Monatsarchiv für März 2009

 
 

Geistreisen mit dem Rheinischen Antiquarius

Die Strömungen und Riffe des Rheinischen Antiquarius laden zum Querlesen und Verweilen, das Switchen zwischen den Jahrhunderten mit ihren seltsamen rheinischen Reichen und Sprachen macht süchtig, ich bette meinen Nacken in den langsam westwärts ziehenden Wolken, die anbetrachts der irdischen Kugelform durchaus auch ostwärts ziehen, schlage eine beliebige Stelle auf und lande bei Louis XIV, der Schenkenschanz und bedeutungslosen Verlusten: „Von dem Einfluße der Maas in die See kehren wir zurük nach unserm Rheinstrom, welcher sich, wie gemeldet, bey Schenkenschanz in zwey Ströme oder Aerme, nemlich in die Wahel, so zur Linken fließt, und die wir allererst kürzlich beschrieben haben, ferner in den Rhein theilet, der noch immer der rechte Arm bleibt. Es komt dieser von gemeldeter Festung zuvorderst auf Lobet oder Lobith, ein Schloß, Flecken und Zollhaus, so zum Herzogthum Cleve und dem Könige in Preussen gehört. Etwas weiter fort, aber auf der andern Seite, zu dem kleinen Dorfe und Schloß Tolhuys, so eine halbe Meile unterhalb Schenkenschanz, zwey kleine Meilen von Cleve, fünf von Arnheim und viere von Nimmegen im holländischen Geldern im Gebiete von der Berin liegt. Im Jahr 1672. lies der König in Frankreich Ludwig der XIV. an diesem Orte seine Armee über den Rhein setzen, nachdem ein Einheimischer von Adel dem Prinzen Condé eine Gegend gezeigt hatte, allwo auf einer Seite leicht in den Fluß hinein, und auf der andern gemächlich wieder heraus zu kommen war, daß man nicht über zweyhundert Schritte weit schwimmen dorfte. Die ganze Armee kam auch ohne sonderlicher Mühe hinüber, weil Montbas, welcher diesen Posten verteidigen solte, sich wohl zu verschanzen, keinesweges angelegen seyn lies, und sich, so bald die französische Armee anrukte, zurükzog. Es blieben zwar etliche holländische Truppen allda stehen, welche noch einigen Widerstand thaten, daß auch der Prinz von Condé selbst verwundet, der Herzog von Longueville aber nebst noch vielen andern vornehmen Herren gar getödtet wurden, allein es hatte weiter gar nichts zu bedeuten.“

Amsterdam

Das Wetter ist sonnig, in etwa halb und halb, also pack ich den digitalen Antiquarius (s. letzter Beitrag) untern Arm, wo er seine mikrosanften Fenster öffnet und mich hindurchrutschen läßt, dh, ich gelange durch das Loch, das meine Arme in gymnastischer Imitation um meinen Körper herum bilden, um dort einen durchlässigen Informationsschirm aufzubauen, mitten in die Niederlande ca. zur Mitte des 18. Jahrhunderts: „Amsterdam wird mit Recht die Perle aller Städte in der Welt und der Sitz alles Reichthums genennet. Denn es scheinet nicht anders, als ob sich alles Geld und Gut alda versamlet habe, wie sie denn mehr in Banco haben soll, als das römische Aerarium jemals gehabt. So viel ist inzwischen gewiß, daß sie die allerberühmteste Kauf- und Handelsstadt in ganz Europa ist, wo allerley Völker aus allen Theilen der Welt zusammen kommen; wie sie denn bey nahe zwey derselben, nemlich Ost= und Westindien innen hat und ihren Reichthum daraus ziehet. Es kommen zum öftern bey etliche hundert Schiffe an und unterwellen liegen auf einmal mehr als 600. von allen Orten in dasigem Hafen. Zu mancher Zeit fahren wohl auch bey 300. Segel über die Südersee zugleich dahin, daß man alsdann fast sagen solte, es liege noch ein anders Amsterdam auf dem Wasser. (…) Der Boden, worauf die Stadt stehet, ist morastig; daher alle Gebäude auf eingerammelten langen eichenen Pfählen aufgeführt sind, weswegen das Fundament zu einem solchen Bau öfters, wo nicht ein mehrers, so doch wenigstens eben so viel, als das obere Gebäude selbst kostet. Die Stadt ist inwendig in allen Gassen mit einer ungemein grossen Anzahl schiffbarer Kanäle durchschnitten, worüber eine Menge Brücken gehen, welche, ob sie schon mehrentheils von Holz sind, dennoch ein solches Ansehen haben, als ob sie ein ganzes Wek rodren (?); man kan auf diesen Canälen mit Schiffen, die nur einen Mastbaum haben, allenthalben hinkommen, und auf= und abladen, indem gedachte Brücken also gemacht sind, daß, wenn ein Segelbaum oben ein wenig anstößt, sich ein Stück davon sogleich aufhebt, und wann derselbe durch ist, stracks wieder zufällt, welches die Bequemlichkeit des Handels, auch die Reinigkeit und Annehmlichkeit der Stadt befördert. Es steigt aber bey warmen und stillen Wetter ein stinkender Dampf davon auf, welcher noch schlimmer seyn würde, wenn nicht das Wasser durch zwey grosse Wassermühlen, welche beständig ein= und ausmahlen, und durch eine Roßmühle, in beständiger Bewegung erhalten würde; sie haben auch daher in den dunkeln Abendstunden und in den Nächten zufälliger Weise manchem Menschen das Leben gekostet, daher man an den Canälen und auf den Strassen Laternen angelegt hat, welche des abends angezündet werden.“

