Monatsarchiv für März 2009

 
 

L. L.

Von oben, wiederholt, so wie Spielkarten auf einen Stapel gedroschen werden, zack, zack, dasselbe Motiv: Blick ins Rheintal, wie für ein Kamera-Still bei schönstem Frühlingswetter eingefroren die Walrücken der Frachter, die winzigen Schaumstreifen der Heckwellen eine exotische Cocktailbeigabe, hüben und drüben auf den Bergkuppen lauter markante Ruinen. Ein sich überdeckendes, ein dermaßen, ein, ein scheinbar unendlich mit sich selbst kongruentes Bild, dessen Schönheit Risse (leichte, vermutlich elektrische Schmerzimpulse) im Denken auslöst, in Zusammenhang mit den passenden Klängen (Beethoven, Wagner, Kraftwerk, Der Plan). Und dann gerät etwas ins Zittern, Rütteln, Schwanken. Die Wasserfläche weitet sich zur See, lautlose Flugzeuge, mittelgroße Maschinen, die in einem Wettbewerb massenweise und bestens koordiniert in einen Nebenfluß sinken, um nach einigen plumpen Versuchen strahlend aufzutauchen, gleich behäbigen Fischen, die irgendwelchen Schwarmvorgaben folgend plötzlich den historischen Schritt des Landgangs für unsinnig erachten, wieder durchstarten, ein fantastisches Spektakel, betrachtet von hunderten Schaulustigen am Ufer. Das Ganze kommentiert von einem hochaufgeschossenen Mann, schwarze Kleidung, Charakterschädel, der seinen Namen nicht preisgeben möchte, ein Kreativer vermutlich, genau wie die hübsche Dame aus der Stadt, schnittige Frisur, aufs Äußerste blondiert, die mir erzählt, sie trage statt des Gehirns eine Gebärmutter im Schädel, darin ungeborene Kinder sich streckten und wieder zusammenschnalzten, es mache sie ganz wahnsinnig, die mir schließlich ihre Initialen nennt, die auch auf ihrer Brusttasche eingestickt sind: L. L. Die Dame, die sich in mein Bewußtsein gehackt hat, wird mir klar. Sie steht direkt vor mir. Ihre vollen, an manchen Stellen knautschigen Lippen arbeiten an meinem hypnotischen Zustand. Je nach Blickwinkel ist sie einen Kopf größer oder kleiner als ich selbst. Sie redet auf mich ein, verschiebt meine Gedanken, spielt Tetris oder Memory damit. Ich versuche, ihr eine zu knallen, sie lacht. Zwischen ihren gebleichten Zähnen das weite Tal ihrer Zunge, die am Horizont des Rachens, aus dem eine unergründliche Melodie schwingt, verschwindet, blau in blau. Der Himmel sinkt und kippt, Geröll walzt durch meine Adern, mein Abdomen, es zieht mich fort, mein entäußerter Körper zerschellt an der Befestigung ihres Willens. Ich versuche mit ihr zu sprechen, doch die Gegenwart ist zu wild mit all ihren Geräuschen, Kommunikation findet allenfalls gestisch statt. Ich zücke mein Notizbuch. L. L. schreibe ich hinein. Sie wünscht mir Glück. Verdrückt eine Träne. Stille. So läuft es jedesmal, sagt sie. Preßt ein paar Kinder aus ihrem Schädel und stolziert davon.

