfeuchten Wege auf ihrem Kurs von Unterholz zu Unterholz. Klassisch am Ufer dümpelnde Nachen, Fischerhütten, behauste Kleinstinseln, hier scheint ein Klecks aus dem Topf der Geschichte neben den Fortschritt geschwappt und sich gegen alle Widrigkeiten fast vollständig konserviert zu haben. Alle Viertelstunde nur unterbrochen das Auenwunder von Jets im Anflug auf Baden Airport. Nebst kleineren Zivilsationszeichen wie betonierten Furten herrschen Frühlingsgrün, Sumpfaue, menschenleerer Mittelwald: „Feuer machen, Zelten, sowie das Baden von Tieren verboten!“