Der digitale Antiquarius

In der Folge des Einsturzes des Historischen Archivs der Stadt Köln war viel von der ungleich höheren Aussagekraft realer Archivarien im Gegensatz zu digitalisierten Kopien die Rede. Für meine Rheinrecherchen wollte ich mich erstmals des Kölner Archivs bedienen – es bleiben nur shock and awe gegenüber dem zwiespältigen, bei aller Komplexität nicht selten von hochgradiger Dummheit beherrschten, Verhältnis von Mensch zu Natur. Die elektronische Verfügbarkeit alter Bücher bietet einerseits eine eminente Abkürzung für den Dürstenden Richtung Labsal, andrerseits ist die Verkostung selbst von hoher Mühsal bestimmt und alles Haptischen enthoben. Von Hand eingegebene Manuskripte staken vor Tippfehlern, gescannte Kopien weisen bisweilen mehr Rück- als Vorderseite auf, die gute alte Kryptik gelangt zu bescheidenen elektronischen Lorbeeren, das Lesen am Bildschirm bildet nichts als Quadratschädel aus (schau mal in den Spiegel, rarer Leser!). Victor von Scheffels kompletten Trompeter von Säkkingen habe ich am Laptop gelesen, eine zähe Erfahrung, die nicht unbedingt einer Zweitentsprechung bedarf. Dabei bot das fürs Gutenberg-Projekt eingetippte Epos noch reichlich Weiß zwischen den Lettern und um diese herum. Zuletzt suchte ich dennoch im Netz nach Dielhelms Rheinischem Antiquarius, und tatsächlich bietet Google in seiner digitalen Bibliothek mindestens zwei verschiedene Ausgaben aus dem 18. Jahrhundert: „Denkwürdiger und nützlicher Rheinischer Antiquarius, Welcher die wichtigsten und angenehmsten geograph= histor= und politischen Merkwürdigkeiten des ganzen Rheinstroms, Von seinem Ursprunge an, samt all seinen Zuflüssen, bis er sich nach und nach wieder verlieret, darstellet. Alles zum Nutzen der Reisenden und anderer Liebhaber sehenswürdiger Sachen, so man an jedem an demselben gele(…)nen Ort als etwas rares zu bemerken und was sich bis in das Jahr 1743. damit zugetragen hat, gesammelt, und Nebst einer kurzen Beschreibung der vornehmsten Städte in Holland, Mit einigen Anmerkungen, wie auch genauen Landkarten, dazu gehörigen Kupfern und Registern versehen, Jetzo zum zweytenmal ans neue durchgehends verbessert und vermehret herausgegeben von einem Nachforscher In Historischen Dingen. Frankfurt am Mayn, bey Stoks (?) sel. Erben und Schilling. 1744.“ Bzw. die dritte Auflage mit dem leicht verschlankten Titel: „Rheinischer Antiquarius, oder ausführliche Beschreibung des Rheinstroms, von seinem Ursprung an, mit allen seinen Zuflüssen, und daran gelegenen Oertern, bis er sich endlich wieder nach und nach verlieret. Zum Nutzen der Reisenden, und Liebhabern sehenswürdiger Antiquitaeten, die sich hin und wieder befinden, nebst einer Beschreibung der vornehmsten Städte in Holland. Mit nützlichen Landkarten, darzu gehörigen Kupfern und nöthigen Registern versehen, und anjetzo zum drittenmal auf das neueverbessert und vermehrt herausgegeben von Johann Hermann Dielhelm, Frankfurt und Leipzig / Bey Johann Georg Eßlinger, 1776. Digitalisiert von Google.“ Schön zu sehen, wie die den Leser damals schon traulich duzenden und vermutlich von ewigen Praktikanten (der neoliberalen Neuerfindung des Arbeitssklaven um bescheidene Schlafstelle und Mahlzeit) gescannten Fraktur-Lettern auf den gekrümmten Buchinnenseiten rheinischen Wogen gleich verschwimmen, wie ja auch der im Titel genannte Fluß sich so wunderbar verlieret, daß es mich urplötzlich juckt, noch in dieser Minute nach Holland aufzubrechen. Ruhe bewahren!