Übers Siebengebirge auf den Rhein

Zu Dielhelms zweiter Auflage war das Nibelungenlied noch auf ein gutes Jahrzehnt unbekannt bzw verschollen. Der Fund der ersten Handschriften (A und C) zu Hohenems datiert auf 1755 und 1759. So mißt der Rheinische Antiquarius dem Drachenfels auch keine besondere mythische Bedeutung bei. Das komplette Siebengebirge wird sehr knapp abgehandelt: „In selbiger Gegend im Herzogthum Bergen, rechter Seits am Rhein, bemerket man das sogenante Siebengebürge, lat. Mons Siebenus oder Siberius, und ehedessen Mons Rheticus genant. Es erstrekt sich selbiges neben dem Rhein bis gegen Bonn, und besteht eigentlich aus sieben aneinander hangenden Bergen, davon immer einer höher als der andere ist. Oben darauf haben vormals sieben Bürge oder Schlösser gestanden, von denen aber heut zu Tage die mehresten nur noch alte Bruchstücker zerfallener Mauren aufweisen, und Dadenberg, Plankenberg, Löwenburg, und Wolkenberg heissen. Den letzten Berg als den allerhöchen soll man darum also genennet haben, weil er nicht anders anzusehen gewesen, als sties er an die Wolken. Die drey letztern benamet man Drachenfels, Mahlberg und Stromberg. Jetziger Zeit findet man schöne Wiesen und Felder darauf, unten her aber den Wurzeln dieser Berge, und zwar nahe am Rhein sind die schönsten Schiefer= und andere Steinbrüche zu betrachten.“ Vom Drachenfels selbst geht’s klassischerweise auf Trampelpfaden, vorbei am Ulanendenkmal für ein badisches Regiment samt Buchsbaumhecke in Form des Eisernen Kreuzes, vorbei an steilen Weinbauflächen den neuerdings als Rheinsteig ausgewiesenen Weg bergab nach Rhöndorf, wo nebst Adenauer auch der Hund begraben liegt. Immerhin, von dort ist es nicht mehr weit bis zu den Inseln. Überm linken Ufer dreht sich langsam der Rolandsbogen mit der Erdrotation, verengt und verbreitert sein Tor. An der oberirdischen U-Bahn-Haltestelle Bad Honnef-Am Spitzenbach plätschert ein vermutlich gleichnamiges Gewässer in den Rhein. Zur Rheininsel Grafenwerth führt eine Fußgängerbrücke, auf deren Mitte ein freakiger Musikus sein imposantes Keyboard gerollt hat, um das allgemeine Wochenendwandeln treffsicher mit flauen Melodien zu untermalen. Daß er keine Sozialhilfe bekäme, steht auf einem Pappschild und er ein Wanderer sei. Nächst der Insel scheint er wohlbekannt. Auf dem mindestens scheintot wirkenden Rheinarm, der Grafenwerth rechts umfließt(?), dümpelt ein schwarzer Aalschokker, seit ewig und drei Tagen ausrangiert, kompakte kleine Jugendliche tragen eine Kiste Kölsch an den Strand, sie kommunizieren per Zischlauten, auch Buchfinken pfeifen und hüpfen herum, hinterm Rolandsbogen verschwindet die Sonne, nicht ohne sich mit einigen besonders ausgewählten Tönen zur Nacht abzupudern, auf dem Rhein schwimmen romantische Lichtreflexe, verweben sich einander zu etwas, das man sonst nur aus alten Gedichten kennt. Die Gesamtstimmung ist videoüberwacht. Das Leben leicht. Die Beine schwer. Wer auf uns aufpaßt? Irgendwer.

Königswinter

An der Grenze des Herzogthums Berg liegt das Chur=Cöllnische Städtgen Königswinter / von dem aber nichts kan gemeldet werden. (Dielhelm: Rheinischer Antiquarius) Heuer stellt Königswinter einen B-Touristenflecken vor, der auf eher belächelnswerte Weise zum Zuge zu gelangen trachtet, mit einer nochmal kräftig aus der ohnehin teilverhunzten Kulisse fallenden Sea Life-Halle oder überflüssigen Lädchen in der Fußgängerzone wie „Rüdiger`s Welt“, der einige der dümmst-vorstellbaren Sprüche überhaupt auf T-Shirts gedruckt an den apostrofgewöhnten Amerikaner zu bringen sucht. Zwei Esoterikklitschen scheinen halbwegs in die Fachwerkkulisse integriert. Auch die Asiaten, die ohnehin global gewaltig im Kommen sind – sie wirken nirgendwo wirklich fehl am Platz, als wären sie schon immer und eigentlich noch viel länger bereits dagewesen und wüßten, was das alles zu bedeuten hat, weil sie ihren Siddhartha Gautama, Konfuzius und Laotse in- und auswendig kennen. Es ist Mittag, die Zone füllt sich. Vor und im Marmaris-Imbiß rennt ein geschäftiges Team eher sinnentbunden hin und her – wohl hauptsächlich, um Kundschaft vorzugaukeln. Dieser Imbiß kann leider nicht verschwiegen werden, steht er doch stellvertretend für das lieblose und weltweit bekannte Konzept, möglichst vielen Touristen möglichst viel Geld für möglichst geringe Gegenleistung aus der Tasche zu ziehen. Gegen Grills (siehe: grills sind ok, Köln/Düsseldorf 1999) ist schon aufgrund ihrer basisnahen Art selten etwas einzuwenden, der Marmaris-Imbiß von Königswinter aber bildet die Ausnahme. Hinter der Fußgängerzone beginnen die Königswinterer Slums, enge Gassen führen zu offensichtlicher Armut und Verfall, Touristen meiden diese „echten“ Gässchen lieber, in denen bösartige Gartenzwerge mit hämischem Grinsen und krebszerfressenen Nasen von den Fensterbänken grüßen und ihren Todeshauch verbreiten. So richtig was los ist an der Promenade, viele ihrer Hotels könnten ebensogut an der Nordsee stehen, der Auftrieb ist für die Jahreszeit durchaus ansehlich, ein Durcheinander an Menschen und winzigen Dackeln, welche diese Saison besonders in Mode scheinen. Eislöffeln am Schiffsanleger. Ansonsten kann auch vom heutigen Königswinter nicht viel vermeldet werden, außer vielleicht dem Bahnhof Oberdollendorf Nord im Trog der B 42, der in eine zumindest bei Dämmerung abstrus bis konfliktbeladen erscheinende Siedlung führt, die eine genauere Betrachtung wert sein mag, ein andermal.

