Wutachschlucht

Eine reiche Fundgrube für Informationen und verfolgenswerte Quellen zu allen möglichen Rheinbelangen, noch dazu plastisch geschrieben, ist Paul Hübners Buch „Der Rhein – Von den Quellen bis zu den Mündungen“ (Frankfurt 1974, insofern nur antiquarisch erhältlich). Heute morgen erwachte ich mit einem noch aus dem Schlaf stammenden Gedanken an die Wutachschlucht und blätterte bei Hübner: „Die Wutach, die so harmlos und sanft dem Rhein sich nähert, ist in ihrer dunklen Schlucht als „Wütende Ach“ der elementarste und dramatischste deutsche Fluß. Die geologisch und biologisch aufregende Wutach, in deren canonartiger Schlucht vierzehnhundert Käferarten gezählt wurden und klimatische Unterschiede wie zwischen Spitzbergen und Sizilien bestehen, ist von Heinrich (?, Anm. des Lesers) Cloos, dem mit dichterischer Kraft schreibenden letzten Klassiker der Geologie, das von dem starken Arm des Rheins regierte Schwert genannt worden, das die Enthauptung des alten Donautals vollzog, womit dem Donautal Zuflüsse aus den Tälern des Schwarzwald-Osthanges abgetrennt wurden.“ Vor zwanzig Jahren wanderte ich sommers mit zwei Freunden das erste Mal durch die Schlucht. Wir hatten nur das Nötigste dabei: Schlafsäcke, Brot, Käse, Wein und eine Gitarre. Es dürfte unter der Woche gewesen sein, wir trafen im Wald auf keine Menschenseele. Auf und ab entlang des rauschenden, bisweilen schäumenden Flüßchens, es war ein prächtig gelungenes Abziehbild deutscher Romantik, Eichendorffsches Getaugenichtse in Reinkultur. Gegen Abend ruhten wir uns in einer Niederung an einer zahmen Flußstelle aus, aßen, tranken, sangen, begleitet von der Wutach und ihren hochmusikalischen Wesen. Diese flache Landzunge war bestanden von fünf im Kreis geordneten Tannen oder Kiefern, als markierten sie die Eckpunkte eines Pentagramms. Der Boden war bedeckt mit trockenen Nadeln und bevölkert von einigen der Hübnerschen Käfer. Als es dämmerte, beschlossen wir, in der Schlucht zu nächtigen. In solchen Fällen wird man morgens mit der Sonne wach. In der Schlucht brauchte sie natürlich etwas länger, als in der freien Ebene, um durch das Walddickicht zu uns auf den Boden vorzudringen. Unabhängig voneinander, stellte sich heraus, nachdem wir unsere Schädel in den morgenkühlen Fluß getunkt hatten, hatten wir in der Nacht alle drei Besuch von Wildschweinen gehabt. Ob der nur im Traum oder in Wirklichkeit geschehen war, ließ sich nicht sicher feststellen. Schnell war von der Magie des Schwarzwalds die Rede. Da kamen plötzlich zwei Wanderer aus dem Gebüsch und wünschten uns guten Morgen. Das Wochenende mußte begonnen haben. Wir schlugen uns durch zu einem Ausgang aus der Schlucht und suchten nach unserem Wagen, einem edlen Fabrikat, das eigentlich dem Vater des einen Freundes gehörte. Über einer saftigen Bergwiese klarte mit leisem Brummen der Tag. Ich schmiß ein Butthole Surfers-Tape ins Kassettendeck. Es war eine erhebende, gigantische Mischstimmung.


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