Victor von Scheffel: Der Trompeter von Säkkingen, http://gutenberg.spiegel.de
Johann Hermann Dielhelm: Rheinischer Antiquarius, http://books.google.com

Vom Wasser

In seinem Roman „Vom Wasser“ hat John von Düffel den wenig bekannten Flüssen Orpe und Diemel, im deutschen Niemandsland des Wesersystems gelegen, ein kaum zu überbietendes literarisches Denkmal gesetzt. Vor allem die schwarze Orpe, deren Name so düster unterweltlerisch-hinterwäldlerisch klingt, mit ihren Ratten, Forellen und dem Harkemann, einem lokalen Nix, wird immer wieder aufs Neue in ihrer Schwärze, Rattenhaftig- und Forellenhaltigkeit geschildert, ein Schicksalsrinnsal, sauerländischer „river of no return“, der die Papiermühle der „Mißgunst“ antreibt, dem ebenfalls klingend benamten Gelände, auf dem die klassische Dreigenerationenstory zum größten Teil angesiedelt ist: eine mit glatter, ja wasserklarer Schönheit erzählte Geschichte, die, genau wie die Menschen im allgemeinen, immer wieder aufs Wasser zurückkommt, und gerahmt wird von wenigen Szenen am grünen Hochrhein bei Basel: „Und ich rieche das Wasser selbst: grünes, wildes Wasser, das in einem breiten Strom wirbelnd dahinfließt. Noch bevor ich mich setze und schaue, noch bevor ich das Wasser gesehen habe, rieche ich seine kühle Frische, diesen Atem des Wassers in der frühlingshaften Luft, rieche, wie das Aufschwappen der Wellen an den Rändern des Flußbettes die Steine dazu bringt, ihren gewölbe-ähnlichen Geruch auszuströmen, benetzt von Wasser, beschienen von einer blassen Frühjahrssonne. Und dann sehe ich, wie das Wasser mit leichtem Wellenschlag den Steinen in alle Poren kriecht und ihnen ihre Färbung wiedergibt und ihren eigenen Geruch, den Atem des Wassers und der Steine. Und ich setze mich ans Ufer und schaue aufs Wasser, das frühjahrsgrün dahinfließt, mit unzähligen knospenartigen kleinen Strudeln, die ineinander spielen, aufquellen und sich trollen, im März, kurz vor Basel, am Rhein.“ Und gegen Ende: „(…) an diesem durch und durch verregneten Märztag in Basel, an dem ich mich bislang nicht vor die Tür meines Hotelzimmers getraut habe, obwohl es mein fester Vorsatz gewesen war, jeden dieser Tage am Rhein zu verbringen, auf das Wasser schauend und vom Rhein erzählend. Denn nur deswegen war ich hier geblieben (…). Ich war geblieben, weil dieser frühjahrsgrüne Fluß, der unmittelbar der neuen Jahreszeit zu entspringen schien, während ringsum noch alles im Zeichen des verblassenden Winters stand, weil dieser breite, lebendige Strom mich seit meinem ersten Tag in Basel anzog, weil ich wie selbstverständliche jede freie Minute am Rhein verbrachte, und weil ich so lange an diesem Wasser sitzen wollte, bis ich herausfand, warum das so war.“ Vor einiger Zeit fuhr ich zum ca fünfhundertsten Mal im Intercity auf meiner geliebten linksrheinischen Trasse mit Rhein- und Loreleyblick. Schräg gegenüber saß ein sehniger Mann, der in etwa aussah wie John von Düffel auf seinen Pressefotos. Er befand sich im Gespräch mit einem kleinen Jungen, der ihm erklärte, wie er den Zug in ein Flugzeug umbauen würde, um damit dann eine Spur der Zerstörung durchs Rheintal zu ziehen. Der Mann, der aussah wie John von Düffel, grinste. Ich auch.

