Brauweiler

Heute Nacht bekam ich von Martin Baumgärtner vom Rheinkolleg in Speyer einen Hinweis auf den tausendjährigen Brauweiler Maulbeerbaum – zu finden im Rahmen der Serie „Geschichten der Verbundenheit“ der Regionale 2010. Später am Tag: das Wetter hübschte unaufhaltsam vor sich hin, dazu passend setzte der Baulärm im Hof nach halbjähriger Pause wieder ein, also schwang ich mich aufs Rad, mir besagten Maulbeerbaum genauer anzuschaun. Um mich rum überall erwachendes Leben: der erste Star hüpfte durchs Gebüsch, die früheste Feuerwanze schleppte ihren grellen Schild übern Asfalt. Ich fuhr ohne Karte, nur an den Gestirnen orientiert, dh, an der Sonne, den Domspitzen und den Kühltürmen der Kraftwerke in der Periferie. So querte ich jede Menge Waldstreifen, Sackgassen, Trampelpfade, Baugruben und immer wieder Industriegebiete mit ihren lebenspendenden Freßverschlägen: Colonia Imbiss, oder, kreativer: Müllers heiße Kiste. Am Ende gelangte ich schließlich und tatsächlich nach Brauweiler und fand den umgitterten tausendjährigen Maulbeerbaum (Morus nigra) an genau der Stelle, wo ursprünglich die St. Medardus geweihte Holzkapelle stand, die Pfalzgraf Hermann um 980 n. Chr. in Stein erneuern ließ, wie mich eine davor aufgestellte Informationstafel belehrte. Sonderlich tausendjährig sah es nicht aus, das vertrocknete Holzgewure, aus dem es jedoch trotzig knospte und sproß: das Wunder des Frühlings und der Selbstregeneration Gottes heiliger Gewächse. Hummeln im Tiefflug brummten über die Wiesen des Abteiparks. Gelblich-grüner Regen tropfte von aufgeräumten Weidenzweigen, auch die Gänseblümchen schauten wieder halbwegs zufrieden aus den safttankenden Rasenflächen. „Seit 1864 diente das heutige Bürohaus für rund hundert Jahre der Arbeitsanstalt als Frauenhaus für „Arbeitsscheue“, Diebinnen, Prostituierte und Trinkerinnen.“ Noch so eine historische Lehrtafel, unweit des Gedenksteins für die Opfer von Ungerechtigkeit und Gewalt, auch Adenauer soll in einem offenbar nicht mehr existenten Trakt des stark an gängige Schulen erinnernden Gebäudes, von der Gestapo genutzt, eingesessen haben. Brauweiler, um die zentrale Abtei gruppiert, entpuppt sich als seltsamer Ort einer ewig im Aufbruch befindlichen Moderne, krude Bilderstöcke vis à vis Kondomautomaten, die ortsansässige Gourmet Lounge steht im Zeichen des Dönerkegels, im braunlichten Brauhaus rotieren die Münzspielautomaten, das San Remo bietet exotische Eissorten in chemisch-leuchtenden Farben, der Frauenfußball wird auf hohem Niveau gepflegt. Ich tastete mich dann noch durch den Dämmer der Abteikirche, die wie so viele rheinische Kirchen nach St. Nikolaus benannt ist, naiv gearbeitete Nischenheilige im Foyer, dem Schutzheiligen der Radfahrer steckte ich einen innigen Gruß und machte mich auf den Rückweg entlang der Landstraße.


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