Aufm Drachenfels

Im Tal aufgewachsene Menschen (wie ich) hegen eine gewisse Skepsis gegenüber den Bergen, es ist uns nicht ganz geheuer dort oben, ungekannte Wesen und Gefahren lauern dort sowie eigentümliche Menschen, die weniger lauern, vielleicht, als daß sie wild und unberechenbar wirken oder überhöhte Preise für ihre Dienstleistungen verlangen und häufig ein recht fundamentales Christentum pflegen. Und so bekreuzigen wir uns mehrfach, bevor wir in die Felsen aufsteigen. Mein Bekreuzigungsakt am Drachenfels, einem nicht gar so gewaltigen, immerhin mit mythischem Namen und dreierlei Drachenlegenden versehenen Hügel, bestand diesmal im Deklamieren einiger Byronscher Canti aus Childe Harold`s Pilgrimage, wie etwa diesem:

„The castled Crag of Drachenfels
Frowns o’er the wide and winding Rhine,
Whose breast of waters broadly swells
Between the banks which bear the vine,
And hills all rich with blossomed trees,
And fields which promise corn and wine,
And scattered cities crowning these,
Whose far white walls along them shine,
Have strewed a scene, which I should see
With double joy wert thou with me.“

Viele dieser lyrischen Beobachtungen treffen auch heute noch, als ein Bruchteil des Gesamtbilds, vor allem natürlich die letzte Zeile. Beim Aufstieg wie stets die Suche nach möglichen Stellen der Siegfriedschen Drachenhatz. Auf halber Höhe ein Cappuccino mit Rheinblick in den ersten Frühjahrssonnenstrahlen. Das dauerdröhnende Tal, moderne Landschaft mit Silberschleifchen, ein Probealarm, die unsichtbaren Schwingungen der Sirenen: wilde Bewegungen in der Luft. Kommen Tiefflieger über die Eifel? Die Sirenen verklingen, zurück bleibt das unregelmäßige Rauschen der Verkehrstrassen. Weiter, vorbei an Schloß Drachenburg, das einst einem etwas exzentrischen Mann namens Paul Spinat gehört haben soll, mit Vorliebe für Uniformen und rosafarbene Rolls Royce, und solchen Ideen wie Leute aus Warhols Factory einzuladen, um die Innengestaltung seiner gediegenen Wohnstatt vorzunehmen (unbestätigte Quelle). Außen verkünden Banner die Möglichkeit zur Besichtigung: „Wegen Renovierung geöffnet“. Doch: Schloß geschlossen. Vorbei an einer Gruppe dumm in die Gegend linsender Esel, die Zahnradbahn fährt vorbei, mal bergauf, mal bergab. Gegen Mittag mehrt sich das Menschenaufkommen. Der Drachenfels hat einen Ruf zu verteidigen, als Deutschlands meist bestiegener Berg. Aufwärts, aufwärts, sind eh nur ein paar Meter. Der folienverpackte Bergfried überm Gipfel ist von Baugerüsten umgeben. Steht da wie eine unmotivierte Rakete (oder ein vergessenes Geschenk). Zu seinen Füßen nach wie vor die drachenfelsische Betongastronomie, dem äußeren Anschein nach eine Mischung aus 70er-Jahre-Gefängnisarchitektur und DDR-Kantine. Soll angeblich bald weggesprengt werden. Der Postkartenblick auf die Rheininseln Grafenwerth und Nonnenwerth. Plötzlich lärmend durchkreuzt von einem offenen Leichthubschrauber. Von unten dröhnt weiter das Tal. Japanische Touristen scherzen. Ich murmle fleißig Byron-Verse. Es bräuchte einen Kescher für Geräusche. Sie auch noch nach Tagen, Wochen und Jahren aus der Luft zu fischen. Dann wär das hier eine reiche Jagd.