John von Düffel: Vom Wasser
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2002

Unter dem Fluß

Unter dem Fluß fließt ein Fluß. Der Himmel
mit Kies tapeziert, es sickert. Wiederholt und
ruckhaft das formschöne Aufbäumen in heißem
Fett gekneteter Oberkörper, erigierte Warzen
Schlamm- oder Schleimhaut, biegsam und
gebunden in einen mondänen Fick. Sickern
nachhallender Lustgefühle, halb und halb
selbsterzeugend, wieder und wieder gereizte
Nerven, schläfriges postorgasmisches Glück
in das sich Langeweile schleicht, unter Schwall
und Zucken. Unter dem Fluß fließt ein Fluß
kalt und klar zum Kriegslärm der Turbinen-
kraftwerke, verlorene Bodenkontrolle, es
gibt ein Gesetz, das sich zu ergießen fordert

Rheinische Kloppe

Naturkosmetik auf Scharlachwangen, Straßen-
heilige aus entzündlichen Schönheitssalons für
Hunde und Katzen. Eine alevitische Kneipe mit
Tarnnamen und Türstehern aus lizenziertem
Sonnenbankfleisch. Isch bin ene kölsche Jung
Die Koordinaten kommen per SMS. Am Fabrik-
zaun im Auwäldchen, ne halbe Stunde nach
dem Spiel. Höchstens fünfzehn von uns gegen
mindestens zwanzig von denen. Da machste
nix, mal steckt einer im Knast, der andre hat
plötzlich Familie, und manchmal steht es auch
umgekehrt. Das ist wie Sport, nur freier. Deine
Regeln, die du sonst so kennst, die nützen dir
dabei wenig. Du weißt Gott über dir, dann los
mit den Hörnern des Geißbocks. Einfach nur
schnell und zäh. Wer den ersten Niederschlag
überlebt, der ist für immer getauft. Draußen
im lauen Frühlingswind schnattern ein paar
von den Ischen, nippen an glitzernden Drinks
Straffen ihre Tops, ziehen den Lippenstift nach
Hollywood liegt um die Ecke. Hinterm Bezirks-
amt links. Dat Mäus wohnt da mit dem Ali, die
feiern am Wochenende öfter im Krankenhaus

Herr K. aus D.

Soeben rief mich ein Herr Klose aus Düsseldorf an, um mir seine Rheingeschichte zu erzählen. Die Verbindung wackelte, immer wieder wurden einzelne Buchstaben bis ganze Silben des Gesprächs zerschossen, aber ich traue mir zu, Herrn Kloses Ausführungen halbwegs sinngemäß zu rekonstruieren: „Vor einigen Jahren kaufte ich auf dem Flohmarkt am Aachener Platz von einem Polen um kleines Geld ein ziemlich rares Doppelalbum der Band Neu! – das ist, nach Kraftwerk, eine der Bands von Klaus Dinger gewesen, der sich in letzter Zeit für seine zahlreichen Soloprojekte auch Nikolaus van Rijn oder so ähnlich genannt hat. Ein Wochenende drauf habe ich mir tüchtig einen weggequarzt und habe dann diese Platte aufgelegt. Das war sehr psychedelisch, so Krautrock, das ging mir ganz schön an die Nieren, da fangen plötzlich die Synapsen an zu kreiseln, die Augen drehen sich langsam aus den Höhlen, man denkt, man ist ganz nah dran am endgültigen Verstehen, d.h. am Durchdrehen, es wurde also etwas zuviel und so bin ich, um dieser Stimmung zu entkommen, mit dem Fahrrad immer schön am Rhein entlang nach Norden bis nach Kaiserswerth. Und was meinen Sie, wer mir da entgegenkommt? Klaus Dinger. Mit seinem weißen Rauschebart, einer Riesensonnenbrille auf der Nase und einem japanischen Hippiemädchen dabei. Erkannt habe ich ihn nur, weil genau am Vorabend eine Sendung über ihn im Fernsehen lief, sonst hätte ich garnicht gewußt wie der aussieht. Ich sprech ihn also an und sag, Sie sind doch der Herr Dinger von Neu! und er sagt einfach: jo, das bin ich. Ich hab ihm gesagt, wie toll ich seine Musik finde und das wars, aber der eigentliche Wahnsinn ist doch: ich kaufe von einem Polen Klaus Dingers Musik und seh ihn dann urplötzlich im Fernsehen und einen Tag später treffe ich ihn am Rhein, und er hat dieses Rheinpseudonym und ich heiße ja Klose, das kommt aus Schlesien, jetzt also Polen, und ist eine Kurzform für Nikolaus. Das ist doch Wahnsinn, oder? Das hat mich damals jedenfalls ganz schön mitgenommen, ich meine, das gibt’s doch eigentlich garnicht. Und Klaus Dinger, der lebt ja heut nicht mehr. Was sagen Sie dazu?“ Danke, Herr Klose, ich habe ihre Geschichte notiert. Sie wissen ja, ich bin Literat und werde sie daher mit Sicherheit verfälschen.