auf auf zum drachenfels

defrag: trampeln durch flur- & felsbestaende
rheinische ruinenmaschinen im grauschleier
bilden grauschleier um klassische erzaehl-

apparate: irgendwo muessense ja parken
an diesig verwaschnen tagen, in guten wie
in schlechten zeiten. die aussicht uebers

rheintal ist grandios: & wenn die landschaft
mal weg ist, ham wir das alles immer noch
1a auf dvd. mythen in tueten, sozusagen

siegfried huscht flugs durch die waldung, ein
wirrer deutscher indianer. gebadet in wagner-
klaengen. ist traurig & weisz nicht weshalb

kindheit in rueppurr

grell collagierte nils holgersson-himmel
ueber maszvoller erdrotation. alles dreht
sich: vorwaerts, rueckwaerts. suesze rote

blasen die ruckhaft aus aronstaeben quellen
jesus am waldrand predigt grimms maerchen
die lautlosen explosionen des springkrauts

als wir beisammen standen. am see. mit
unserer angst. zwischen den lupinenfeldern
verzieht sich der dunst von pizza clubheim

wie tiere lugen boese wolken ueber die
schwarzwaldkuppen. fickdichfickdich ruft
die grasmuecke. jesus latscht mal weiter

Von Ettlingen nach Mühlburg

Was weiß Dielhelm über Ettlingen? (Der Rheinische Antiquarius ist übrigens derzeit um rund 600-800 Euro antiquarisch per ZVAB zu haben. Das liegt etwas außerhalb meines Budgets. Ich werd mir das vorerst weiter über Googles Scan-Bibliothek am Bildschirm gönnen. Muß ohnehin bald mal wieder meine Augen checken lassen.) Nun, viel weiß er nicht, aber was er vermutet, hat es doch in sich, zumal sich unbeweisbare Geschichten von angeblichen Trojanergründungen am Rhein hartnäckig halten: „Ettlingen ist eine kleine Stadt und Amt in der marggrafschaft Baadenbaaden. Anfangs war sie nur ein Dorf, und soll lange vor Christi Geburt schon von einem Trojaner, namens Phorcys, der es Posidonopolis genennet, mit Pforzheim seyn erbauet worden. In ersten Zeiten gehörte es dem Abt zu Cronweissenburg; ist aber nachgehends vom Kaiser Otto dem III. dem Marggrafthum Baaden einverleibet worden, daher es auch noch kommen soll, daß die Weissenburger durch Ettlingen zollfrey sind. Inzwischen ist es das Vaterland Francisci Irenici, welche unter dem Kaiser Maximiliano dem I. gelebet hat, und dessen Exegelis Germaniae oder Beschreibung von Deutschland in 12. Büchern den Gelehrten wohl bekant ist. (…)“ Wohl wohlbekannt war, ist hier anzumerken. Dielhelm beschreibt dann noch das Ettlinger Stadtwappen und nennt die vier Markttage („auf Matthias, Jacobi, Martini und vor Christag“) und zieht dann, ohne Rüppurr und sonstige Siedlungen, die eigentlich dazwischen liegen mußten, zu streifen, weiter nach dem heutigen Karlsruher Stadtteil Mühlburg, das einen der schönsten nichtssagenden Einträge erhält, die ich aus zahlreichen Rheinbeschreibungen kenne: „Mühlberg ist ein kleiner Ort, und liegt etwas einsam, zwey Stunden von Durlach und eine kleine vom Rhein, vormals hat es ein schönes und festes Schloß gehabt.“

Ettlingen

Ettlingen ist Karlsruhes kleine Nachbarstadt, vor allem bekannt aus dem Rundfunk („am Autobahndreieck Karlsruhe-Rüppurr-Ettlingen stockender bis zähflüssiger Verkehr“) und für seine Schloßfestspiele. Minna von Barnhelm im Ettlinger Schloßhof, die Zuschauer unter Plastikcapes, auf die strömender Regen prasselt und die Silben der Schauspieler in tausend Stücke schießt – ein einmaliges Erlebnis, das mich seinerzeit erstmals bewußt auf die Nanoebene der Sprache verleitet hat, Lessing vs. Natur, was blieb, war differenziertes Rauschen, eine Musik aus tropfenartigen Hackstückchen, reduzierten Klangperlen, Sprach-DNS, gelöste Helix, frei im Universum schwebender Wille zum Ausdruck, das menschliche Hirn suchende Energie, unter hunderten Schädeln hat es sich ausgerechnet den meinen als Wirt erwählt. Ettlingen im Regen. Ich starre auf die Alb, wie sie von gleichmäßigem Tropfenschlag getroffen kleine, bereits im Anwachsen verfallende Wasserkreise wie angenehmen Ausschlag produziert und über groben Schotter hüpfend, in gedankenloser Kamikaze, dem Rhein zustrebt. Unter den Brücken stehen wie an Knastwänden abgestrichene Tage die Forellen, kaum mehr als fingergroß. Das Wasser ist dunkel und klar und es führt heraus aus dieser Gegend. Ettlingen im Regen. Das unfaßbarste DFB-Fußballmatch aller Zeiten. Der Platz im Ettlinger Stadtteil Spessart, oben im Schwarzwald, weist von Tor zu Tor im Durchschnitt fünf Prozent Gefälle aus. Von Strafraum zu Strafraum hat sich eine Flußrinne gebildet, deren Ausläufer im Grau der Niederschläge verschwimmen. Im Niemandsland des Mittelfelds schlammige Lachen, die an Wildschweinsuhlen erinnern. Wir spielen in der ersten Halbzeit bergab und mit dem Wind, der den Ball davonträgt, am gegnerischen Tor vorüberhuschen läßt, ein ums andere Mal. Das Spiel kann hier nur in eine Richtung gehen, wenn wir gewinnen wollen (so sicher sind wir uns dessen nicht, der enorme Regen beschäftigt uns aktuell deutlich stärker als unsere Tabellensituation), ist dies einzig mit Treffern in der ersten Halbzeit möglich. Denn in der zweiten geht es bergan, gegen den mittlerweile zum Sturm ausgewachsenen Wind, der den dichten Regen diagonal, also parallel zum Hang, direkt durch die Trikots auf die Haut treibt. In der zweiten steht unser Strafraum komplett unter Wasser, ein natürlicher Schutz gegen die Spessarter Angriffe. Einsam kreist der Ball in den Lachen, als hätte ihn jemand weit hinaus auf einen See geschossen. Die Spieler waten hangauf und hangab, dreschen das Leder in die Luft, um ihm etwas Atem zu verschaffen, es hat sich mit Wasser vollgesogen und platscht dumpf zurück in irgendeine Pfütze, die letzten Streifen trockenen Landes gehen bedrohlich zurück, die ersten von uns versinken bereits wadentief im Morast, da pfeift der Schiedsrichter, mit kulanter Miene, plötzlich ab, zehn Minuten vor der Zeit, das Spiel können wir werten, sagt er, es endet null zu null. Ettlingen im Regen. Nachts stapft ein einsamer Mann auf den Bohlen der Straßenbahnschienen das Albtal entlang. Die Richtungen drehen sich um ihn herum wie in wilder Kamerafahrt. Er sucht den zentralen Einstieg in den Schwarzwald. Neben dem lästigen Kreisen nimmt ihm auch ein verwirrender, äußerst unregelmäßiger Regen die Sicht. Der Mann hat eine Portion Spitzkegeliger Kahlköpfe zu sich genommen und die Situation selbst heraufbeschworen. Aus dem Schotter kriechen Blutegel hervor und haften sich sanft an seine Waden. Der Mann kämpft, gekitzelt von schwarzen Tannenspitzen, mit der weltuntergangshaften Schönheit der Umgebung. Irgendwo dort im Dunkel plätschert, von Regen gelabt, die Alb. Aus dem Strömen der Dinge erklingt eine Zeile von Tocotronic: „Alles was wir hassen, seit dem ersten Tag, wird uns niemals verlassen, weil man es eigentlich ja mag.“