Wassermusik

Auf den verfallenden Kuppeln, in Tälern und
Klüften, an leicht durchdringbare Oberflächen
gehaftet. Gekreuzigt, Mensch, im Wellenbett
Der Rhein 2009 macht elektronische Musik
perdu fürs Erste die alte Masterfrage: wohin?
Denn es gibt jetzt Meßtechniken, Beweise
daß keine Welle länger als durchschnittlich
zweikommaacht Sekunden existiert. Sonare
die pingen. Signale, aufgebäumt zu Musik
heiße Debatten im Plenum der Weißfische
geht um satanistische Einflüsse und so. An
Land nur Landschaft, besetzt mit Statisten
Die Strömung wie sie beide Augenhöhlen
eines Schädels aus dem Zweiten Weltkrieg
durchmißt. Das alles hat seinen Sinn, eine
tiefere Bedeutung, deren Kern sorgfältig
gespalten in fließenden Körpern einlagert
Am Horizont, im Niesel, tanzen ein paar
Verrückte tatsächlich barfuß auf dem Fluß

Die Brücke von Arnheim

Die Brücke von Arnheim heißt im Original A Bridge Too Far, der epische, mit jeder Menge Stars und Statisten besetzte Spielfilm aus den Siebzigern behandelt das relative Scheitern der Operation Market Garden, mit der die Allierten 1944 Waal und Rhein bei Nijmegen und Arnhem überqueren wollten und sich dabei um eine Brücke übernahmen. Der Rhein selbst taucht erst spät und ausschließlich als flüssige Kulisse für Kampfhandlungen auf, es ist ein elendiges Sterben auf dem Wasser, das die alliierten Truppen mit Pionierbrücken, Falt- und Schlauchbooten überwinden, nur um, sobald sich der Tarnnebel verzieht, ins Mündungsfeuer der Wehrmacht zu geraten. Leichen über Leichen. Doch der Rhein wirkt seltsam unbeteiligt, auch wenn die Dramaturgie einen kräftigen, schwer zu bezwingenden Strom aus ihm herauskitzeln möchte, alles Brausen und Grausen, Scheppern und Stöhnen, Bluten und Blubbern rührt von den Geräuschemachern und Maskenbildnern, der Fluß selbst strahlt keinerlei Gefahr aus, kein Charisma, nichts Rheinisches eben, er benimmt sich vielmehr wie irgendein durchschnittliches stehendes oder gar totes Gewässer, kein einziger Nix, der Erschossene und Verblutende an Händen und Füßen in sein Reich zerrt, kein eisiges Wasser das die Soldaten fürchten, der Filmrhein scheint ein neutrales Rinnsal, ein vernachlässigtes Bluebox-Fake, die Szenen scheinen zudem in beachtlichen Zeitabständen gedreht, mal wirkt der Fluß wie ein dünner Streifen, dann wieder mächtiger, aber an keiner Stelle unüberwindlich und die tatsächlichen Aufnahmen zeigen offenbar die Ijssel bei Zutphen und Deventer. Weswegen mir auch die Brücken bekannt vorkamen. Ich hab sie einst an sonnigen Sommertagen mit dem Rad überquert. Dort stapften also auch sie herum, im Sumpf komplexer Kriegshandlungen, und versanken in filmischer Heroik und Verzweiflung: Laurence Olivier, Dirk Bogarde, Michael Caine, Sean Connery, Gene Hackman, Robert Redford, Anthony Hopkins, als „Arnheim auslöschen!“-Nazis Hardy Krüger und Maximilian Schell und für den holländischen Widerstand Liv Ullmann. Die Welt ist klein und zieht uns immer an dieselben Orte, in Krieg und Frieden. Und wenn kein Krieg ist, verfilmen wir ihn. Um die Welt in unserer Erinnerung gerecht zu verfälschen.

Hölderlinien

Das meiste vermag die Geburt, und der Lichtstrahl, der dem Neugeborenen begegnet. Weswegen letzterer jauchzt. Gott will aber seinen Söhnen das eilende Leben sparen und lächelt, wenn unaufhaltsam, aber gehemmt von heiligen Alpen, ihm in der Tiefe die Ströme zürnen. In solch alpiner Esse würde dann auch alles Lautere geschmiedet, und schön sei`s, wie er, nachdem er die Berge verlassen, stillwandelnd sich im deutschen Lande begnügt und das Sehnen stillt, nach- oder indem er das gute Land erst baut, der alte Vater Rhein, und liebe Kinder nährt, in biederen Städten, die er gegründet, meint und deliriert recht wortgetreu der Dichter Friedrich Hölderlin in seinen Rhein-Hymnen. Das klingt alles schön, vielleicht anderthalb Spuren zu schwärmerisch und überkommen (aber durchaus brauchbar als originelles Zeitkolorit), die üppigen, seinem Freund Sinclair gewidmeten Zeilen mögen darob heuer kaum mehr Leser finden als das Klopstocksche Gesamtwerk, das besonders gern (ich finde: zu Unrecht) als verquast abgetan wird. Dafür leihen beide Dichter nach wie vor einer ansehnlichen Zahl Wohnstraßen ihre klingenden Namen. Hölderlin stammt vom gelbschlammigen Neckar, den er seine letzten rund 40 Lebensjahre aus einem schicken Tübinger Turmzimmerchen betrachten durfte. Dieses Türmchen erreiche ich auf Umwegen durch das trügerischere Wirrwarr schwäbischer Landstraßen im trüben Abenddämmer eines weiteren vernieselten Februartages: schließlich geht’s hinein nach Tübingen, das ich nach 23 Jahren wiedersehe, die Eingänge zur historischen Altstadt sind mit Tü amo-Bannern geschmückt, irgendwelche Italien-Kulturtage, ich fühle mich etwas fehl im studentischen Dunst, der abwassergleich aus allen Stadtporen fließt, am Frauenbuchladen grüßt mich eine alte Bekannte (ich kenne sie nicht) und erzählt mir, wie es Fritzi (die ich ebenfalls nicht kenne – vielleicht eine feminisierte Form von Hölderlins Vornamen, der/die als guter Geist durch die Stadtmauern wandelt?) in der Zwischenzeit ergangen ist. Im Frauenbuchladen selbst sitzt eine Dame, die ich nur vom Typus her kenne. Old school in lila, wenig entspanntes Lächeln. In diesen süßen kleinen Universitätsstädtchen voller Fachwerk und Nickelbrillentradition, in denen die Alternativkultur über die Jahre tatsächlich gesiegt und zum Mainstream sich ausgewachsen hat atmet es sich schwer touristisch; daß am Stadttor kein Eintritt genommen wird, kann sich einzig stundenlangen hitzigen Debatten in kulturpolitischen Plenen verdanken oder der generellen Gutartigkeit der TübingerInnen, mit der sie auch ihren Turmdichter pflegten, den Herrn Scardanelli seiner langen späten Jahre. Dem mag auf heißem Pfade unter Tannen oder im Dunkel des umgebenden Eichwalds, gehüllt in Stahl, Gott erschienen sein, oder auch in Wolken, er wird ihn jedenfalls gekannt haben, persönlich, schließlich war er beseelt von des Guten Kraft, nur später, als ihm das Lächeln des Herrschers verborgen blieb bei Tage, wenn fieberhaft und angekettet das Lebendige schien oder auch bei Nacht, wenn alles gemischt war, ordnungslos und wiederkehrend – so versuchte ich mich in Hölderlin einzufühlen, in langen stillen Sekunden am Grunde seines Turms, der noch zehn Minuten geöffnet hatte für Besucher, im Dämmer, im Niesel, direkt am schlammigen Neckar, da stand ich und verdrehte die Augen und es überkam mich und ich spürte sie haarfein und genau, die uralte Verwirrung.