Karlsruhe

Auch meine erst im Jahr 1715 gegründete Heimatstadt Karlsruhe, ein fächerförmiges, daher in sämtlichen Schulatlanten vermerktes Stadtplanungsprojekt des Markgrafen Karl-Wilhelm von Durlach (ein heutiger Vorort Karlsruhes) findet im Rheinischen Antiquarius, mit seinen rund 1000 begeisternden, spätbarocken, voller Überraschungen steckender Seiten, Erwähnung: „Eine Stunde von Durlach liegt Carlsruhe eine ganz neu und sehr regelmässig angelegte Stadt, Residenz und Lustschloß an der mühlberger Allee, mitten in dem grossen Haardwald (Das Wort Hard oder, wie es nach der Mundart und Aussprache muß geschrieben werden Haard, bedeutet eigentlich einen großen Strich Holz oder Waldung und zwar von Harz= oder Tannenholz) (…) Den 28. Jan. 1715. wurde allda der Anfang zu bauen gemacht, der Platz ausgesteckt und darauf den 17. Jun. von dem damals regirenden Marggrafen Carl Wilhelm zu Baaden und Hochberg der Grundstein selbst gelegt, zu welcher Zeit er zugleich den Orden der Treue oder des Friedens aufrichtete, wie auch den Riß von der Stadt und Schloß selbst verfertigte. (…) Der Garten vor dem Schloß ist klein aber artig, und zählt man darinnen an Pomeranzen Citronen= Lorbeer= und dergleichen Bäumen über viertausend Stük, worunter zweytausend siebenhundert Orangebäumen sind, deren die schönsten an Höhe zwar die ludwigsburger übertreffen, an der Dicke aber selbigen bey weiten nicht gleich kommen. In etlichen Vertiefungen des Gartens hat man von kleinen Citronenbäumen artige freye Espaliers angelegt nebst einem Vogelhause für dreyhundert Canarienvögel, welche des Sommers im Garten herumflogen und freywillig wieder in ihre Behausung kamen; Allein im Winter des Jahrs 1728. wurde beym Einheitzen des Ofens etwas versehen. Denn das Feuer ergrif ein Stük Holz, so in der Stube befindlich war, daß also die Vögel vom Dampf erstikten, ehe man sie retten konte. (…) Der vornehmste Fehler von Carlsruh bestehet in den Mangel des Wassers. Wie denn die ganze Gegend eine sandigte Ebene ist, in welcher des Sommers wegen des vielen Sandes übel zufahren ist. Die wenigen Wasserkünste im dasigen Garten werden vermittelst Pumpen von Leuten gezogen.“ Knapp dreihundert Jahre später kenne ich nur wenige Städte, die ähnlich viele Brunnen und Fontänen betreiben wie Karlsruhe. Wasserplätschern scheint in der Innenstadt allgegenwärtig. Wegen der Kanarienvögel wird mir aber heut noch schwer ums Herz.

Rheinkrokodil

Der Kölner Künstler und Privatarchivar Roland Bergère versorgt mich seit Jahren mit rheinischen Kuriosa und Trouvaillen. Die folgenden Bilder entnahm Monsieur Bergère einer nicht näher benannten Fernsehsendung, in die er zufällig hineingezappt hatte, und schickte sie mir umgehend weiter. Die beigefügten Informationen waren spärlich, vom Siebengebirge soll in dieser Sendung die Rede gewesen sein und einem Museum. Nachdem vor einigen Jahren ein vermeintliches Rheinkrokodil, das sich später als hölzern-skulpturales Treibgut herausstellte, das Sommerloch nur kärglich stopfte, hier also die eigentliche, von jener namenlosen TV-Sendung verbreitete, Sensation: im berühmten Krisenjahr 1929 gelang Ludwig Fritz, was zuvor und danach niemand zustandebrachte: aus dem Rhein ein veritables Vollkrokodil zu fischen: